Analyse

Erster gegen Zweiter: Das Stadtderby ist mehr als ein Trainerduell

Freunde werden Fabian Hürzeler und Tim Walter in diesem Leben wohl nicht mehr. Daraus machen weder der Trainer des FC St. Pauli noch HSV-Coach Tim Walter vor dem 110.…

Erster gegen Zweiter: Das Stadtderby ist mehr als ein Trainerduell

Freunde werden Fabian Hürzeler und Tim Walter in diesem Leben wohl nicht mehr. Daraus machen weder der Trainer des FC St. Pauli noch HSV-Coach Tim Walter vor dem 110. Stadtderby am Freitag im Millerntorstadion einen Hehl.  Und das müssen sie auch absolut nicht. Lediglich den vernünftigen Umgangston müssen beide als ihren eigenen Anspruch in das Stadtderby am morgigen Freitag mit einbringen – und einfordern dürfen. Und das machen sie auch. Er habe nicht nur Respekt vor Walter aufgrund seiner Persönlichkeit, „sondern auch aufgrund seiner Arbeit“, legte der 30-jährige Fabian Hürzeler vor und betonte: „Es ist natürlich keine Freundschaft. Daraus muss ich kein Geheimnis machen.“ Walter selbst ließ das alles ruhig antworten: „Das kann ich bestätigen.“

Wobei – und das nur noch einmal kurz zur Erklärung - beide Coaches auf weit zurück liegende Begegnungen ansprechen, die sich damals noch in der Regionalliga Bayern vor sechs Jahren abspielte. Damals war Hürzeler als Spielertrainer des FC Pipinsried mit Walter als Trainer des FC Bayern München II derart aneinandergerieten, dass das Verhältnis seither belastet ist. Etwas jünger ist dagegen das Aufeinandertreffen der beiden Trainer beim letzten Stadtderby im April im Volksparkstadion. Damals soll Walter provokativ vor der Bank Hürzelers den 4:3-Sieg gefeiert haben. Der Satz Walters, „Ich finde, dass er das in seinem Alter entsprechend gut macht“ war dann wieder nicht so wirklich glücklich. Aber: die beiden finden sich eh nicht gut. So what…?

Entscheidender aus meiner Sicht ist bei der Betrachtung der beiden Trainer, wie sie sich zusammen mit ihrer Mannschaft entwickeln. Und da ist Hürzeler aktuell vorn. Seit Walters junger Kollege vor knapp einem Jahr vom Assistenz- zum Cheftrainer befördert wurde, ging es mit der Mannschaft des FC St. Pauli nur noch bergauf. Inzwischen ist man nach 71 Punkten im Jahr 2023 auch zurecht Tabellenführer. In 31 Ligaspielen holte der Nachfolger von Club-Ikone Timo Schultz 21 Siege und kassierte nur zwei Niederlagen. Die letzte wie schon erwähnt im April in einem engen, umkämpften Stadtderby. Nachdem man immer wieder zwischen Abstiegszone und besserem Mittelfeld gependelt ist, hat Hürzeler in etwas weniger als einem Jahr ein stabiles Gebilde gebaut. Ausschläge nach unten wie beim HSV gab und gibt es aktuell nicht.

Komplimente bekommt Hürzeler in Massen. Wirklich annehmen will er sie noch nicht. Sagt er zumindest. Demnach auch nicht vom Ex-HSV- und Pauli-Trainer Willi Reimann: „Der FC St. Pauli hat unter Hürzeler eine super Entwicklung genommen. Das ist kein Lauf, sondern das hat einen Plan, ein Fundament. Für so einen jungen Trainer ist das außergewöhnlich, das muss man einfach so sagen.“ Warum ich hier immer wieder von Hürzeler bzw. vom Stadtrivalen spreche, wenn es um das Thema Stabilität und Entwicklung geht, dürfte sich anhand dieser Zahlen leicht erkennen.

Noch leichter erkennbar ist das jedoch auf dem Platz bislang. Hürzeler hat die Mannschaft auf ein anderes Level gehoben. Während man beim HSV Tim Walter schon zum „Bessermacher“ ernannte, trifft dies auf Hürzeler zu. Spieler wie Mittelfeld-Dauerläufer Marcel Hartel oder Stürmer Johannes Eggestein stehen beispielhaft dafür. „Man kann gar nicht sagen, dass wir eine erste und zweite Reihe haben. Wir sind mittlerweile auf einem Niveau. Da kann jeder spielen», meinte Eggestein vor einigen Wochen. Es herrsche „ein positiver Konkurrenzkampf“.  Und der führte dazu, dass aus der einstigen Kämpfermannschaft ein fußballerisch extrem starkes Zweitligateam wurde.

„Mir sind Werte wie Demut und Bescheidenheit sehr, sehr wichtig», sagt Hürzeler, der als Sohn eines Schweizer Zahnarztes und einer Deutschen als Spieler selbst schon sehr früh Verantwortung übernahm. Und, wie ich aus eigener Erfahrung berichten kann, Hürzeler war einer der Spieler, die man als Gegner hasst – und als Mitspieler liebt. Eine so genannte „Drecksau“, also einer, der wirklich jedes Stilmittel draufhatte, um zu gewinnen. Und so präsentiert er sich inzwischen auch als Trainer – allerdings deutlich ruhiger. Gemäßigter. „Ich habe in meinem ersten Jahr als Cheftrainer sehr viel gelernt, und das in allen unterschiedlichen Bereichen“, sagt Hürzeler. Er müsse als Vorbild vorangehen, um die Leute hinter sich zu bringen und ihnen eine Wertschätzung zu geben. Sätze, die so auch von Walter kommen könnten.

Allerdings ist Walter seinem jüngeren Kollegen in einem Punkt ein Stück voraus: Er hat schon Krisen hinter sich. Ein Szenario, das Hürzeler noch nicht hatte. Und genau darum muss es Walter und seiner Mannschaft am Freitag gehen: Den FC St. Pauli vor unbekannte Probleme stellen und die Stadtrivalen am besten über die vollen 90 Minuten in den Krisenmodus zu versetzen. Die Frage hierbei ist nur, inwieweit die Auswärtskrise beim HSV in einem solchen Spiel aus den Köpfen der Spieler zu streichen ist. „Ein Stadtderby hat nichts mit dem Vorangegangenen zu tun. Das Spiel steht für sich“, hob Walter die Außergewöhnlichkeit des Derbys in den Vordergrund. Und ich glaube, das ist der einzig gangbare Weg vor diesem Derby. 

Zumal das Spiel in dem gerade einmal sieben Kilometer vom Volkspark entfernten Millerntorstadion gar kein richtiges Auswärtsspiel ist. „Wenn wir in Hamburg spielen, geht es nicht darum, von einem Auswärtsspiel zu reden, sondern von einem Derby“, sagte Walter etwas kryptisch, um hinzuzufügen: „Und da ist einfach nur wichtig, dass man Emotionen und Willen zeigt - und trotzdem einen kühlen Kopf bewahrt.“ Etwas, was ihm am Rand nicht liegt.

Und etwas, bei dem Ignace van der Brempt schon helfen könnte. Zumindest ließ Walter den zuletzt verletzten Rechtsverteidiger im Training in der Viererkette neben den Innenverteidiger Ramo und Ambrosius sowie Linksverteidiger Miro Muheim ran. Ebenfalls wieder dabei war Sebastian Schonlau, der für die Startelf eher noch nicht in Frage kommt, aber durchaus Chancen hat, wieder in den Kader zu rücken.

Und während Ransford Königsdörffer wenig überraschend den gesperrten Bakery Jatta ersetzen dürfte, wird es aus meiner Sicht vor allem darauf ankommen, wie sich der HSV im Mittelfeldzentrum defensiv präsentiert. Zuletzt hatten hier Laszlo Benes und Immanuel Pherai vor Jonas Meffert mit diesem zusammen wenig Stabilität geliefert. Und offensiv war das auch viel zu wenig. Auch deshalb dürfte Tim Walter ernsthaft zu überlegen, den aggressiver spielenden Lukasz Poreba erstmals in die Startelf zu berufen.

In diesem Sinne, egal wer morgen für den HSV aufläuft, er wird mitverantwortlich dafür sein, ob der HSV dieses Jahr positiv beenden kann, oder ob es weiter Diskussionen um Trainer Walter und dessen Entwicklung gibt. Vor allem aber können sie alle ihre Anhänger extrem glücklich und stolz machen…!

Bis morgen nach dem Spiel. Dann wieder mit einem (hoffentlich sehr erfreulichen) Blitzfazit!

Scholle

P.S.: Und dann hat sich noch Ex-Pauli- und HSV-Profi Bernd Hollerbach bei meinen Kollegen der dpa gemeldet und sich folgendermaßen zum Derby zitieren lassen: „Im Moment wirkt St. Pauli etwas stabiler, sie haben einen guten Lauf. St. Pauli hat einen Heimvorteil. Am Millerntor war und ist es nie einfach. Und der HSV tut sich in der Fremde oft schwerer. Aber es ist schön: Beide Vereine stehen oben. Wobei es bei einem Derby egal ist, ob beide Vereine oben oder unten stehen. Im Derby haben beide Druck. Es ist noch zu früh, um Rückschlüsse zu ziehen, wer im Aufstiegsrennen die besseren Karten hat.“ Na, dann…!

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