Ein „Schritt nach vorn“ - aber insgesamt kein Fortschritt
Es wird wirklich eng. Wenn ich sehe, wie andere Mannschaften in dieser Liga aufspielen und das vergleiche, dann hat der HSV gestern zweifelsfrei einen Schritt nach vorn gemacht…

Es wird wirklich eng. Wenn ich sehe, wie andere Mannschaften in dieser Liga aufspielen und das vergleiche, dann hat der HSV gestern zweifelsfrei einen Schritt nach vorn gemacht – aber auch nur, weil er vorher noch drei oder gar vier Schritte hinter den Topteams hinterherhing. Und: Offensiv büßte man so gleich einen Teil Torgefahr wieder ein. Also Ein Schritt nach vorn, einer zurück - der HSV verändert sich also, ohne wirklich voranzukommen. Das 0:0 in Heidenheim war das vierte sieglose Spiel in den vergangenen vier Partien und sortiert den selbst ernannten Aufstiegsaspiranten ins triste Mittelfeld der 2. Liga ein.
„Für uns war dieses Spiel insgesamt ein Schritt nach vorn. Wir haben hinten sehr konsequent verteidigt, gerade bei den vielen Eckbällen. Da muss ich meiner Mannschaft ein großes Kompliment machen, sie hat das alles wegverteidigt“, sagte Walter erfreut und betonte ausdrücklich: „Das, was uns alle vorwerfen, dass wir nicht konsequent verteidigen, hat sie heute überragend gemacht.“ Und hier muss man einfach mal dazwischenfunken. Denn „überragend“ war gestern gar nichts. Nur, weil man die vielen Fehler der vergangenen Wochen nicht macht, heißt das noch lange nicht, dass man vorankommt. Geschweige denn, dass irgendwas „“überragend“ ist.
HSV-Coach Walter überhöht sein Lob deutlich
Allerdings kann ich nachempfinden, weshalb der HSV-Trainer hier etwas euphorisiert formuliert. Er steht seit Beginn seiner Amtszeit in Hamburg unter einer besonderen Beobachtung. Noch mehr als seine Vorgänger, da ihm der Ruf vorauseilte, schwierig zu sein. Als Typ wohlgemerkt. Sportlich wurde Tim Walter zudem eine gewisse Beratungsresistenz vorausgeschickt. Das und ein extrem riskant-offensiv ausgelegtes Spielsystem. Mit anderen Worten, Tim Walter ist gefühlt immer in der Verteidigungshaltung.
Und während sich Walter bislang als durchaus kommunikativ und klar präsentiert, ist sein Spielsystem tatsächlich wie beschrieben. Gestern mal ausgenommen. Denn da wirkte die HSV-Defensive stabiler und kontrollierter als zuletzt. Kein ständiges Unterzahlspiel bei Ballverlusten, stattdessen bot Walter mit Jonas Meffert, Moritz Heyer und Ludovit Reis drei defensiver orientierte Mittelfeldspieler auf – was nach hinten funktionierte. Zuerst hatte die Defensive in Heidenheim eine knappe halbe Stunde nichts zu tun, dann aber war sie mehrfach gefordert. Glück war sicher auch dabei, als zweimal das Alugestänge Schlimmeres verhinderte. Unterm Strich stand jedoch: Defensivverhalten deutlich verbessert.
Entscheidend für solche Urteile ist halt immer der Maßstab. Und diese „Neuausrichtung“, die ich eher Nachjustierung nennen würde, brachte offensiv Einbußen mit sich, denn auch vorn stand am Ende erstmals die Null. Weil es an Präzision fehlte. Die herausgespielten Chancen hätten normalerweise reichen müssen. Der starke Moritz Heyer mit Lattentreffer, der eher blasse Sonny Kittel, Tim Leibold, Manuel Wintzheimer und andere scheiterten aussichtsreich. Ergo: Der Weg ist richtig. Und genau deshalb sage ich im Blitzfazit, dass ich mit diesem System klarkomme. DAFÜR kann ich auch die so oft geforderte Geduld aufbringen. Anders als für den Harakiri-Fußball der Vorwochen.
Dennoch muss der HSV nachbessern. In allem. Ohne Siege geht es in der Tabelle abwärts. Logisch. „Wir sind mit der bisherigen Punktausbeute nicht zufrieden, aber wir müssen die Entwicklung bewerten, und da haben wir heute einen Schritt nach vorne gemacht“, lautete Walters Fazit, das man so recht nicht hören mag als HSV-Anhänger. Denn das klingt fast so, als würde man sich in Hamburg mit Mittelmaß schon zufriedengeben. Zumindest sind sechs Punkte nach fünf Spielen einfach zu schwach.
Ansprüche zurückgeschraubt - oder ist dasTaktik?
Wohl auch deshalb sprang HSV-Sportvorstand Jonas Boldt dem Trainer schnell zur Seite: „Wir haben sehr gute Anlagen gehabt, sehr konzentriert gespielt, sehr geduldig gespielt, viele richtig gute Chancen rausgespielt“, lobte Boldt das Team, das er nun zusammen mit Sportdirektor Michael Mutzel noch einmal nachbessern muss. Ein kreativer Spieler fürs offensive Mittelfeld, einer oder zwei für die Außenbahn und sogar ein Neuer für die Innenverteidigung werden benötigt. Behaupte ich weiterhin.
Dass die sportliche Leitung samt Trainer das Ganze etwas unaufgeregter formuliert, liegt dabei in der Natur der Sache. In etwa so, wie bei der Beurteilung der bisherigen Spiele. Die einen sehen im Spiel beim 1. FC Heidenheim einen Schritt nach vorn – die anderen sehen zuvor zwei, drei Schritte zurück, um jetzt einen wieder nach vorn zu gehen.
Entwicklung wird aber für mich auch in den nächsten Tagen im Mittelpunkt stehen, da es ein ganz wesentlicher Beurteilungsfaktor für die Arbeit von Trainer Tim Walter ist. Denn er muss Spieler entwickeln, und dafür bedarf es auch Geduld. Was mir hierbei fehlt, ist allerdings der klare Weg. Aktuell wird es in der Außendarstellung immer so gedreht, wie man es gerade braucht. Dabei galt intern bislang immer, dass der eigene Anspruch nur der Aufstieg sein dürfe. Alles andere wurde gar als inakzeptabel abgetan. Wenn ich jetzt aber die Worte von Boldt, Walter und Co. höre, klingt das anders. Also hat man entweder den eigenen Anspruch abgesenkt – oder die Verantwortlichen gehen schon in den Selbsterhaltungs-Modus über. Beides wäre fatal.
Gleiches gilt übrigens für die Transferpolitik, die bislang ordentlich ist – aber eben auch nur, wenn jetzt noch etwas passiert. Und damit sind gute, günstige Zugänge gemeint, nicht etwa Abgänge von Aussortierten wie Toni Leistner oder heute von David Bates, der zum FC Aberdeen wechselt und dem ich persönlich nur das Allerbeste wünsche. Bis Dienstag haben die Verantwortlichen noch Zeit und ich traue Boldt, Mutzel und Co. zu, dass sie die Ansprüche senken, um nach außen nicht zu bedürftig zu wirken. Denn das wiederum würde die Preise steigen lassen.
Oder anders formuliert: Ich hoffe inständig, dass die sportlich Verantwortlichen beim HSV ihre letzten Aussagen wider besseres Wissen und taktisch gewählt haben, weil sie damit einen Plan verfolgen und darauf setzen, auf den letzten Metern des Transferfensters doch noch den einen oder anderen größeren Fisch abfangen zu können, den man sich sonst nie hätte leisten können. Zuzutrauen ist es den verantwortlichen definitiv. Auch wenn das einige hier anders sehen mögen. Sollte dem allerdings nicht so sein, dann wird es hart. Denn sportlich ist der Abstand selbst dem vermeintlich „kleinen Stadtrivalen“ gegenüber schon zu groß. Nicht nur tabellarisch.
In diesem Sinne, bis morgen. Da werden wir uns wie immer schon früh um 7.30 Uhr mit dem MorningCall melden. Und da werden wir sicher schon wieder ein bisschen mehr wissen.
Scholle
P.:S: Der HSV muss in der zweiten Ründe des DFB-Pokals, die am 26./27. Oktober ausgetragen wird, zum 1. FC Nürnberg reisen.
Zeig deine Farben
Unsere Freunde von HANDS OF GOD setzen ikonografischen Momenten und Legenden der Vereinsgeschichte ein künstlerisches Denkmal.
Shirt HAMBURG ALLSTARS
Eine Startelf aus Hamburger Legenden, großflächig auf dem Rücken.
39 €
Bei HANDS OF GOD ansehen ↗
Print HAMBURG ALLSTARS
Dieselbe Startelf als Fine-Art-Print — A3 oder 50 × 70.
40 €
Bei HANDS OF GOD ansehen ↗
Print COMEBACK DES DINOS
Mai 2025, das 6:1 — nach sieben Jahren zurück in der Bundesliga.
40 €
Bei HANDS OF GOD ansehen ↗
Print UNS UWE
Uwe Seeler nach dem verlorenen Wembley-Finale 1966.
40 €
Bei HANDS OF GOD ansehen ↗
Wir sind Partner von HANDS OF GOD und bekommen eine Provision, wenn du über diese Links kaufst — für dich ändert sich am Preis nichts. Gezeigt werden nur Motive, die wir selbst aufhängen würden.
Lies weiter
Meinung
HSV-Blamage- Die Taktik war das geringste Problem
Weiterlesen

Diskussion
0 KommentareDiskutier mit!
Registriere dich kostenlos — dann kannst du unter den Beiträgen mitdiskutieren, antworten und liken.
Jetzt kostenlos registrierenAnmelden