Analyse

Hat der HSV aus seinen Fehlern gelernt?

remien nach Saisonende den zurückgelegten Weg analysieren und den weiteren Weg des HSV diskutieren werden.

Hat der HSV aus seinen Fehlern gelernt?

Jonas Boldt vom HSV rührt die Werbetrommel. Für sich, für seinen Trainer, eigentlich für alle und alles, was den HSV im Moment ausmacht. Nachdem der Sportvorstand in Ingolstadt schon für den eingeschlagenen Weg geworben hatte, legte er auf der Vereinshomepage noch mal nach und hat zwei Spieltage vor Saisonende erneut die Spielweise des HSV verteidigt. „Wir haben unsere Grundprinzipien, die uns ausmachen: Wir wollen viel den Ball haben, den Gegner laufen lassen und damit müde machen. Unsere Spielweise ist dabei ein stetiger Prozess“, sagte der Manager und würdigte die Entwicklung der Mannschaft seit vergangenem Sommer. Boldt stellte sich damit gegen mögliche Neuorientierungen beim HSV, bei dem die leitenden Gremien nach Saisonende den zurückgelegten Weg analysieren und den weiteren Weg des HSV diskutieren werden.

Der Sportvorstand, der seit drei Jahren beim HSV arbeitet, lobte „eine richtige Einheit und Geschlossenheit“ im Verein, die es in den vergangenen 20 Jahren nicht gegeben habe. Klar, werden jetzt viele sagen: Der Veranstalter lobt schließlich immer die eigene Veranstaltung. „Wir haben hier etwas kreiert. Wir haben großes Vertrauen in das Trainerteam und die Mannschaft“, betonte der der 40-Jährige. „Das Feedback ist immens groß und positiv, weil die Leute sagen, dass sie sich mit dem Weg identifizieren können, dass sie eine Truppe sehen, die alles für den Verein gibt und hinter der sie gerne stehen.“ Boldt will unabhängig vom Saisonausgang an Trainerteam und Spielidee festhalten, damit „hier richtig etwas wachsen“ kann. „Nur so wirst du auf Strecke bestehen. Ansonsten wirst du jedes Jahr alles umschmeißen und von Neuem beginnen“, meinte er.

Und zumindest damit hat er Recht. Sage ich.

Ich habe es in den letzten Wochen hier ja schon mehrfach versucht zu erklären, weshalb ich sicher bin, dass Konstanz auf den entscheidenden Positionen für den HSV jetzt wichtig und richtig ist. Schon allein die Alternative, also eine Umbesetzung dieser Positionen (Vorstand, Trainer, Sportdirektor etc.) zieht es nach sich, dass die jeweils Neuen auch Neues machen wollen. Bislang noch jeder Vorstand, noch jeder neue Trainer und selbst jeder neue Sportdirektor hat versucht, dem HSV seinen Stempel aufzudrücken.  Logischerweise! Denn alle haben ihre Ideen und ihre Überzeugungen, nach denen sie handeln. Aber: Genau dieses „immer wieder neu“ hat dem HSV sein unruhiges Bild von heute gegeben. Der HSV stand viele Jahre lang für nichts, was ihn von anderen unterschieden, geschweige denn abgehoben hätte. Bis zuletzt. Bis Walter kam.

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Und Boldt muss sich hierbei zweifelsfrei viele Vorwürfe gefallen lassen. Drei Jahre lang wurden beim HSV drei völlig unterschiedliche Wege (1. „Konzepttrainer“ Hannes Wolf mit Erstligakader, 2. „erfahrener, autoritärer“ Trainer Dieter Hecking mit Erstligakader, und 3. „Jugend forscht“ mit dem jungen Profitrainer Daniel Thioune) gegangen, bis man endlich zu dem kam, was hier und anderswo schon seit vielen Jahren gefordert wurde: die Entwicklung aus sich selbst heraus. Und diesen Weg kann sich Boldt auch nicht gänzlich auf die eigene Fahne schreiben. Denn dieser Weg wurde auch aus wirtschaftlichen Gründen unumgänglich. Aber: Er wurde eingeschlagen und es ist endlich der richtige Weg – behaupte ich. Mit einem Trainer, den ich vor der Saison schon früh scheitern gesehen hatte und der mich seither in vielen Punkten von sich überzeugt hat. Nicht gänzlich, das hatten wir hier in den letzten Tagen ja auch immer wieder. Aber Trainer Tim Walter ist mutig und geht mit der Mannschaft Schritte, die ich weder ihm noch der Mannschaft so zusammen zugetraut hatte. Er bricht alte Verhaltens- und Denkmuster auf und kreiert Neues. Und ich behaupte, in einigen Punkten auch bei Walter eine Entwicklung erkannt zu haben.

Noch ist nicht der Zeitpunkt für die abschließende Analyse

Zum Verständnis: Ich werde mich hier nicht hinstellen und aus der Emotion heraus Forderungen aufstellen. Dafür werde ich aber in den nächsten Tagen mit Zahlen und Fakten arbeiten können, anhand derer die Entwicklung des HSV nachzuzeichnen ist. Und dieses Ergebnis ist noch offen. Aber ich habe die letzten Jahre gesehen, wohin es führt, wenn man immer wieder neue Wege einschlägt, sobald man nicht den maximalen Erfolg (damit ist der Aufstieg gemeint) erreicht. Diese Ungeduld bzw. dieser Veränderungswunsch führte dazu, dass sich ein Verein wie der HSV mehr und mehr verirrt. Verirrt in dem Glauben daran, dass neu automatisch besser bedeutet. Dabei hat man in den letzten Jahren nichts häufiger und offensichtlicher widerlegt als genau DAS.

Ich vergleiche das immer wieder mit der Mannschaft auf dem Platz. Stellt euch vor, da stehen elf Ronaldos auf dem Platz und versuchen jeweils, ihr Ding durchzuziehen. Selbst wenn sie elf perfekte Strategien hätten, würden sie nichts davon umsetzen können, solange sie sich nicht auf eine einzige geeinigt hätten. Nominell wären sie zwar der ganzen Fußballwelt überlegen – aber sicher gewinnen würden sie gar nichts. Sie würden sogar gegen zweitklassige Teams mit einem nicht annähernd so ausgeklügelten, nicht annähernd so perfekten Plan verlieren, nur weil diese die homogen auf dem Platz agieren und alle einen einzigen, gemeinsamen Weg verfolgen. Auch deshalb heißt es ja immer wieder: Zu viele Häuptlinge –zu wenig Indianer...

Der HSV hat aktuell einen Kader mit fast nur Indianern. Die paar älteren Indianer (Heuer Fernandes, Schonlau, Meffert, Glatzel) übernehmen dabei die Führung unter Anleitung des einen Häuptlings: Und das ist Tim Walter. Ich bin mir sicher, dass Walter vor vier Jahren mit den schwächelnden „Stars“ (Häuptlingen) Holtby, Hunts, Hwang, Ekdal, Lasogga, Wood und Co. eine Unruhe im Kader erzeigt hätte, die kaum zu händeln wäre. Spätestens daran wäre auch er gescheitert – so, wie auch Wolf daran gescheitert ist. Übrigens halte ich Wolf zwar nach außen für zu ruhig, aber inhaltlich für einen guten Trainer. Ebenso habe ich das bei Thioune immer wieder gesagt – und behaupte das noch immer. Meine These: Diese beiden haben sich ebenso wie Hecking zwischendurch zu sehr von außen leiten lassen. Sie habe selbst bei ihren Aufstellungen versucht, vorhersehbaren Vorwürfen aus dem Weg zu gehen. Und solange man als Trainer nicht authentisch bleibt bzw. einen klaren Weg geht, verliert man als Trainer früher oder später seine Mannschaft. Dazu gehört es aber, auch gegen Widerstände mutig zu handeln und seiner Überzeugung zu folgen.

Walter wurde ausgewählt, um Dinge zu verändern

Auch deshalb haben Boldt und sein Team vor dieser Saison Tim Walter gewählt. Denn der galt und gilt als brutal beratungsresistent. Aber vor allem auch als mutig. Walter geht wie immer seinen Weg. Auch gegen Widerstände (wie z.B. die anhaltende Kritik an seinem riskanten Aufbauspiel). Er scheut dabei nie das Risiko, sich angreifbar zu machen und lebt seinen Leitfaden („Wir bleiben immer bei uns“) zu 100 Prozent. In Kiel hatte man mir gesagt, Walter sei es scheißegal, ob er gemocht würde, oder nicht. Er sei fachlich gut und würde seinen Weg durchziehen. In Stuttgart soll Walter seine Souffleure ignoriert und auf niemanden gehört haben – was zu seiner Entlassung führte. In Hamburg aber brauchte man zu diesem Zeitpunkt genau so einen mutigen Trainer – und deshalb passt Walter aktuell.

Das schreibe ich, obwohl ich selbst bei Walter immer wieder dasselbe kritisiere. Selbst mich nervt Walters Beharrlichkeit an der einen und anderen Stelle. Aber ich sehe eben auch einen neuen Weg, der gegangen wird und der Fortschritte macht. Zudem weiß ich, dass der aktuelle Zeitpunkt absolut nicht dazu geeignet ist, eine Trainerdiskussion anzuzetteln.  Es ist generell nicht der Zeitpunkt, eine Personaldebatte zu führen, da aktuell jedes verlorene Prozent Fokus auf den gemeinsamen Erfolg eben jenen kosten würde. Siehe den FC St. Pauli, der sich mit seiner Personal- und Prämiendiskussion aus der sicheren Aufstiegsposition ins Hintertreffen geschossen hat. Wobei – so weit muss man eigentlich gar nicht nach Beispielen suchen. Der HSV täte sogar gut daran, sich selbst zu beobachten. Denn genau diese Fehler hat man hier in den letzten Jahren immer wieder gemacht. 

In diesem Sinne, bis morgen. Dann wieder früh mit dem MorningCall!

Scholle

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