Dieser eine, letzte Schritt – HSV will Geschichte schreiben
Der HSV steht dicht vor der Rückkehr in die Bundesliga und es ist wie überall im Leben auf den allerletzten Metern nach einem jahrelangen Kampf: Der Adrenalinspiegel steigt,…

Der HSV steht dicht vor der Rückkehr in die Bundesliga und es ist wie überall im Leben auf den allerletzten Metern nach einem jahrelangen Kampf: Der Adrenalinspiegel steigt, die Ungeduld wächst – einige werden sogar nervös. So ist es auch hier und bei allen, die es mit dem HSV gut meinen. Hamburg rüstet sich bereits für eine ausschweifende Aufstiegsparty und erzeugt so eine Diskussion zwischen denen, die mahnen – und denen, die sich voller Optimismus äußern.
Was viele vergessen, die diskutieren: Es ist scheißegal, was wir drumherum reden, fabulieren, prognostizieren – solange die Mannschaft cool bleibt und das Ziel im Fokus behält. Aber was sich für uns Außenstehende so leicht sagen lässt, ist für die Profis schwieriger. Sie wissen, dass sie unter einer ganz besonderen Beobachtung stehen. Da ist es so ein bisschen wie mit dem rosa Elefanten… Und: Das Erbe von sieben Jahren Zweitklassigkeit, sechs verpassten Aufstiegen und einer Achterbahnfahrt mit acht Trainern anzutreten – das macht das Ganze auch nicht leichter.
Polzin bleibt cool und geht voran
Wie man damit genau umgehen muss, verrät Ex-HSV-Profi Stefan Schnoor im neuen Talk. Fakt aber bleibt: Am Sonnabend kann es endlich wieder so weit sein: Ein Sieg gegen den SSV Ulm (20.30 Uhr, Sky und Sport1) – und der HSV ist zurück im deutschen Fußball-Oberhaus. Gut hierbei: Trainer Merlin Polzin wirkt vor dem Spiel unverändert konzentriert und entschlossen. „Die Stadt und alle HSVer brennen auf dieses Spiel“, sagt der 34-Jährige auf der Pressekonferenz – und richtet einen Appell an die Fans: „Jeder, der das Privileg hat, ein Ticket zu besitzen, hat auch die Aufgabe, die Mannschaft maximal zu pushen.“
Ein Appell aus Prinzip, denn die Fans sind die einzige erstklassige Konstante in diesem Verein. Mit Ausnahmen zugegebenermaßen. Aber Fakt ist: Die Unterstützung im Volksparkstadion und bei den Auswärtsspielen ist seit Jahren ungebrochen erstklassig.
Um die automatische Spannung nicht noch weiter zu befeuern, setzt Polzin auf Routine. Keine Motivationsspielchen, keine Finalrhetorik. Nur ein Ziel: „Wir wollen ein gutes Spiel machen. Wir fragen uns nur: Was müssen wir tun, um dieses Spiel zu gewinnen?“ Dabei würde er ganz bewusst „nichts anders machen“ wollen – was nicht ganz stimmt. Denn das Training fand am Donnerstag im Gegensatz zu sonst unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, und auch das Abschlusstraining am Freitag bleibt intern.
Offensichtlich ist, dass der Fokus von Polzin klar ist. Und wer Robert Glatzel nach seinem Treffer in Darmstadt gehört hat, der weiß auch, wie die Mannschaft tickt. „Nur noch eins – nur noch eins!“, schrie der HSV-Angreifer in die Kamera. Dass die Mannschaft zudem einen zusätzlichen freien Tag ablehnte mit der Begründung, sich wie gewohnt auf diesen letzten Schritt vorbereiten zu wollen – das alles überzeugt von der Haltung der Mannschaft. Und davon, dass sie es dieses Jahr wirklich schaffen kann.
Ulm wird ein unangenehmer Gegner
Der Gegner aus Ulm wird dabei keineswegs unterschätzt. Im Gegenteil: Alle wissen, dass der Abstiegskandidat selbst Punkte braucht und laut Polzin „einen sehr ekligen Fußball“ spielt – im positiven Sinne. Und da der HSV in den letzten Heimspielen nicht überzeugte, will der Coach besonders achtsam sein: „Wir haben zuletzt auf die Fresse bekommen – durch unsere Leistungen, aber auch durch die Reaktionen darauf.“
Das war beim HSV anders – allerdings musste Trainer Polzin beim überzeugenden 4:0-Auswärtssieg in Darmstadt zwei bittere Pillen schlucken. Personell muss Polzin auf Abwehrchef Dennis Hadzikadunic verzichten. Auch Kapitän Sebastian Schonlau fehlt – Gelbsperre. Schonlau wird von außen anfeuern – mit Stolz auf sein Team, wie er betont. „Ich habe in den letzten Monaten viel über mich selbst gelernt. Auch, wer ich neben dem Fußballer bin“, sagte er rückblickend auf seine Reservistenzeit. Nun will er das Team trotz Abwesenheit nach vorne treiben.
Spannend ist der Poker um den letzten Platz in der Innenverteidigung: Vier Kandidaten stehen zur Auswahl – Lukas Poreba, der im Training bereits getestet wurde, Youngster Joel Agyekum, Außenverteidiger Silvan Hefti sowie Jonas Meffert, der im Zweifel nach hinten rücken könnte. In den meisten Einheiten bekam Poreba den zweiten Platz in der Innenverteidigung. Das ist durchaus überraschend, denn in einem Pflichtspiel hat der Pole diesen Job in seiner Karriere bislang noch nie übernommen. Allerdings: Auf dem HSV-Trainingsplatz musste Poreba in den vergangenen Wochen schon mehrfach in der Abwehr aushelfen. Das hat Polzin gefallen. Der HSV-Coach: „Das hat er in den Situationen richtig gut gemacht. Die Qualität, die er am Ball hat, und sein giftiges Verteidigen sprechen definitiv für ihn.“
Poreba im Training als Innenverteidiger-Ersatz - Polzin hat Optionen
Gute Nachrichten gibt es hingegen von Aboubaka Soumahoro. Der Winterneuzugang könnte erstmals in den Kader rücken – voll einsatzfähig ist er nach seinem Sehneneinriss allerdings noch nicht. Auch Immanuel Pherai könnte dabei sein, wenn im Volksparkstadion der erste Erstliga-Aufstieg der Vereinsgeschichte geschafft werden soll.
Hält diese Serie an, steigt der HSV am Samstagabend auf: Der DFB hat für das Matchball-Spiel gegen Ulm Max Burda als Schiedsrichter angesetzt. Der 35-jährige Berliner hat die Hamburger bislang zweimal gepfiffen – beide Spiele wurden gewonnen. Nach dem 2:1 gegen Braunschweig in der Vorsaison leitete Burda auch das diesjährige Auftaktspiel in Köln, das der HSV ebenfalls mit 2:1 für sich entschied.
Wenn es noch eine zusätzliche Motivation für den Aufstiegs-Matchball am Samstag gebraucht hat, dann hat Mario Vuskovic sie geliefert: Der wegen Dopings gesperrte HSV-Verteidiger traf sich am Donnerstagabend im indischen Restaurant Authentikka in Winterhude mit den Kollegen Jonas Meffert, Ludovit Reis und Robert Glatzel. Viele HSV-Profis kommentierten den Beitrag in sozialen Medien. Reis schrieb „Family“ mit einem blauen Herz dazu. Vuskovic wird am Samstag mit Sicherheit im Stadion sein – und von der Tribüne aus die Daumen drücken.
Karten-Irrsinn in Hamburg
Wie historisch das Ganze ist, zeigt auch der Kartenandrang. Wer am Samstagabend im Stadion ist, gehört zu den Glücklichen. Über 57.000 Tickets wurden verkauft – das Volksparkstadion ist ausverkauft. Doch die Nachfrage überstieg alles bisher Dagewesene: Laut Finanzvorstand Eric Huwer gab es eine Ticketanfrage im „mittleren sechsstelligen Bereich“. Auch Trainer Polzin wurde mit Bitten überhäuft – doch seine Karten sind längst an die vergeben, die auch in schwierigen Zeiten dabei waren.
Besonders wild trieben es einige Fans in Online-Kleinanzeigen. Dort wurde nicht nur Geld, sondern sogar die Telefonnummer der eigenen Schwester angeboten – „sehr hübsch“, wie es im O-Ton hieß. Die Preise auf dem Schwarzmarkt kletterten auf bis zu 6000 Euro. Der HSV warnt ausdrücklich vor gefälschten oder überteuerten Tickets von nicht autorisierten Plattformen. Mehr als 300 Eintrittskarten wurden bereits storniert. Um weiteren Missbrauch zu vermeiden, dürfen Stehplatzkarten im A-Rang der Nordtribüne nur noch über zwei Nordtreppen betreten werden. Dort gibt es zusätzliche Zugangskontrollen.
Stadion als Sehnsuchtsort
Ich freue mich tierisch auf das Erlebnis am Sonnabend. Da wird das Volksparkstadion der ultimative Sehnsuchtsort jedes HSV-Fans. Die Ultras haben bereits eine Großchoreografie angekündigt. „Die Tribüne wird als Motor agieren“, versprach ein Sprecher der „Clique Du Nord“. Alles ist angerichtet für einen emotionalen Fußballabend. Jetzt gilt es für Polzin, Glatzel, Selke und Co., diesen einen, letzten Schritt zu gehen, um nicht nur das Volksparkstadion, sondern ganz Hamburg durchdrehen zu lassen…
Der Kohle-Plan für Liga eins
Die Rückkehr in die Bundesliga würde dem HSV nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich enorm guttun. Laut Vereinsangaben könnte ein Aufstieg Mehreinnahmen von rund 30 Millionen Euro bringen. Der größte Posten dabei: das TV-Geld. In der aktuellen Zweitliga-Saison kassiert der HSV rund 15,5 Millionen Euro. In der Bundesliga könnten es mehr als doppelt so viel werden – vergleichbar mit den Aufsteigern Holstein Kiel (31,5 Mio.) oder FC St. Pauli (33,6 Mio.).
Auch in anderen Bereichen winken höhere Einnahmen: Viele Sponsorenverträge sind an die Spielklasse gekoppelt. Neue Partnerschaften werden aktuell verhandelt. Im VIP-Bereich sollen Logen und Business Seats in Liga eins deutlich teurer vermarktet werden.
Was die Kaderkosten betrifft, liegt der HSV aktuell bei etwa 23 Millionen Euro. Im Bundesliga-Fall könnten Kuntz und Costa mit einem Budget von rund 40 Millionen Euro planen. Gespräche mit Spielern über Vertragsverlängerungen – wie bei Davie Selke oder den Torhütern Matheo Raab und Tom Mickel – wurden bewusst auf die Zeit nach der Saison verschoben. Auch bei Leihspielern wie Adam Karabec steht eine Entscheidung aus. Den Tschechen könnte man für 4,2 Millionen Euro fest verpflichten. Klar ist: Marco Richter und Adedire Mebude werden den Verein verlassen.
Und jetzt, lieber HSV: Entfacht die größte Party seit Jahrzehnten!
Jetzt aber geht es um diesen einen Abend, dieses eine Spiel, dieses eine Gefühl: ein ganzes Stadion, das explodieren will. Ein Verein, der sich selbst aus gewissen Zwängen befreien kann. Und eine Stadt, die bereit ist, zu zeigen, was sie vermisst hat: Bundesliga-Fußball im Volksparkstadion. Endlich wieder.
In diesem Sinne: Nur der HSV.
Scholle
Apropos Historische Momente:
Legendäre HSV-Momente – wenn Fußball Geschichte schreibt und Kunst sie bewahrt
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