Es ist nicht überraschend - aber notwendig
Ehrlich gesagt habe ich damit gerechnet, dass gepöbelt wird. Und das ist auch nicht schlimm, weil Fans eben nicht wirklich gewillt sind, kritisch zu argumentieren. Fans…

Ehrlich gesagt habe ich damit gerechnet, dass gepöbelt wird. Und das ist auch nicht schlimm, weil Fans eben nicht wirklich gewillt sind, kritisch zu argumentieren. Fans verteidigen Ihr Team oft auch über alle Vernunft hinaus. Und trotzdem versuche ich noch einmal, diese Diskussion anzunehmen. Leider ist immer auch Verunsachlichung ein Stilmittel, das genommen wird, wenn der HSV inhaltlich attackiert wird. Bei Facebook waren sogar welche dabei, die behauptet haben, ich würde jetzt mit dieser kritischen Sichtweise auf das Spielsystem Walters jetzt anfangen. Dabei habe ich an meiner Argumentation seit Walters erstem Spiel bis heute de facto nichts geändert.
Im Gegenteil: Die Ergebnisse der letzten zwei Jahre haben mich in meiner Meinung und meiner Vorhersage bestätigt. Aber sie haben mich eben auch hoffen lassen, dass auch Walter seine Schlüsse ziehen würde. Jetzt, wo er öffentlich ankündigte, das eben nicht zu tun, habe ich das so geschrieben. Weil mir das Sorgen bereitet, wenn ich die bevorstehende Saison blicke. Ob ich Walter mag oder nicht (ich mag ihn) ist dabei ebenso unwichtig wie die Frage, ob Walter den Blog liest oder nicht. An der Diskussion ändert beides inhaltlich absolut gar nichts.
Ich habe sowohl im letzten Jahr als auch in der Saison davor geschrieben, dass Walters Art dem HSV aktuell sehr hilft – er sich aber mit seiner eindimensionalen Spielweise, an der er nichts ändern will, selbst im Weg steht für mehr. Wobei hier ein wesentlicher Faktor hinzukommt, denn er steht so nicht nur sich selbst im Weg, sondern auch dem erhofften Erfolg seines Arbeitgebers HSV, dem er alles unterordnen sollte: dem Aufstieg.
Ich werde heute ein paar Kommentare zitieren und diese kommentieren, um meine Sicht zu verdeutlichen und um einige Dinge auch denen klarzumachen, die offenbar nicht regelmäßig den Blog lesen. Los geht’s mit „Fußballtrainer“, der schrieb:
Offenbar fängt Scholle jetzt an den Pestern nach dem Mund zu reden, damit der Blog interessant bliebt und die Pester immer oben auf.
Nein, ich habe in dem Blog nichts geschrieben, was ich nicht auch nach der Saison 2021/22 und 2022/23 geschrieben habe. Da ist von „Pesten“ nichts zu erkennen. Im Gegenteil: In beiden Jahren habe ich Walters Art grundsätzlich gelobt, dabei aber die eindimensionale Taktik kritisiert. Beide Male habe ich geschrieben, dass Walter nicht mal viel ändern – aber wenigstens kleine Schwachstellen nachjustieren müsste.
Ermüdend dieser Blog und Kommentare!
Wenn die Spieler im Mittelfeld und in der Verteidigung schlafen passieren Gegentore.
Auch Plan B hätte dabei nicht geholfen!
Eine Entlassung des gesamten HSV wäre nach dem Blog und den Kommentaren die sinnvollste Lösung.
Nein. Reflexion und Entwicklung reichen.
Dabei ist Fachleuten ziemlich klar:
Das ist seit 6 Jahren die beste HSV-Mannschaft, das zuverlässigste Trainerteam und ein ziemlich geerdetes Führungsgremium.
Ist das so? Auch ich halte das Trainerteam für fähig – allein der Wille zur Selbstreflexion und zur Weiterentwicklung fehlt.
Derzeit stimmt alles beim HSV!
Nein, das wird nie so sein – gibt es aber auch sonst nirgends. Es ist immer Verbesserungspotenzial vorhanden.
Das sieht man am ausverkauften Stadion und dem wirtschaftlichen Erfolg und das ist derzeit die Messlatte!
Nein, definitiv nicht. Allein daran sieht man es nicht. Der Zuschauerzuspruch hat nicht zwingend zu bedeuten, dass alles perfekt läuft. Und die wirtschaftliche Seite ist nicht die Messlatte – sondern der sportliche Erfolg gepaart mit der wirtschaftlichen Solidität. Der Anspruch an die Entscheidungsträger war, ist und bleibt der Aufstieg in die Erste Liga. Im Optimalfall ohne neue Schulden.
Nur der HSV!
Alles richtig gemacht!
Stefan Peters (bei Facebook):
„Die individuellen Fehler sind also dem System geschuldet oder verstehe ich es verkehrt?
Ja, das tust Du. Stellvertretend für einige andere Kommentare, antworte ich Dir hier auch: Meine Kritik am System beschränkt sich nicht auf das Essen-Spiel, sondern erstreckt sich über die gesamte Laufzeit Walters beim HSV. Ich habe diese Kritik eben nicht bei Niederlagen, sondern auch bei Siegen geäußert. Zuletzt hatte ich beim begeisternden 5:3-Sieg gegen Schalke angemahnt, dass die Defensivleistung so nicht ausreichend ist. Und genau darum geht es mir: Kritik muss übergreifend gelten und darf nicht allein an Siegen und Niederlagen festgemacht werden. Es geht bei mir immer um die Tendenzen, dien Entwicklungen des Teams.
Ich hoffe Tim Walter lässt sich nicht verbiegen und die Jungs konzentrieren sich etwas mehr. Und an den Blogschreiber möchte ich die Worte richten „Einfach mal versuchen sachlich zu bleiben und nicht den kritischen Fan raushängen lassen.“
Aber noch einmal deutlich: In diesem Fall geht es mir darum, deutlich zu machen, dass Walter mit seiner sturen Sicht nicht das erreichen wird, was er erreichen könnte. Die Wahrscheinlichkeit, mit der „lieber 5:4 als 1:0 gewinnen“-Einstellung in eine Saison zu gehen, geht selten bis nie gut. Und wenn der HSV am Saisonende doch etwas schafft, dann „trotzdem“ und nicht „deswegen“.
Meine Bewertungen sind entweder gekennzeichnet für dieses eine Spiel (an Spieltagen) oder eben weitergreifende Bewertungen von Entwicklungen. Auch ich bin ein großer Freund von Konstanz und Festhalten an Ideen und Maximen. Aber diese so oft zitierte „Konstanz“ darf eben nicht verwechselt werden mit Sturheit und Beratungsresistenz. Im Gegenteil: Diese Konstanz, die Walter hier erfährt, sollte er als großes Privileg empfinden! Dieses vertrauensvolle Festhalten seitens des Vorstandes an seiner Person ist in der Branche selten und sollte gerade ihm die Sicherheit geben, seinen eigenen Weg immer wieder nachjustieren zu können und zu entwickeln. Auch auf die Gefahr hin, dass dies dabei mal schiefgeht. Dass gerade Walter, der von seinen Vorgesetzten schier restloses Vertrauen genießt, diese Entwicklung, diesen Versuch zur Verbesserung so vehement verweigert, ärgert mich. Denn es könnte ungeahntes Potenzial freisetzen.
Aber im Grunde ist es wie bei einem talentierten Fußballer: Wenn der Kopf nicht stimmt, können die Füße das nicht ausgleichen. Diese Talente können mal überragend sein – aber auf Dauer entscheidet eben doch immer der Kopf darüber, welche Talente es nach ganz oben schaffen – und welche eben nicht. Ich habe hier schon tolle Talente gesehen, die es nicht mal in die Stammelf geschafft haben, weil sie einfach nicht lernen wollten. Weil sie dachten, die könnten schon alles. Aber diesen Spieler gab es nie – und wird es nie geben.
Gleiches gilt für Trainer.
Apropos Defensive: Trainer Tim Walter wird auch am Sonnabend gegen Hertha BSC wieder auf seinen Kapitän Sebastian Schonlau verzichten müssen. Der Abwehrchef soll zwar in den nächsten Tagen immer weiter ins Mannschaftstraining einsteigen, die Partie gegen den Absteiger kommt aber noch zu früh. Währenddessen zeichnet sich der Wechsel von Daniel Elfadli zum HSV ab. Der Sechser des 1. FC Magdeburg hat seinen Wechselwunsch noch mal deutlich bei Trainer Christian Titz und dem FCM-Vorstand hinterlegt. Und ich erinnere mich an verschwinden geringe Wechselsituationen wie diese, an deren Ende der Spieler doch noch bei seinem Klub geblieben ist.
In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend. Ich melde mich am Donnerstag wieder bei Euch. Bis dahin,
Scholle
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