Diese HSV-Viererkette ist die beste der Liga! Oder nicht?
Ich hatte es vor einiger Zeit schon angekündigt: Immer wieder werde ich aus meiner Sicht spannende Posts aus dem Forum zum Anlass nehmen, sie hier einmal schriftlich zu…

Ich hatte es vor einiger Zeit schon angekündigt: Immer wieder werde ich aus meiner Sicht spannende Posts aus dem Forum zum Anlass nehmen, sie hier einmal schriftlich zu diskutieren. Heute habe ich einen Beitrag des Users „Abraeumer“ zum Anlass genommen, ihn hier einmal etwas ausführlicher zu diskutieren. Abraeumers Zeilen sind hierbei die fett gedruckten, meine Antworten die in normaler Schriftstärke. Aber lest selbst:
Ich habe mich gefreut über den Sieg. Das Spiel selbst fand ich hingegen nicht gut. Gegen Darmstadt war es ein grandioser Sieg. Gegen Heidenheim hatten wir viel Glück. Für mich war Heidenheim ein Rückfall in alte Zeiten.
In dieser Einschätzung liegen wir sehr weit auseinander. Denn das Spiel des HSV war nicht so dominant wie gegen Darmstadt – aber das vor allem auch, weil Heidenheim mehr machte. Darmstadt war früh geschockt und hat sich nie wirklich gewehrt. Heidenheim war genau das Gegenteil. In alten Zeiten hätte der HSV dieses Spiel nicht gewonnen, sondern sich irgendwann Mitte der zweiten Hälfte aufgegeben. Dass man dieses Spiel durchaus glücklich gewonnen hat – okay. Glück ist bei engen Spielen immer dabei. Aber es war für mich „erarbeitetes Glück“, weil diese Mannschaft eben nicht aufhört, ehe der Schiedsrichter auch wirklich abgepfiffen hat.
Ich finde vieles sehr gut, was Walter macht. Ich schätze die Viererkette, ich mag es, wenn junge Talente eine Chance bekommen. Ich habe auch das Gefühl, dass die Mannschaft das System schätzt und sich nicht wie in der vorherigen Saison vorzeitig aufgibt. Ich schätze auch das Ballbesitzspiel, wenn es nicht horizontal TikiTaka-mäßig, sondern schnell vertikal gespielt wird. Aber ich sehe entgegen der heutigen Ausführungen von Scholle immer noch eine Beratungsresistenz bei Walter. Ich will nicht das Haar in der Suppe suchen, aber im Erfolg werden oft die meisten Fehler gemacht.
Entgegen meiner Ausführungen? Siehst Du denn keinen Unterschied zwischen den ersten 11 – 13 Partien gegenüber dem aktuellen Spiel beim HSV? Allein bei den Innenverteidigern, die zu Saisonbeginn immer wieder mit nach vorn gingen und sich rund um den gegnerischen Sechzehner einbrachten, ist für mich eine deutlich defensiver orientierte Taktik zu erkennen. Es stimmt, dass sich Vuskovic gegen den FCH ungewohnt oft offensiv eingebracht hat. Und Positionswechsel sind beim HSV auch immer noch Trumpf - aber die Verteidiger verteidigen zuallererst, das Mittelfeld ist primär Bindeglied nach vorn und Abfangjäger nach hinten – während die Offensivkräfte vorn wirbeln. Zusammenmit einem völlig frei agierenden Sonny Kittel, der so stark spielt wie noch nie. In diesem Bereich hat Walter das eigene Spiel seinerzeit wegen der vielen Umstellungen umgestellt – und inzwischen hat er eingesehen, dass es so besser funktioniert. Ich nenne das mal diplomatisch „erzwungene Einsicht“. Aber ich stimme Dir gern zu, dass das nicht bedeutet, dass Walter seine Beratungsresistenz abgelegt hat.
Wir haben die wenigsten Gegentore in der 2. Liga. Aber ich denke nicht, dass wir eine sehr gute Abwehr haben. Wir haben auch gegen Heidenheim einfach Glück gehabt, dass die Gegner das Klein-Klein-Spiel im eigenen Strafraum bisher nicht ausgenutzt haben. Es wird das Spiel kommen, bei dem wir 2:0 in Rückstand geraten, nur weil wir auch brenzlige Situationen im eigenen Strafraum spielerisch lösen wollen. Ducksch und Füllkrug werden diese Chancen nutzen.
Heyer auf rechts, Schonlau und Vuskovic im Zentrum und Muheim links sind für mich die beste Viererkette der Liga. Aktuell spielen sie sogar deutlich stärker als mit Leibold und Gyamerah zu Saisonbeginn. Zusammen mit Heuer Fernandes verleiht diese Viererkette der Mannschaft zumindest die Sicherheit, dass auch ein einziger Treffer vorn schon zum Sieg reichen kann. Und dieses Selbstvertrauen ist extrem viel wert. Das sollte man nicht unterschätzen. Dass der HSV aus Deiner Sicht noch immer zu waghalsig hinten spielt und bislang (übrigens auch in Dresden) dadurch immer wieder Chancen für den Gegner produziert – 100 Prozent Zustimmung! Noch immer gibt es Momente, die gezwungen wirken, nicht vernünftig. Im Ergebnis mag das Walter recht geben, aber das kann sich schnell ändern.
Auch lassen wir allgemein noch zu viele Chancen zu. Insbesondere rechts hinten haben wir Probleme. Heyer ist, auch wenn ich seine Flexibilität schätze, für mich kein RV. Er hat ein Tempodefizit (nebenbei sind offensiv auch seine Flanken schlecht). Es ist mir auch unverständlich, dass Vuskovic in der Drangphase der Heidenheimer Ausflüge in die gegnerische Hälfte unternommen hat. Gleichzeitig verteidigt Kittel am eigenen Strafraum. Für mich ist das eine verkehrte Welt.
Heyer spielt die RV-Position stärker als alle Rechtsverteidiger der letzten zehn Jahre, behaupte ich. Er hat defensiv die Qualität, stark antizipieren zu können. Als gelernter Innenverteidiger ist die rechte Seite – zumal dann, wenn er diese mit Jatta teilt – nicht anfällig. Und offensiv ist er für mich einer der zielstrebigeren Spieler. Es gab zumindest in den letzten Jahren keinen Rechtsverteidiger, der auch nur im Ansatz so viele Torszenen (und Tore erzielt!) hat.Auffällig war für mich auch die Zweikampfschwäche von Meffert, was eigentlich seine Stärke ist. Auch seine horizontalen Sicherheitspässe stören mich. Den Pass von Glatzel, bei dem viele Gegenspieler überspielt wurden (in der neuen Fußballsprache „Packing“), fand ich hingegen genial. Aber genau diese Pässe müssten eigentlich aus dem DM kommen. Ein Mittelstürmer muss sich nicht in die eigene Hälfte fallen lassen, um einen solchen Pass zu spielen, denn er soll eigentlich einen solchen Pass erhalten. Bezüglich des DM hat Hoogma nach dem Spiel gegen Heidenheim völlig richtig angemerkt, dass Reis ein 6er ist, er aber auf der 8 spielen muss.
Hier würde ich Dir widersprechen wollen. Jonas Meffert ist für die Statik des HSV-Spiels neben den Innenverteidigern der entscheidende Mann. Bei Meffert fehlt auch mir ein wenig das Offensivspiel, also der Pass nach vorn. Aber das ist nicht seins und er beschränkt sich in aller Regel zu 100 Prozent auf seine Kernkompetenz. Und damit sortiert er das gesamte HSV-Spiel. Er bringt Ruhe rein, wenn es hektisch wird, er läuft entscheidende Räume zu, wenn seine Kollegen fehlen oder überspielt wurden. Meffert gewinnt immer wieder sehr offen entscheidende Zweikämpfe und ist aus meiner Sicht der Bauherr des aktuellen Erfolges. Zusammen mit dem stabilen Fundament der Abwehr.
Bei Glatzel bin ich bei Dir, dass es meist ein Zeichen dafür ist, dass es nicht so gut läuft, wenn sich Glatzel an der Mittellinie oder gar in der eigenen Hälfte den Ball holen muss. Aber: Das HSV-Spiel ist so aufgebaut, dass sich Glatzel zurückzieht, wenn er vorn zugestellt wird, da er so seine Gegenspieler mitzieht und den Außen Räume eröffnet. Die müssen selbige nur noch deutlich häufiger nutzen, dann wird das auch auffälliger. Und Ludovit Reis ist von allen Mittelfeldspielern derjenige, der am meisten Sechs mit am meisten Acht vereint. Denn er kann zweifellos beides. Lange Zeit hat er beim HSV nur abgeräumt und den Ball schnell weitergegeben, um sich nicht offensiv mit einbringen zu müssen. Das wiederum hat sich kurz vor der Winterpause geändert – und seitdem spielt Reis deutlich mutiger nach vorn und ist so stark und so effektiv wie nie zuvor beim HSV. Wenn Hoogma ihn auf der Sechs stärker sieht, will ich ihm gar nicht widersprechen. Aber da auf der Sechs mit Meffert ein sehr starker Spieler steht, setzt Walter auf Reis‘ andere Qualitäten, um ihn auf dem Platz zu haben. Denn eines ist klar: Auf die Bank gehört Reis nicht. Der Niederländer entwickelt zudem noch Qualitäten, die er vorher nicht so vordergründig präsentiert hat. Und vor allem: Reis ist im Ganzen immer stärker als ein offensiv ausgerichteter David Kinsombi.
Hinsichtlich des Aufstiegs bleibe ich skeptisch. St. Pauli wird mit Kyereh wieder besser spielen und auch der wichtige, aber unterschätzte Aremu wird zurückkehren. Bremens Kader ist aus meiner Sicht besser. Auch Schalkes Kader finde ich besser, sie scheitern nur an ihrem Trainer, der z. B. Bülter als RV aufstellt. Und Darmstadt und Heidenheim sind auch noch vorn dabei.Skepsis würde ich es nicht nennen, aber ich bin bei Dir, dass ein Aufstieg alles andere als selbstverständlich wird, da ich St. Pauli sehr stabil sehe (insbesondere mit Kyereh), Werder einfach aktuell das aus dem Kader rausholt, was sie gegenüber dem HSV mehr haben. Und auch Schalke müsste angesichts des Kaders den Anspruch haben, vor dem HSV zu stehen, aber genau wie Du es sagst: Wenn ein Trainer aus einer defensiven Grundordnung einen Kader mit den besten Offensivspielern der Liga zusammengestellt bekommt (oder selbst zusammengestellt hat), dann passt das nicht. Ich weiß auch aus sicherer Quelle, dass auf Schalke die Diskussion um die Personalie Grammozis ununterbrochen geführt wird. Das wiederum kann am End genau die paar Prozentpunkte Fokus kosten, die den HSV vor den Schalkern landen lässt. Hoffe ich zumindest.
Insgesamt ist vieles gut, aber vieles müsste für einen Aufstieg verbessert werden. Walter hat am Anfang der Hinrunde mit nur drei Offensiven wenig Mut bewiesen und so haben wir viele Punkte liegen gelassen. Auch ist unser Kader auf einigen Positionen weiterhin nicht gut besetzt. Leider hat Boldt auch die Winterpause nicht genutzt, um einen ausgeglichenen Kader zusammenzustellen.
Den Satz „vieles ist schon sehr gut – aber sehr vieles eben auch noch nicht gut genug“ habe ich in der Hinrunde von Horst Hrubesch als Antwort darauf bekommen, wie er die Entwicklung beim HSV unter Walter sieht. Wobei ich diese Hrubesch-Aussage als pauschal immer gültig bezeichnen würde. Für alle Mannschaften. Denn die Entwicklung endet nie, die Mannschaften verändern sich ständig und dementsprechend auch die Möglichkeiten bzw. Bedürfnisse. Walter macht es aus meiner Sicht aktuell sehr gut. Er holt aus dem Kader nahezu das Maximum heraus und installiert dazu die jungen Talente des Klubs auf Profiebene. Walter hat in der kurzen Zeit, die er hier ist, mehr entwickelt als viele seiner Vorgänger zusammen. Und das hat dazu geführt, dass der HSV aus meiner Sicht sehr wohl auf allen Positionen gut besetzt ist. Vor allem aber hat Walter es geschafft, ein Team zu formen, das im Kollektiv besser funktioniert als die deutlich hochrangiger besetzten Zweitligateams des HSV zuvor. Den Umstand, dass man im Winter bis auf Giorgi Chakvetadze nicht nachgebessert hat, sehe ich auch durchaus kritisch. Aber nicht, weil der aktuelle Kader qualitativ nicht reicht, sondern weil das Risiko mitschwingt, dass Verletzungen Lücken reißen. Im Umkehrschluss sehe ich die Mannschaft auf diese (finanziell erzwungene) Weise noch ein Stück weit enger zusammengerückt, weil eben wirklich alle Spieler wichtig sind und sich schneller als Stammspieler wiederfinden könnten, als wenn man im Winter noch mal drei, vier Neue geholt hätte. Jonas Boldt, Michael Mutzel und Co. haben im Sommer einen Kader zusammengestellt, der nominell nicht so stark ist wie die der letzten Jahre. Aber dieser Kader ist derart homogen, dass Walter eine Stimmung und einen Zusammenhalt erzeugen konnte, die diese Mannschaft aktuell trägt. Auch deshalb gewinnt der HSV aktuell Spiele, die eng sind. So, wie das gegen den starken 1. FC Heidenheim. Das war in den letzten Jahren zumeist anders. Und genau das lässt mich weiter hoffen.
In diesem Sinne, lieber Abraeumer, vielen Dank für Deinen (wie eigentlich immer) sehr gehaltvollen Post, der nicht nur mich zum Diskutieren angeregt hat. Ich kann tatsächlich alle Deine Ansätze nachvollziehen. Und auch wenn ich hier und da anderer Meinung bin, sind genau solche Beiträge das, was ich mir im Kommentarbereich wünsche. Meinungen, Thesen und Prognosen, die andere zum Diskutieren anregen. Denn gerade aus solchen Diskussionen erwachsen oft die Einsichten, die einen schlauer machen.
Danke dafür, Abrauemer!
Scholle
P.S.: Sportlich gibt’s es heute nur den vorläufigen Ausfall von Bakery Jatta, der wegen einiger blauer Zehen, die er als Blessuren aus dem Heidenheim-Spiel mitgebracht hat, geschont wurde. Oder wie es im Fußballer-Neudeutsch heißt: Belastungssteuerung. Jattas Einsatz am Sonnabend beim SV Sandhausen soll aber nicht gefährdet sein.
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