Analyse

Gutes Krisenmanagement bleibt ein Fremdwort für den HSV

Der HSV steckt in den letzten Vorbereitungen auf das schwere Auswärtsspiel beim Karlsruher SC am Sonntag. Merlin Polzin und Loic Favé sollen interimistisch die Mannschaft…

Gutes Krisenmanagement bleibt ein Fremdwort für den HSV

Der HSV steckt in den letzten Vorbereitungen auf das schwere Auswärtsspiel beim Karlsruher SC am Sonntag. Merlin Polzin und Loic Favé sollen interimistisch die Mannschaft wieder in die Spur bringen – in dem Wissen, wohl schon nach dem einen Spiel vom neuen Cheftrainer abgelöst zu werden. Die Frage, wer der Nachfolger des am Sonntag entlassenen Steffen Baumgart wird, scheint tatsächlich noch offen – mit einem Favoriten, wenn man den Kollegen glauben darf. Bruno Labbadia soll der Topfavorit sein und nach Möglichkeit schon direkt nach dem Spiel in Karlsruhe vorgestellt werden. Deshalb hat sich Mats Beckmann von Createfootball.com die Mühe gemacht, die Kandidaten auf ihre Kompatibilität zu prüfen. Mit sehr spannenden Ergebnissen und einem klaren Favoriten. Wer das ist und ob der HSV das genauso sieht, könnt Ihr im neuen Analyse-Talk hören. Spoiler: Bruno Labbadia ist es hier nicht… 

Wobei es wie zuletzt so oft beim HSV auch gar keine Auswahl des HSV ist, sondern vielmehr nach dem Ausschlussverfahren gehandelt wird. Denn die allermeisten Kandidaten wollen oder können gerade nicht zum HSV. Kandidaten wie Urs Fischer, Lukas Kwasniok („Ich habe in Paderborn einen Vertrag und konzentriere mich allein darauf“) haben abgesagt und andere, wie Ruud van Nistelrooy beispielsweise, haben andere, besser dotierte Angebote höher rangierender Klubs (Leicester).

Die Frage nach dem Profil für den neuen Trainer beantworten Mats und ich in dem Video (Analyse) ausführlich. Und auch der HSV wird diese Parameter ansetzen, da der Kader genau danach verlangt und auch so zusammengestellt wurde. Weshalb Baumgart von seinem eigenen Weg (hohes, laufintensives Pressing) komplett abgewichen war und warum die Verantwortlichen nicht schon früher auf diese Führungslosigkeit reagiert haben, ist mir weiterhin unverständlich. Fakt für mich aber ist, dass der HSV beim nächsten Trainer eigentlich keine Kompromisse eingehen darf. Dafür sollte man mutig sein und eine klare Idee entwickeln, nach der der Trainer ausgesucht wird. Deswegen wäre auch jemand wie Henrik Rydström für mich eine sehr spannende Entscheidung gewesen. Leider scheint auch er kein Interesse am HSV zu haben.

Der HSV-Verantwortlichen fehlt der Mut zur Veränderung

Ich bezweifle allerdings auch, dass die Verantwortlichen hier den Mut dazu haben, eine derart überraschende Lösung zu präsentieren. Ich glaube nicht einmal, dass die vereinseigene Scoutingabteilung überhaupt nach solchen Trainern gesucht hat. Trainer, die eine eigene Idee mitbringen, die auf Entwicklung der Mannschaft und des Trainers basiert. Denn eines ist klar: Bruno Labbadia kommt nicht hierher und entwickelt etwas Neues. Labbadia wird seine Idee von Fußball, die er schon zweimal in Hamburg präsentieren durfte, erneut umsetzen wollen. Da dürfte uns nichts überraschen. Oder anders formuliert: Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich jetzt eine gewisse Portion Verlässlichkeit holt, ist groß. Rydström, den ich nur stellvertretend für sicher einige solch innovativer Trainer nenne, wäre jemand, mit dem man die Uhren in Hamburg auf Null stellt. Er würde von vornherein Entwicklungszeit bekommen müssen, um seine Idee auch in der Kaderkonstellation umzusetzen. Vielleicht ja auch mit Hilfe eines Insiders – immerhin hospitierte der aktuelle Interims- und bald wieder Cotrainer Merlin Polzin bereits bei dem Schweden, wie mir Mats gerade verriet.

Ich bleibe auch dabei, dass dieser HSV auf so vielen Ebenen Baustellen hat, dass eine zu beheben nicht ausreichen wird. Im Gegenteil: Der neue Trainer ist nur ein kleines Teil im Gesamtkonstrukt, in dem neben den Gremien und deren Einfluss auch der aktuelle Kader an vielen Stellen auf den Prüfstand gehört. Vor allem auf der Ebene der so genannten Führungsspieler muss man genau analysieren, inwieweit die fußballerisch zweifellos für dieses Team wichtigen Spieler denn auch wirklich führen. Meffert? Eher nicht. Schonlau? Zu ruhig. Daniel Heuer Fernandes? Zu weit hinten, um wirklich dauerhaft Einfluss zu nehmen im Spiel. Allein Davie Selke gibt es vom Typ her. Hört man in die Mannschaft hinein, wird er als jemand genannt, der klare Ansagen macht. Allein fußballerisch kann er selbst seine Führungsrolle noch nicht rechtfertigen. Zumindest nicht mehr, seitdem Robert Glatzel verletzt und er somit konkurrenzlos gesetzt ist. 

Labbadia soll nur bis Saisonende unterschreiben

Ich werde immer wieder nach Friedhelm Funkel gefragt. „Erstmal nur bis Ende der Saison, dann kann man beim HSV den Neuanfang in Ruhe planen“ heißt es begleitend dazu immer wieder. Auch bei Labbadia ist jetzt zu hören, dass er wohl nur einen Vertrag bis Saisonende unterschreiben soll und danach unabhängig vom Ausgang ein neuer Trainer präsentiert werden soll. Das gibt den verantwortlichen ebenso wie den potenziellen Kandidaten Zeit, alles zu sortieren und die bestmögliche Lösung zu finden. Trotzdem frage ich mich, warum man nicht auf eine Entlassung Baumgarts vorbereitet war und schon jetzt den Trainer versucht zu holen, den man auch im Sommer 2025 hier sehen will. Dann kann der sich etablieren und die gesamte Phase nutzen, um den Neuaufbau schon ab Wintertransferphase einzuleiten. Fände ich praktischer. Und es würde Zeit sparen.

Ich vertraue den Abläufen beim HSV nicht - ich sehne den Umbruch herbei

Ich glaube vor allem, dass ich einfach den alten Abläufen nicht mehr vertraue und mir deshalb so sehr Veränderung herbeiwünsche. Deshalb will ich auch keine altbekannten Namen als Trainer, sondern frischen Wind und einen Chefcoach, der unbedarft an die Aufgabe geht. Einer, der sich an Hamburg gewöhnen muss. Und einer, den die Hamburger erst kennenlernen müssen. In dem Fall wäre ich sogar absolut gewillt, diesem Aufbau länger Zeit zu geben. In diesem Fall – und nur in diesem – würde ich für mich auch damit klarkommen, wenn der Aufstieg weiterhin das Ziel bleibt, der Aufbau einer nachhaltigeren Kader-Trainer-Klub-Struktur aber den absoluten Vorrang erhält. Denn das wurde im Sommer wie auch in den Jahren zuvor leider verpasst – womit wir zum Thema Kaderzusammenstellung kommen. Aber dazu später mehr. 

Euch wünsche ich jetzt einen ebenso entspannten wie sportlich unterhaltsamen Sonnabend. Bis morgen nach dem Auswärtsspiel! Dann wieder mit einem Blitzfazit, für das ich mir aber vor allem Merlin Polzin und Loic Favé wünsche, dass es einen positiven Inhalt hat. Denn eines ist auch klar: Polzin macht sicher noch keinen son stabilen Eindruck, dass man ihn dauerhaft zur Nummer eins macht - aber er wird wichtige Erfahrungen sammeln, die ihn als Nummer zwei im Trainerstab noch mal reifen lassen. Dass er jetzt schon drei Cheftrainer "überlebt" hat und von unterschiedlichen Vorständen jeweils zur bestmöglichen Interimslösung ernannt wurde, spricht definitiv für ihn. Inhaltlich scheinen die Verantwortlichen auf seine Expertise zu vertrauen. Von daher hoffe ich sehr, dass Polzin jetzt auch von der Mannschaft in Karlsruhe zumindest in Form eines extrem couragierten Auftrittes belohnt wird. Am liebsten mit drei Punkten als Ergebnis...

Bis dahin,

Scholle

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