Analyse

Dieser HSV wird besser, und: „Wir sind noch lange nicht fertig.“

Knapp zwei Wochen sind es nur noch bis zum echten Derby gegen den FC St. Pauli in deren Millerntorstadion. Und der Stadtrivale FC St. Pauli ist aktuell wider Erwarten kein…

Dieser HSV wird besser, und: „Wir sind noch lange nicht fertig.“

Knapp zwei Wochen sind es nur noch bis zum echten Derby gegen den FC St. Pauli in deren Millerntorstadion. Und der Stadtrivale FC St. Pauli ist aktuell wider Erwarten kein Aufstiegskonkurrent, dafür aber ein warnendes Beispiel. „Ich kann mich gut erinnern, wer letztes Jahr nach der Hinrunde Erster und Zweiter war. Beide Mannschaften sind nicht aufgestiegen“, warnte Jonas Meffert und meinte damit den SV Darmstadt 98 - und den FC St. Pauli. Man steht zwar aktuell nach zehn gespielten Partien auf Rang ein uns konnte jüngst den Vorsprung auf drei Punkte ausbauen, aber nach vier gescheiterten Aufstiegsversuchen ist man beim HSV vorsichtig geworden. Zurecht. Auch Trainer Tim Walter sagte nach dem hochemotionalen 2:1-Sieg bei Hannover 96: „Wir stehen da oben, das ist schön. Aber wir haben noch ein paar Spieltage. Wir arbeiten weiter. Denn wir sind noch lange nicht fertig.“

Dabei wirkt die Mannschaft aktuell stabiler und eingespielter als in den Jahren zuvor. Trotz erneuter Führungskrise siegt Walters Team weiter, als wäre nichts los. Nach dem fünften Sieg in Serie hat der Tabellenführer fünf Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Sieben sind es sogar schon auf Rang vier. „Man hat heute gesehen, wo der HSV steht und wo wir stehen“, lobte Hannovers Trainer Leitl nach Spielende seinen Kollegen Walter, mit dem er nicht nur nette Erinnerungen verbindet. „Wir stehen am Anfang einer Entwicklung“, sagt Leitl und liefert die Erklärung für den HSV-Höhenflug gleich mit. Die Hamburger hätten endlich einmal über einen längeren Zeitraum an ihrem Kader, ihrem Trainer und ihrer Spielidee festgehalten. Sie seien deshalb einfach weiter als die Konkurrenz. Die Abläufe sitzen. „Der HSV steht da, wo er hingehört“, meinte Leitl. Und das ist Platz eins.

Vielen Dank für die Worte, Herr Leitl!

Die Hamburger Weiterentwicklung lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. Gegen die Nordrivalen aus Hannover und Kiel ließ der Club in den vergangenen drei Spielzeiten zusammengezählt 23 Punkte liegen. Jetzt besiegte man beide nacheinander in deren Stadien. Und die Mannschaft kennt das unruhige Umfeld, wie Meffert bestätigt. „Alles, was um uns herum passiert, können wir nicht beeinflussen. Es wird wahrscheinlich immer wieder etwas zu hören geben.“

Und wenn man ehrlich ist, dann werden die jüngsten Ereignisse dem HSV sportlich mehr helfen denn schaden. Zumindest kurzfristig. Denn Spieler und noch mehr Trainer Walter standen im internen Machtkampf zwischen dem zurückgetretenen Vorstand Thomas Wüstefeld stets auf der Seite des Sportvorstands Jonas Boldt. Und: Boldt und Walter liefern aktuell Woche für Woche Argumente, ihre auslaufenden Verträge zu verlängern. Das stimmt! Weshalb hier einzelne Medien aber immer wieder versuchen, das Thema unnötig mit Zeitdruck zu versehen, erschließt sich mir angesichts der Erfahrungen aus den letzten Jahren absolut nicht. Aber auch hier ist viel Politik im Spiel.

Anders die Mannschaft, die sich als geschlossener Kreis präsentiert. Und wer einen Ransford Königsdörffer in der Schlussphase von der Bank bringen kann, der hat auch nicht den schlechtesten Kader. Wobei diese Erkenntnis angesichts der Investitionen im Sommer auch keine Überraschung ist. Fakt ist aber eben auch, dass dieser HSV nach der Partie gegen Düsseldorf nun auch in Hannover eine sehr stabile, überzeugende Leistung abgerufen hat. Und so glücklich ein Siegtreffer in der Nachspielzeit auch erscheinen mag – in der Gesamtwertung der Partie war er absolut verdient.

Der HSV gewinnt die Spiele in dieser Saison einfach. Also auch die, die in der letzten Saison noch zu oft remis endeten oder gar verloren gingen. Und das ist sicher mit der Eingespieltheit zu erklären. Aber ganz sicher auch mit einer individuellen Qualität, wie sie Königsdörffer gegen Hannover und Kittel gegen Düsseldorf an den Tag legten, als sie reinkamen. Oder anders formuliert: HSV-Trainer Tim Walter hat inzwischen sowohl in Sachen Startelf ein gutes Händchen wie auch in Sachen Einwechslungen.

Walter macht seine Mannschaft besser - auch im Spiel

Bislang wurden fast alle Spiele nach Walters Einwechslungen besser. Und das liegt sicher auch daran, dass auch ein Walter seine Mannschaft besser (weil länger) kennt. So, wie die Mannschaft ihn. Und letzteres ist aktuell sicher ein wesentlicher Faktor. Denn die Eingespieltheit ist nicht nur bei den Spielern auf dem Platz besser geworden, sondern hat sich auch im Trainerteam und im Umgang Trainerteam/Mannschaft noch weiter gefestigt.

Wie sagt man so schön: Im Moment passt sehr viel. Aber ich erinnere mich auch an die immer wieder mahnenden Worte von Dr. Olaf Ringelband, der die Leistungskultur genau an solchen Momenten festmachte. Oder besser gesagt am Umgang damit. Soll heißen: Zu frühe Zufriedenheit ist der Feind des Erfolges. Aber, und da lege ich mich fest: Lieber Olaf, diese Zufriedenheit gibt es aktuell nicht.

Walter betont zwar gern, wie stark er seine Mannschaft sieht. Er wird aber im Training und drumherum nicht müde, seine Spieler auf dem Boden zu halten und darauf zu fokussieren, dass noch gar nichts erreicht ist. Und dafür nehme ich gern die letzten beiden Spiele als Beispiel. Denn beide Male wurde das Spiel in der Schlussminute erst entschieden. Weil die Mannschaft bis zur letzten Sekunde ackert und nicht aufhört, bis der Abpfiff ertönt.  

In diesem Sinne, Walter macht aktuell sehr vieles sehr gut. Nein, er wird sogar besser. Und seine Mannschaft nicht minder. Wäre fast tu schön, zu hoffen, dass das HSV-Umfeld diesen Weg irgendwann auch mal geht. 

Bis morgen,

Scholle

P.S.: Der HSV setzt auf Nachhaltigkeit. Sicherlich auch, um Geld zu sparen – aber das macht es nicht schlechter. „Die größten Einsparpotenziale existieren im und um das Volksparkstadion“, teilte der Verein am Montag mit. „Daher werden ab sofort außerhalb der Spieltage die weniger genutzten Stadionflächen weniger beleuchtet, belüftet und beheizt“. In der WM-Pause ab Mitte November stellt der HSV die Zusatzbeleuchtung und Beheizung des Stadionrasens ein. Zudem werde die Beheizung der Trainingsplätze „entscheidend reduziert.“ In den Räumen der Geschäftsstelle soll die Lufttemperatur gesenkt werden. Ein Richtwert wurde nicht genannt.

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