Falscher Stolz - Walter steht sich selbst im Weg
Der HSV musste zuletzt einige schwere personelle Ausfälle verkraften. Und zumindest ein großer Teil hiervon wird schon sehr bald wieder dabei sein. Jonas Meffert dürfte gegen…

Ich bewerte das schwache Pokalspiel des HSV nicht über. Aber ich werde ihn auch nicht außer Acht lassen! Der DFB-Pokal an sich ist für die Favoriten in den ersten Runden immer schwierig. Ganz klar. Das durften einige schon erfahren - zuletzt Darmstadt heute beim 0:3 in Homburg. Und: Der HSV musste zuletzt einige schwere personelle Ausfälle verkraften. Und zumindest ein großer Teil hiervon wird schon sehr bald wieder dabei sein. Jonas Meffert dürfte gegen Hertha BSC am Sonnabend wieder fit sein und zur Startelf gehören. Und auch Ludovit Reis, der im letzten Test gegen die Glasgow Rangers auf die Schulter gefallen und seither ausgefallen war, mischte heute bei den Reservisten (Stammspieler trainierten individuell) schon auf dem Platz wieder so mit, dass er im Anschluss sogar andeutete, gegen Hertha dabei sein zu können. Man wisse bei Schulterverletzungen zwar nie genau, wie lange sie sich ziehen. Aber: „Gegen Ende der Woche werde ich wissen, ob es geht.“
Meffert und Reis wären zweifellos absolute Verstärkungen für den HSV, der in Essen alte Probleme demonstrierte. Dass ein Kapitän wie Sebastian Schonlau mit seiner Führungsqualität helfen könnte, ist klar. Aber angesichts der letzten zwei Saisons erscheint es mir heute nicht wahrscheinlicher als zuvor, dass das reicht, um diesem HSV eine stabile Defensive zu verleihen. Denn dafür hat der HSV nach dem Ausfall von Mario Vuskovic definitiv noch nicht die Qualität in der Viererkette dazugewonnen, um dieses Hochrisiko-Spiel des HSV auch nur ansatzweise auszugleichen. Und egal was die Verantwortlichen auch immer wieder öffentlich sagen, sie wissen um dieses Ungleichgewicht. Jeder weiß darum. Gefährlich wird es, wenn hier aus Prinzip gehandelt wird, also gegen jede Vernunft. Also so, wie es jetzt offenbar beim HSV der Fall ist.
Defensiv-Debatte wird durch Walter zum Politikum
Da bekommt der HSV acht Gegentore in drei Spielen inklusive dreier Gegentreffer gegen einen Drittligisten, und der Trainer trotzt. Ich muss es so nennen, weil es nichts anderes war, was Tim Walter da auf der Pressekonferenz von sich gab. Auf die Frage, wie sehr ihn die vielen Gegentore stören, antwortete er: „Ist doch gut, oder? Ist doch für alle ermutigend ins Stadion zu gehen. Weil Spektakel geboten wird. Gewinne lieber 5:4 als 1:0. Das habe ich schon immer gesagt. Solange wir gewinnen und immer ein Tor mehr schießen als der Gegner, bin ich immer zufrieden.“ Okay, dazu muss man wissen, dass Walter gesundheitlich angegriffen war. Und wer schon mal mit Grippe oder ähnlichem einen langen Tag absolvieren musste, der weiß, dass die Zündschnur kurz ist. Das nervt schon mal.
Aber so genervt Walter auch vom Thema Gegentore sein mag, er darf sich diesem Thema nicht verschließen, denn er selbst provoziert es. Immer wieder. Mit solchen Aussagen macht er zudem deutlich, was ich schon seit vielen Monaten befürchte: Dass dieses Thema einfach nicht mehr inhaltlich diskutiert wird, sondern vom Trainer zum Politikum hochstilisiert wird. „Risiko? Das hat ja wenig mit Risiko zu tun heute. Dieses Thema ist glaube ich eine Endlosschleife. Jeden Tag könnt ihr die mit mir besprechen, wenn ihr wollt. Und ihr bekommt immer dieselbe Antwort. Aber ich mache das jetzt schon, seit ich beim HSV bin. Und irgendwann müsst ihr das auch mal wissen.“ Und ja, Walters Spieler schlagen auch mal lange Bälle. Mehr als letzte Saison. Trotzdem stimmt das Verhältnis offensiv/defensiv noch nicht so, wie es sein könnte.
Soll heißen: Walter macht, was Walter schon immer gemacht hat. Und das meint er so. Veränderung? Braucht er offensichtlich nicht. Schlimmer noch: Jede Form von Veränderung an seinem anfälligen Spielsystem empfindet Walter als Eingeständnis – und das wiederum als Schwäche. Und die will er nicht zeigen. Dabei wird genau andersrum ein Schuh draus. Denn diese Verbohrtheit ist es, die bei Walter keine Entwicklung zulässt. Er verbietet sich selbst, was er von allen anderen verlangt: Entwicklung! Ein Punkt, an dem intern ganz dringend Gespräche geführt werden sollten.
Walter müsste gar nicht viel verändern
Um hier noch mal etwas klar zu sagen: Ich mag Tim Walters Art in den allermeisten Bereichen. Wie er mit Herzblut und Leidenschaft die Mannschaft führt. Ich mag seine mutige Art, junge Spieler, wie gestern Elijah Krahn, einfach reinzuwerfen. Ich mag es auch, dass er sich immer wieder schützend vor die Mannschaft stellt. Ich mag sogar Walters Auslegung von Offensivfußball. Er muss nicht viel ändern, um seinen mutigen Offensivfußball mit einer stabileren Defensive zu versehen. Umso unverständlicher bleibt für mich seine Verbohrtheit, wenn es um dieses Thema geht. Zumal inzwischen jeder Gegner und jeder Freund des HSV weiß, dass die Defensive immer wieder zur Achillesferse für den HSV wird. Und ebenso deutlich sei noch mal gesagt: Walters Art rechtfertigt nicht, auf niemanden mehr zu hören und sich (bzw. seine Ansichten) über alle und jeden Ratschlag zu stellen. Denn wie sagt Walter selbst immer wieder: Niemand ist wichtiger als das Ganze. Auch Walters Stolz darf das nicht sein.
In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Start in die neue Woche!
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