Analyse

Dieser HSV ist reifer als die letzten Jahre

Klar, auch heute war Robert Glatzel noch ein gefragter Mann bei. HSV. Ein Viererpack beim Tabellenführer, das erste Viererpack seit Horst Hrubesch 1982 – da muss man mit…

Dieser HSV ist reifer als die letzten Jahre

Klar, auch heute war Robert Glatzel noch ein gefragter Mann bei. HSV. Ein Viererpack beim Tabellenführer, das erste Viererpack seit Horst Hrubesch 1982 – da muss man mit Nachfragen rechnen. Zumal dann, wenn es am nächsten Spieltag gegen seinen Ex-Klub ins nächste Spitzenspiel geht. Denn am kommenden Sonnabend ist der punktgleiche FC Heidenheim zu Gast, für den Glatzel zwischen 2017 und 2019 55 Zweitligaspiele bestritt. „Das ist für mich natürlich ein besonderer Verein“, daraus macht Glatzel keinen Hehl. Ebenso wenig wie aus dem Umstand, dass man jetzt auf Sympathien keine Rücksicht nehmen werde. Der 28-Jährige weiter: „Wir wollen genauso weitermachen. Zuhause vor wenigen Fans wollen wir den nächsten Schritt machen, natürlich gewinnen. Da geht‘s wieder um drei Punkte. Ich verbinde viele Sachen mit Heidenheim. Über allem steht der Durchbruch in der zweiten Liga.“

Jetzt steht mit dem HSV der Durchbruch in die Erste Liga an, sollten sich die Ziele Glatzels verwirklichen lassen. Und sportlich läuft es dabei längst nicht nur für ihn gut, wie die Partie in Darmstadt deutlich gemacht hat. „Die Mannschaft hat einen Riesenanteil daran“, sagte Glatzel, dessen Unterschriftensammlung von seinen Mitspielern auf dem gesicherten Spielball als symbolisch betrachtet werden darf. Denn genau darauf basiert der aktuelle Erfolg: auf die interne Geschlossenheit. Da nimmt sich niemand wichtiger als die anderen, wie auch Trainer Tim Walter immer wieder betont. „Wir haben einen gleichwertigen Kader“, sagt der HSV-Coach, der unmittelbar nach Schlusspfiff machte, was er immer nach Spielen macht: Er warnte vor dem nächsten Gegner: „Wir sollten den Ball flach halten. Wir hatten in dieser Saison schon Rückenwind und Gegenwind. Wir sind gut beraten, auf uns zu schauen. Das ist das Entscheidende.“ 

Was Glatzel und Lewandowski gemeinsam haben

Ich hatte im bisherigen Saisonverlauf immer wieder betont, dass ich Glatzel für einen sehr guten Angreifer halte. Gegen viele Widerstände hier. Glatzels vergebene Torchancen waren vielen hier ein Dorn im Auge. Und das ist auch nachvollziehbar. Dennoch habe ich Glattzel immer anders beurteilt. Ich hatte irgendwann Ende 2021 mal den Vergleich zu dem meiner Meinung nach heute weltbesten Angreifer, Robert Lewandowski, gezogen. Nicht in Gänze, dafür sind die beiden einfach zu weit auseinander. Aber auch Lewandowski war in seinem ersten Jahr bei Borussia Dortmund durch Chancenwucher aufgefallen und hatte damit viel Kritik erfahren müssen. Damals aber sagte sein Trainer Jürgen Klopp, dass sein Angreifer deshalb gesetzt sei und das auch bleiben würde, weil sich kein anderer Angreifer überhaupt so viele Chancen hätte erarbeiten können. Klopp sagte damals, dass er sich aus der Kritik an Lewandowski nichts machen würde und sicher sei, dass ihm der Angreifer das Vertrauen zurückzahlen werde. Und das tat er. Mehr als nur das. So, wie es Glatzel jetzt ein paar Level niedriger auch macht.

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Es mag auch ein Stück weit am Mangel an Alternativen liegen, dass Walter seinem Angreifer so lange und so beharrlich das Vertrauen schenkt. Aber ich glaube tatsächlich, dass Walter aus Überzeugung handelt. Zumindest hätte ich es. Denn Glatzels Spielweise ist wichtig für das gesamte System unter Walter. Er steht nicht nur dort, wo er den Ball nur noch über die Linie drücken muss – wobei ein solches Stellungsspiel auch eine ganz besondere Qualität ist, siehe Simon Terodde. Nein, Glatzel arbeitet von der ersten bis zur letzten Minute gegen den Ball, ist ständig unterwegs und musste nach einem etwas schwierigen Saisonstart seine Laufwege nur ein wenig nachjustieren, wie es Sportdirektor Muchael Mutzel nannte, um effektiver zu werden. Wer wissen will, was genau ich meine, der möge sich bitte mal das 3:0 in Darmstadt ansehen. Da holt Glatzel den Ball und leitet seinen eigenen Treffer quasi selbst ein.

Und das Beste an dieser Art von Glatzel ist, er ist damit nur einer von vielen. Denn das gestrige Spiel in Darmstadt hat auch (noch einmal!) gezeigt, dass diese Mannschaft begriffen hat, wo sie spielt, und worauf es ankommt. Aus dem Aushilfs-Rechtsverteidiger Moritz Heyer ist einer der besten Rechtsverteidiger der Liga geworden. Einer, der nach hinten nichts anbrennen lässt und der nach vorn saugefährlich ist. Der ehemalige Osnabrücker ist dabei so unfassbar konstant, dass ich mir sehr gut vorstellen kann, dass der gelernte defensive Mittelfeldspieler nach dieser Saison aufsteigen wird. Hoffentlich zusammen mit – aber zur Not auch ohne den HSV. Und zwar nicht auf seiner Stammpositionen im zentral-defensiven Mittelfeld oder in der Innenverteidigung – sondern als Außenverteidiger.

Heyer wird wohl am Saisonende aufsteigen

Ich habe vor dem Spiel in Darmstadt gesagt, dass ich hoffe, das der HSV seine defensive Stabilität beibehält, weil die der Schlüssel für den aktuellen Erfolg sei. Und nicht nur Heyer lieferte 100 Prozent, sondern das Innenverteidigerduo Schonlau/Vuskovic ebenso wie auch Miro Muheim, dem ich heute gern ein paar Zeilen Sonderlob widmen möchte, weil der Schweizer am Anfang gerade auch hier ganz schön einen an die Backen bekommen hatte.

Wie sich Muheim aber inzwischen defensiv stabilsiert hat und zudem nach vorn mutiger wird, das ist einfach gut. Gestern hatte er zu Beginn noch ein paar Fehlpässe drin. Aber wie in den letzten Wochen schüttelte er sich nur einmal kurz und spielte letztlich eine ganz starke Partie. Und damit meine ich nicht nur seine sackstark getretenen Standards, sondern: Alles. Im Zweikampf ist er so abgezockt, dass er teilweise gar nicht voll in den Zweikampf gehen muss, um diesen trotzdem zu gewinnen. Und selbst wenn er es mal muss, dann bringt der 23-Jährige eine Robustheit mit, die man ihm auf den ersten Blick vielleicht nicht zutrauen mag. Kurzum: Muheim muss den Vergleich mit Tim Leibold, dessen Rolle er nach dessen Verletzung übernommen hat, nicht scheuen. Defensiv ist er für mich sogar schon besser als Tim Leibold.

Aber auch darum geht es beim HSV niemandem. Man merkt dieser Mannschaft an, dass sie nicht viel erschüttern kann. Leibolds Ausfall ebenso wenig wie die Sperre vom ligaweit besten Vorbereiter Sonny Kittel. „Wir werden sein Fehlen im Kollektiv auffangen“ hatte Trainer Tim Walter versprochen – und seine Mannschaft hielt Wort. Mit einem bemühten, verbesserten David Kinsombi. Mit einem immer noch stärker werdenden Ludovit Reis, dessen Leistungslimit noch überhaupt nicht festzusetzen ist. Und mit meinem MVP (Most valuable Player – der wertvollste Spieler) im Team: mit Jonas Meffert. Denn der Ex-Kieler liefert mit einer Beständigkeit ab, die sonst kaum einer in dieser Liga vorzuweisen hat. Aber dazu in den nächsten Tagen noch mehr.

Meffert, Schonlau und Co. - stille Stabilisatoren

Für heute bleibt festzuhalten, dass ich meine Worte zu Saisonbeginn zu einem Teil fressen muss. Ich war angesichts der Spielweise Tim Walters davon überzeugt, dass es so auf Sicht nichts würde. Letztlich hat dann auch eine kleine, aber ganz entscheidende Nachjustierung des Trainers in der Defensive gereicht, um den HSV stabil werden zu lassen. Und genau das ist er jetzt: Stabiler als die allermeisten Teams in dieser Liga. Sowohl offensiv wie auch defensiv – aber vor allem in Sachen mannschaftlicher Geschlossenheit.

Walters Art gepaart mit natürlichen Leadertypen wie Heuer Fernandes, Schonlau, Meffert, Glatzletzel, Kittel und Co. hat dieser Mannschaft Zusammenhalt verliehen, die sie wachsen lässt. Das beste Zeichen dafür, dass es in dieser Mannschaft stimmt, ist für mich an den jungen Talenten festzumachen, die allesamt funktionieren, wenn sie reingeworfen werden. Ob es ein Anssi Suhonen ist (der übrigens heute auf dem Trainingsplatz stand), ein Faride Alidou, ein Jonas David - oder wie gestern eben auch ein völlig unbeschriebenes Blatt wie Elijah Krahn – sie alle passen sich sofort an und funktionieren. Weil diese Mannschaft sie trägt.

Daher wage ich eine Prognose, die ich schon vor der Winterpause geäußert habe, heute noch mal zu erneuern: Sollte der HSV in den nächsten Wochen auch kleine Rückschläge – denn die wird es personell wie ergebnistechnisch geben – weiterhin so schnell verdauen und wegstecken können wie zuletzt, dann werden eben jene Heuer Fernandes, Meffert, Schonlau, Glatzel zusammen mit den Krahns, Alidous und Suhonens bis zum Schluss um die ersten drei Ränge spielen. Denn dieser Kader ist in der Breite zwar dünner als die letzten Jahre, aber von der Mentalität her deutlich stärker. Auch Dank Walters Art. Und das wird sich auch weiterhin in den Ergebnissen niederschlagen. 

In diesem Sinne, bis morgen. Da hat die Mannschaft übrigens trainingsfrei. 

Scholle

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