Einmal noch hoffen - dann müssen die Karten gelegt werden
„Nichts ist so sch…., dass man nicht noch irgendetwas Gutes daraus ziehen kann“ hat mir ein sehr schlauer Freund einmal gesagt. Und er hatte bzw. hat recht. Auch, wenn es…

„Nichts ist so sch…., dass man nicht noch irgendetwas Gutes daraus ziehen kann“ hat mir ein sehr schlauer Freund einmal gesagt. Und er hatte bzw. hat recht. Auch, wenn es manchmal echt nicht viel Gutes ist, zumindest schlauer machen einen alle Erfahrungen. So auch das deklassierende 0:3 in Stuttgart. Denn diese Niederlage hat dem HSV in allen Belangen deutlich gemacht, wie weit man aktuell von der Ersten Liga entfernt ist. Zu deutlich war die Überlegenheit der Stuttgarter, die von der ersten Minute an das Spiel kontrollierten und den HSV am Ende mit dem 3:0 noch vergleichsweise glimpflich davonkommen ließen. Auf die Frage, was ihn noch optimistisch stimmen würde, antwortete HSV-Trainer Tim Walter er am Donnerstagabend: „Der Volkspark“ - womit er die Atmosphäre im ausverkauften Volksparkstadion meint.
Dennoch, ohne ein kleines Wunder wird das trotzdem nichts. „Wir müssen uns strecken, dass wir am Montag vielleicht das Unmögliche möglich machen. Wir geben auf jeden Fall nicht auf», sagte Walter. der sprach von einem „gebrauchten Tag“ sprach. Dass Trainer Tim Walter im Nachhinein versuchte, das Ganze zu relativieren – es liegt in der Natur der Sache. Denn auch für ihn war dieses erste Relegationsspiel eine Offenbarung lange verkannter Schwächen. Lange verkannt allerdings auch nur noch von HSV-Seite. Denn drumherum wurde der so oft zitierte „Walter-Fußball“ selbst auf Zweitligaebene als zu riskant kritisiert. Dass man mit demselben Spielstil gegen einen Erstligisten ins offene Messer läuft – es war vorhersehbar. So vorhersehbar wie die Spielweise von Walter und seinen Mannen, die VfB-Trainer Sebastian Hoeneß schon im Vorfeld öffentlich analysiert hatte. Dass sich Walter daraus keine n Vorteil zu ziehen versuchte – unverständlich. Und ein Indiz dafür, dass seine taktische Vielfalt eben keine ist.
Aber auch individuell-qualitativ muss man anerkennen, dass der HSV mit Ausnahme von Daniel Heuer Fernandes keinen Spieler im Kader hat, der auf Erstliganiveau agiert. Selbst Ludovit Reis, dem ich das noch am ehesten zutrauen, war in Stuttgart komplett abgemeldet. Aus meiner Sicht war tatsächlich Miro Muheim der einzige Feldspieler, der mit dem VfB halbwegs auf Augenhöhe agierte. Und das soll schon was heißen.
Was das alles bedeutet? Erstmal nur, dass man am Montag noch mal alles raushauen muss, was man noch zu bieten hat. Auf den Rängen wird das erstklassig. Auf dem Platz kann der HSV die Mentalität zeigen, die der Trainer seiner Mannschaft immer wieder attestiert. Sollten dann viele kleine und große Dinge zusammenpassen, könnte es noch mal spannend werden. Aber dazu gehört auch, dass der VfB sich recht dumm anstellen müsste. Und diesen instabilen Eindruck haben sie am Donnerstag auf mich absolut nicht gemacht. Im Gegenteil: die Stuttgarter kamen ohne übermäßige Anstrengungen zu einem deutlichen Sieg, bei dem aus HSV-Sicht das Ergebnis noch das beste war.
Für den HSV bedeutet das alles, dass man sich tatsächlich auf fast allen Positionen (Torwart ausgenommen) verbessern muss. Selbst der aus meiner Sicht unentbehrliche Jonas Meffert war erkennbar überfordert und ließ sich wie alle anderen auch immer wieder überlaufen. Es wurde einfach noch mal überdeutlich, dass dieser HSV inzwischen ein Zweitligist ist. Ein besserer als viele anderen, aber eben auch weit weg vom Erstliganiveau. „Mit Sicherheit» habe es auch an der individuellen Qualität gelegen, räumte selbst Walter ein und kritisierte seine Defensive vor allem bei den zwei Gegentoren nach Eckbällen. „Mir fehlt einfach die Konsequenz. Wir haben als Team nicht so agiert, wie ich mir das vorstelle. Nur wenn wir 100 Prozent da sind, können wir Spiele gewinnen.“
Dennoch muss man klar erkennen, dass ein Aufstieg einen Komplettumbruch innerhalb des Kaders nach sich ziehen müsste, sofern man nicht gleich wieder runtergehen will. Selbst existenziell wichtige Stammspieler wie eben Meffert oder auch Sebastian Schonlau kommen schnell an ihre Grenzen, wenn es gegen Erstligisten geht. Das war in den Testspielen so, das war im DFB-Pokal so – und das wurde auch gestern deutlich, wo er überrannt wurde und bei den zwei Standard-Gegentoren (ebenso wie Jonas David) einfach nicht schnell und nah genug am Torschützen war. Robert Glatzel hatte zwar eine sehr gute Torchance, aber ebenso wie Reis konnte er sich ansonsten nicht durchsetzen.
Und wenn wir schon bei der abgeschwächten Einzelkritik sind, noch ein Wort zu Moritz Heyer. Oder nein: eine Frage: WAS IST LOS MIT HEYER? Seit Wochen stolpert der Rechtsverteidiger mehr als er Fußball spielt. Der lange Zeit so solide und mit ein paar Highlights agierende Verteidiger ist völlig neben der Spur. Dass er von einem Führig überlaufen wird – das kann passieren. Aber durchgehend? Das war nicht annähernd so zu erwarten wie der Umstand, dass Kittel wieder nicht performt, wenn der Gegner ihm auf den Füßen steht.
Also noch mal: Wenn wir über den HSV sprechen, sprechen wir nicht über einen verkannten Erstligisten, sondern über einen Zweitligisten, der seine Ziele aus den Augen zu verlieren droht, weil er sich an Statistiken klammert, die nichts aussagen. Denn die 66 Punkte mögen der Bestwert aller Tabellendritten und des HSV in der Zweiten Liga sein. Aber: Die diesjährige Zweite Liga war leider auch die qualitativ schwächste, seitdem der HSV zweitklassig spielt. Und trotzdem hat man es nicht verhindern können, dass wieder zwei Teams vor dem HSV landen.
Aber um hier noch mal die Relegation richtig einzuordnen: Der VfB Stuttgart ist aus meiner Sicht ein guter Erstligist, der seiner schwachen Hinrunde hinterherlief. Unter Hoeneß hat man sich gefangen und spielt einen Fußball, der eher Platz zehn oder elf entspricht als der Abstiegszone. Und sowohl Heidenheim als auch Darmstadt wären gegen den VfB ebenso chancenlos wieder HSV. Von daher ist ein Aufstieg tatsächlich nur über die ersten beiden Ränge zu realisieren.
Oder? Tim Walter sieht das naturgemäß anders. Zumindest behauptet er das. Ich glaube ehrlich gesagt, dass er selbst es besser weiß. Dennoch sagte er, was er sagen muss. Er zieht seinen letzten Trumpf, den er als Trainer noch hat: die Gefolgschaft seiner Mannschaft. „Ich vertraue meiner Mannschaft zu hundert Prozent. Wenn wir zu Hause mit unseren Zuschauern, ein schnelles Tor schießen und gut reinkommen, dann wird das getoppt“, sagte Walter nach dem Hinrundenspiel in Stuttgart und schwor sein Team ein: „Ich habe ihnen gesagt, dass wir alles schaffen können. Nur Verlierer fallen hin - Gewinner stehen auf.“ Worte, die ankommen, wie Kapitän Schonlau bestätigte: „Wenn er das vorgibt, dann glauben wir das.“
Na dann, freuen wir uns doch noch auf ein letztes Spiel im Volkspark. Ich werde am Montag komplett ohne jede Erwartung hingehen, weil diese einfach nicht realistisch ist. Und ich verspreche schon jetzt, dass mich auch ein noch so sensationeller Aufstieg nicht davon abbringen würde, dass dieser HSV in der Saison fahrlässig den Aufstieg liegengelassen hat. Ich würde mich am Montag zusammen ganz ehrlich mit Euch freuen. Logisch! Aber: Die Analyse dieser Saison fällt auch dann nicht mehr positiv aus, weil sich der HSV eben nicht entwickelt hat. Aber dazu ab Dienstag mehr…
Jetzt dürfen wir alle noch mal hoffen. Auf ein Wunder. Denn ohne selbiges wird es ab Dienstag wieder sehr trist und ungemütlich beim HSV.
In diesem Sinne, die Hoffnung stirbt zuletzt.
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