Analyse

Es stimmt beim HSV schon sehr viel - mehr als in den letzten Jahren

Der Tag nach dem Sieg beim 1. FC Magdeburg fühlt sich gut an – vor allem, weil dieser Sieg eine Bestätigung dessen war, was man seit Rückrundenbeginn immer dachte, sich aber…

Es stimmt beim HSV schon sehr viel - mehr als in den letzten Jahren

Der Tag nach dem Sieg beim 1. FC Magdeburg fühlt sich gut an – vor allem, weil dieser Sieg eine Bestätigung dessen war, was man seit Rückrundenbeginn immer dachte, sich aber nicht traute, zu laut zu sagen. Mit 20 Punkten ist der HSV die beste Rückrundenmannschaft. Und die Fünfer-Topspielreihe haben Merlin Polzin und seine Mannen mit drei Siegen und einer Niederlage bislang stark gemeistert. Dass man jetzt zwei Wochen Pause hat, sieht man beim HSV sicherlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits würde man diesen Lauf gern weiterführen, andererseits hat man nun Zeit, um Topstürmer Robert Glatzel näher an die notwendigen 100 Prozent Matchfitness heranzuführen. Zudem können alle anderen angeschlagenen Spieler auskuriert werden – allen voran Jonas Meffert, für den ich nicht nur einmal bei euch geworben habe und der aktuell beweist, wie wichtig er für diese Mannschaft ist.

Meffert wurde in Magdeburg aufgrund eines Schlags aufs Knie ausgewechselt, konnte aber heute schon wieder das Auslauftraining absolvieren und Fahrrad fahren. Wirklich Sorgen muss man sich um ihn also eher nicht. „Meffo hatte im ersten Moment das Gefühl, dass er das Pressing nicht mehr so gestalten konnte, wie es heute nötig gewesen wäre“, berichtete Polzin gestern noch auf der Pressekonferenz. „Deswegen haben wir ihn dann rausgenommen.“ Eine Vorsichtsmaßnahme, wie sich heute zeigte.

Gegen Magdeburg musste der defensive Mittelfeldspieler ohnehin nur aus einem Spiel ausgewechselt werden, das für ihn weniger intensiv war als die allermeisten zuvor. Das wiederum lag an seinen Mitspielern, die ihm einen Großteil seiner Arbeit abnahmen – allen voran die drei Top-Defensiven der letzten Wochen: das Innenverteidiger-Duo Elfadli/Hadzikadunic und der zentrale Mittelfeldspieler Ludovit Reis, der mit einem seiner vielen schlauen Ballgewinne auch das 1:0 – und damit den Sieg – einleitete. Der Niederländer ist auf einem sehr guten Weg, wieder der Faktor zu werden, der er vor seiner langen Verletzungspause war. Auch das ist ein Indiz dafür, dass dieses Jahr alles anders laufen könnte als in den vergangenen sechs Saisons in der zweiten Liga.

Aktuell stimmt nicht alles, aber schon sehr viel - mehr als in den letzten Jahren

Es ist sicher noch nicht alles perfekt beim HSV – aber aktuell stimmt vieles. Vor allem die Tendenzen zeigen nach oben: angefangen mit der Formkurve von Reis, über die stabilisierte Defensive bis hin zum Teamspirit und einem Trainerteam, das nicht über populistische Aktionen versucht, Profil zu gewinnen, sondern über Inhalte überzeugt.

Ich hatte es bei Polzins Amtsantritt geschrieben: Dieses junge Trainerteam hat inhaltlich mehr Ideen und taktische Finesse als alle erfahreneren, alten Haudegen zuvor zusammen. Und Polzin macht weiterhin alles richtig. Er verändert sich nicht in seiner Außendarstellung, sondern bleibt so sachlich wie immer. Einige hatten das als „farblos“ oder auch „blutleer“ bezeichnet – ich nenne es weiterhin professionell und erfolgsorientiert. Vor allem lassen sich Polzin und sein Trainerteam nie dazu hinreißen, zu euphorisch zu wirken oder Siege als selbstverständlich zu verbuchen. Im Gegenteil.

Ist euch mal aufgefallen, dass Polzin der erste HSV-Trainer seit Langem ist, der auf Pressekonferenzen und in Presserunden tatsächlich inhaltlich auf die Fragen eingeht? Tim Walter hatte stereotype Plattitüden („Wir bleiben bei uns“, „Wir ziehen unser Ding durch“, „Die Leute kommen wegen unseres Fußballs ins Stadion“ o. Ä.) parat, während Baumgart stets versuchte, die Ahnungslosigkeit der Fragenden herauszustellen und sich dabei vor allem selbst in Szene setzte.

Polzin und Team bieten, was Trainer bieten können müssen: Lösungen

Bitte nicht falsch verstehen: Baumgart ist an sich kein falscher Typ, glaube ich. Er hatte hier auch einen schweren Start, weil er wusste, dass die sportliche Leitung ihn gar nicht wollte, sondern auf Druck reagierte. Ich glaube zudem, dass er vom Typ her ein absoluter Teamplayer ist und eine Mannschaft persönlich für sich begeistern kann. Aber ihm fehlten einfach Inhalte – und vor allem Lösungen. Und genau das unterscheidet gute Trainer von weniger guten.

Diese Lösungen bieten Polzin, Favé und Co. immer wieder an – und die Mannschaft hat schnell gemerkt, dass das junge Trainerteam nicht nur enthusiastisch und akribisch fleißig ist, sondern auch genau weiß, worauf es ankommt. Es werden taktische Kniffe eingebaut, die greifen. Es wird in Spielen auf Spielverläufe mit Umstellungen reagiert, anstatt stur zu behaupten, man müsse nur sein eigenes Ding durchziehen. Oder anders formuliert: Polzin und Co. reden nicht zu viel in der Öffentlichkeit, sie kümmern sich auch herzlich wenig darum, wie sie persönlich wahrgenommen werden, und bleiben authentisch. Stattdessen sind sie selbstbewusst und überzeugt – vor allem aber überzeugen sie die Mannschaft mit Lösungen und Konsequenz (Schonlau auf die Bank, Glatzel nicht im erstbesten Moment reinwerfen, auch Leistungsträger wie Dompé auf die Bank setzen, weil sie zu spät kamen etc.), die Erfolge bringen. Vor allem schrecken sie nicht davor zurück, ihre eigenen Einschätzungen und Ideen zu korrigieren – und stärken so nachhaltig das Vertrauen der Mannschaft in ihre Trainer.

Dass der HSV bzw. dessen sportliche Führung zunächst andere Kandidaten hatte und beispielsweise einen Kwasniok für viel Geld vom SC Paderborn loseisen wollte, ist legitim. Aber es ist ein Stück weit bezeichnend für das, was ich mit „die Tendenzen stimmen“ meinte, dass man hier zu seinem eigenen Glück gezwungen wurde. Ähnlich wie gestern in Magdeburg, wo Davie Selke gesperrt ausfiel und Ransford Yeboah Königsdörffer in ein Spiel reingenommen „werden musste“, das ihm wie auf den Leib geschnitten war. Dass der Angreifer dieses Spiel dann in so imposanter Manier nutzte – es war mit weitem Abstand seine beste Leistung, die ich von ihm beim HSV je gesehen habe –, umso besser!

Es passt einfach zu dem, wie der HSV aktuell nach außen wirkt: stabil, mit einer stetig steigenden Formkurve – wie die von Ludovit Reis, Königsdörffer und der gesamten Mannschaft.

In diesem Sinne: Im nächsten Blog gehe ich auf die „Offensiv-Problematik“ ein, der sich das Trainerteam nun nach der Rückkehr von Glatzel, dessen abgesessener Sperre, dem Gala-Auftritt Königsdörffers sowie der zuletzt erfolgreichen Jokerrolle von Youngster Otto Stange im nächsten Heimspiel gegen den SV Elversberg stellen muss.

Und da lege ich mich jetzt schon fest: Das Trainerteam wird auch das überzeugend hinbekommen.

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