Analyse

Entwicklung ja - Belohnung später: Warum der HSV jetzt Leistung statt Verträge braucht

Der HSV hat sich stabilisiert – defensiv deutlich verbessert, taktisch klarer, als Mannschaft reifer. Aber Stabilität alleine reicht nicht. Wer in der Bundesliga bestehen will,…

Entwicklung ja - Belohnung später: Warum der HSV jetzt Leistung statt Verträge braucht

Der HSV hat sich stabilisiert – defensiv deutlich verbessert, taktisch klarer, als Mannschaft reifer. Aber Stabilität alleine reicht nicht. Wer in der Bundesliga bestehen will, muss Spiele auch gewinnen. Und dazu braucht es Tore. Ich finde: Der Weg stimmt, aber jetzt wird es Zeit, ihn zu vollenden. Und gleichzeitig wäre es fatal, in dieser Phase Vertragsgeschenke an Stefan Kuntz zu verteilen. Erst liefern – dann belohnen!

Der HSV befindet sich gerade auf einem schmalen Grat – und das fühlt sich ganz anders an, als es die Ergebnisse vermuten lassen. Fünf Spiele ohne Sieg, nur ein Punkt, dazu ein erneut bitteres 0:1 in Augsburg: Das alles liest sich nach Krise, es ist aber keine. Denn wer genauer hinschaut, erkennt, dass diese Mannschaft nicht stagniert, sondern sich entwickelt. Die Defensive, über Wochen, Monate und Jahre das größte Problem, ist inzwischen stabiler, kompakter und klarer strukturiert. Die Restverteidigung steht besser, die Räume zwischen Angriff und Absicherung werden disziplinierter bespielt, leichte Gegentore aus Umschaltsituationen passieren seltener. Es wirkt nicht mehr wie Zufall, wenn der HSV ein Spiel lange offen hält – es wirkt erarbeitet. Und das ist ein entscheidender Schritt in der Entwicklung dieses Teams.

Erst zu stabilisieren ist richtig - der nächste Schritt ist aber notwendig!

Aber Stabilität ist eben nur die Grundlage. Wer in der Bundesliga bestehen will, muss nicht nur verhindern, sondern entscheiden. Und genau hier hakt es. Offensiv entlastet sich der HSV noch zu selten selbst, die Wege sind da, aber die Konsequenz fehlt. Das Tempo über außen, die Läufe in die Tiefe, der Versuch, mit Dynamik hinter die Kette zu kommen – das alles ist gut angelegt, aber noch nicht sauber zu Ende gespielt. Es reicht nicht, Spiele offen zu halten, man muss sie gewinnen. Und gewinnen kann man nur, wenn man trifft. Der HSV hat die Balance zwischen defensiver Stabilität und offensivem Umschalten einerseits gefunden, andererseits muss er sie jetzt aber auch nutzen. Momentan verteidigt der HSV gut, ohne vorne gefährlich genug zu sein. Das ist kein Rückschritt, sondern der nächste notwendige Schritt.

Dass Namen wie Königsdörffer, Glatzel, Philippe und Dompé dabei in den Fokus geraten, ist logisch. Königsdörffer arbeitet brutal viel, ist schnell, geht permanent in die Tiefe, aber lässt zu viele klare Chancen liegen oder läuft zu früh los. Glatzel bringt Tiefe nur bedingt, ist aber ein anderer Stürmertyp und passt nicht immer in die aktuelle Ausrichtung. Philippe blitzt auf, Dompé bringt die höchste Umschaltspiel-Qualität mit, und Ramos ist ein wertvoller Impact-Joker, aber sicher kein Stürmer. Das ist alles nicht „schlecht“, aber es ist ein Hinweis darauf, dass diese Mannschaft offensiv noch nicht fertig ist. Und wenn man sich entscheidet, weiter auf Umschaltfußball zu setzen, muss man irgendwann entscheiden, ob das vorhandene Personal dafür reicht oder ob der nächste Schritt im Winter gemacht werden muss. Ich tendiere zu letzterem.

Polzin ist der richtige Trainer – aber die Entwicklung braucht Abschluss

Wichtig ist: Das hier ist kein Plädoyer für Aktionismus. Im Gegenteil. Es ist eine Aufforderung, eine Entwicklung konsequent zu Ende zu denken. Polzin geht diesen Weg klar, mutig, sachlich – und er ist der richtige Trainer für diese Phase. Er setzt nicht auf Parolen, sondern auf Inhalte. Er hat dem HSV Struktur gegeben, und diese Struktur hat Stabilität erzeugt. Jetzt muss daraus Souveränität werden. Und dafür braucht es Tore. Klingt einfach - ist es aber ganz sicher nicht.

Und genau deshalb ist der Zeitpunkt für eine andere Debatte gerade vollkommen falsch: die über eine vorzeitige Vertragsverlängerung mit Stefan Kuntz. Ich sage es deutlich: Eine Verlängerung jetzt wäre falsch – und sie wäre vor allem unnötig. Nicht, weil Kuntz keine gute Arbeit macht, sondern weil es keinen nachvollziehbaren Grund gibt, den Prozess zu überspringen. Sein Vertrag verlängert sich automatisch, wenn der HSV die Klasse hält. Diese Klausel ist eine Leistungsprämisse – sie belohnt Erfolg. Wenn man nun vorzeitig verlängert, bevor dieser Erfolg überhaupt eingetreten ist, macht man diese Klausel nicht nur inhaltlich sinnlos, sondern wiederholt exakt die Fehler der vergangenen 20 Jahre: Verträge auf Hoffnung, statt auf Leistung. Kosten aus Emotion statt aus Rationalität. Belohnung vor dem Beweis.

Erst Ergebnisse liefern, dann belohnen

Hinzu kommt: Es gibt aktuell keinerlei Marktbewegung, die darauf hindeuten würde, dass Vereine Kuntz abwerben wollen. Es gibt kein Szenario, das Druck erzeugt. Ein frühzeitiger Vertrag wäre ein Geschenk ohne Anlass – genau das, was den HSV so oft teuer zu stehen kam. Wenn es wirklich der Anspruch des Vereins ist, professioneller und konsequenter zu werden, dann muss das Leistungsprinzip ganz oben beginnen. Erst liefern – dann verlängern. Nicht andersherum.

Unterm Strich ist der HSV sportlich auf dem richtigen Weg. Die Defensive steht, das System trägt, die Mannschaft ist stabiler und weiter, als viele erwartet haben. Aber diese Entwicklung braucht jetzt eine Bestätigung durch Ergebnisse. Durch Tore. Durch Siege. Nur dann wird aus Fortschritt Erfolg. Und nur dann darf man auch über Vertragserweiterungen als Belohnung sprechen. Wenn der HSV wirklich ein neuer HSV sein will, dann muss er die alten Reflexe ablegen. Nicht zu früh belohnen, nicht aus dem Bauch entscheiden, nicht wieder nach Gefühl handeln, sondern nach Leistung.

Dieser Weg stimmt – jetzt muss er sichtbar gemacht werden. Auf dem Platz. Und erst danach auf dem Papier.

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