Ein starker Punktgewinn, der dem HSV Hoffnung macht - aber teuer bezahlt wurde
Keine Tore, aber ein Pfostentreffer, ein Elfmeter und ein Platzverweis – langweilig war es beim torlosen Remis zwischen dem 1. FC Union Berlin und dem HSV nun wirklich nicht.…

Keine Tore, aber ein Pfostentreffer, ein Elfmeter und ein Platzverweis – langweilig war es beim torlosen Remis zwischen dem 1. FC Union Berlin und dem HSV nun wirklich nicht. Am Ende aber überwog bei den Hamburgern das Gefühl, dass an diesem Abend mehr möglich gewesen wäre als nur ein Punkt. Denn über weite Strecken der Partie bestimmten die Rothosen das Geschehen an der Alten Försterei, zeigten ihre bislang reifste Leistung seit dem Bundesliga-Comeback – und mussten sich dennoch mit dem Remis zufriedengeben. Bitter zudem: Neben dem Platzverweis gegen Vieira verlor der HSV auch noch Omari, der mit einer Knöchelverletzung ausgewechselt werden musste.
Der HSV hat am späten Sonntagabend beim 1. FC Union Berlin einen mehr als verdienten Punktgewinn eingefahren. Die Rothosen waren in der ausverkauften Alten Försterei über weite Strecken der Partie das spielbestimmende Team, verzeichneten auch das Gros der Torchancen, hatten aber bei einem Pfostentreffer sowie einem von Heuer Fernandes gehaltenen Elfmeter auch das nötige Quäntchen Spielglück auf ihrer Seite. So stand am Ende eines zwar torlosen, aber vom HSV dominant geführten Duells das Remis, das Elfadli, Vuskovic und Co. aufgrund der eigenen starken Leistung nicht vollends zufriedenstellte - zumal in der Nachspielzeit auch noch Vieira nach einer harten Entscheidung die Rote Karte sah.
HSV STARTET SELBSTBEWUSST
Der HSV begann in Berlin personell unverändert – ein weiteres Zeichen dafür, wie überzeugt Trainer Merlin Polzin von seinem neuen Spielsystem ist. Dreierkette, die defensiv zur Fünferkette wird, vorne drei Spitzen mit Königsdörffer im Zentrum. Und der Start war vielversprechend: Hamburg präsentierte sich hellwach, stark in den Zweikämpfen und mit viel Kontrolle im Mittelfeld. Fast hätte sich das Team aber nach nur neun Minuten selbst ins Hintertreffen gebracht, als Rayan Philippe im eigenen Strafraum ungeschickt den Fuß stehen ließ und so den Elfmeter verursachte. Doch Heuer Fernandes parierte den Versuch von Ilic bravourös und bewahrte sein Team vor einem frühen Rückstand.
SPIELKONTROLLE, ABER KEIN TREFFER
Von da an bestimmte der HSV die Partie noch deutlicher. 7:1-Torschüsse, 60 Prozent Ballbesitz, 60 Prozent gewonnene Zweikämpfe – die Rothosen hatten Union im Griff. Philippe, der vorne viele Bälle bekam, scheiterte gleich mehrfach, weil er die Abschlüsse zu zögerlich suchte. Auch Dompé ließ die große Chance liegen, als er statt des direkten Schusses ins Dribbling ging. Trotz Überlegenheit ging es torlos in die Pause – die bis dahin beste Halbzeit des HSV seit der Bundesliga-Rückkehr.
BITTERE VERLETZUNG, KNAPPES GLÜCK
Nach dem Seitenwechsel verflachte das Spiel kurzzeitig, ehe Hamburg wieder das Heft in die Hand nahm. Defensiv stabil, offensiv bemüht, aber ohne echte Durchschlagskraft – so präsentierte sich die Elf von Polzin. Königsdörffer kam zu Abschlüssen, Philippe setzte Akzente, doch zwingend wurde es zu selten. Und dann kam die Schreckminute: Omari verletzte sich am Knöchel, musste behandelt und wenig später ausgewechselt werden. In der Phase der Unordnung nach der folgenden Ecke traf Union den Pfosten – Glück für den HSV, der ansonsten auf ein Chancenplus von 18:9, 65 Prozent Ballbesitz und ebenfalls 65 Prozent gewonnene Zweikämpfe verweisen konnte.
ROTE KARTE ALS SCHLUSSPUNKT
Als wäre die Verletzung von Omari nicht bitter genug, kassierte Vieira in der Nachspielzeit nach einem unglücklichen Zweikampf gegen Querfeld auch noch Rot – eine überharte Entscheidung von Schiedsrichter Aytekin. So verteidigten die Hamburger die Schlussminuten in Unterzahl, retteten sich aber ins torlose Remis.
Unterm Strich bleibt ein Spiel, das trotz der Ausfälle und der späten Unterzahl zeigt: Der HSV ist in der Bundesliga angekommen. Ballsicher, zweikampfstark, mit klarer Spielidee – auf diese Leistung lässt sich aufbauen. Auch wenn es „nur“ ein Punkt war, war es das bislang beste Saisonspiel und ein weiterer Schritt nach vorn.
DIE EINZELKRITIK:
Daniel Heuer Fernandes: Rettete gleich in der Anfangsphase mit dem gehaltenen Elfer die Anfangs-Euphorie des HSV in diesem Spiel. Er ist weiter gut drauf und scheint sich immer mehr mit dem neuen Liga-Umfeld anzufreunden. Note: 2
Giorgi Gocholeishvili (bis 89.): Er gefällt mir immer besser. Letzte Woche war er schon gut, heute noch mal ein Stück besser. Richtig schön bissig, aktiv, immer on fire - und dabei mit der nötigen Ruhe und Souveränität am Ball. Das war ein wirklich gutes Spiel von ihm! Seine Auswechslung ergab keinen Sinn. Note: 2
William Mikelbrencis (ab 90.): War nur noch dabei. Warum der Gocholeishvili heute wieder runter musste für ihn erschließt sich mir aber null.
Warmed Omari (bis 76.): Schön ruhig am Ball, abgeklärt im Zweikampf und mit kontrolliertem Aufbauspiel hinten raus. Er fällt selten besonders auf, was aber nicht negativ sein muss – im Gegenteil. Seine Verletzung tat dem HSV-Spiel weh – und sein Ausfall wäre bitter. Drücken wir mal alle Daumen, dass es nichts Schlimmes ist. Er ist wichtig für die defensive Stabilität. Note: 3
Guilherme Ramos (ab 76.): Brachte ein, was er einzubringen vermag – fast sogar mit einem Kopfballtreffer (85.). Seine Mentalität, sein Einsatz und sein Kopfballspiel tun dem HSV gut. Note: 3
Luka Vuskovic: In der Luft ist er eine absolute Macht! Auch sonst war er in der ersten Halbzeit bockstark und in der zweiten sehr stabil. Note: 2
Daniel Elfadli: Er hatte die Aufgabe, den Ball hinten rauszutreiben. Und das machte er richtig gut. Ebenso, wie er seine Zweikämpfe defensiv gewann, verteilte er die Bälle gekonnt und fehlerfrei. Das war echt gut! Note: 2
Miro Muheim (bis 82.): Die erste Liga ist noch nicht seine Liga. Alles noch zu schnell, zu physisch. Selbst seine Flanken kommen nicht wie gewohnt. Er läuft ein wenig nebenher, hat defensiv immer wieder Probleme. Und er hatte heute Glück, nicht mit Gelbrot runterzugehen. Musste deshalb auch runter. Note: 4
Nicolas Capaldo (ab 83.): Ein schwieriges Spiel, um reinzukommen – aber er schaffte es. Und angesichts der durchwachsenen Form eines Muheims sollte er sein Glück vielleicht auf dieser Position suchen. Note: 3
Nicolai Remberg: Er hat sich die Kritik der letzten W9chen zu Herzen genommen und war für mich heute in der Anfangsphase der auffälligste Hamburger, weil er nicht nur seine Zweikämpfe gewann, sondern auch Fehler der Kollegen ausbügelte und die Bälle klug verteilte. Gern mehr davon! Note: 2
Fabio Vieira: Er kam in Manndeckung heute in der ersten Hälfte fast überhaupt nicht ins Spiel. In der zweiten Hälfte bemühte er sich, Kontrolle ins Spiel zu bekommen, den Ball zu fordern und zu verteilen – und er hatte in der 62. Minute mit seiner Direktabnahme knapp einen Meter am Tor vorbei auch seinen ersten Torschuss. Ansonsten aber mit mehr Schatten als Licht in seinen Aktionen. Bittere Rote Karte samt Verletzung. Es war nicht sein Abend… Note: 3,5

Rayan Philippe (bis 76.): Sehr aktiv, sehr viel unterwegs – aber leider zu ungefährlich. Als er freigespielt wurde, zögert er und zig noch mal in die Kitte, anstatt mit Tempo aufs Tor zu ziehen. Dennoch: Er war einer der auffälligsten Spieler auf dem Platz, weil er endlich seine größten Qualitäten richtig einsetzte: Seinen Körper und sein Tempo. Schade, dass Polzin ihn runternahm! Note: 3
Albert Sambi Lokonga (ab 76.): Er braucht noch Eingewöhnungszeit. Das sieht noch nicht ganz rund aus, aber die Ansätze sind zu erkennen!! Ich hoffe sehr, dass er schnell zu seiner Topform findet, denn das würde dem HSV sehr helfen. Note: 3,5
Ransford Königsdörffer (bis 76.): Er ist kein Strafraumstürmer – und genau dieses Attribut fehlt dem HSV immer wieder. Gerade heute, wo man immer wieder bis zum Sechzehner der Gastgeber vorzudringen wusste. Die Diskussion, ob er oder Glatzel die bessere Wahl ist, bediente er zu seinen Ungunsten. Wobei: Trifft er in der 71. Minute und der HSV gewinnt 1:0 – dann hätte er alles gerechtfertigt Note: 4
Robert Glatzel (ab 76.): Kam zu spät. Ich verzichte hier auf eine Note…
Jean-Luc Dompé: Er ist noch nicht angekommen in der Liga, in der die Defensivspieler schlichtweg schneller und stärker sind. Daran wird er sich noch gewöhnen müssen, wie man auch bei seiner großen Chance, in der er einfach zu lange brauchte. In der zweiten Hälfte begann er mit einem satten – leider zu zentral gezielten – Distanzschuss. Da hatte ich die Hoffnung, dass er jetzt reinkommt. Aber viel mehr kam nicht. Note: 4
Trainer Merlin Polzin: Er ist stur und bleibt bei seinem System und seine, Personal. Insgesamt war das heute fußballerisch ein Schritt nach vorn. Ab der 65. Minute zeichnete sich beim HSV ab, dass der eine (Remberg) und andere (Vieira, Königsdörffer) raus musste – teilweise sah der Trainer es. Insgesamt scheint er die Mannschaft defensiv langsam in die Spur zu bekommen. Auch für ihn war das Spiel heute ein Schritt nach vorn. Note: 3
Schiedsrichter Deniz Aytekin: Die Rote Karte gegen Vieira war – so gefährlich es auf den ersten Blick auch ausgesehen haben mag – für mich überzogen und falsch! Dass er sich im Nachgang relativierend äußert – okay. Aber ich verzichte auch bei ihm auf eine Note, weil ich bei Aytekin einfach nicht objektiv sein kann…
DAS SPIEL IM STENOGRAMM:
1. FC Union Berlin: Rönnow – Trimmel, Doekhi, Querfeld, Leite, Köhn (80. Rothe) – Haberer (59. Schäfer), Khedira – Burke (59. Skarke), Ilic, Ansah (89. Jeong)
Hamburger SV: Heuer Fernandes – Gocholeishvili (90+8. Mikelbrencis), Omari (76. Ramos), Vuskovic, Elfadli, Muheim (82. Capaldo) – Vieira, Remberg – Philippe (76. Lokonga), Königsdörffer (76. Glatzel), Dompe
Tore: -
Zuschauer: 22.000 (ausverkauft)
Schiedsrichter: Deniz Aytekin (Oberasbach)
Gelbe Karten: Querfeld, Trimmel / Philippe, Muheim
Gelb-Rote Karten: - / -
Rote Karten: - / Vieira (90.+8, grobes Foulspiel)
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