Glatzel ist (noch) unersetzlich - Königsdörffer deutet Großes an
Im Tor und im Mittelfeld ist der HSV so gut aufgestellt, dass man hier sicher ohne Neuverpflichtungen sein Ziel Wiederaufstieg ganz realistisch formulieren und erreichen kann.…

Im Tor und im Mittelfeld ist der HSV so gut aufgestellt, dass man hier sicher ohne Neuverpflichtungen sein Ziel Wiederaufstieg ganz realistisch formulieren und erreichen kann. Allein in der Viererkette hat man auf der rechten Abwehrseite durch den fehlenden Durchbruch von William Mikelbrencis noch eine Vakanz, die allerdings von der Suche nach einem neuen Innenverteidiger überholt wird. Denn der vermutlich langfristige Ausfall von Mario Vuskovic hat alle Personalplanungen für den Winter komplett verändert. Auch die Suche nach einem Backup für Mittelstürmer Robert Glatzel, die ja schon seit vielen Monaten läuft, ist aktuell der Suche nach dem Vuskovic-Ersatz untergeordnet.
Dennoch hat der HSV offensiv weiter Baustellen, die es zu bearbeiten gilt. Denn die große Stärke im Angriff ist zugleich auch der vielleicht größte Schwachpunkt. Oder wie es Felix Magath kürzlich gegenüber den Kollegen der BILD formulierte: „Kurzfristig ist sicherlich jeder Spieler zu ersetzen. Doch langfristig wäre ein Ausfall von Mittelstürmer Robert Glatzel nicht zu kompensieren. Dann würde Hamburg ein Problem bekommen.“
Bislang hat Glatzel 16 der 17 Spiele durchgespielt. Einmal wurde der Topstürmer des HSV nur eingewechselt – und prompt verlor man (2:3 zuhause am 13. Spieltag gegen Magdeburg). Elf der insgesamt 29 Treffer erzielte Glatzel bislang, einen bereitete er vor. Zahlentechnisch ist die Bedeutung also ebenso offensichtlich wie im Spiel selbst. „Glatzel versteht es meisterhaft, sich rechtzeitig dorthin zu bewegen, wo es für den Gegner gefährlich wird. Er stürmt nicht blind in den Strafraum rein, sondern wartet geduldig auf den richtigen Augenblick. Zudem arbeitet er viel nach hinten, ist stets anspielbar. Dazu hat er ein einwandfreies Kopfballspiel“, sagt Magath, der in den letzten Jahren nicht dadurch auffiel, den HSV zu sehr zu loben. Im Gegenteil.

Ich weiß, dass es immer wieder Leute gibt, die von Abhängigkeiten sprechen. „Ohne Heuer-Fernandes wäre der HSV im Mittelfeld“ oder ohne Glatzel stünde der HSV nicht oben“, heißt es dabei oft. Sätze, die ich für wenig durchdacht halte. Denn wären diese Spieler nicht da, wären es andere. Und vor allem: Jede gute Mannschaft hat Topspieler. So wie es ein Terodde bei Schalke im Aufstiegsjahr war. Oder Füllkrug/Ducksch bei Werder sind alle Topteams zumeist ausgestattet mit besonders auffälligen Spielern.
Als Kaderplaner ist man also immer auch ein Stück weit auf das Glück angewiesen, dass sich gewisse Spieler nicht zu oft/schwer verletzen. Denn solange man nicht das Geld dafür hat, entscheidende Positionen doppelt gleichstark zu besetzen, muss man mit einem gewissen Risiko leben und ggf. improvisieren. Diese zweite Reihe zu planen ist nicht minder schwierig, als Jahr für Jahr Topspieler und etwaige Toptalente für die Startelf zu generieren. Ich behaupte sogar, dass die homogenste Mannschaft, also die mit dem geringsten Leistungsabfall bei Spielerausfällen, am Ende oben steht. Siehe oben genannte Beispiele der Aufsteiger…
Fakt ist jedenfalls, dass der HSV mit Glatzel einen Topstürmer in den eigenen Reihen hat, auf den man sich bislang (dreimal auf Holz geklopft!!) verlassen konnte. Glatzel arbeitet vorbildlich, er macht die Bälle vorn sicher fest und er holt sie, wenn es nötig ist, auch mal tiefer ab. Aber vor allem gilt: er trifft zuverlässig. Mannschaftlich ist Glatzel zudem voll integriert und von allen als Führungsspieler maximal akzeptiert. Dass seine Quote weiter ausbaufähig ist – sicher! Aber solange er sich so viele Chancen erarbeitet/aufgelegt bekommt und weiter oft genug trifft, ist alles im grünen Bereich. Ich habe jedenfalls nur sehr bedingt Kritik an Glatzel als einer der entscheidenden Leistungsträger im Team. Note: 1-
Das ist bei Bakery Jatta, den ich als offensiven Mittelfeldspieler der Einfachheit halber mit in die Offensive packe. Im Gegensatz zu Tom Sanne (10 Einsatzminuten) und Ogechika Heil (18 Einsatzminuten) ist Jatta abgesehen von seinen beiden verletzungsbedingten Ausfällen (bis zum 5. Spieltag und ab dem 13. Spieltag) unumstritten Stammspieler – zumindest bei Trainer Tim Walter. Und auch bei mir ist er einer der ersteh Elf. Denn sein Tempo ist eine sportliche Waffe, wie sie nur wenige Teams haben und noch weniger Teams verteidigen können. Und obwohl es besser geworden ist, allein Jattas technischen und fußballerischen Defizite sind noch zu augenscheinlich. Auch, dass er im Torabschluss wie in der Torvorbereitung aktuell deutlich zu ineffektiv ist.
Aber: In Summe ist Jatta ein Spieler, der jeden Gegner von Beginn an unter Druck setzt. Da reicht eine Millisekunde Unachtsamkeit und der Gambier ist weg. Das wissen die Gegner, die Jatta zumeist doppeln. Das wiederum verschafft Raum für andere Spieler – aber leider sehen das zu wenige, die Jatta aus meiner Sicht zu schnell zu schlecht bewerten. Ich bin sehr froh, dass Jatta beim HSV ist und nicht gegen den HSV spielt. Und ich sehe bei Jatta die Entwicklung hin zu seinen Stärken und weg von seinen Schwächen. Soll heißen: Jatta zieht mehr Sprints als alle anderen auf dem Platz und er spielt einfachen, schnörkellosen Fußball – wenn er es gut macht. Und das ist immer häufiger der Fall. Note: 3+
Tom Sanne zu bewerten ist dagegen ebenso unseriös wie Ogechika Heil mit einer Note zu versehen. Beide haben dafür deutlich zu wenig Zweitligaminuten in dieser Saison. Aber: Sanne hat mit seiner ersten Spielminute gleich einen Treffer beigesteuert und zudem zuvor wie danach in den Nachwuchsteams zu glänzen gewusst. Ergo: Er verdient sich zumindest eine Potenzialnote für seinen Fleiß und seine Erfolge in der ersten Saisonhälfte. Sollte er so weitermachen können und die nächsten Schritte nehmen, dann werden wir noch sehr viel Spaß an dem gebürtigen Niendorfer haben, der fleißiger ist als die allermeisten Fußballer, die ich in meinem (Berufs-)Leben kennenlernen konnte. Und DAS kann ich aus eigener Erfahrung berichten.
Nicht überzeugt hat mich bislang Xavier Amaechi, der es auf wenigstens sieben Einwechslungen und einen Assist bringt. Trainer Tim Walter hat dem jungen Engländer in seinem dritten Anlauf noch einmal die Chance vermittelt, bei Null zu beginnen. Zuvor galt Amaechi schon als gescheitert und sollte mit allen Mitteln verkauft werden. Und Amaechi trainierte gut – was allerdings auch früher schon vorgekommen war. Als Amaechi dann im ersten Ligaspiel in Braunschweig eingewechselt wurde, spielte er gut und bereitete einen Treffer vor – ehe er sich neu verletzte und fünf Spiele in Folge ausfiel. Schade, weil Amaechi ein sehr sensibler Typ zu sein scheint, der mit etwas Selbstvertrauen wachsen könnte. So aber ist Amaechi im vierten Jahr nach seiner Verpflichtung noch keine Stütze. Note: 4-
Noch unschlüssig bin ich bei Filip Bilbija, der in der Vorbereitung durch sein unermüdliches, aber zu oft auch unnötiges Laufpensum auffiel. In der Liga wurde er zehnmal eingewechselt und bringt es trotzdem nur auf 54 Einsatzminuten. Das ist alles andere als das, was sich der HSV und Bilbija selbst erhofft hatten, bevor der allround einsetzbare Offensivspieler zu Saisonbeginn aus Ingolstadt verpflichtet wurde. Bei dem gebürtigen Berliner ist definitiv noch (zu) viel Luft nach oben. Note: 5
Zugelegt hat indes Jean-Luc Dompé. Der quirlige Außenstürmer hatte seinen Durchbruch beim Sieg in Paderborn, nachdem er zuvor sehr schwankende Leistungen zeugte. Seither wirkt der Belgier voll integriert und vor allem auch so, als würde er sich selbst beim HSV richtig wohlfühlen. Sein Tempo und sein tiefer Schwerpunkt machen es den Verteidigern schwer, ihn zu verteidigen. Seine Flanken und Torabschlüsse sind weiter ausbaufähig, aber seine Gesamtperformance ist wider meine Skepsis absolut okay. Note: 3+

Besser geklappt hat es dagegen mit der Verpflichtung von Ransford Yeboah Königsdörffer, der es bereits auf fünf Treffer bringt – wobei sein unwiderstehliches Solo zum Siegtreffer in der Nachspielzeit in Hannover unvergessen ist. Und wer weiß, ob nicht noch mehr Treffer dazugekommen wäre, hätte Königsdörffer keine Rotsperre (zwei Partien) sowie die letzten vier Spiele nicht als Rechtsverteidiger spielen müssen.
Königsdörffer hat weiter Probleme mit dem ersten Kontakt. Sollte er den perfektionieren, wird er weder für die Abwehrspieler der Gegner zu halten sein noch für den HSV, der dann aber zumindest mit einer hohen Ablösesumme rechnen kann. Denn runtergebrochen ist festzuhalten, dass Königsdörffer das Potenzial angedeutet hat, das alle in ihm sehen. Er ist trotz bereits jetzt guter Leistungen einer der Spieler, bei denen man sich noch die größten Entwicklungsschritte erhoffen darf. Einer für die Zukunft. Note: 2+.
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