Meinung

Es muss beim HSV wieder mehr um Inhalte gehen

Ich bin immer ein großer Freund der Berichterstattung des Hamburger Abendblattes gewesen. In meiner Jugend hatten wir zuhause das Abendblatt im Abo und ich habe insbesondere…

Es muss beim HSV wieder mehr um Inhalte gehen

Ich bin immer ein großer Freund der Berichterstattung des Hamburger Abendblattes gewesen. In meiner Jugend hatten wir zuhause das Abendblatt im Abo und ich habe insbesondere den Sportteil immer sehr gern darin gelesen. Und das ist auch heute noch so, nachdem ich selbst knapp zwei Jahrzehnte dort als HSV-Reporter gearbeitet und vor allem noch immer viele Freunde dort habe. Unter anderem Kai Schiller, den ich für einen außergewöhnlich investigativen Rechercheur und Reporter halte. Eigentlich wollte ich gestern diesen Blog online stellen. Und in dem Fall wäre es zwingend gewesen, meine ehemaligen Kollegen zu kritisieren.

Nicht, weil Thomas Wüstefeld vor Gericht freigesprochen wurde und sich die Vorwürfe des Abendblattes gerade juristisch auflösen. Vielmehr ging es mir um die monatelang sehr einseitige Berichterstattung in Sachen Marcell Jansen, gegen den in der Zwischenzeit auch zwei Abwahlanträge eingereicht worden sind. Über diese wird am Sonnabend bei der Mitgliederversammlung entschieden. Allerdings haben meine Kollegen heute das gemacht, was zwingend notwendig war: Sie haben auch Jansen Raum für Erklärungen geboten. Dass beide Seiten keine Freunde mehr werden – das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass man in jedem Thema eine ausgewogene Berichterstattung zulässt, um Sachstände vollumfänglich betrachten und dementsprechend auch objektiv beurteilen zu können. Mit dem heutigen Interview, in dem Jansen seine Sicht der Dinge auf alle wesentlichen Themen äußern durfte, ist das zumindest im Ansatz geschehen. 

Ob sich die Berichte des Abendblattes (über Wüstefelds Freisprechungen, positive Jahresbilanz für den HSV e.V., sowie das heutige Interview) nun positiv für den e.V.-Präsidenten auswirken oder nicht, das weiß ich nicht. Das ist mir auch relativ wumpe. Aber ich bin es seit vielen Jahren leid, dass sich Diskussionen wie die über Jansen als Präsident verunsachlichen, weil persönliche Fehden entstehen. Auf Aufsichtsratsebene ist das seit Jahrzehnten der Fall, im Vorstandsbereich nicht minder. Auch wir Journalisten leisten mit Kommentaren und persönlicher Meinung einen Teil, den man nicht unterschätzen darf. Er ist nicht maßgeblich, wie es einige glauben. Aber er sorgt, wie in diesem Fall, auch dafür, dass sich absolut legitime, inhaltlich wertvolle Diskussionen von der sachlichen Ebene verabschieden, wenn sie zu einem persönlichen Streit werden. Denn das wird in den allermeisten Fällen tendenziös. Und gerade in diesem Bereich hat sich das Abendblatt gegenüber dem Boulevard immer als seriöses Medium ausgezeichnet.

Dass um Marcell Jansen eine sehr kontroverse Diskussion entstanden ist, ist dabei unbestritten. Das dokumentieren schon die beiden Abwahlanträge der HSV-Mitglieder Till Hischemöller und Ulrich Becker. Beide sehen in Jansen den Hauptschuldigen für die Unruhen rund um den Vorstand und Aufsichtsrat. Und auch in Sachen Wüstefeld. Ob sich die Meinung dahingehend durch den Freispruch Wüstefelds verändert hat, werden die beiden bei der Vorstellung ihrer Anträge am Sonnabend sicher beantworten, sofern sie gefragt werden. Ansonsten sind ihre Anträge (zumindest der von Hischemöller) aus Sicht der Antragsteller ausführlich argumentiert und so auch nachzulesen. So, wie es sich in einem demokratisch geführten Prozess gehört.

Ich hatte vor einigen Wochen, als mir bekannt wurde, dass Hischemöller diesen Antrag einreichen würde, den Anwalt über seine Kanzlei kontaktiert. Als er mich zurückrief, sprachen wir über seine Beweggründe nur bedingt, da er mich auf den Veröffentlichungstermin seines Antrages verwies. Wir vereinbarten einen zweiten Termin, der kurz vor der Mitgliederversammlung sein sollte, um den Status Quo noch mal abfragen zu können. Und diesen Anruf erhielt ich gestern. Wieder sehr sachlich und ruhig. Und mit einer ganz wichtigen Aussage zu seinen Beweggründen: „Es ist meine feste Überzeugung, dass Marcell Jansen seinem Amt nicht gewachsen ist“, so Hischemöller, ehe der wichtigste Satz kam: „Dieser Antrag ist ausschließlich meiner persönlichen Beurteilung geschuldet. Ich vertrete hier keine interne Gruppierung oder gar Partei innerhalb des HSV.“ Es ginge ihm ausschließlich darum, den HSV besserzustellen.

Natürlich habe ich in der Zwischenzeit auch mit Marcell Jansen Kontakt gehabt. Und die Tatsache, dass der den allermeisten Vorwürfen, die ihm gemacht werden, inhaltlich widerspricht, ist nur logisch. Aber, was mir bei beiden Gesprächen gefallen hat, ist die jeweilige Überzeugung bzw. die Motivation, etwas Besseres für den HSV zu wollen. Auf der einen Seite Hischemöller (und Becker, den ich nicht gesprochen habe), der die Lösung in einem stärkeren Präsidium sieht. Auf der anderen Seite Jansen, dem man nicht nachsagen kann, populistisch zu handeln, wie sein Festhalten im Fall Wüstefeld und sein Widerstand gegen Klaus Michael Kühne zeigen.

Ob das richtig ist, muss jeder für sich bewerten. Aber Fakt ist: Beides tat er im Wissen, dass es gefährlich werden könnte. Beides könnte ihm zum Verhängnis werden. „Hier geht es nicht um mich. Hier geht es um den HSV. Das ist die Grundlage aller Entscheidungen, die wir gemeinsam in den Gremien fällen“, sagt Jansen, der unverändert motiviert seinem Amt als Präsident nachkommen will – sofern die Mitglieder das wollen. Und genau diese Frage steht am Sonnabend zur Abstimmung an.

Ich persönlich habe kein Stimmrecht, weil HSV-Reporter meiner Meinung nach keine HSV-Mitglieder sein sollten. Ich habe aber diesen Blog gegründet, weil ich komplett frei bewerten möchte. Ich möchte mich zu Themen äußern, die den HSV betreffen. Deshalb auch der heutige Blog, in dem ich noch einmal dafür sensibilisieren wollte, sich mit der Thematik Jansen ganzheitlich zu beschäftigen. Mehr dazu dann morgen. Dann nach einer hoffentlich sachlichen, fairen und vor allem einmal nachhaltigen Mitgliederversammlung.

In diesem Sinne,

Scholle

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