Analyse

Halbzeitanalyse heute: Die Sportliche Leitung des HSV

Die Winterpause ist immer eine gute Gelegenheit, einmal zu überprüfen, was man im Sommer richtig gemacht hat – und was falsch gelaufen ist. Beim HSV ist das wieder einmal ein…

Halbzeitanalyse heute: Die Sportliche Leitung des HSV

Die Winterpause ist immer eine gute Gelegenheit, einmal zu überprüfen, was man im Sommer richtig gemacht hat – und was falsch gelaufen ist. Beim HSV ist das wieder einmal ein ganzes Füllhorn an Entscheidungen, die man zusammen betrachten muss, weil immer wieder das eine das andere bedingt hat. Angefangen bei der Trainerentscheidung. Denn die war falsch. Das weiß man inzwischen, nachdem Steffen Baumgart entlassen ist und bis zum 13. Spieltag nicht annähernd so souverän aufzutreten wusste, wie man es von sich selbst verlangt hatte. 20 von 39 Punkten waren enttäuschend und ließen Sportvorstand Stefan Kuntz zu der Entscheidung kommen, den Cheftrainer auszutauschen.

Eine zu späte Einsicht. Denn schon bei seinem Amtsantritt hatte Kuntz seine Bedenken intern an der Lösung mit Baumgart als Cheftrainer geäuß0ert. Allerdings viel zu zart für einen Entscheider, der er eigentlich sein sollte – und den der HSV bis heute bracht! Aber dazu später mehr. So jedenfalls kam es, dass sich Kuntz intern umstimmen ließ und den Versuch startete, Baumgart mit einer echten Vorbereitung im Rücken nach der schon schwachen Rückrunde 2023/24 eine zweite Chance zu geben. Ein großer Fehler! Denn Kuntz ist derjenige, der überzeigt sein muss – weniger seine Souffleure aus den Gremien. Und: Das Ergebnis ist bekannt.

Schon die Vorbereitung machte deutlich, dass Baumgart überfordert war

Allein die mehr als alarmierende Vorbereitung hätte Kuntz schon Warnung genug sein müssen. War sie allerdings nicht. Und so kam es, wie es kommen musste. Ohne Überzeugung startete der HSV in die Saison und gewann glücklich, aber nicht unverdient, mit 2:1 bei einem zu diesem Zeitpunkt noch sehr wackeligen Absteiger 1. FC Köln. Als man im Anschluss gegen Hertha beim 1:1 schon extrem schwache 45 Minuten an den Tag legte und danach in Hannover bei der 0:1-Niederlage noch schwacher auftrat, wäre der nächste Moment gewesen, die Kompromissentscheidung zu revidieren.

Aber man wartete und hatte mit den deutlichen 4:1- und 5:0-Siegen gegen die beiden schwachen Aufsteiger Preußen Münster und Jahn Regensburg zwei Siege im Gepäck, die über die tatsächliche Verfassung der Mannschaft hinwegtäuschten. Insgesamt ließ man sich hier von Ergebnissen leiten, weniger von der zu beobachtenden Entwicklung bzw. Nicht-Entwicklung. Zwei Remis in Lautern und gegen den SC Paderborn folgte ein guter 3:0-Sieg in Düsseldorf sowie ein starker 3:1-Erfiolg mit 90 Minuten, die alles beinhalteten, was der HSV bräuchte, um am Ende aufzusteigen. Alle hofften, dass es jetzt endlich losginge mit der Entwicklung hin zum Baumgart-Fußball, der bis hierhin noch nicht zu definieren war. Aber Pustekuchen. Das Gegenteil trat ein.

In Elversberg vergeigte man dramatisch schwach, gegen Nürnberg holte man einen mehr als glücklichen Heim-Punkt, um in Braunschweig historisch schwach 1:3 zu verlieren und gegen Schalke einen guten Auftritt zu Spielbeginn nicht über die Ziellinie retten zu können. Im Gegenteil: Die Verunsicherung war der Mannschaft nach einer verdienten, gut herausgespielten 2:0-Führung mehr als deutlich anzusehen. Und das wiederum war dann (erst) der Moment, der Kuntz handeln ließ. Auch, weil das Umfeld intern wie extern ungeduldig geworden war und diese Entscheidung mehrheitsfähig war.

Der HSV-Führung fehlt Entscheidungsstärke

Und damit komme ich zum Kernpunkt für heute: Die Entscheidungsfähigkeit. Denn die ist beim HSV längst nicht so einfach, wie man es denken und hoffen sollte. Soll heißen: Es gibt immer und überall Mitredende, die leider oft zu viel Gehör bekommen. Kuntz jedenfalls wäre beim HSV besser beraten, sich nicht von denen zu viel sagen zu lassen, die hier schon seit ein paar Jahren erfolglos den Aufstieg versuchen. Und damit meine ich nicht nur einen Claus Costa als Direktor Sport, sondern auch die Aufsichtsräte. Denn bei Costa geht nur ganz oder gar nicht. Kuntz entschied sich für diese Zusammenarbeit und zieht das durch.

Was Kuntz leider nicht zu machen scheint, ist, klare Entscheidungen und vor allem Änderungen herbeizuführen. Und wenn dann Entscheidungen getroffen werden, enden sie in einem Kommunikations-Chaos wie zuletzt bei der dauerhaften Beförderung von Merlin Polzin und seinem Trainerteam. Hier hatte sich Kuntz öffentlich erklärt, diese Entscheidung schon nach dem Ulm-Spiel den Vereinsgremien mitgeteilt zu haben. Damit wollte er verdeutlichen, wie überzeigt man von Polzin war. Denn das Spiel in Ulm bot die schwächsten 45 Minuten des HSV nicht nur in dieser Saison. Problem: So überzeugt war Kuntz eben nicht. 

Kuntz bot noch zu Wochenbeginn nach dem Ulm-Spiel eine siebenstellige Summe, um Lukas Kwasniok aus seinem Vertrag beim SC Paderborn herauszukaufen – scheiterte hiermit aber an der SC-Führung. Und ganz ehrlich: Das ist alles nicht einmal besonders aufregend, sondern schlichtweg Fußball-Business. Selbstverständlich hört sich ein Sportvorstand parallel zum internen Kandidaten auch extern um, um für den Verein die bestmögliche Lösung zu finden! Er hätte doch einfach sagen können: „Wir haben selbstverständlich den Markt nach geeigneten Kandidaten sondiert, Gespräche geführt, aber dabei den Blick für die interne Lösung nie aus den Augen verloren. Wir sind sehr froh, zu sehen, wie gut Merlin und die Mannschaft das gelöst haben und sind überzeugt von unserer Entscheidung, diesen Weg in der Konstellation gemeinsam weiterzugehen.“

Damit hätte Kuntz nicht gelogen und auch keine Diskussionen aufkommen lassen. Er hätte der Kwasniok-Nummer offensiv die Luft genommen.

Kuntz geht zu viele Kompromisse ein - gibt es einen Plan?

Hat er aber nicht. Und auch deshalb kann ich bei m einer ersten Bewertung in dieser Winterpause auch keine gute Note vergeben. Stefan Kuntz war im Sommer angetreten, um „über den Zeitraum von zwei Jahren beim HSV Strukturen“ (O-Ton Aufsichtsratsboss Michael Papenfuß) zu schaffen, die den HSV aufstiegsfähig machen. Bislang hat er das nicht geschafft. Eine Entwicklung ist nicht zu erkennen. Personell hat sich nichts verändert. Der Einzige innerhalb des HSV, der strukturelle Veränderungen herbeigeführt hat, ist Loic Favé im Nachwuchsbereich.

Fazit: Selbst die jetzt gewählte interne Lösung mit den Hamburger Eigengewächsen Polzin und Favé als Cheftrainerteam wirkt auf mich, wie Kuntz bislang zu agieren scheint: Wenig souverän. Mir jedenfalls fehlt weiterhin Kuntz´ Ansatz, diesen HSV hin zur Leistungskultur zu verändern. Kompromissentscheidungen auf einer so essenziellen Position wie der des Trainers sind fatal. Wie man DAS richtig macht, hat ausgerechnet der Ortsnachbar bewiesen, wo Sportchef Andreas Bornemann gegen alle Widerstände und Fan-Proteste Publikumsliebling Timo Schulz rausschmiss und dessen Cotrainer Fabian Hürzeler zum Chef beförderte. Ohne großes Verwirrspiel, ohne Labbadias zwischendurch – einfach eine ganz klare Entscheidung, die auf einer ZUVOR! erarbeiteten Überzeugung fußte. So, wie starke Entscheider eben entscheiden: Egal, wie unpopulär es auch ist – es wird immer für das aus Ihrer Sicht Beste für den eigenen Arbeitgeber entscheiden.

Kuntz ist ein außergewöhnlich sympathischer Typ, mit dem jeder (Fußballer) gern zusammensitzt und spricht. Kuntz ist nahbar, begegnet seinen Mitarbeitern auf Augenhöhe und weiß, wie man alle(s) zusammenführt. Arroganz kennt er nicht und Respekt wird großgeschrieben. Er ist der Typ, der nahezu überall gut ankommt, weil ihn einfach alle mögen. Aber er will es leider auch allen recht machen – und das kann Kuntz in seiner Position eben nicht. Im Gegenteil! Hier muss er einen klaren Plan haben und den Souffleuren aus den eigenen Reihen widerstehen können. Leider begann Kuntz` Zeit beim HSV schon mit genau dem Gegenteil: Mit Baumgart wider seine Überzeugung bringt es auch Kuntz im ersten Halbjahr mit viel Wohlwollen auf eine schwache Note: 4.

Sportdirektor Costa bleibt erneut gute Transferbilanz schuldig

Zur sportlichen Leitung gehört selbstverständlich auch Claus Costa dazu. Seit einigen Jahren versucht der von Jonas Boldt zum HSV geholte Ex-Profi, den Kader zu optimieren. In dieser Saison war seine Aufgabe recht klar umrissen. Ein Backup für Robert Glatzel musste her. Zudem bedurfte s defensiv mehr Stabilität, beginnend im defensiven Mittelfeldzentrum. Dort hat Costa im zweiten Anlauf dann auch den Spieler bekommen, der bislang am besten eingeschlagen ist: Daniel Elfadli. Da Costa aber parallel wiederholt keinen schnellen, zweikampfstarken Innenverteidiger finden konnte, ist Elfadli aktuell, trotz des neuen Innenverteidigers Lucas Perrin, der beste Nebenmann von Kapitän Schonlau. Aber er ist eben auch der beste Sechser zugleich. Ergo: Hier muss der Trainer einen Kompromiss machen. Und ich bleibe dabei: So lange der HSV Kompromisse auf entscheidenden Positionen macht bzw. machen muss, ist er nicht stabil genug. Hier, weil Costa und Co. den richtigen Transfer nicht fanden.

Stattdessen wurde wenig einfallsreich, aber inzwischen effektiv, Davie Selke als Glatzel-Ersatz geholt. Zudem wurde Lukasz Poreba fest verpflichtet und mit Adam Karabec ein Spieler mit viel Potenzial auf Leihbasis geholt. Dass der 21-jährige Tscheche bislang mehr andeutet als konstant zeigt, darf nicht unerwähnt bleiben. Zudem holte Costa Silvan Hefti als dringend benötigten Rechtsverteidiger. Leider konnte auch er bislang – auch verletzungsbedingt – nicht überzeigen. Gleiches gilt für Emir Sahiti, der zuletzt endlich spielen durfte/konnte, dabei aber noch etwas zu naiv und zu wild wirkte. Problem bei diesen beiden Neuen: Sie kosteten mit 1,2 Millionen Euro Ablösesumme jeweils sehr stolze Summen für Zweitligaverhältnisse. Angesichts dieser summen sollten sie aber entweder a) ein extrem großes Talent oder b) Soforthilfen sein. Beides trifft bislang nicht zu.

Bleibt noch das größte Fragezeichen für mich: Marco Richter. Der alte Bekannte von Stefan Kuntz wurde aus der Not heraus als letzter Neuer verpflichtet und blieb bislang trotz unverhältnismäßig viel Einsatzzeit fast alles schuldig, was man sich von ihm erhofft hatte. Aber auch hier gilt: Kompromisse sind scheiße! Dass Richter geholt wurde, war nämlich der Situation geschuldet, dass man drei Tage vor Ende der Transferphase noch mal schnell reagieren musste. Wunschspieler? Am Arsch! Richter war ein Schnellschuss und hatte einfach nur eine Vita, die mehr versprach, als der Spieler zu halten imstande ist. Mal sehen, ob Richter die Vorbereitung so nutzen kann, dass er seine Rolle mit Mehrwert im Team findet…

Die Sportliche Leitung im Ganzen muss stark zulegen

Fakt aber ist, dass die Transferphase im Sommer vom HSV nicht optimal genutzt wurde. Elfadli – der 400.000 Euro weniger als Sahiti sowie Hefti (beide 1,2 Mio) kostete, ist eine absolute Verstärkung. Karabec ist dies bislang mit klaren Abstrichen. Wobei bei ihm wie bei Richter das Problem bleibt, dass sie geliehen sind und Leihspieler eben nicht die lange Eingewöhnungszeit haben, wie feste Neuzugänge. Und die fehlt bei Karabec, den man im Gegensatz dazu sogar verpflichten müsste für satte 3 Millionen Euro, wenn der HSV aufsteigt. Ergo: Karabec ist bislang sportlich kein Fehler – aber eben auch kein Deal, der sich schon ausgezahlt hat. Bleibt zu hoffen, dass das noch kommt…

Ansonsten ist die Transferbilanz schwach. Dass man trotz der lange bekannten Probleme hinten in der Innenverteidigung erneut einen Vuskovic-Ersatz verpasste, erschließt sich mir absolut nicht! Dieser Umstand hat mich dann auch von einer schwachen vier auf die endgültige Note: 5 umschwenken lassen. Da Steffen Baumgart (Note 5), der Dritte im Bunde der Transferplanungen im Sommer, wegen mangelnder Entwicklung bereits Geschichte ist, bleibt für die Sportliche Leitung nur eine trotz wohlwollenden Aufrundens schwache Gesamtnote: 4,5

Mehr zum Thema Bewertungen folgt in den nächsten Tagen. In diesem Sinne, Euch allen erst einmal einen schönen Abend!
Scholle

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