Meinung

Es fehlt der klare Plan beim HSV

Es wird sehr viel umgebaut. So heißt es. Und das wird mit einer Überzeugung gesagt, dass der Gegenüber eigentlich denken muss: „Mann, endlich geht’s los!“ Denn es stimmt ja…

Es fehlt der klare Plan beim HSV

Es wird sehr viel umgebaut. So heißt es. Und das wird mit einer Überzeugung gesagt, dass der Gegenüber eigentlich denken muss: „Mann, endlich geht’s los!“ Denn es stimmt ja auch in vielen Teilen noch nicht so, wie man es sich vor der Saison versprochen hatte. Im Jugendbereich wirbelt Horst Hrubesch gerade mächtig und tauscht neben Trainern auch den Chefscout im Nachwuchs aus. Sebastian Harms, der beim HSV schon als Urgestein gilt, muss gehen. Rechtlich sorgt das für Ärger, aber wahrgenommen wird es als „richtig“, weil der HSV in den letzten Jahren nicht genügend Profis selbst entwickelt hat. 

Dass heute bekannt wurde, dass der Vertrag mit Mo Kwarteng nicht verlängert wird und dass Stürmer Robin Meißner noch immer nicht seinen Profivertrag erhalten hat – es passt so ein bisschen zum Bild, dass der HSV in Sachen Nachwuchs seit einigen Jahren (um nicht Jahrzehnte zu schreiben) schon abgibt. Die Frage aber ist für mich: Warum ist ein so radikaler Schnitt auf allen (sportlichen) Ebenen denn schon wieder nötig? Oder: Warum immer noch? Antwort: Weil niemand die Zeit bekommt, etwas zu entwickeln. Es werden immer zwei Schritte nach vorn genommen – um dann schnell wieder alles auf Null zu stellen und mit neuen Leuten in eine neue Richtung zu gehen. Und das hat der  Nachwuchs längst nicht exklusiv. Dieser neuerliche Radikalumbruch  ist für alle ein schwaches Zeugnis.

Die Trainerfindung deutet Planlosigkeit an

Allein die Trainerfindung hat zuletzt gezeigt, dass man von dem eigenen Weg irgendwann enttäuscht war. Zuerst aktivierte man den experimentierfreudigen Christian Titz, der mit neuartigen Methoden schnell die Verantwortlichen überfrachtete. Er wollte das komplette Spielsystem beim HSV umbauen, alteingesessene Spieler trotz laufender Verträge gegen junge, hungrige Spieler austauschen. Einiges davon war wirtschaftlich nicht umsetzbar – noch deutlich mehr aber war zu experimentell für die Verantwortlichen. Und während Spieler wie Aaron Hunt von Titz schwärmen, durfte der Typ „drastischer Umbau“ nur ein paar Monate bleiben.

Auf ihn folgte der etwas erfahrenere Entwickler und selbst ernannte moderne Konzepttrainer Hannes Wolf, der zunächst sogar das Titz-Modell übernahm – dabei aber das riskante im Spiel herausnahm. Der eher introvertierte Wolf funktionierte so lange, wie die Mannschaft funktionierte. Für Veränderungen bzw. für Reaktionen auf die zunehmenden sportliche Probleme fehlte ihm die inhaltliche und geistige Flexibilität. Und durch die wiederum daraus entstehende zunehmende Unsouveräenität verlor er das Vertrauen der Mannschaft zunehmend. Bis auch er gehen musste.

Auf Hannes Wolf wiederum folgte der alte, erfahrene Erstligatrainer Dieter Hecking. Dass er kein Entwickler war, das wussten alle. Der knurrig-dominant auftretende Trainer sollte dem Team mehr Halt geben, sich vor die Mannschaft stellen und mit seiner Erfahrung ein aufstiegsreifes Team zum Aufstieg moderieren. Um dabei nicht ganz den Weg des neuartig-modernen Fußballs zu verlassen, wurde ihm Tobias Schweinsteiger an die Seite gestellt. Und auch das funktionierte eine Halbserie – kaum länger. Denn Hecking war stur, spielte sein System in allen Situationen und war so leicht ausrechenbar für die Gegner. Dass er souverän wegmoderierte, was in die falsche Richtung lief, machte es kaum besser. Aber es erhielt ihm den Job bis Saisonende. Danach war aber auch für ihn Schluss.

Von Experiment über Konzepttrainer zum alte Hasen

Denn die Verantwortlichen um Sportvorstand Jonas Boldt wollten etwas Neues, etwas Anderes installieren und holten den empathischen Typen Daniel Thioune, der für seine spielerische Flexibilität bekannt war und als aufstrebender, junger Trainer gilt/galt. Und wieder: Es funktionierte. Das Team um Thioune begeistert mit offensivem Fußball, taktischer Variabilität – und als Tabellenführer. Wo und wann genau der Trainer die Mannschaft oder die Mannschaft den Trainer verlor auf diesem Weg – schwer zu sagen. Für mich ging es mit dem 3:3 in Aue los. Andere behaupten, dass  das 3:3 in Hannover sei der entscheidende Bruch gewesen. Trotz allem aber waren die Offiziellen von Thioune als Trainer überzeugt und hielten an ihm fest – was ich gut fand.

Denn es gab eigentlich nur ein „entweder / oder“. Also entweder alles auf eine Karte setzen und den Trainer austauschen – oder eben an ihm festhalten endlich mal einen Weg weitergehen. Leider machte man statt „entweder/oder“ ein „weder/noch“. Denn  man wechselte – aber das zu spät. Aus meiner Sicht – und das sage ich mit allerhöchstem Respekt vor der Übergangslösung Horst Hrubesch - war der Zeitpunkt einerseits zu spät für einen Trainerwechsel, da der Aufstieg zumindest schon unwahrscheinlich geworden war. Zum anderen verpasste man es, aus dem Versäumnis eine Chance zu kreieren und das Band zum Trainer so zu stärken, dass er als starker Mann in die neue Saison hätte gehen können. Man hätte tatsächlich seinen Weg weitergehen und auf alles Gute aufbauen können, während man aus den Fehlern lernt. Also das macht, was man am Anfang der Saison noch angekündigt hatte. Zumindest hätte man es meiner Meinung nach machen müssen, da man nach eigener Aussage „noch immer total überzeugt“ vom Trainer war.

Die Wahl Tim Walter verwirrt zunächst

Aber noch verwirrender für mich ist, dass man Thioune (bzw. Hrubesch) jetzt vom Hardliner Tim Walter ersetzt. Eine stringente Linie in der Trainerauswahl ist für mich zumindest absolut nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Auch hier wird aufgebaut und eingerissen. Immer und immer wieder. Und das halte ich für einen dramatischen Fehler. Zumindest zeigt es mir, dass man auf Ebene der sportlichen Führung keinen klaren Plan hat, den man verfolgt. Vielmehr versucht man Dinge aus. Wobei Walter schlichtweg den Spielern Feuer machen soll – wofür er durchaus bekannt ist. Mal sehen, ob wenigstens das funktioniert. 

Ich werde auf jeden Fall mein nächstes Gespräch mit Boldt und Co. dafür nutzen, um nach dem Plan zu fragen, den man hier verfolgt. Denn der fehlt mir. Im Rückblick ebenso wie aktuell. 

In diesem Sinne, bis morgen!

Scholle

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