Es ist unwichtig, wer vorher Favorit ist
Zwei 3:0-Siege in Serie, drei Spiele ohne Gegentor: Vor dem ersten Zweitliga-Nordderby gegen den HSV blickt Nordrivale Werder Bremen mit neuem Selbstbewusstsein auf diesen…

Zwei 3:0-Siege in Serie, drei Spiele ohne Gegentor: Vor dem ersten Zweitliga-Nordderby gegen den HSV blickt Nordrivale Werder Bremen mit neuem Selbstbewusstsein auf diesen Fußball-Klassiker. „Nach den vergangenen Monaten hat sich die Stimmung etwas gedreht“, sagte Werder-Trainer Markus Anfang heute. „Wir haben jetzt die Chance, sehr viel Kredit zurückzuholen. Wir sind auf dem Weg, gemeinsam durch die Saison zu gehen“, so Anfang, der nachlegte: „Der HSV ist eine gestandene Zweitliga-Mannschaft und ist gereift.“ Vor allem aber ist der HSV selbst gewillt, mit dem Nordderby einen Schritt Wiedergutmachung herzustellen.
Und dabei könne die Niederlage im Stadtderby sogar behilflich sein. Glaubt zumindest HSV-Trainer Tim Walter, der heute im Interview mit der Mopo sagte: „Wir wissen: Es wird ein gei- les Spiel. Und um zu dem Punkt Erfahrung zurück zu kommen: Ich denke, dass das verlorene Derby bei St. Pauli uns diesmal sogar helfen kann. Weil die Jungs da gesehen haben, wie so ein Derby funktioniert.“
Beim HSV ist Bakery Jatta übrigens der einzige Profi, der schon mal ein Derby mit dem HSV gegen Werder bestritten hat. Für alle anderen ist das Nordduell Neuland. Die Vorbereitung verlaufe wie immer, meinte Walter. „Wir wissen um die Brisanz dieses Spiels. Wir wissen genau, welche Bedeutung dieses Spiel bei Zuschauern hat.“ Hoffen wir mal, dass Walter Recht hat.
Der stand uns heute wieder Rede und Antwort. Und wer sich das heute noch einmal anschaut und vor allem anhört, der wird eines bemerkt haben: Der HSV hat es irgendwie noch immer nicht drauf, den Leuten ein konkretes Bild von der eigenen Mannschaft zu geben und Ansprüche klar zu formulieren. Man macht sich klein, wenn es gebraucht wird. Und größer, um den Außenstehenden zu signalisieren, dass man sehr wohl größere Ambitionen habe. Herauszuhören war das heute bei dem Hin und Her von Walter, als er darauf angesprochen wurde, mit Werder auf Augenhöhe zu sein.
Werder sei Dritter, habe noch mal personell nachgelegt und sei zudem mit einem Heim spiel im Vorteil, sagte Walter, um dann zu relativieren, dass das einige Außenstehende so sehen könnten und würden. Also er nicht… Und versteht das bitte nicht falsch! Ich erwarte nicht, dass Walter sagt: „Wir sind die Besten und nach uns kommt lange gar nichts“ – ganz im Gegenteil. Ich finde es gut, wenn er seiner Mannschaft alles zutraut – aber eben nicht alles voraussetzt. Ich verstehe nur dieses Zurechtbiegen der Tatsachen nicht. Vor allem nicht von Tim Walter, der eher bekannt ist für seine klare Kante…
Dass sich heute mal wieder ein Ehemaliger zu Wort meldet – es liegt ja nicht an den Ehemaligen. Sie werden gefragt, um Stoff für Geschichten zu liefern. Ich habe dieses Jahr darauf verzichtet, weil es mich irgendwie langweilt, immer wieder in der Vergangenheit herumzufischen. Aber Martin Harnik, der heute in zwei Zeitungen zeitgleich zum Interview gebeten worden war, hat zumindest einen interessanten Ansatz geliefert, woran die Sturmflaute beim HSV, oder besser gesagt: die mangelhafte Chancenverwertung liegen könne. Er sprach dabei über den Walter’schen Spielstil, der ihm zwar gefalle, der aber eben auch sehr laufintensiv für die Angreifer sei. Zitat Harnik über Walter und die Angreifer:
„Der Spielstil gefällt mir sehr. Er ist sehr intensiv. Er muss es schaffen, dass die Offensiv-Spieler nicht jedes Mal Puls 180 haben, wenn sie eine Torchance haben. Sie müssen viel anlaufen, zu Zielen.“ sprinten, Bälle gewinnen – das kostet viel Kraft. Es ist ein Unterschied, ob du mit Puls 120 oder 180 abschließt. Mit hohem Puls bist du nur noch froh, dass du den Ball aufs Tor bekommst. Das ist die Krux: Du kannst mit der Spielweise zwar dominant sein, aber die Präzision leidet. Ich war in Stuttgart bei Alexander Zorniger bei Puls 200 und hatte dadurch große Schwierigkeiten vor dem Tor. Die Spieler dürfen nicht im roten, sondern nur im orangenen Bereich sein.“
Walters Antwort zusammengefasst: Harnik ist nett – aber er liegt falsch. „Ich mag Martin. Ich schätze ihn. Aber ich bin ja ein komplett anderer Trainer als Zorniger. Wir spielen natürlich alles mit Ball oder sehr viel mit Ball – er kommt aus der Leipziger Schule und arbeitet eher gegen den Ball. Dass du da intensiv bist und im Puls wahrscheinlich übertreibst, das ist ja nicht so, wenn du den Ball hast und dann eher bisschen runterfährst. Der Puls wird ja nicht dadurch hochgefahren, dass wir extrem gegen den Ball arbeiten. Wir sind sehr intensiv gegen den Ball, aber wir jagen ja nicht nur so wie jetzt Red Bull Leipzig oder Red Bull Salzburg in ihren Höchstzeiten, sondern wir spielen ja mehr mit Ball.“
Und obgleich sich mir Harniks Argument auf den ersten Block erschloss, spricht die Statistik dagegen. Zumindest ist Ducksch im letzten Spiel knapp einen Kilometer mehr gelaufen als Glatzel, der Bremer hatte sieben Torschüsse (drei mehr als Glatzel) und 44 Ballkontakte – Glatzel dagegen nur 25. Mit anderen Worten, Ducksch hatte deutlich mehr Anteil am Bremer Spiel als Glatzel am Hamburger. Und trotzdem traf Ducksch doppelt so oft in dieser Saison. Mit vier Treffern in vier Partien hat er bislang ein 100-Prozent-Quote für Werder, während Glatzel es auf zwei Treffer in sechs Partien für den HSV bringt.
Sicher ist in dieser Diskussion also nur: Der HSV hat lange nicht mehr den/die besten Knipser der Liga. Und Werder hat ihn auch nicht. Ein gewisser Terodde (sieben Tore in sechs Spielen) ist noch effektiver… Aber der HSV soll ja eh unausrechenbarer werden. Dazu zählt auch, wenn neben den Angreifern auch aus den anderen mannschaftsteilen Spieler torgefährlich werden. Wie beispielsweise Moritz Heyer. Und: Insgesamt hat Werder auch nur ein Tor mehr geschossen.
Nein: Ich bleibe dabei, dass der HSV und Werder vielleicht nominell in Sachen Kaderwerte und Erstliga-Erfahrung Vorteile hat – aber erstens ist man in der Zweiten Liga, und zweiten hatte der HSV das alles in den letzten Jahren auch. Nur genützt hat es ihm nicht viel. Von daher: Alles Theorie. Und auch wenn das jetzt Geld fürs Phrasenschwein bedeutet: Wer wirklich besser ist, wer die bessere Taktik und die bessere Einstellung hat – das alles entscheidet sich auf dem Platz. Und zwar am Sonnabend in Bremen zwischen dem Anpfiff um 20.30 Uhr und dem Schlusspfiff. Und darauf freue ich mich.
Spannende Gäste auf der Auswärtscouch!
Auch, weil wir am Sonnabend auf der Auswärtscouch spannende Gäste begrüßen können: Nämlich das „Team Bester“. Marinus Bester, der selbst bei Werder und dem HSV als Profi spielte sowie Philip Wenzel (Friday-for-Future-Aktivist) sind schon sicher dabei. Ob die Dritte im Bunde, Para-Kanutin Edina Müller, auch kommt, entscheidet sich zwar erst noch. Aber egal wie, es gibt genügend Gesprächsstoff und vor allem ein Spiel, auf das wir uns freuen dürfen.
Apropos: In Bremen nicht zur Verfügung steht erneut Ersatztorhüter Tom Mickel. Nach auskurierter Schulterverletzung wurde beim 32 Jahre alten Keeper nunmehr eine Verletzung in einem angrenzenden Bereich festgestellt. Deshalb ist Mickel am Donnerstag an der Schulter operiert worden. Die Ärzte gehen von einer mehrwöchigen Pause aus, während auf Bremer Seite die Einsätze von Kapitän Ömer Toprak, Neuzugang Mitchell Weiser (beide muskuläre Probleme) sowie Stürmer Marvin Ducksch (krank) offen sind. „Wichtig ist, dass sie bei 100 Prozent sind, um ihre Leistungen abrufen zu können“, sagte Anfang, der aber davon ausgeht, dass Ducksch spielen kann.
Und bevor ich diesen Blog beende, noch ein Tipp: Das Tippspiel ist für alle Blog-Mitglieder ab sofort freigeschaltet. Zudem hat unser IT-Admin Janik die Tippergebnisse der Vorwoche ausgewertet. Ab Montag werden wir dann eine aktuell und gültige Tipprangliste haben. Frei dem Motto: Was lange währt…
In diesem Sinne, bis morgen!
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