Analyse

Ein Spiel gewonnen, aber noch nichts erreicht

optimistischer aufs Saisonfinale blicken. Das jederzeit verdiente 4:0 über den Abstiegskandidaten Erzgebirge Aue am Dienstag hat die Brust breitergemacht, den Kopf freier. „Die…

Ein Spiel gewonnen, aber noch nichts erreicht

Der HSV hofft wieder. Der erste Sieg nach der Sieglosserie von fünf Spielen lässt die Mannschaft von Trainer Tim Walter optimistischer aufs Saisonfinale blicken. Das jederzeit verdiente 4:0 über den Abstiegskandidaten Erzgebirge Aue am Dienstag hat die Brust breitergemacht, den Kopf freier. „Die Jungs haben sehr viel Spielfreude gezeigt“, lobte Walter seine Mannschaft. Bestätigung erhielt er von seinem Kollegen aus Aue. „Der HSV hat uns weich gekloppt. Wir waren am Schluss fix und fertig“, sagte Trainer Pawel Dotchev und Moritz Heyer sagte heute: „Die Stimmung war natürlich gut, wenn man so ein Spiel gewinnt – gerade in der Höhe. Es tat einfach unfassbar gut, dass wir wieder ein Spiel gewonnen haben.“

Geschafft hat der HSV dennoch noch nichts. Als Tabellensechster hat man sechs Punkte Rückstand auf einen Aufstiegsplatz. Und das sechs Spiele vor Ultimo. Insgesamt zehn Duelle der sechs HSV-Aufstiegsrivalen untereinander stehen in den nächsten Wochen an. Vermutlich werden die meisten Teams, vielleicht sogar alle, Federn lassen müssen. Mithin kann viel passieren, bis am 15. Mai die Abschlusstabelle steht. Doch alles Rechnen ist Makulatur, wenn der HSV in seinen ausstehenden Spielen nicht mindestens zweimal mehr gewinnt als die Konkurrenz. „Man muss ehrlich sein: Unsere Aufstiegschance ist sehr gering“, bekannte Mittelfeldprofi Jonas Meffert völlig realistisch und warnte davor, zu früh wieder zu groß zu denken und darüber hinaus das Spiel bei Holstein Kiel zu leicht zu nehmen. „Am Sonntag wollen wir 100 Prozent geben. Das wird ein sehr schwieriges Spiel in Kiel, da ist es überhaupt nicht einfach zu gewinnen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Da gilt es, die ganze Konzentration drauf zu legen. Wenn wir es schaffen, dort so zu spielen wie heute und all das auf den Platz zu bringen, haben wir eine Chance, dort drei Punkte zu holen. Und dann können wir nochmal gucken, wie es aussieht.“

Meffert warnt vor zu früher Zufriedenheit

Ein Zitat, das es mir Wert war, es zum Zitat des Tages zu machen. Denn genau darin liegt jetzt die größte Aufgabe für den HSV: Von Spiel zu Spiel zu denken und eben nicht nach jedem Erfolg wieder nachzurechnen, was man schon erreicht hat, sondern einfach weiterzumachen. Weitermachen, bis abgepfiffen wird – und dann kann man gucken, wo man nach dem letzten Spieltag steht. Am Sonntag geht es jetzt erst einmal zum Nordrivalen Holstein Kiel – und dort wird die Gegenwehr stärker sein als die der am Dienstag im Volksparkstadion wirklich schwach aufgetretenen Gästen des FC Erzgebirge Aue. Der Sieg gegen Aue darf/sollte beflügeln und der Mannschaft neue Zuversicht, Mut und Kraft geben. Aber er darf eben auch nicht überbewertet werden. Zumal der HSV in den ersten zehn Minuten defensiv anfällig war und gute Mannschaften hier mit Sicherheit wenigstens einen Treffer aus den Ballverlusten des HSV erzielt hätten.

Gestern im Blog hatte ich den Trainer nicht mitbewertet. Und das nicht aus böser Absicht – sondern tatsächlich aus Versehen. Ist irgendwie noch nicht so drin bei mir, aber ich gelobe Besserung. Deshalb will ich das heute auch nachholen:

Mit seinen Umbauten in seiner Startelf lag der Coach diesmal goldrichtig. Mittelfeldspieler Sonny Kittel hatte Walter zunächst als Linksaußen gestellt, und allein diese Luftveränderung schien Kittel schon zu beflügeln. „Sonny war überall“, sagte Walter nach dem Spiel – und er hatte damit Recht. Vor allem hatte er genau damit seinem Sorgenfall und seiner Mannschaft neues Leben eingehaucht. Auch, weil Josha Vagnoman als Linksverteidiger für Miro Muheim dabei war und hinter Kittel alles wegräumte, was wegzuräumen war. Der U21-Nationalspieler wurde im Spielverlauf sogar immer mutiger und schaltetet sich immer mehr in die Offensive ein.  Kurzum: Zwei Umstellungen, die zu 100 Prozent griffen. „Sonny ist ein Teil von unserer Mannschaft. Wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen. Damit ist alles gesagt“, wollt Walter von spielentscheidender Umstellung nichts wissen – und auch das ist gut so. Denn es gab neben Kittel noch viele andere Spieler, die funktionierten. Walters Note: 2

Und obwohl die knapp 22 000 Zuschauer im Volksparkstadion zufrieden waren, war der Coach ein wenig verärgert. Die öffentliche Kritik an seiner Mannschaft nach der jüngsten Niederlage hatte dem 46 Jahre alten Badener zugesetzt. „Wir schauen nicht darauf, was andere von uns halten, was andere über uns schreiben, was andere über uns sagen, sondern der gesamte Verein ist sich einig, identifiziert sich mit diesem Weg, und das ist gut“, versicherte Walter und versprach: „Und es wird auch so bleiben, dass wir weniger auf andere hören, sondern auf uns bauen.“ Vor allem auch auf die Youngster, die gestern wieder aufblühten.

Reis, Suhonen, Vagnoman - die Jungen geben Gas

Ludovit Reis in diesem Zusammenhang zu nennen ist altersmäßig legitim – aber der Niederländer zählt ja schon lange zum Stamm. Dass er sich gestern mit dem schönen Solo zum 4:0 belohnte, freut mich für ihn besonders, weil ich derart fleißige, immer motivierte Spieler einfach mag. Und Reis gab gestern wieder von Beginn an Vollgas, grätschte, foulte, biss und war einer der Antreiber aus dem Mittelfeld. Nicht immer glücklich im letzten Pass – hier fehlte ihm im Zusammenspiel mit Jatta noch ein wenig Timing. Aber über die gesamten 90 Minuten gesehen war der niederländische U21-Nationalspieler für mich einer der drei besten Spieler auf HSV-Seite – zusammen mit Vagnoman und dem immer guten Jonas Meffert.

Wobei mir auch einige Einwechselspieler sehr gefallen haben. Zumindest Giorgi Chakvetadze hatte in den knapp 15 Minuten Spielzeit einige gute Aktionen und wirkte extrem belebend. In dieser Verfassung wird Walter sicher auch darüber nachdenken, Jatta mal draußen zu lassen und den Georgier dafür zu bringen. Aber noch mehr gefallen hat mir Anssi Suhonen. Der Junge ist so unfassbar agil, so physisch und athletisch stark, dass viele glauben, das geht nur über die kurze Distanz. Aber: Suhonen kann dasselbe auch über die gesamten 90 Minuten. Und genau DAS will ich unbedingt mal sehen. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass dieser Finne sich zu einer echten unverzichtbaren Kampfsau auf dem Platz entwickelt. Ähnlich einem Ludovit Reis. Und das mit noch etwas mehr Ballverteilerqualitäten.

Egal wie, das Spiel gegen Erzgebirge Aue war eines fürs Selbstvertrauen, allerdings kein Gradmesser. Dafür war Aue dann einfach zu harmlos. Dass Kittel mit seiner „Bitte schweigen“-Geste sich eher mehr Druck macht, als sich selbigen zu nehmen – drauf gesch… Er musste sich offenbar mal mitteilen, nachdem er einige Wochen lang mächtig Kritik abbekommen hatte. Und ehrlich gesagt habe ich mich für ihn gefreut, dass er wieder ein gutes Spiel gemacht hat. Und ich hoffe, dass er das in den letzten sechs Spielen so konserviert. Aber: Es ist auch schwer nachvollziehbar, dass er an dem einen Tag von Beginn an Vollgas geht (Aue) und sich an den anderen zuvor komplett rauszieht. Oder wie ich es ja schon vor ein paar Wochen geschrieben hatte: Ich würde jetzt ganz genau hinsehen und am Ende schonungslos analysieren, ob Kittel ein Spieler für die ganze Saison ist – oder eben nicht. Für den zweiten Fall muss man sich genau überlegen, ob man sich diesen Luxus weiterhin erlauben kann und will, oder ob es dann nicht sinnvoller ist, einen konstanteren Spieler an seiner Stelle einzubauen. Einen, der vielleicht nur 90 Prozent von Kittels Qualität hat – der diese dafür aber in nahezu 100 Prozent aller Spiele abruft bzw. zumindest immer abzurufen versucht.

Aber: Dieser HSV ist mehr als eine Kittel-Diskussion. Dieser HSV bietet mit Suhonen, Vagnoman und Co. einige spannende Spieler, deren Potenzial noch gar nicht gänzlich abzuschätzen ist. Hoffen wir darauf, dass der HSV seinen alten Mut und Einsatzwillen wiedergefunden hat und diesen auch in den letzten Wochen der Saison abzurufen weiß. Mit einem Sieg am Sonntag in Kiel würde es tatsächlich noch mal spannend werden können. Aber hier halte ich es komplett mit Jonas Meffert: Erst machen, dann reden.

In diesem Sinne, bis morgen!

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