Analyse

Ein Stadtderby zur rechten Zeit?

Ausgerechnet vor dem Highlight am Freitag (Anpfiff 18.30 Uhr, Millerntorstadion) ist unser Nachbar FC St. Pauli endgültig in der Krise angekommen. Nach der bitteren…

Ein Stadtderby zur rechten Zeit?

Ausgerechnet vor dem Highlight am Freitag (Anpfiff 18.30 Uhr, Millerntorstadion) ist unser Nachbar FC St. Pauli endgültig in der Krise angekommen. Nach der bitteren 1:2-Niederlage in Braunschweig stecken die Braun-Weißen in der Abstiegszone fest. Ersatzkapitän Eric Smith (25) trat dennoch die Flucht nach vorne an. Am Freitag soll ausgerechnet gegen den HSV, der beim 1:1 gegen den 1. FC Kaiserslautern selbst zwei Punkte liegen ließ, wieder Selbstvertrauen getankt werden. „Ein Derby ist genau das, was wir im Augenblick brauchen. Es ist das beste Spiel, das man nach so einer Niederlage haben kann“, sagte der defensive Mittelfeldmann. Und ging verbal in die Offensive: „Wir werden versuchen, das Momentum auf unsere Seite zu holen.“

Mutige Worte – die auch beim HSV nach dem Schlusspfiff am Sonnabend in ähnlicher Form gewählt worden sind. Torjäger Glatzel, der die Leistung gegen den FCK ehrlich als „deutlich zu wenig“ bezeichnete, meinte hingegen: „Der Derbysieg muss her, das ist klar.“ Zwar spricht die Zweitligastatistik der letzten Jahre (4 Siege, 2 Unentschieden, 2 Niederlagen) für die Braun-Weißen, die aktuelle Formkurve aber klar für die Rothosen. Und der HSV trifft zweifellos auf einen Gegner, der wohl noch nie so angeschlagen in ein Stadtduell gegangen ist wie diesmal. 

Ich war und bin kein Freund dieser vollmundigen Ankündigungen. Sie bringen effektiv nichts. Beim HSV gehen sie auch in den allermeisten Fällen schief. Umso erfreuter war ich, dass nach dem schwachen Spiel gegen den 1, FC Kaiserslautern, das trotz allem viele hier zu verteidigen versuchten, Trainer Tim Walter als „scheiße“, wie er einräumte. „Ich bin angefressen, weil wir den Sack nicht zugemacht haben, aber was uns nicht tötet, härtet uns ab.“ Auf die Frage, wie er denn dazu stünde, nach einem Drittel der Saison an der Tabellenspitze zu stehen, reagierte Walter ähnlich klar und ohne Überheblichkeit: „Da oben wollen wir auch bleiben.“

Als ich geschrieben habe, dass ich von dem HSV-Auftritt enttäuscht gewesen sei, habe ich viel Gegenwind bekommen. Ich sei nicht mehr realistisch war die höfliche Formulierung der Kritik. Und das ist auch alles nichts, was mich stört. Fan zu sein bedeutet nun mal, emotional zu sein. Gegenwind in Diskussionen machen selbige reizvoller. Als Fan muss man nicht rational sein – als Reporter sehr wohl. Zumindest immer wieder. Ich hier als Blogbetreiber gestehe mir zu, mich mitfreuen zu dürfen. Aber ich werde auch das benennen, was eben nicht funktioniert. So, wie am Sonnabend gegen Kaiserslautern gleich einiges nicht funktionierte.

Dass der FCK ein guter Gegner war, der seinen Teil dazu beitrug, dass es am Ende nicht zum HSV-Sieg Nummer sechs reichte – LOGISCH! Die Defensive der Pfälzer hatte den HSV weitgehend unter Kontrolle und musste ein mehr als unglückliches Gegentor hinnehmen. An diesem Sonnabend war für den FCK mehr drin noch als ein Unentschieden. Auch, wenn das mit Sicherheit das gerechte Ergebnis war/ist. Fakt ist aber auch, dass der HSV immer wieder dahinkommt, Probleme gegen tief stehende, gut organisierte Defensivreihen zu haben. Und das hat Gründe.

Einer davon ist, dass der HSV zwar nominell Edeltechniker im Team hat wie beispielsweise Sonny Kittel und Laszlo Benes hat, diese aber gegen den FCK nicht im Eins-gegen-Eins funktioniert haben. Das aber braucht man, um dicht gestaffelte Defensivreihen auseinanderziehen und Räume zu gewinnen. Ebenso wie Außenbahnspieler, die immer wieder in Szene gesetzt werden und den Gegner über gefährliche Flanken(läufe) bespielen. Auch das gab es gegen Lautern nicht. Bleibt die Frage: Warum nicht?

Zu wenig Ballbesitz hatte der HSV (66%) nicht. 625 Pässe (HSV) zu 296 – und trotzdem hatte der HSV bei nahezu identischer Laufleistung mit 14 Torschüssen nur zwei mehr als die Lauterer, die ihrerseits 58 Prozent aller Zweikämpfe für sich entschieden. Es waren einfach die Ideen, die gefehlt haben. Das Durchsetzungsvermögen in direkten Zweikämpfen – und aus meiner Sich vor allem das Spieltempo, das nie aufgenommen werden konnte. Auch, weil einzelne Unterschiedsspieler an diesem Abend eben keine waren.

Und damit will ich hier keine tausendfach durchgeführte Kittel-Diskussion anschieben. Es immer allein an ihm festzumachen ist eh zu einfach. Vielmehr möchte ich einfach nur festhalten, dass der HSV sein Spiel ohne das nötige Tempo, ohne die Eins-gegen-Eins-Situationen und/oder ohne funktionierende Außenbahnspieler gegen gute Mannschaften wie den FCK eben nicht so erfolgreich umsetzen kann wie zuvor noch gegen Düsseldorf und in Hannover. Dass man (hätte Kittel per Elfer getroffen) dennoch die Siegchance auf dem Silbertablett angeboten bekam – es ist wahrscheinlich dem zuvor hingelegten Lauf inklusive dem daraus resultierenden Selbstvertrauen von Kittel, Meffert, Schonlau und Co. geschuldet. Ein Umstand, der wichtig sein kann. Gerade jetzt vor dem Stadtderby, das emotional definitiv nicht nur bei den Fans eine Ausnahme zum Rest der Saison darstellt.

Wichtig aus meiner Sicht ist zudem: Passiert ist trotzdem noch nichts. Es sind elf Spieltage gespielt, der HSV hat einen Punkt Vorsprung auf Rang zwei, drei auf den Relegationsplatz und fünf auf den ersten Nichtaufstiegsplatz. Das hätte definitiv besser sein können, wenn man bedenkt, dass man zuhause schon acht Punkte in sechs Spielen liegengelassen hat. Es ist aber insgesamt immer noch gut. Und bei aller berechtigten Kritik an dem Auftritt gegen den FCK von Trainer Tim Walter (und auch hier) wird der HSV-Coach darauf intern sicherlich hinweisen. Zurecht. Zumal es sich beim Rivalen – und das vergisst man bei der Betrachtung des eigenen Teams zu oft – intern deutlich schwieriger gestaltet…

Von daher: Ein Spiel auseinanderzunehmen, das scharf zu kritisieren und nicht gut zu finden ist das eine. Pauschal nach einem einzelnen, schwachen Spiel alles in Frage zu stellen ist das andere. In diesem Sinne, heute war trainingsfrei, morgen wird wieder um 14 Uhr auf dem Platz geübt. Bis morgen!

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