Es stimmt vorne und hinten - der HSV findet seine Balance
Auch wenn das Spitzenspiel in Düsseldorf kein Feuerwerk der Spielkunst bot, überzeugte Thiounes Team zumindest defensiv. Zum vierten Mal in dieser Saison blieben man ohne…

Auch wenn das Spitzenspiel in Düsseldorf kein Feuerwerk der Spielkunst bot, überzeugte Thiounes Team zumindest defensiv. Zum vierten Mal in dieser Saison blieben man ohne Gegentreffer - und das gegen eine Mannschaft, die grundsätzlich über Offensiv-Wucht verfügt. „Wir haben die Fehler, die wir in Braunschweig gemacht haben, minimiert“, sagte Kapitän Tim Leibold , der mit seinen Defensiv-Kollegen kaum etwas zuließ. Torhüter Ulreich, der mit dem Ball am Fuß weiterhin unsicher wirkt, haderte indes als einer der wenigen mit dem 0:0. „In der ersten Halbzeit haben wir eine sehr reife, eine wirklich gute Leistung gezeigt“, sagte er. „Aus dieser Phase des Spiels hätten wir mehr mitnehmen müssen, da haben wir uns leider nicht belohnt.“
Das sah auch Michael Mutzel so. Der Sportdirektor stellte sich heute wie auch sonst immer an Tagen nach den Spielen den Fragen der Journalisten: „Es fühlt sich ein bisschen so an, als wenn wir das Spiel auch hätten gewinnen können“, sagte Mutzel heute – und genau so sehe ich das auch. Allerdings muss man auch klar eingestehen, dass sich der HSV in Düsseldorf hinten so stabil präsentierte, wie er vorn Probleme hatte, zum Abschluss zu kommen. Mutzel: „Am Ende waren es eher viele Halbchancen, die wir herausgespielt haben, in denen vielleicht die letzte Präzision fehlte.“ Es waren nur Chancen, sich großen Chancen herauszuarbeiten. Und das auch nur in der ersten Hälfte, als Sonny Kittel und Jeremy Dudziak noch funktionierten. Insofern muss man das Unentschieden nehmen wie es ist – als gerechtes Ergebnis.
Heyer - der stille Held für alle Fälle
Zumal es neben meiner Verwunderung, dass Jatta nicht beginnen durfte, offensiv an Tempo fehlte. Mit zunehmender Spieldauer wurden die Pässe immer wieder quer und/oder zurück gespielt. Hinten stand man sicher – im Mittelfeld hatte Moritz Heyer defensiv alles bestens im Griff, bis er für den scheidenden Jan Gyamerah (bekam einen Schlag auf den zuvor verletzten Fuß) auf die Rechtsverteidigerposition rückte (und auch dort alle sicher abwehrte). Stark und vor allem flexibel genug, um sich ein Sonderlob von Mutzel abzuholen: „Er ist manchmal unsichtbar, aber trotzdem wichtig.“
Auch in Düsseldorf war Heyer, der mir bislang in der Partie gegen den VfL Osnabrück am besten gefallen hat, wieder unauffällig – aber gerade deshalb richtig gut und sehr wichtig. Denn sein Wirkungsbereich ist der des Abräumens. Früher sagte ein Trainer immer zu unserem Sechser: Hol den Ball und gib ihm einen Fußballer. Ganz so wird es bei Heyer nicht sein, denn er ist selbst ein guter Techniker und durchaus in der Lage, selbst das Spiel anzukurbeln. Aber selbst wenn er das nicht macht, sondern dem Ratschlag meines alten Trainer folgte, ist das schon richtig gut.
„Du weißt, was du von ihm kriegst. Er hilft der Mannschaft, weil er, egal wo er spielt, seine Leistung abruft“, sagt Mutzel. Interessant hierbei: Mutzel selbst sieht Heyer am stärksten auf der Doppel-Sechs, während Heyer selbst wiederum lieber in der Innenverteidigung spielen würde. Entscheidend aber ist, dass sich Heyers Verpflichtung immer mehr bezahlt macht. So einen Allrounder im Team zu haben ist Gold wert. Er zusammen mit David Kinsombi machen das Mittelfeld maximal flexibel für jedes Spielsystem und auch jede taktische Umstellung im Verlauf des Spiels. Und somit machen die beiden den HSV schwerer ausrechenbar.
Passt es vorne nicht - ist auf die Defensive Verlass
Sehr berechenbar ist derzeit beim HSV die Defensive. Und das meine ich ausschließlich positiv. Denn Toni Leistner und Stephan Ambrosius liefern von Spiel zu Spiel solider ab. Auch gegen Düsseldorf bedurfte es der Nachspielzeit – und einer klaren Fehlentscheidung des ansonsten guten Schiris -, um den HSV einmal in Gefahr zu bringen. Zur Erinnerung: Nachdem der Schiedsrichter nach einem Foul den Angriff der Düsseldorfer bis zum Torabschluss mit Vorteil hatte weiterlaufen lassen, entschied er doch noch auf Freistoß für ein vorausgegangenes Foul. Zu spät, wie ich finde. Aber zum Glück bewies Ulreich seine Qualität auf der Linie und lenkte einen Kopfball von Luka Kranjc aus dem Winkel zur Ecke.
„Diese Parade hat er sich verdient“, meinte Thioune anschließend anerkennend. Und ich weiß, warum Thioune nicht müde wird, den Keeper zu loben. Wobei ich eh behaupte, dass Ulreich beim Abwehren/Parieren von Torabschlüssen der stärkste Keeper dieser Liga ist. Okay, vielleicht zusammen mit Erzgebirge Aues Martin Männel. Aber eben überdurchschnittlich gut. Allein seine Technik mit dem Ball am Fuß bereitet mir weiter Sorgen. Auch in Düsseldorf wirkte Ulreich wieder unsicher. Oder verunsichert, wie die Verantwortlichen zuletzt vermutetet, als sie mir versicherten, dass Ulreichs Schuss- und Passtechnik sehr gut sei. Zudem wolle man, dass er mutig den Spielaufbau von hinten heraus spielerisch zu lösen versucht. So, wie es der HSV generell versucht. Auch deshalb versuchen die Verantwortliche Ulreich von außen das maximale Vertrauen auszusprechen.
Fakt ist allerdings auch, dass der HSV insgesamt stabil wirkt. Selbst gestern, als man in der zweiten Halbzeit nicht mehr so ins Spiel nach vorn fand, stand man defensiv sicher. Ein Bakery Jatta, dabei bleibe ich, hätte gestern für Entlastung gesorgt. Aber das ist eben das Beste an dem gestrigen Spiel bzw. an den letzten drei Spielen: Selbst gegen den besten Gegner (zumindest den formstärksten) verliert der HSV nicht – und er hat noch deutlich Potenzial nach oben. Und: Funktioniert die Offensive nicht, kann man sich wie in Düsseldorf auf die Defensive verlassen. Patzt andersrum die Defensive, dann ist die Offensive da – wie zuvor in Braunschweig. Passt mal beides, dann gibt es ein Spiel wie gegen Osnabrück. Mit anderen Worten: Nimmt man die letzten drei Spiele als Bewertungsgrundlage, scheint der HSV die Balance im Team zu finden.
Ob man trotzdem noch einmal auf dem Transfermarkt tätig wird? Offen. Man habe keine Not, betonte Mutzel auch heute wieder. Der Sportdirektor sagte aber auch, dass man den Markt schon noch sehr genau beobachte. Die letzten Leistungen haben ihm in dieser abwartenden Haltung Recht gegeben – dennoch glaube ehrlich gesagt, dass der HSV noch etwas machen wird. Ich glaube, dass man dafür aber so lange wartet, bis alle Parameter (Spieler, Preis, Vertragslaufzeit, sonstige Ablösemodalitäten) wirklich stimmen. Es bleibt also spannend. Und das in jederlei Hinsicht.
In diesem Sinne, bis morgen! Anbei der mal wieder sensationelle musikalische Spielbericht von Elvis. Elvis schafft es, selbst aus diesem eher glanzlosen Spitzenspiel einen Spitzensong zu formen. Chapeau, Elvis!! Und Euch hier viel Spaß beim Zuhören:
Wobei, wenn wir schon dabei sind, noch ein paar Worte in eigener Sache: Denn nachdem das erste FIFA-Orakel von Flo und Joscha so sensationell eingeschlagen hat, haben die beiden gleich das nächste aufgenommen. Wie das ausgegangen ist, das sehr ihr dann morgen! Bis dahin Euch allen einen schönen Abend,
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