Meinung

Dieses Spiel darf dem HSV als Blaupause dienen

Jede Aktion! Wirklich jede Aktion auf dem Platz erzeugte auf der karg gefüllten Osttribüne eine Reaktion. Von Sportvorstand Jonas Boldt ist man es gewohnt, dass er 90 Minuten…

Dieses Spiel darf dem HSV als Blaupause dienen

Jede Aktion! Wirklich jede Aktion auf dem Platz erzeugte auf der karg gefüllten Osttribüne eine Reaktion. Von Sportvorstand Jonas Boldt ist man es gewohnt, dass er 90 Minuten lautstark kommentiert, was die Spieler (und noch mehr der Schiedsrichter) fabrizieren. Aber das, was ich gegen Heidenheim auf der Tribüne gehört habe, war gelinde gesagt – sackstark! Beim Applaudieren machten alle mit, kommentiert wurde von einer Handvoll – das aber lautstark. Und vor allem sehr produktiv mit viel Empathie. Bobby Wood erhielt gleich mit seiner ersten Aktion aufmunternde Worte von den Rängen. Ebenso Kittel, wenn er defensiv mitarbeitete. Oder Heyer, wenn er in Not klärte, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und dadurch, dass der HSV von der ersten Sekunde an aggressiv und schnell spielte, entwickelte sich im Stadion eine spürbar produktive Symbiose, wie ich sie von ein paar Amateurspielen kenne, wenn die paar Hundert Zuschauer gezielt Stimmung machen. Oder anders formuliert: Der HSV hat den Zuschauerausschluss bestmöglich kompensiert und hat definitiv wieder (s)einen 12. Mann auf den Rängen!

Ich weiß, dass das viele jetzt als übertrieben erachten – aber ich bin mir sicher, dass diese Geschlossenheit, die sich gestern auf dem Platz offenbart hat, auch durch die Unterstützung von den Rängen und von der Reservebank zu einem ganz wesentlichen Faktor im Schlussspurt  werden kann. Zu sehen, wie gestern ALLE von der Reservebank aufgesprungen sind und gejubelt haben, als Wintzheimer das 2:0 von Tim Leibold aufgelegt hatte, war ein Indiz dafür. Zumindest habe ich das die letzten Jahre nur in Ausnahmefällen so erlebt. Keinesfalls aber am 26. Spieltag bei einem 2:0 in der 50. Minute. Nein, das gestrige Spiel hat mich in in meiner Beobachtung bestätigt, dass diese Mannschaft sowohl in sich als auch der HSV im Ganzen zu einer Einheit geworden ist, was das Saisonziel betrifft.

Die lange Jahre in Hamburg gelebte falsche Arroganz, solche Siege wie gestern als das Mindeste zu erachten, was man erwarten kann -  und Punktverluste zu Dramen der Peinlichkeit hochzustilisieren, die ist weg. Der bislang daraus entstehende Druck, eigentlich in jedem Spiel nur verlieren zu können, verschwindet immer mehr aus den Köpfen. Aus allen! Also sowohl im Umfeld als auch vor allem bei der Mannschaft. „Wir müssen in der zweiten Liga ankommen“ hatte Trainer Daniel Thioune zu Saisonbeginn gesagt. Man müsse die Liga annehmen. Worte, die bei vielen unter der Rubrik „Phrasen“ abgetan wurden. Aber Thioune hat diesen Worten Taten folgen lassen, indem er selbst damit angefangen hat, den HSV auf realistischem Niveau anzusiedeln. Ihm war es dabei scheißegal, was von außen kam, wenn er sagte, dass man eben nicht erwarten könne, Sandhausen, Fürth, Kiel oder auch Bochum als „verunfallter großer HSV“ mal eben so aus dem Stadion zu schießen. Thioune hat dem Satz „wir entscheiden immer selbst, ob wir gewinnen“ das falsche Selbstverständnis genommen, dass man eh immer die beste Mannschaft hat. Er hat aufgezeigt, dass nur ausreichend Wille gewinnen lässt. Oder anders formuliert: Der HSV-Coach hat allen deutlich gemacht, dass man in den letzten Jahren (auch) daran gescheitert ist, mehr über die Qualität zu sprechen, als diese auch tatsächlich einzufordern und sie auf dem Platz zu demonstrieren.

Das neue Selbstbild des HSV - nichts ist selbstverständlich

Und das wiederum zeigt sich eben auch darin, dass schon kleine Szenen nicht mehr nur müde lächelnd als selbstverständlich hingenommen, sondern von den Rängen gefeiert werden. Nicht so laut wie von 57.000 Zuschauern, die die Mannschaft so pushen. Aber eben deutlicher zuzuordnen. Denn wenn man jetzt „Sauber, Bobby“ schreit und die knapp 100 zugelassenen HSV-Mitarbeiter im Stadion ebenso wie der Trainer und die Mannschaftskollegen auf der Bank dazu applaudieren, bekommt beispielsweise der US-Amerikaner das klarer und besser auf sich bezogen mit, als sonst. Und gestern war zu erkennen, dass beispielsweise Wood das motiviert hat. Er wurde zwar im Laufe des Spiels nicht plötzlich zum Terodde – aber Wood resignierte nicht mehr wie früher, wenn mal etwas nicht klappte. Im Gegenteil: Wood zog bis zu seiner Auswechslung komplett durch und schmiss alles auf den Platz, was er zu bieten hatte. Auch, wenn das manchmal etwas unkonventionell aussah – es war Wood egal, solange er der Mannschaft damit half. Und genau so muss es aussehen! Kein Spieler darf sich wichtiger nehmen als die Mannschaft. Übrigens auch ein Satz aus dem Eröffnungsplädoyer Thiounes bei dessen Amtsantritt, der von seinen Vorgängern leichtfertig und inflationär genutzt worden war. Aktuell stellen der HSV-Coach und seine Mannschaft diese Forderung mit Taten unter Beweis.

Fakt ist, ich werde die kommenden Tage in der Länderspielpause einige erfreuliche Themen haben. Zum Beispiel der angetretene Beweis dafür, dass man eben nicht von Simon Terodde abhängig ist. Das ist man nicht. Man ist zwar meiner Meinung nach noch mal erheblich viel besser mit ihm. Aber: Wenn man alles aus sich herausholt (wie gegen den FCH), dann geht es eben auch ohne ihn. Und allein dieses Gefühl beruhigt schon. Denn bislang haben wir das vielleicht gesagt und geahnt – aber es gab immer eine Restchance, dass es tatsächlich ohne Terodde nicht geht. Seit gestern wissen wir, dass dem nicht so ist.  es. Und das ändert alles.  Wobei ich Euch bitte, das nicht damit zu verwechseln, dass man MIT Terodde eben noch stärker ist. Zudem kann ich die neue Breite im Kader, Hunts Backup-Qualitäten, Kittels spät doch noch aufkommenden Kämpferqualitäten, die stabile Defensive, die Youngster Ambrosius, Vagnoman und vor allem Onana -  Ansätze bieten sich dafür mehr als genug. 

Ebenso natürlich der Gedanke, dass man auch jetzt nicht anfangen darf, zufrieden zu sein. Im Gegenteil: Dieser HSV steht noch immer ganz am Anfang seiner Entwicklung. Nichts ist selbstverständlich – aber auch das wusste Thioune mit Amtsantritt zu verkünden, was sicher nicht nur mich beruhigt. Denn bislang hat Thioune seinen Worten auch Inhalte und Taten folgen lassen. Geht es nach Kapitän Tim Leibold, hat die Mannschaft nichts als die nötigen Ergebnisse im Kopf. „Wir haben gegen Kiel richtig gut gespielt, aber nicht gewonnen. Dann in Bochum haben wir es – zumindest mit Ball und in Überzahl – nicht gut gemacht und sacken drei Punkte ein. Die Gazetten stellen es immer so dar, dass wir gut spielen aber nicht gewinnen können. Wenn wir gewinnen und nicht so gut spielen, heißt es, dass das ja nicht unser Anspruch sein kann. Das ist uns relativ schnuppe. Wir haben da mit der Mannschaft drüber gesprochen und geschlossen gesagt, dass es nicht darauf ankommt, dass es gut aussieht“, so der HSV-Kapitän. „Gerade in der Zweiten Liga kommt es darauf an, dass man sich in jeden Ball reinhaut, anders geht es nicht. Das hat man gestern noch mal gesehen. Wenn man so auftritt und mit dieser Kompaktheit verteidigt, dann ist es ganz, ganz schwierig, uns zu schlagen.“

Leibold macht klar: Wir sind „EIN Team“

Leibold hatte zuvor selbst noch einmal aufgeklärt, dass er auch den ersten Treffer gemacht habe. Er habe den Ball „ganz leicht berührt“,  ehe er sagte, dass der Ball wohl auch ohne sein Zutun drin gewesen wäre. Insgesamt war der Kapitän nach seinem ersten Doppelpack in der Zweiten Liga heute darauf aus, noch einmal die Kompaktheit innerhalb der Mannschaft zu betonen. Er lobte die Geschlossenheit, er lobte die Spieler, die zuletzt immer etwas zu kurz gekommen waren wie beispielsweise Bobby Wood. Leibold, der in seiner Jugend „sieben oder acht Jahre“ lang als Mittelstürmer spielte, untermauerte heute in dem Gespräch noch einmal das, was ich hier schon geschrieben habe: Dass diese Mannschaft intern funktioniert. „Es ist selbstverständlich geworden, 

Selbst mein pessimistischer Freund Fabian hat gestern während des Spiels und nach dem Spiel gejubelt. Er hatte die Partie gegen Heidenheim für sich zur vermeintlich wichtigsten Partie in dieser Saison erklärt. Sein Kommentar nach Spielschluss: „Jaaaaaaaaa!!! Sooooooo wichtig!“ Womit er Recht hat. In allen Belangen.

In diesem Sinne, bis morgen!!

Scholle

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