Analyse

Drohen dem HSV schon bald weitere Anteilsverkäufe?

Wenn es um die HSV-Finanzen geht, ist es in aller Regelmäßigkeit ein großes Hallo. Dann gibt es immer wieder sehr viele Menschen, die es wirklich gut mit einem meinen. Viele…

Drohen dem HSV schon bald weitere Anteilsverkäufe?

Wenn es um die HSV-Finanzen geht, ist es in aller Regelmäßigkeit ein großes Hallo. Dann gibt es immer wieder sehr viele Menschen, die es wirklich gut mit einem meinen. Viele verschiedene Personen, mit denen man teilweise schon über Monate (wenn nicht sogar Jahre) keinen oder kaum Kontakt hatte, melden sich plötzlich und haben nur „ganz kurz etwas zu der Bilanz“ zu sagen. Aber ich für meine Seite kann sagen, dass es unter diesen Menschen nur einen einzigen gibt, dem ich zu 100 Prozent vertraue. Zum einen, weil er nachweislich über das Wissen verfügt, solche Bilanzen wie die des HSV korrekt zu lesen und zu analysieren. Zum anderen, weil er in keiner Abhängigkeit zu irgendeiner Partei rund um den HSV gehört. Und das wiederum ist bei fast allen anderen so genannten „Tippgebern“ gänzlich anders.

„Scholle, hierzu werde ich mich nicht mit Namen äußern, diese Bilanz liest sich erschreckend“, war der erste Satz, den ich zu hören bekam. Und es folgte: „Hier werden Dinge miteinander vermischt, die nicht im Zusammenhang stehen. Hier werden nebulöse Erläuterungen getroffen, die offenbar darauf abzielen, von eigenen Verfehlungen abzulenken.“ Und das sagt jemand, der komplett frei davon ist, etwas gegen den HSV oder gegen die dort handelnden Personen zu haben. „Ohne den Stadiongrundstücksverkauf wäre es offenbar ganz eng geworden. Schon dieses Jahr.“

Ohne Grundstücksverkauf wäre es eng geworden

Und dann erklärt mir mein Bekannter im Detail, was er meint. Allein bei den laut Finanzvorstand Frank Wettstein pandemiebedingten 60 Millionen Euro Mindereinnahmen kommt er ins Straucheln. „Wenn ich alles in der Bilanz aufgeführte addiere, komme ich auf 27 bis 28 Millionen Euro, die dem Corona-Effekt zuzuordnen wären. 21,5 Millionen Euro durch fehlende Zuschauereinnahmen, 5 Millionen für fehlende Konzerte und rund eine Million Euro durch Merchandising“, so mein Bekannter, ehe er hinzufügt: „Dagegenrechnen muss man allerdings korrekterweise die Einsparungen der dazugehörigen Aufwendungen in Höhe von 9 Millionen Euro sowie die Corona-Hilfe vom Staat in Höhe von 11 Millionen Euro.“ In der Summe käme er so auf einen coronabedingten Ausfall von maximal 9 Millionen Euro.  Gegenüber den kolportierten rund 60 Millionen Euro ein massiver Unterschied.

https://soundcloud.com/user-36211795/do111121-schwache-ausenbahn-hsv-sucht-okonski-heute-test-und-vagnoman-vor-comeback?si=84320e69883c47c3836167a18f2e3cba

Selbst beim gesenkten Personalkostenapparat von 44 auf 40 Millionen Euro hat er seine Bedenken. „Hier ist deutlich mehr Potenzial für einen guten Finanzer. Immerhin sind in die Einsparungen auch die eingesparten Aufstiegsprämien mit einzuberechnen, was den Erfolg relativiert. Ebenso gegenrechnen muss man das Kurzarbeitergeld, das man als staatliche Subvention betrachten muss.“ Dass sich der HSV weiterhin einen Personalkostenapparat von 40 Millionen Euro inklusive 15 Mitarbeiter mehr als im Vorjahr erlaube, sei „schwer nachvollziehbar“. Zumal darin auch der Kader der Zweitligamannschaft inkludiert ist (die mit bilanziell mit 6 Millionen Euro angesetzt wird). „So hart das klingt, aber rein wirtschaftlich betrachtet muss der HSV bei 230 Mitarbeitern einen Stellenabbau erwägen. 30 Millionen Euro Gesamtkosten wären hier realistisch.“

Der HSV braucht Sondereinnahmen - Anteilsverkäufe?

Zudem würde durch den Bericht und dessen Deutung des Vorstandes darüber hinweggeschwiegen, dass man im Marketing allein durch den Nicht-Verkauf des Stadionnamens schon vier Millionen Euro Mindereinnahmen hätte. Ebenso unerwähnt bliebe das Verfehlte Transferziel. 12 Millionen Euro waren angesetzt, vier Millionen wurden erreicht. „Dass man Amadou Onana ins neue Geschäftsjahr rechnen musste, mag auf den ersten Blick unglücklich wirken. Aber letztlich ist das nur gut für das nächste Geschäftsjahr, das dem HSV einen noch deutlich höheren Fehlbetrag bringen wird.“

Und genau diese bevorstehenden Zahlen bereiteten ihm die größten Sorgen, so mein Bekannter. „Schon die Frage, woher der HSV in den nächsten Jahren die Kosten für die Sanierung des Stadions, die im Rahmen des Grundstücksverkaufs verpflichtend vereinbart wurde, nehmen will, erschließt sich mir nicht.“ Sein Fazit: „Ich verstehe sehr gut, warum die Verantwortlichen hier raus wollen. Denn dieser HSV ist finanziell am Limit. Schon länger. Ohne größere Sondereinnahmen wird der HSV große Probleme bekommen. Und außer etwaige Spielerverkäufe scheint man hier inzwischen alle Quellen ausgeschöpft zu haben.“

Schaut man dann noch einmal genau in die Bilanz, wird zudem klar, dass der HSV in Sachen Kaderwert zweifellos Aufwertungen vornehmen könnte. Zudem hat der HSV seine Kreditlinie von 18 Millionen Euro bislang nicht in Anspruch genommen. Aber gesunde Wege aus der Krise sind das beide nicht. Im Gegenteil: Aktuell muss man befürchten, dass der HSV weiter teures Tafelsiber verkaufen wird. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass es immer wahrscheinlicher wird, dass die Mitglieder zeitnah über weitere Anteilsverkäufe entscheiden müssen. Keine schönen Aussichten. Aber leider auch keine überraschenden mehr.

https://open.spotify.com/episode/7jMrbkLli5HAYQeu6WfPk7?si=9e9bc02ce95448ac

Gute Nachrichten gibt es derweil von der Verletztenfront: 86 Tage nach seinem Sehnenriss ist Josha Vagnoman ins Mannschaftstraining zurückgekehrt. Der 20 Jahre alte Rechtsverteidiger trainierte am Mittwoch mit dem Team. „Wir sind so verblieben, dass ich jetzt wieder reinkomme, und dann schauen wir, wann ich wieder voll dabei sein kann. Ich bin jetzt schon bei über 50 Prozent. Ich würde dieses Jahr gerne noch auf dem Platz stehen.“ Dafür wird Vagnoman in den nächsten Tagen und Wochen weiter vorsichtig herangeführt, um keinen weiteren Rückfall zu riskieren. „Ich hatte einen Faserriss und die Sehne war gerissen. Das hat seine Zeit gedauert. Im Spiel habe ich damals nichts gemerkt. Das kam erst einen Tag später“, ergänzte der 20-Jährige und fügte an: „Ich habe mich gefreut, wieder Teil der Mannschaft zu sein. Ich denke, dass ich in den kommenden Wochen darauf aufbauen kann.“

Vagnoman nach Verletzung wieder im Training

HSV-Coach Tim Walter darf sich also auf einen weiteren Rückkehrer freuen. Und das kommt keinen Tag zu früh, da der Kader wegen verschiedener Auswahlverpflichtungen derzeit dezimiert ist. Auch deshalb hat Trainer Tim Walter die Lücken seit dem ersten Trainingstag in dieser Länderspielpause mit Nachwuchskräften aus der U21 und U19 aufgefüllt. Einige von ihnen werden beim Testspiel der Mannschaft am morgigen Donnerstag in Norderstedt gegen den dänischen Erstligisten FC Nordsjaelland dabei sein. Der Test wird übrigens ab 14 Uhr live und kostenfrei via HSVtv übertragen. 

In diesem Sinne, noch ein Hinweis in eigener Sache: Weil es beim letzten Mal so gut funktioniert hat, werde ich am Freitag wieder per Q&A an dieser Stelle Eure Fragen beantworten. Stellt mir diese bitte per Email an [email protected] oder morgen ab 11 Uhr via Instagram. Ich werde sie dann allesamt versuchen, in aller Ausführlichkeit zu beantworten. Zumindest alle die Fragen, die bis Freitag 10 Uhr eingegangen sind. Also: Feuer frei!

Scholle

P.S.: Das für Freitag angesetzte Regionalliga-Spiel zwischen der U21 und dem SC Weiche Flensburg wird verlegt. Grund ist Personalmangel beim HSV. In Jonah Fabisch (Simbawe/A-Nationalmannschaft), Faride Alidou (Deutschland/ U20), Anssi Suhonen, Juho Kilo (beide Finnland/U21) und Gentrit Limani (Kosovo/U21) befinden sich fünf Spieler auf Länderspielreise. Ein neuer Termin steht noch nicht fest. Seine nächste Partie hat der HSV II am 21. November gegen den VfB Lübeck. Weiche Flensburg gastiert am selben Tag bei Eintracht Norderstedt.

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