Fünf Tage noch - der HSV hat mehr Sorgen als Antworten
Vorweg: Für Verletzungen kann niemand etwas. Die kommen vor. Immer. Und immer wieder. Ehrlich gesagt muss man diese bei der Kaderzusammenstellung sogar einkalkulieren. Soll…

Vorweg: Für Verletzungen kann niemand etwas. Die kommen vor. Immer. Und immer wieder. Ehrlich gesagt muss man diese bei der Kaderzusammenstellung sogar einkalkulieren. Soll heißen: Man muss versuchen, möglichst alle Positionen mit einem Backup zu versehen. Und das ist bitte nicht mit „alle Positionen doppelt besetzen“, denn das kann sich der HSV ebenso wenig finanziell leisten wie die meisten anderen Zweitligisten. Von daher ist die Verletzung von Ludovit Reis aus dem letzten Testspiel gegen Glasgow niemandem zur Last zu legen – es sei denn, der HSV ist hierauf personell nicht vorbereitet.
Auch vorweggeschickt: Ich habe keine der letzten 25 Sommer-Vorbereitungsphasen so wenig selbst und persönlich miterlebt, wie diese. Im Trainingslager war Cornelius mit (und er hat seine Sache mit Bravour gemacht, wie ich finde!), und jetzt bin ich im Urlaub. Dass ich trotzdem alles rund um den HSV verfolge, logisch! Aber es ist nicht dasselbe wie sonst. Diesmal fehlen mir die persönlichen Eindrücke vom Trainingsplatz. Es fehlen die kleinen Dinge, die man in Zusammenfassungen nicht gezeigt bekommt, die aber wichtig sind, um ein Gespür für die Stimmung innerhalb der Mannschaft zu bekommen. Ehrlich gesagt kann man sich ohne diese persönlichen Eindrücke kein abschließendes Bild von der Mannschaft machen – und das ist in diesem Fall vielleicht auch gut so.
Denn genau das lässt mir einen Restfunken Hoffnung darauf, dass es nicht ganz so schlimm um den HSV bestellt ist, wie es nach außen den Anschein macht. Ich persönlich habe den Anschein, dass der HSV abgesehen von Pherai für Kittel noch keine Baustelle geschlossen bekommen hat. Nominell hat man das in der Innenverteidigung mit Ramos und den beiden letzten Zugängen Hadzikadunic und Van der Brempt zwar getan – aber wirklich in die Elf spielerisch integriert sind sie alle noch nicht. Wie auch?
Das Problem hierbei: In fünf Tagen kommt der wahrscheinlich beste Angriff der zweiten Liga nach Hamburg. Allein Terodde reicht schon, um sich Sorgen machen zu müssen. Grundsätzlich – und hier auch ganz im Speziellen. Denn bislang konnten weder Miro Muheim noch Sebastian Schonlau mitwirken, während Jonas David zwischenzeitlich auch angeschlagen und ebenso unbeständig auftritt wie seit Saisonende 2022/23 auch Moritz Heyer. Leider.
Sollte jetzt auch noch Ludovit Reis ausfallen, den Trainer Tim Walter gerade zum Stellvertretenden Mannschaftskapitän ernannt hatte, dann gestaltet es sich im Mittelfeld ebenso wie in der Innenverteidigung: Nominell wäre mit Laszlo Benes Ersatz da – aber qualitativ kann dieser den Niederländer nicht, wie es die vergangene Saison gezeigt hat. Mit anderen Worten: Wäre ich in der Verantwortung, würde ich mir den Vorwurf machen, die offensichtlichen Baustellen nicht pünktlich zu Saisonbeginn geschlossen zu haben. Und wie wichtig der Saisonstart an sich und auch hier im Speziellen gegen Schalke, KSC und Hertha sein wird, das wissen wir alle.
Stand jetzt betrachte ich diese Vorbereitungsphase als eine der schlechtesten der letzten Jahre. Nur ein sehr knapper Sieg gegen einen Sechstligisten, ein Remis gegen Pilsen und zwei Niederlagen sollte auch Trainer Tim Walter warnend verdeutlichen, dass man hier aktuell auf einem sehr schmalen Grat wandert. Dieser HSV ist aktuell noch nicht ligafähig. Zumindest nicht im Ansatz den eigens formulierten Ansprüchen entsprechend. Und: Dass sich Spieler hinstellen und irgendwelche Dinge loben – das ist naturgemäß so. Was sollen sie auch sagen? Ramos sprach davon, dass man am Freitag auf die Sekunde da sein werde. Logisch. Aber bedeutet das nicht auch, dass man es jetzt noch nicht ist?
DOCH!
Mit anderen Worten: Die Mannschaft weiß selbst, dass sie noch nicht gut in Form ist! Und so sehr ich ein Verfechter von Teamspirit vor Individualisten bin – hier fehlt beides. Denn Selbstvertrauen in sich und die eigene Stärke ist für einen guten Teamspirit unabdingbar. Woher aber dieses Selbstvertrauen nehmen, wenn es – wie jetzt mit dem drohenden Ausfall von Leistungsträger Reis – eigentlich keine guten Nachrichten gibt…?
Welche Hoffnung bleibt? Für den Saisonstart aus meiner Sicht vor allem die auf die Stimmung im Volksparkstadion und darauf, dass diese die Mannschaft über sich hinauswachsen lässt. Und für danach - ganz einfach: Da habe ich noch die Hoffnung, dass Sportvorstand Jonas Boldt zusammen mit seinem Chefscout Claus Costa und Trainer Tim Walter noch ein oder zwei Hochkaräter in der Hinterhand haben, bei denen man bislang nur aus taktisch(-finanziellen) Gründen noch nicht aggressiver aufgetreten ist.
Und zum Thema Innenverteidigung: Hier bin ich bislang noch nicht überzeugt. Trotz der bislang schon drei neuen Verteidiger würde es mich absolut nicht stören, wenn der HSV hier eine absolute Soforthilfe bekäme. Ich weiß, dass viele jetzt aufschreien „wie viele denn noch?“. Aber Quantität ist eben noch lange nicht gleichzusetzen mit Qualität. Und in diesem Fall sehe ich den HSV sowohl mit als auch (noch viel mehr!) ohne Schonlau hier noch nicht gut genug, um die Probleme der Vorsaison zu lösen. Natürlich müssen alle Neuen erst einmal eine Chance bekommen – aber das wiederum ist dem FC Schalke am Freitag komplett scheißegal! Zusatz: Den Georgier Saba Sazonov hätte ich an dieser Stelle gefeiert. Er wäre eine Soforthilfe. Aber der ist offenbar (noch) zu teuer.
Es ist zweifellos noch nicht der Zeitpunkt, ein abschließendes Zeugnis für diese Transfer- und Vorbereitungsphase auszustellen. Beides läuft noch. Und so eindeutig meine Tendenz hier auch aktuell ist, ich lasse mich in den ersten Spielen wirklich sehr gern eines Besseren belehren! Allein eines kann man und werde ich nicht gelten lassen: Und das ist die Ansage, dass sich die Mannschaft erst noch finden muss. Das dürfen Mannschaften sagen, die mit dem Klassenerhalt zufrieden sind. Aufstiegskandidaten allerdings nicht. Die müssen zweigleisig agieren. Zum einen müssen sie neue Spieler heranführen. Aber zum anderen müssen diese Klubs eine Elf parat haben, die auf den Punkt zum Saisonauftakt physisch wie spielerisch und taktisch topfit ist.
In diesem Sinne! Hoffen wir mal, dass Reis‘ Verletzung nicht zu schlimm ist. Ebenfalls bleibt zu hoffen, dass ich mich meiner Einschätzung irre, Und dass die HSV-Führung noch etwas in der Hinterhand hat, von dem wir alle noch nichts wissen…
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