Dieses Stadtderby ist mehr als nur das 111. Stadtderby
Die Frage nach der Nummer eins in Hamburg in dieser Fußball-Saison ist beantwortet. Hier kann man es drehen und wenden, wie man will, den FC St. Pauli kann der HSV auch…

Die Frage nach der Nummer eins in Hamburg in dieser Fußball-Saison ist beantwortet. Hier kann man es drehen und wenden, wie man will, den FC St. Pauli kann der HSV auch theoretisch nicht mehr einholen. Allein die Frage nach dem Ausgang des 111. Stadtderbys am morgigen Freitag um 18.30 Uhr im Volksparkstadion ist komplett offen. Dass im Hintergrund von HSV-Anhängern bereits Szenarien vorbereitet werden, das Spiel gegebenenfalls abzubrechen, sollte absehbar sein, dass der FC St. Pauli im Volksparkstadion aufsteigt - ich finde es einfach nur traurig. Denn anstatt sich mit sich selbst zu beschäftigen und zu sehen, wie man seinem eigenen Verein helfen kann, wird der Frust wieder woanders entladen. Und eines ist auch klar: Dieser HSV hat ein Problem mit sich selbst. Wie sonst ist zu erklären, dass Klubs wie der FC oder auch Holstein Kiel das erreichen, was dem HSV seit seinem Abstieg 2018 verwehrt bleibt?
Eines der Probleme des HSV ist, dass man sich selbst zu wichtig nimmt. Hier wird Jahr für Jahr versucht, den größten Haufen zu sch…, indem man am meisten Geld für den besten Kader ausgibt. Problem hierbei: Letzteres zeigt sich auf dem Platz nicht. Und obwohl nahezu alle Gegner des HSV bestätigen, dass die Hamburger den individuell stärksten Kader haben, hat der HSV es bis heute nicht geschafft, auch tabellarisch besser zu sein als mindestens 16 andere Zweitligisten. Auch dieses Jahr läuft man weiterhin seinen eigenen Erwartungen deutlich hinterher.
Das sich hieraus auch die Frage nach Konsequenzen ergibt Komma ist logisch. Und hierbei werden selbstverständlich die sportlich Verantwortlichen zuerst herangezogen. Trainer Tim Walter musst du bereits seine Koffer packen, bei Sportvorstand Jonas Boldt deutet sich ein ähnliches Szenario zum Saisonende hin an. Allein die Frage nach Alternativen konnte der sportlich gänzlich unerfahrene Aufsichtsrat bislang nicht beantworten. Und die Wahrscheinlichkeit, dass er hier eine Antwort findet, tendiert gen Null.
Und ja, auch ich habe von dem großen Plan um Felix Magath und den ehemaligen spanischen Weltklasse Torjäger Raul gehört und gelesen. Aber bei aller Wertschätzung diese beiden Fußball-Größen kann man diese Lösung beim HSV nur als Kapitulation der Verantwortliche verstehen. Weniger zukunftsorientiert und weniger einfallsreich geht es eigentlich gar nicht Punkt, denn eines ist auch klar, diese Idee basiert auf der Hoffnung, damit den größten Geldgeber des HSV, Klaus Michael Kühne, für weitere Investitionen weich zu kochen.
Zudem ist diese Lösung mal wieder ein gutes Indiz für den Größenwahn, indem sich der HSV in den letzten Jahren befinden hat und der den HSV zu Fall gebracht hat. Waren es früher Verantwortliche, die wie die Irren Gelder rausgepulvert haben, um teure Namen einzukaufen, anstatt ordentlich zu scouten und Spieler zu entdecken, folgt man heute im Kontrollrat lieber dem Prinzip Hoffnung, denn einem inhaltlich durchdachten Konzept. Frei nach dem Motto: Holen wir Kühnes Mann nach Hamburg, wird der seinem Wunsch-Vorstand und -Trainer schon die Gelder freigeben, die diese für Erfolg brauchen. Warum dafür hart arbeiten, wenn es auch einfach gekauft werden kann...
Wie unfassbar blind… !
Strategisch ist dieser HSV so führungslos wie schon sehr lange nicht mehr. Die einzigen, die strategisch in der Lage wären, einen Verein strategisch aufzustellen, sind neben dem Trainer der Sportvorstand sowie dessen Sportdirektor. Aber diese drei sollen dem neuen Plan, über den die „BILD“ zuerst berichtete, nach weichen. Dass sie dem HSV jetzt ihre eigenen Nachfolger präsentieren, ist eh ausgeschlossen. Erschwerend hinzu kommt, dass man mit Marcell Jansen zuerst die letzte sportliche Kompetenz im Aufsichtsrat enteierte und dann aussortierte. Im Ergebnis blieb im Aufsichtsrat NULL sportliche Kompetenz. Und ganz offensichtlich auch nur noch null Netzwerk. Denn alle bisher gehandelten Namen sind bekannte Gesichter, die wirklich jede(r) mit (aber auch ohne!) kicker-Abo nennen könnte. Vor allem greift der HSV wieder ins oberste und wahrscheinlich auch in ein sehr teures Regal. Kühne macht das schon….
Mich nervt diese Einfallslosigkeit der Verantwortlichen, die lieber teuer kaufen, als gut zu arbeiten und gut zu suchen. Denn dieses Verhalten hat zu der finanziellen Schieflage geführt, in der sich der SV noch immer befindet und die Kühne immer wieder zur letzten Hoffnung werden lassen, während sich dieser im Gegenzug weitere Anteile und Mitspracherecht als Gegenleistung zahlen lässt. Denn auch dieser mögliche Magath-Move wird teuer. Funktioniert er letztlich, feiern sich die Verantwortlichen dafür. Funktioniert er nicht, steckt der HSV noch tiefer im Schlamassel. Sportlich – aber dann sicher auch wieder finanziell.
Aber kommen wir auch noch mal zurück zum Derby am morgigen Freitag. Ein Spiel, auf das man sich per se freuen kann, wenn man aus Hamburg kommt. Denn viel mehr Emotionen weckt kein anderes Duell aus HSV-Sicht. Der von Kindesbeinen an bekennende HSV-Fan Baumgart sieht das ähnlich. „Die ganze Woche fühlt sich schon besonders an. Das Wetter ist besser, die Leute sind draußen, und natürlich ist das Hauptthema in diesen Tagen das Derby“, sagte St. Pauli-Kapitän Jackson Irvine dem Abendblatt. Und nicht nur er sieht das so. „Dieses Stadtderby ist für mich nicht nur etwas Besonderes, sondern das, worauf ich mich am meisten gefreut habe, als ich den Job hier übernommen habe“, meinte der 52-jährige Steffen Baumgart, der inzwischen seit zwei Monaten an der Seitenlinie beim HSV steht. „Derbysieg und der Sprung auf Platz drei“, antwortete der HSV-Coach auf die Frage, was ihm wichtiger sei – der Derbysieg oder Platz drei. Ähnlich antwortete sein St. Pauli-Kollege Hürzeler auf die Frage Derbysieg oder Aufstieg: „Am besten beides.“ Und der 31-Jährige ergänzte, dass der Aufstieg das Resultat einer ganzen Saison sei, „das Stadtderby das Resultat eines Spieles“.
Recht hat er sicherlich. Und auch ich empfinde eine besondere Vorfreude auf das Stadtderby, kann aber für mich behaupten, dass ein Sieg dort eben nicht wichtiger ist als das Gesamtziel Wiederaufstieg. Ich war, bin und werde mich mit der Zweiten Liga einfach nicht abfinden können, weil der HSV alle Voraussetzungen bietet, ein sehr guter Erstligist zu sein – wenn man endlich anfängt, gut zu arbeiten. Und dazu gehört eben auch, etwas aufzubauen, das Substanz hat und nicht beim ersten Gegenwind umgestoßen wird. Der Magath-Move mit viel Geld wäre für mich sowas.
Da wäre kurzfristig Erfolg möglich, aber eine langfristige Strategie ist das eben nicht. Das Geld hat in den letzten Jahren nach der Ausgliederung beim HSV dazu geführt, dass die Verantwortlichen bequem wurden. Was man über intensives Scouting günstig hätte erarbeiten können, wurde einfach teuer eingekauft. Und allein der Fall, dass Kühne jetzt spendabel ist und viel ermöglicht, dann aber irgendwann mal sagt, er will nicht mehr, würde den HSV wieder in ein tiefes Loch stürzen können.
Aber ich weiche schon wieder ab vom Stadtderby. Das hat gleich in vielerlei Hinsicht besondere Auswirkungen. Denn während der FC St. Pauli im Volksparkstadion den Aufstieg perfekt machen könnte, kann der HSV mit einem Sieg seine eigene Chance auf den Aufstiegsrelegationsplatz drei in der 2. Bundesliga wahren. Der vier Punkte vor dem HSV liegende Konkurrent Fortuna Düsseldorf spielt parallel am Freitag gegen den 1. FC Nürnberg – von denen aktuell leider nicht allzu viel zu erwarten ist. Aber wer weiß…. Verlieren die Rheinländer überraschend gegen die derzeit kriselnden Nürnberger, würde der HSV bei einem Sieg und noch zwei verbleibenden Spielen bis auf einen Punkt dran an der Fortuna sein und der FC St. Pauli trotz Niederlage aufgestiegen. Nebenbei könnte dann am Sonntag (13.30 Uhr/Sky) auch der Tabellenzweite Holstein Kiel bei einem Sieg beim SV Wehen Wiesbaden dem FC St. Pauli erstmals in Liga eins folgen.
Doch die Konstellationen und Spekulationen erscheinen vor dem Anpfiff im Volkspark angesichts der Rivalität beider Vereine fast schon zweitrangig, wenn man Baumgart zuhört. Ein Derbysieg würde ihm und dem HSV insgesamt möglicherweise etwas Ruhe bescheren. Baumgart will sich damit nicht beschäftigen. Er freut sich einfach auf das Spiel am Freitag.
„Zwei sehr, sehr gute Mannschaften auf dem Platz. Mit das geilste Stadion, was du haben kannst. Die Stimmung wird geil. Was willst du mehr, als 18.30 Uhr hier zu sein und Vollgas zu geben“, sagte er und ergänzte: „Es gibt kein geileres Spiel.“
Die Polizei allerdings stuft dieses „geilste Spiel“ indes als Hochrisikospiel ein. Befürchtungen, dass es bei dem Hamburger Duell zu Ausschreitungen kommen könnte, sorgt für erhöhte Vorsicht. Und ich kann nur hoffen, dass das einzig über Jahre Erstklassige beim HSV sich hier keine Blöße gibt: die Fans. Ein provozierter Spielabbruch wäre schlimm. Er wäre peinlich für alle HSVer und würde noch einmal dokumentieren, wie tief es alle getroffen hat, dass der FC St. Pauli erstmals seit 70 Jahren vor dem HSV steht.
Also: alles geben, alles reinhauen und auf den Rängen wie vor den Fernsehern Vollgas geben! Alle gern bis zum Umfallen!
Aber: BITTE KEINE AUSSCHREITUNGEN!
Bis morgen nach dem Spiel! Dann wieder mit einem Blitzfazit!
Scholle
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