Spielbericht

„Dieses Ergebnis tut weh" - HSV verschenkt Sieg in Aue

Der HSV ist zum zehnten Mal in Folge ungeschlagen geblieben. So viel vorweg. Ebenfalls positiv zu bewerten: Die erste Halbzeit war vielleicht die beste Halbzeit der Saison.…

„Dieses Ergebnis tut weh" - HSV verschenkt Sieg in Aue

Der HSV ist zum zehnten Mal in Folge ungeschlagen geblieben. So viel vorweg. Ebenfalls positiv zu bewerten: Die erste Halbzeit beim FC Erzgebirge Aue war vielleicht die beste Halbzeit der Saison. Allerdings reichte das alles nicht zu einem Dreier, den man sicher glaubte, sondern am Ende nur zu einem 3:3 nach einer zweiten Halbzeit, die ebenso unsouverän war wie die erste Hälfte noch dominant wirkte. „Wir müssen mit diesem einen Punkt am Ende leben“, so Doppeltorschütze Simon Terodde, während Trainer Daniel Thioune nach dem Spiel enttäuscht war: „Ich habe das Gefühl, dass wir hier heute zwei Punkte liegen gelassen haben – und nicht, dass wir einen gewonnen haben. So ein Spiel darf man nicht mehr abgeben. Damit können wir nicht zufrieden sein. Das tut weh.“ 

Dabei begann der HSV in Aue trotz des tiefen Bodens und des zweifelsfrei kampfstarken Gegners richtig stark. Von Anpfiff an übernahmen die Thioune-Mannen das Kommando im Erzgebirgsstadion und wurde schnell gefährlich, obgleich Aue sich betont defensiv stellte, Bakery Jatta auf der rechten Seite immer doppelte und die Doppelung teilweise noch von einem dritten Defensiven absichern ließ. Aber, und das ist die große Stärke des HSV aktuell, dafür übernahmen dann die anderen das Spiel. Gideon Jung von hinten heraus als Abwehrchef einer Viererkette, die sich komplett mit in die Offensive einschalten konnte, weil sie nahezu gar nicht gefordert wurde. Und davor wirbelten Jeremy Dudziak, David Kinsombi  und der mir anfänglich richtig gut gefallene Sonny Kittel.

Und man näherte sich mit aller Geduld und extrem hoher Ballkontrolle dem Ziel an. Variabel im Spiel, kombinationsstark – und vorn nun mal mit einem Mann wie Simon Terodde überbesetzt. Der war es auch, der in der 14. Minute das 1:0 für den HSV besorgte. Wobei man ehrlich sagen muss, dass der Ball von Bakery Jatta nach Leibold-Flanke wahrscheinlich auch so drin gewesen wäre. Ehrlich gesagt hatte ich sogar befürchtet, dass Terodde im Abseits stand. Stand er aber nicht. Und so traf der Toptorjäger zum 18. Mal in dieser Saison für den HSV.

HSV dominiert die ersten 45 Minuten nach Belieben

Aber dabei sollte es hier nicht bleiben. Mit zwischenzeitlich 75 Prozent Ballbesitz und 60 Prozent gewonnener Zweikämpfe legte der HSV nach. Nur gute 60 Sekunden nach dem Führungstreffer legte Terodde den Ball direkt in den Lauf von Moritz Heyer, der aus halblinker Position nur den Pfosten traf. Dudziak bemängelte, hier in der Mitte besser postiert gewesen zu sein, aber er bekam den Ball nicht – anders als Kinsombi. Der hatte Kittel im Sechzehner mit einem schönen Pass freigespielt. Und der bis hierhin auffällige Kittel nahm den Ball erst super an und hatte dann das Auge für den mitgelaufenen Kinsombi . Pass in den Rücken der Abwehr auf Kinsombi, der zieht trocken ab und lässt einem der besten Keeper der zweiten Liga keine Chance – das 2:0 (22.).

Es lief. Zu gut vielleicht, denn plötzlich stand es wie aus dem Nichts nur noch 2:1 für den HSV. Und das nach einer eigenen Ecke! Dudziak und Kittel mit beinem (Nicht-)Trick, der Ball wird von Aue geklärt – und der Konter über den bekannt torgefährlichen Hochscheidt läuft. Und läuft. Und läuft vor allem völlig unbedrängt bis zum HSV-Sechzehner, wo Hochscheidt den Ball per Doppelpass an der Sechzehnerkante auf den starken, rechten Fuß bekommt, von Gyamerah nur begleitet wird und dann überlegt flach gegen die Bewegung von Sven Ulreich zum Anschlusstreffer  einschiebt (29.). Ein Schock?

Mitnichten. Denn der HSV legte nach. Erst wird Kittel im Strafraum gefoult (sagte zumindest der Schiri), dann trifft Leibold zum 3:1. Problem: Schiedsrichter Daniel Siebert hatte aus mir unerfindlichen Gründen schon den Elfer gepfiffen, anstatt diese Aktion noch ne Sekunde laufen zu lassen. Ergebnis: Terodde trat zu einem Elfmeter an, den ich für fragwürdig hielt – aber er traf. Das 3:1 keine 90 Sekunden nach dem Anschlusstreffer. Und gleichzeitig der Halbzeitstand  nach richtig starken ersten 45 Minuten des HSV. Einziger Wermutstropfen aus HSV-Sicht: Dudziak musste kurz vor der Halbzeit mit einer Oberschenkelverletzung raus. Für ihn kam Hunt.

Und schon während ich in der Halbzeitpause ein lustiges Video für meinen Instagram-Account auswählte, das symbolisieren sollte, wie cool man in Aue agierte, dachte ich mir, dass das schiefgehen könnte. Wobei, zugegeben: Hätte Aaron Hunt in der 49. Minute nicht unglücklich nur den Innenpfosten getroffen, sondern zum 4:1, das Spiel wäre wohl entschieden gewesen. War es aber nicht, da der Gegenangriff das 2:3 aus Auer Sicht brachte. Wieder  bekommt Hochscheidt 20 Meter vor dem HSV-Tor den Ball und sieht den besser postierten Fandrich, der - wieder nur begleitet von Gyamerah - aus halblinker Position im Sechzehner ins lange Eck einschiebt.

Das 2:3 ließ das Spiel unverständlicherweise kippen

Der Anschlusstreffer war dann auch gleich der Startschuss in eine unerklärlich wackelige Phase des HSV, die sogar den Ausgleich mit sich brachte. Und das nach einem Standard. Ulreich kann den Kopfball von Aues Bussmann nur nach vorn abwehren, wo Krüger den Ball direkt nimmt und zum 3:3 trifft. Der Ausgleich in einem Spiel, das so gut begann, wie es jetzt schwach wurde aus HSV-Sicht. Es wurde einmal mehr deutlich, was dem HSV fehlt, wenn Dudziak ausfällt und parallel dazu bei Kinsombi, Kittel, Jatta die Kräfte  schwinden. Da half nicht einmal ein fleißiger Hunt. Nein, die zweite Halbzeit war genauso scheiße, wie die erste stark war. Kein Zug mehr zum Tor, keine Flanken auf Terodde – das war nichts. Das war ein verschenktes Spiel aus HSV-Sicht, in dem sich Aue den einen Punkt redlich verdiente.

Zehn Spiele am Stück ungeschlagen - das klingt gut. Ist es auch. Aber was mir heute fehlte war die Souveränität in der Defensive. Das, was in der ersten Halbzeit gelobt wurde war nämlich nicht die Verteidigung an sich – denn die wurde gar nicht gefordert. Dafür konnten Jung und Co. nichts. Okay! Aber dass sie in der zweiten Halbzeit so teilnahmslos das 2:3 hinnahmen, dafür konnten sie was. Zuerst der heute schwache Jatta, der den Ball völlig unnötig auf Höhe des Mittelkreises verlor, wirkte heute ebenso wie Gyamerah nicht hundertprozentig auf dem Platz. Weshalb Gyamerah hier nicht wenigstens versucht, mit einem langen Bein zu stören, erschließt sich mir nicht. Das war nichts. Zudem schien der HSV in der zweiten Hälfte kräftemäßig nicht mehr wie zuletzt noch mal zulegen zu können.

Schlusswort Daniel Thioune: „Dieses Ergebnis tut weh, wenn man die erste Halbzeit im Hinterkopf hat. Da haben wir das Spiel, die Bedingungen und den Gegner optimal angenommen, haben Spiel und Gegner dominiert und auch verdient so hoch geführt. Es hat wirklich Spaß gemacht, von außen zuzuschauen. Mit der zweite Hälfte sind wir aber entsprechend unzufrieden, denn wir haben das Spiel komplett abgegeben. Erst hatten wir Pech mit dem Pfostentreffer von Aaron Hunt und haben dann den Gegner durch den unnötigen Ballverlust von Bakery Jatta wieder ins Spiel zurückgeholt. Überhaupt waren die Gegentore extrem ärgerlich. Beim ersten werden wir trotz Führung nach eigenem Eckball ausgekontert, begehen beim zweiten diesen individuellen Fehler und das dritte fällt nach einem Standard. So müssen wir mit dem Unentschieden leben, denn wir konnten unser Tempo nach den anstrengenden Wochen nicht über 90 Minuten halten. Wenn man aber so eine gute erste Halbzeit gespielt hat, dann fühlt sich ein Punkt natürlich nicht zufriedenstellend an.“

Hoffen wir mal, dass die lange Pause bis kommenden Sonnabend reicht, um wieder aufzutanken. In diesem Sinne, es gibt definitiv keinen Grund zur Panik – aber doch zweite 45 Minuten, über die man sprechen muss. Aber das können wir auch morgen noch machen. Bis dahin!

Scholle 

Statistik zum Spiel:

FC Erzgebirge Aue: Männel – Breitkreuz (46. Bussmann), Gnjatic, Gonther, Strauss – Zolinski (76. Nazarov), Samson, Fandrich, Hochscheidt (90.+2 Härtel) – Testroet, Krüger (83. Zulechner)

HSV: Ulreich – Gyamerah, Jung, Ambrosius, Leibold – Kinsombi, Heyer (81. Onana), Dudziak (42. Hunt) – Jatta (81. Narey), Terodde, Kittel

Tore: 0:1 Terodde (14.), 0:2 Kinsombi (22.), 1:2 Hochscheidt (26.), 1:3 Terodde (30.), 2:3 Fandrich (50.), 3:3 Krüger (61.)

Zuschauer: leider keine

Schiedsrichter: Florian Badstübner (Windsbach)

Gelbe Karten:  Samson (76.) / Ambrosius (60.)

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