Fehlerfestival, vier Tore in 20 Minuten - aber der HSV ist Hinserienmeister
Herbstmeister oder Hinrundenmeister - egal! Wichtig ist, dass der HSV die Hürde Eintracht Braunschweig erfolgreich genommen hat. Nach einem bitterem 0:2-Rückstand dreht der HSV…

Herbstmeister oder Hinrundenmeister - egal! Wichtig ist, dass der HSV die Hürde Eintracht Braunschweig erfolgreich genommen hat. Nach einem bitterem 0:2-Rückstand dreht der HSV ein Spiel, das man getrost als Fehlerfestival auf beiden Seiten bezeichnen kann, noch und siegt sich zurück an die Tabellenspitze. „Es ist wichtig für uns, solche Spiele wie hier in Braunschweig, wo es immer unangenehm ist, zu gewinen“, freute sich Mannschaftskapitän Tim Leibold nach dem Spiel, „und das haben wir heute in der 2. Halbzeit mit Bravour gemeistert. Es geht nicht immer darum, die 90 Minuten schön herunterzuspielen, sondern Punkte einzufahren. Wir haben eine Mannschaft, die unbedingt gewinnen will. Das hat man heute wieder gesehen.“
Dass man zu Beginn die Elf der letzten Woche auf dem Platz zu sehen bekam, verwunderte dagegen nicht. Dass Trainer Daniel Thioune mit der identischen Startelf der Vorwochen auflaufen würde, hatten alle erwartet. Und das war angesichts der letzten Partien auch fast schon logisch. Allerdings hatten sich auch die Braunschweiger darauf eingestellt und agierten mit Viererkette und zwei defensiven Mittelfeldspielen, die dem HSV vorn wenig Luft und vor allem wenig Raum ließen. Die rechte Seite mit Jatta war komplett abgemeldet und Chancen gab es trotz eines deutlichen Übergewichtes an Ballbesitz keine Torchancen. Auf beiden Seiten – wollte ich gerade schreiben, als das passierte, was nicht passieren sollte: Braunschweig ging in Führung. Außen im Sechzehner verliert Ambrosius einen von vielen Zweikämpfen heute, die Flanke kommt so scharf, dass sich Josha Vagnomen nicht traut, den Ball zu schlagen – dafür aber steht hinter ihm Gegenspieler Bär, der den Ball querliegt auf Felix Kroos – das 1:0 (9.).
Kann passieren, dachte ich mir, hatte aber heute nicht im Ansatz das Gefühl aus der Vorwoche, wo der HSV die ersten 15 Minuten so dominierte, dass ich schon früh vom Sieg überzeugt war. Heute indes wirkte der HSV bemüht – aber nicht zwingend. Vor allem defensiv waren dien zuletzt überragenden Toni Leistner und Stephan Ambrosius nicht ansatzweise so aggressiv wie zuletzt. Letztgenannter verlor übrigens nicht nur vor dem 0:1 sondern auch sonst viele kleine Duelle, vor allem die in der Luft – was mich sehr überraschte. So auch vor dem 0:2 – wobei ich diesen Gegentreffer natürlich nicht Ambrosius, sondern eindeutig Leistner zuschreiben muss. Der wollte den Ball per Hinterkopf auf Torwart Ulreich weiterleiten, der Ball geriet aber zu kutz. Braunschweigs Bär war das komplett wumpe. Er nahm den geschenkten Ball auf und schob ihn am herauseilenden Ulreich vorbei zum 2:0 für die Gastgeber ein (42.).
Kinsombis Treffer vor der Pause hat Signalwirkung
Es lief einfach nicht beim HSV. Allerdings verlor der HSV nicht den Glauben daran, hier und heute doch noch gewinnen zu können – sagte zumindest Leistner nach dem Spiel: „Die Konkurrenz hat vielleicht schon gedacht, dass wir heute Punkte liegen lassen, aber auch ein 0:2-Rückstand kann uns nicht das Genick brechen. Wir haben eine gewisse Mentalität in der Mannschaft, so dass ich immer guter Dinge bin, dass wir solche Spiele drehen können.“ Ob er das nach dem 0:2 auch so gedacht hat? Ich weiß es nicht – aber es ist auch egal. Denn obwohl Braunschweig defensiv gut stand und Vagonoman/Jatta über rechts ebenso wenig durchkamen wie Leibold/Kittel über links, traf der HSV. Kittel tunnelte seinen Gegenspieler und stieß über links in den Sechzehner, legte zurück auf David Kinsombi – der Anschlusstreffer zum 1:2 (45+2).

Überraschend zu diesem Zeitpunkt – aber schön herausgespielt. Und es war ein Treffer mit Signalwirkung. Für beide Teams. Denn während der HSV mit zwei Wechseln (Hunt und Onana kamen für Vagnoman und Jatta) etwas mehr Zug in sein Spiel bekam, wirkten die Braunschweiger plötzlich nervös. Zunächst, ohne dass ich der HSV große Chancen erspielen konnte – aber das erledigten dann die Braunschweiger selbst, indem sie dem HSV die nächsten Treffer so auflegten, wie Leistner zuvor für sie. Erst war es Behrendt, der einen langen Ball einfach mal direkt in die Füße von HSV-Tormaschine Simon Terodde spielte, der den Ball problemlos direkt einschob (50.). Teroddes 17. Saisontreffer und das 2:2 für den HSV, der nur neun Minuten später in Führung ging. Diesmal war es der eingewechselte Aaron Hunt, der aus halblinker Position abzog und unter gütiger Mithilfe von Eintracht-Keeper Fejzic, der den Ball durch die Beine trudeln lässt – das 3:2 für den HSV, der in nunmehr 14 Minuten das komplette Spiel auf links gedreht hat.
Und der HSV legte sogar noch einen drauf. Diesmal funktionierte das HSV-Pressing und Heyer konnte seinem Gegenspieler Schlüter den Ball auf Sechzehnerhöre abnehmen. Der für Vagnoman auf die Rechtsverteidigerposition gerückte Defensivallrounder nahm Tempo auf, rückte in den Sechzehner und legte den Ball in den Rückraum auf David Kinsombi ab, der damit seinen zweiten Treffer in diesem Spiel erzielte. Und das Endergebnis in dieser Partei, nämlich das 4:2 in der 65. Minute. Grund genug für Trainer Daniel Thioune jeden einzelnen seiner Spieler nach dem Schlusspfiff im Mannschaftskreis abzuklatschen. Es war der Dank für die Moral in diesem Spiel und die daraus resultierende Hinrunden-Meisterschaft der Zweiten Liga. „Wir freuen uns über den Sieg und über die Comeback-Qualitäten. Das ist nicht so leicht“, sagte Trainer Daniel Thioune nach dem Spiel.
Thiounes taktische Ustellung sorgt für Wende im Spiel
„Der Schlüssel für uns war, dass wir nach 35 Minuten taktisch umgestellt haben“, sagte Thioune. Zudem sei der Anschlusstreffer vor der Pause für seine Mannschaft „immens wichtig gewesen, um im Spiel zu bleiben und ins Spiel zu kommen. Wie wir es final zu Ende gespielt haben, war sehr gut. Ich muss auch meinen Einwechselspielern ein Kompliment machen.“ Und das mache ich auch. Weil es mich sehr freut. Denn genau wie gestern geschrieben, brachte neben den starken Hunt vor allem auch Amadou Onana als Einwechselspieler im Zentrum viel frischen Wind ins Spiel. Und auch wenn seine Ballführung noch deutlich enger am Fuß stattfinden muss und ihm hier und da ein Ball versprang, seine athletische, laufstarke und schnelle Spielweise ist ein großer Gewinn für den HSV. Und eine Basis, aus Onana einen richtig guten Fußballprofi zu machen.
Aber bevor ich hier in irgendeinen Jubelphase übergehe, muss auch anerkannt werden, dass der HSV heute in Braunschweig maßgeblich auch deshalb gewonnen hat, weil die Braunschweiger unfassbare individuelle Fehler gemacht haben. Es war ein verdienter Erfolg für den HSV, der sich für uns dennoch unnötig anfühlt. Bis zur Umstellung des Gegners ist es uns gut gelungen, das Flügelspiel des HSV zu unterbinden“, haderte Braunschweigs Trainer Daniel Mayer, „anschließend hatten wir Probleme und standen zu tief. Es ist bitter, dass wir die 2:0-Führung nicht in die Pause bekommen und im zweiten Durchgang dann drei Geschenke verteilt haben. Auf solch einem Niveau gegen solche Mannschaften darfst du diese Fehler nicht machen.“ Und trotz mittlerweile sechs Siegen in den vergangenen sieben Spielen warnte auch HSV-Kapitän Leibold: „Es war heute nicht alles Gold, was glänzt.“
Belassen wir es mal dabei…
In diesem Sinne, bis morgen! Genießt den Abend und den Blick auf die Tabelle. Sechs Punkte mehr als zum selben Zeitpunkt in der abgelaufenen Saison, dazu Tabellenführer – es hätte schlimmer kommen können.
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