Hamburger Weg beim HSV - Polzin bleibt Cheftrainer
Als Merlin Polzin und Cotrainer Loic Favé am Sonntagmorgen Sportvorstand Stefan Kuntz und Sportdirektor Claus Costa ihre Analyse der letzten vier Wochen sowie den Schlüssen aus…

Als Merlin Polzin und Cotrainer Loic Favé am Sonntagmorgen Sportvorstand Stefan Kuntz und Sportdirektor Claus Costa ihre Analyse der letzten vier Wochen sowie den Schlüssen aus der gesamten Hinrunde vorlegten, war die Entscheidung längst gefallen: Merlin Polzin wird vom Interims- zum neuen Cheftrainer befördert. Einen Tag nach dem sehenswerten Hinrunden-Finale mit dem 5:0 gegen die SpVgg Greuther Fürth sprachen sich Kuntz und Costa für den 34-Jährigen aus. Der gebürtige Hamburger tritt damit auch offiziell die Nachfolge von Steffen Baumgart an, von dem sich der Verein Ende November getrennt hatte. Vorerst gilt die neue Vereinbarung bis Saisonende– aber denkbar ist für alle, dass der Hamburger Weg danach noch weitergeht. Im Frühjahr werde man sich erneut zusammensetzen und alles Weitere unter den Eindrücken der bis dahin gelaufenen Rückserie besprechen.
„In den knapp vier Wochen gemeinsamer Trainingsarbeit ist eine deutliche Entwicklung erkennbar, auf die wir im Jahr 2025 aufsetzen und aufbauen wollen. Merlin und sein Team genießen nicht nur in der Mannschaft, sondern auch bei uns Verantwortlichen volles Vertrauen“, lobte Kuntz seinen neuen Cheftrainer heute. Kuntz selbst hatte sich sehr nah an der Mannschaft bewegt, um in den letzten Wochen einen möglichst intensiven Einblick in das Innenverhältnis von Polzin und der Mannschaft zu bekommen. Ergebnis: Die Argumente, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen, waren so eindeutig, dass man schon nach dem schwachen Ulm-Spiel die Entscheidung getroffen hatte, Polzin zu befördern.
Entscheidung stand schon vor dem Fürth-Spiel fest - nur Polzin wusste nichts
Und bis auf Polzin wussten auch alle Gremienvertreter des HSV Bescheid. Dass Polzin und Co nicht informiert wurden, hatte einen taktischen Hintergrund: So wollte man Polzin, Favé und Co. nicht unnötig vor dem Jahresfinale ablenken. Und das zahlte sich, wie gegen Fürth zu sehen war, dann ja auch aus.
Favé bleibt parallel zu seiner neuen Rolle als Cotrainer der Profis als Sportlicher Leiter des Nachwuchses aktiv. Da zuletzt unter dem entlassenen Steffen Baumgart schon Polzin Ansprechpartner zum Nachwuchsbereich war hat der HSV damit die bislang engste Verzahnung zwischen Profis und eigenem Nachwuchs. Wie schön Erfolgsgeschichten in diesem Bereich aussehen können, hat Otto Stange mit seinem ersten Profi-Treffer zum 5:0 gegen Fürth gezeigt, als ihm alle, wirkliche alle Mannschaftskollegen (sogar die Verletzten von der Tribüne) zum Jubeln um den Hals fielen.
Wichtiger als die Aussicht auf weitere Talente aus dem eigenen Nachwuchs ist aber die aktuelle Planung. Und die sieht unter Polzin anders aus als zuvor unter Baumgart. Polzin will zu Beginn 2025 eine Woche ins Trainingslager in die Türkei reisen, um die Mannschaft dort vorzubereiten. Baumgart hatte das abgelehnt. Zudem deutet vieles darauf hin, dass sich Polzin noch einmal verstärkt auf den Kraft- und Ausdauerbereich eingehen wird. Der hatte zuletzt beim HSV bedenkliche Ausmaße und führte unter anderem dazu, dass der bisherige Athletiktrainer freigestellt worden war.
Hamburger Weg als Startschuss für verbesserte Durchlässigkeit?
Ich persönlich finde diese Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt richtig. Und das aus vielerlei Gründen. Zum einen ist es kein Schnellschuss gewesen, sondern über Wochen gereift. So klar, dass man sich nach dem erschreckend schwachen Auftritt in Ulm trotzdem sicher war. Zudem holt man mit Polzin viel Erfahrung mit dieser Mannschaft rein. Eine neue Gewöhnung von Trainer und Team muss es nicht geben – im Gegenteil: Die Führungsspieler hatten sich nach dem 5:0 gegen Fürth öffentlich für ihren Cheftrainer stark gemacht.
Und das machten sie übrigens nicht, weil sie sich davon eine Wohlfühloase erhoffen. Denn der nach außen immer sehr angenehm sachlich-fachlich kommentierende Polzin hatte zuletzt in Ulm in der Halbzeit sowie in der Aufarbeitung des Spiels in der vergangenen Woche sehr deutliche Worte gefunden und schreckte dabei vor keinem Spieler zurück. Auch nicht vor Personalentscheidungen (Jatta, Richter, Hefti raus). Und acht Punkte aus vier Spielen ist zwar nicht das, was man sich erhofft hatte, denn dafür hätte man in Ulm zwei Punkte mehr holen müssen. Aber der Schnitt von zwei Zählern pro Spiel ist aufstiegsfähig.
Was mir an dieser Entscheidung auch gefällt, ist, dass endlich ein Hamburger das Sagen hat. Polzins Vorgänger waren immer wieder mal damit beschäftigt, in die Heimat zu reisen. Mal mehr und mal weniger zu Lasten der Trainingseinheiten. Zudem sind Polzin und auch Favé von frühester Kindheit HSV-Anhänger aus der Nordkurve. Sie haben neben der Rolle als Coach auch die Fan-Perspektive erlebt. Sie wissen dementsprechend, welche Verantwortung sie für die eigenen Anhänger tragen. Vor allem bin ich mir sicher, dass beide ob dieses Pathos‘ und der großen Chance, sich in der neuen Rolle festzusetzen, noch etwas mehr Herzblut in ihre Arbeit stecken, als es die Vorgänger taten. Zumindest müssen sie nicht Trainingszeiten ausfallen lassen, um ausreichend Zeit mit der eigenen Familie verbringen zu können… Und: Das Beispiel Polzin macht nach innen deutlich, dass eine gewisse Durchlässigkeit gegeben ist. Das war bisher nie so.
Der HSV gewinnt Zeit, um sich auf die Saison 2025/26 vorzubereiten
Dass hierbei am Ende auch für Polzin aber selbstverständlich ausschließlich die Entwicklung und der Erfolg entscheiden werden, wie es über die Saison hinaus weitergeht – logisch! Er wird sich dem Leistungsprinzip stellen müssen. Aber der HSV in Persona Kuntz und Costa kann die jetzt erst einmal gewonnene Zeit unter anderem auch dafür nutzen, sich für alle Fälle besser vorzubereiten und mögliche Nachfolger schon mal on hold zu haben. So, wie es jeder andere gute Verein auch macht. Das klingt vielleicht für den einen oder anderen so, als würde man seine eigenen Trainer hintergehen – aber letztlich ist es nichts mehr als professionell. Denn Fakt ist auch: Nutzen Polzin und Favé ihre Chance, wird man sich beim HSV ganz sicher nicht daran stören, mit ihnen den Hamburger Weg weiterzugehen.
In diesem Sinne, ich wünsche Polzin, Favé und Co. das nötige Glück und Euch ein paar schöne Tage, falls wir uns vor Heiligabend nicht mehr sehen/lesen/hören sollten. Bleibt gesund!
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