Analyse

Genug gefeiert - der HSV hat unverändert viel Nachholbedarf

Der 2:1-Heimsieg gegen Heidenheim fühlte sich fürs Erste wie eine kleine Befreiung an: der erste Bundesliga-Dreier nach dem Aufstieg, Grund zur Erleichterung. Und Anlass, mit…

Genug gefeiert - der HSV hat unverändert viel Nachholbedarf

Der 2:1-Heimsieg gegen Heidenheim fühlte sich fürs Erste wie eine kleine Befreiung an: der erste Bundesliga-Dreier nach dem Aufstieg, Grund zur Erleichterung. Und Anlass, mit etwas Abstand nüchtern zu bleiben. Ex-Trainer Thomas Doll, der die Partie live verfolgte, brachte das Gemisch aus Zuversicht und Vorsicht auf den Punkt: „Jetzt hat man nach vier Punkten aus vier Partien ein wenig Luft. Es war ein vernünftiger Auftritt, auf den man aufbauen kann“, sagte er und fügte zugleich mahnend hinzu, dass noch keine Wende ausgemacht sei. Dieser Ton passt: Der HSV hat gezeigt, dass er kämpfen kann, aber noch nicht, dass er fußballerisch da ist, wo er für eine sorglose Saison sein müsste.

Sportlich gab es Lichtblicke, die Hoffnung nähren: Luka Vuskovic sorgte für die frühe Führung, Fábio Vieira überzeugte in einer neuen, zentralen Rolle und bereitete die Szene zum 2:0 vor, als Rayan Philippe via Picke traf. Philippe, der sich zuletzt in München als Joker empfohlen hatte, erntete vor allem für seinen Abschluss vor der Nordtribüne begeisterten Applaus und sprach selbst von einem „überragenden Gefühl“. Trainer Merlin Polzin lobte besonders Vieiras Spielaufbau und seine Fähigkeit, Mitspieler in Szene zu setzen. Offensichtlich eine Position, in der der Portugiese dem Team noch mehr Impulse geben kann, wie wir hier schon in den Analyse-Talks mit Stefan Schnoor wiederholt gesagt haben. Vieira ist eine absolute Verstärkung im zentralen Mittelfeld.

Der Sieg gegen Heidemheim macht Hoffnung - muss aber realistisch eingestuft werden

Trotz dieser positiven Momente bleibt aber auch vieles relativ: Der HSV traf ausgerechnet auf den Tabellenletzten und, nach Einschätzung vieler Beobachter, auf das schwächste Team der Liga. Defensiv ist die Mannschaft weiterhin viel zu wackelig, das zeigte sich deutlich in den Zahlen: Heidenheim kam auf 21 Torschüsse, darunter locker vier bis fünf klare Großchancen. Dass Daniel Heuer Fernandes an dem Tag einen überragenden Abend im Tor erwischte und einige dieser Situationen großartig entschärfte, sei in diesem Zusammenhang besonders erwähnt. Fakt ist aber auch, dass der Spielverlauf gegen Heidenheim tendenziell auf eine Niederlage hingedeutet hat - die zum Glück nicht eintrat. Das nötige Quäntchen Fortune war auf Hamburger Seite - und das darf nicht verschwiegen werden.

Robert Glatzel, der in der 90.+5. Minute nur die Latte traf, erlebt eine schwierige Phase; seine große Zweitliga-Statistik (73 Tore) steht im Kontrast zur aktuellen Bundesliga-Rolle, in der er nur noch Jokerminuten erhält und Vertrauen und Leichtigkeit vermissen lässt. Ransford Königsdörffer arbeitete viel, blieb aber ohne Torerfolg; Glatzels Fehlschuss am Ende war symptomatisch: Nähe zum Erfolg, aber auch noch Mängel an Entschlossenheit und Selbstvertrauen.

Emotional und gesellschaftlich war das Spiel ein Erfolg: Rund 25-Jahre-Jubiläums-Gäste, Vereinslegenden wie Rodolfo Cardoso und etwa 10.000 Fans im Stadion sorgten für Rückenwind. Kapitäns-Premiere für Miro Muheim endete ebenso positiv: Er führte die Mannschaft aufs Feld und freute sich nicht zuletzt über das Zusammenspiel mit den Vuskovic-Brüdern, deren familiäre Bindung das Teamgefüge bereichert. Und sportlich wie organisatorisch bleibt Polzins Haltung die eines Geduldigen: Viele neue Gesichter müssen integriert werden, das Team ist ein fortlaufender Prozess . Das sagte er übrigens selbst nach dem Spiel.

Organisatorisch ist die Lage klar: Nach einem freien Montag gibt es Dienstag und Mittwoch öffentliche Einheiten, die folgenden Einheiten finden hinter verschlossener Tür statt - Vorbereitung eben, konzentriert und ohne große Show. Polzin mahnt zur Fortsetzung des schrittweisen Aufbaus; die Harmonie zwischen schnellen Integrationsschritten und behutsamer Entwicklung bleibt eine Gratwanderung, auf der bei allem Mahnen nach Geduld dennoch der zeitliche Druck liegt, auch jetzt zu punkten.

Das Fazit aus HSV-Sicht ist deshalb eindeutig: Der Sieg gegen Heidenheim ist wertvoll und gibt Selbstvertrauen, er darf aber nicht überbewertet werden. Im Gegenteil: Der HSV hatte an diesem Tag auch Glück und gewann gegen das voraussichtlich schwächste Team der Liga knapp. Nutzt man den Erfolg richtig, kann er als Auftakt dienen; zu glauben, die Saison sei damit entspannt, wäre jedoch naiv. Schon am kommenden Wochenende wartet mit Union Berlin eine deutlich härtere Prüfung. Wenn der HSV weiterhin Punkte mitnehmen will, muss er fußballerisch und läuferisch (man lief wieder rund sechs Kilometer weniger als der Gegner) merklich zulegen. Und genau das muss die Aufgabe der kommenden Tage sein.

Anzeige · Partner

Zeig deine Farben

Unsere Freunde von HANDS OF GOD setzen ikonografischen Momenten und Legenden der Vereinsgeschichte ein künstlerisches Denkmal.

Alle Hamburg-Motive bei HANDS OF GOD

Wir sind Partner von HANDS OF GOD und bekommen eine Provision, wenn du über diese Links kaufst — für dich ändert sich am Preis nichts. Gezeigt werden nur Motive, die wir selbst aufhängen würden.

Diskussion

0 Kommentare

Diskutier mit!

Registriere dich kostenlos — dann kannst du unter den Beiträgen mitdiskutieren, antworten und liken.

Jetzt kostenlos registrierenAnmelden
DU
Bleib fair — wir moderieren mit Augenmaß.
Noch keine Kommentare — sei der/die Erste.
Lies weiter Meinung HSV-Blamage- Die Taktik war das geringste Problem Ein Tag nach der Pleite sitzt der Frust tief. Neben taktischen Mängeln fehlte vor allem eins: die Bewegung und der Wille, den Ball zu fordern. Das Problem war viel tiefer als die reine Herangehensweise Weiterlesen