Falsche Wahrnehmung
Die Worte seines Kollegen Lukas Kwasniok waren für Tim Walter eine Aufmunterung. „Sie haben grundsätzlich hier in der 2. Liga nichts verloren. Das weiß auch jeder.“ Worte, bei…

Die Worte seines Kollegen Lukas Kwasniok waren für Tim Walter eine Aufmunterung. „Sie haben grundsätzlich hier in der 2. Liga nichts verloren. Das weiß auch jeder.“ Worte, bei denen ich mich jedes Mal wieder erschrecke, weil sie eine Haltung offenbaren, die dem HSV nicht gut zu Gesicht steht. Im Gegenteil: Dieser HSV muss aufpassen, dass er nicht zum Dauergast in der Zweiten Liga wird, weil er zu sehr von sich und seinem Weg überzeugt ist. Da helfen derartig hochtrabende Worte der Gegner nicht wirklich. Eher verleiten sie sogar dazu, diese auch noch zu glauben und so weiterzumachen wie bisher.
Walter konnte den Zuspruch gut gebrauchen, nachdem er ein Spiel gesehen hatte, dass den HSV weiter zurückwirft. Der direkte Aufstieg des HSV ist drei Spieltage vor dem Saisonende ein weiteres Stück in die Ferne gerückt. Dass Fortuna Düsseldorf und der FC St. Pauli den Abstand auf jeweils vier Punkte verkürzen konnten, macht den Aufstieg des HSV nicht wahrscheinlicher.
Und bevor das hier falsch verstanden wird: Ich sehe bei Tim Walter die realistische Sicht auf die eigene Leistungsstärke durchaus vorhanden. Allein seine Reaktion lässt mich zweifeln. „Wir haben heute einen Punkt geholt. Das ist aber nicht unser Anspruch“, sagte Walter, ehe er in alte Durchhalteparolen überging. „Wir haben drei Spiele und haben noch alles in der eigenen Hand.“ Anders als vor einem Jahr wäre das Erreichen der Relegation bestenfalls ein Minimalziel. Die Ansprüche, die die Verantwortlichen mit ihren Aussagen über die Saison hinweg suggerierten, waren deutlich höher.
Der direkte Aufstieg sei das Ziel, „solange es noch möglich ist“, meinte Mittelfeldspieler Jonas Meffert auch nach dem Paderborn-Spiel noch und wollte sich noch nicht von Platz zwei verabschieden. Und das finde ich völlig korrekt. Ziele müssen sein. Gedanklich beschäftigen sich die Spieler dem Anschein nach aber eben auch schon mit den Zusatz-Spielen um den Aufstieg. „Die Relegation ist auch eine Möglichkeit, um aufzusteigen. Dann hast du zwei Spiele, und du hast es wieder in der eigenen Hand“, sagte Kapitän Sebastian Schonlau. Stimmt auch wieder.
Aber es bleibt dabei, dass der HSV sich seine Ziele immer wieder selbst verbaut. In diesem Fall mit einer Sturheit, die schon seit Monaten bewiesen hat, dass sie auf lange Sicht zu gefährlich für die hohen Ziele ist. Und ja, Walters System-Eindimensionalität wurde zwar schon enervierend oft diskutiert – aber sie ist leider immer noch aktuell und unverändert. Nein: unverbessert. Wer sich am Wochenende mal St. Pauli und Darmstadt angesehen hat, der wird gesehen haben, was ich meine und wie es eben ganz einfach besser zu machen ist. Hinten rustikal und schnörkellos die Null gehalten – und vorn sind diese Teams mit dem Potenzial und der Sicherheit ausgestattet, immer einen Treffer erzielen zu können. Dass man dann auch mal 0:0 spielt, weil man einen Chancenwucher betreibt (wie Heidenheim beim 0:0 gegen Magdeburg) – okay. Das sind so genannte „Dellen“. Aber auf lange Sicht gewinnt die Defensive nicht nur sprichwörtlich Meisterschaften. Deshalb sind Heidenheim und Darmstadt auch weit vor dem HSV platziert.
Dass beim HSV nach dem 2:2 gegen Paderborn von einem „geilen Kick“ und von einer „guten Defensivarbeit“ im wieder einmal ausverkauften Volksparkstadion gesprochen wurde, verbuche ich einfach mal unter „der Zweck heiligt die Mittel“. Stimmung machen für den Endspurt! Dass Walter aber davon spricht, dass seine viel diskutierte und aktuell fragwürdig erfolglose Spielweise für diese vollen Stadien verantwortlich sei, das halte ich für gefährlichen Nonsens. Denn die Fans stehen zweifellos hinter dem HSV – weil es der HSV ist. Sie stehen auch zu Walters Art, weil er sich mit dem HSV offensichtlich identifiziert. Aber sie hätten allesamt nullkommanull gegen weniger Gegentreffer. Und dafür würden alle auch ein paar Prozente weniger Spektakel für ein paar entscheidende Punkte mehr auf dem Konto in Kauf nehmen. Ganz sicher, Herr Walter!
Ich habe es zuletzt immer wieder mit dem überlegenen Boxer verglichen, der trotz seiner grundsätzlichen Überlegenheit völlig wild drauflosdrischt und dabei immer wieder völlig unnötig (und unprofessionell) die eigene Deckung vernachlässigt. Denn dieser Boxer bietet jedem Gegner, den er nicht sofort ausknocken kann, jederzeit die Chance zum Lucky Punch. Oder anders formuliert: Dieser HSV verweigert es aus Prinzip, souverän zu agieren, weil man das Spektakel bevorzugt. Und ich befürchte, dass der HSV-Coach das bis zum bitteren Ende anders sehen und handhaben wird.
„Mit der Leistung meiner Mannschaft bin ich zufrieden, mit dem Ergebnis nicht“, meinte Walter zum Beispiel am Freitag nach der Partie. Aber: „Das Glück ist uns nicht hold. Das wissen wir. Von daher lamentieren wir nicht, sondern wir versuchen, Dinge zu verbessern.“ Na dann – ein My Hoffnung also doch? Drei Spiele Zeit hat Walter ja noch. Vielleicht auch fünf. Aber ich lege mich heute fest: Sollte er bis zum Ende weiter so uneinsichtig und stur „bei sich bleiben“ und sein System 1:1 weiter durchziehen, macht er sich untragbar.
Und das völlig unabhängig davon, ob man aufsteigt oder nicht. Denn dass man mit dieser Mannschaft aufsteigen kann/muss, wissen alle. Ich bleibe bei aller Kritik dabei, dass Walter sehr viele Dinge richtig gemacht hat. Er hat die Mannschaft umgekrempelt und ihr seinen Stempel aufgedrückt. Aber wenn ihn das letztlich dazu bringt, wider alle noch so deutlichen Anzeichen stur zu bleiben, dann hätte er nur bewiesen, dass sich Walter gar nicht weiter entwickeln will.
Oder wie seht Ihr das?
In diesem Sinne, bis morgen.
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