„Die zweite Reihe steht bereit“ - oder etwa nicht?
Ich weiß, dass sich viele darüber freuen, dass Italien bei der WM nicht dabei ist Schadenfreude ist tatsächlich noch weit verbreitet. Und auch die italienischen Zeitungen…

Ich weiß, dass sich viele darüber freuen, dass Italien bei der WM nicht dabei ist Schadenfreude ist tatsächlich noch weit verbreitet. Und auch die italienischen Zeitungen schütten heute eimerweise Hohn über ihr eigenes Nationalteam. Es sei der Tiefpunkt erreicht, so die einhellige Meinung in Italien. Aber habt Ihr zufällig das Spiel gesehen? Hat Ihre gesehen, wie sich die Italiener den Allerwertesten aufgerissen haben, um das Spiel zu gewinnen, wie sie hochüberlegen agiert ohne große Torchancen blieben und aus dem Nichts das 0:1 kassiert haben? Ich habe es zumindest so gesehen und muss zugeben, dass eine verpasste WM eine halbe Katastrophe ist. Gar nicht auszudenken, wenn dem DFB-Team das passiert wäre. Und ich möchte hier den Nordmazedoniern - denen ich meinen höchsten Tribut zolle! - absolut nicht zu nahe treten, aber ich hätte Italien einfach gern bei der WM dabei. Ich halte sie auf Sicht für die deutlich stärkere Mannschaft. Und sSchon allein wegen meiner vielen italienischen Freunde beim HEBC hier in Hamburg, mit einen es sich so schön frotzeln lässt... Aber das nur nebenbei...
Beim HSV gab es heute zunächst die schlechte Nachricht, dass nun auch Jan Gyamerah positiv auf Corona getestet wurde und damit vorerst ausfällt. Ihm wünsche ich von dieser Stelle noch einmal Gute Besserung, schnelle Genesung - und wie man so sagt: einen milden Verlauf... Komm gesund zurück, Jan!
Die restliche in Hamburg verbliebene Mannschaft trainierte unterdessen alternativ und absolvierte Stabilisations-Übungen, Trainer Tim Walter mittendrin. Zeit für uns hier, mal den HSV aus einer anderen Perspektive zu betrachten - nämlich aus der eines Blog-Users. Robert heißt dieser und er hatte mir seinen Blog schon vor zwei Wochen einmal zugeschickt. Allerdings überschlugen sich seinerzeit die Ereignisse beim HSV ein wenig und ich wollte diesem Blog die nötige Fläche bieten, die er verdient hat. Insofern: Euch allen!ein schönes Wochenende und jetzt viel Spaß mit dem Blog von Robert Hoyer, bei dem ich mich auch an dieser Stelle noch einmal herzlich bedanken möchte für diesen interessanten, inhaltsstarken Blog: :
Steht die zweite Reihe wirklich bereit?
Von Robert Hoyer
„Die zweite Reihe steht bereit“ titelte Scholle vor ein paar Tagen. Kinsombi, Wintzheimer, Chakvetadze und Vagnoman dienten als Beispiele dafür, dass der HSV immer nachlegen kann. Und tatsächlich steht der HSV auf Platz 3 was Torbeteiligungen nach Einwechslungen angeht (13) (Darmstadt 15, Werder 14). Darunter wichtige Tore wie auf Schalke oder Tommy Doyle in Paderborn. Dennoch wechselte Walter im Vergleich zum 120-minütigen Pokalfight erst nur zweimal in der Startaufstellung (Reis und Vagnoman für Kinsombi und Gyamerah) und später dann erst in der 80. Minute während des Spiels. Das ein oder andere Blatt sprach nach dem Spiel von „Müdigkeit“ und „fehlenden Körnern“. Das wirft die Frage auf, wie bereit die zweite Reihe wirklich steht und ob die Kaderbreite auch in der Qualität für eine lange Saison reicht.
In der Regel wechselt Walter meistens Kinsombi für Reis ein und später noch Wintzheimer für die Außen. Beides in der Regel nachvollziehbare Wechsel – womit wir bei der aus meiner Sicht größten Problemzone wären. Für die offensiven Außenbahnen bietet der Kader nur zwei echte Flügelspieler auf – Jatta und Alidou. Wobei letzterer längst seine Form verloren hat und Jatta momentan auch eher unglücklich agiert. Mit dem Hintergrund das Alidou zu Beginn der Saison noch gar nicht im Profikader war, stellt sich die Frage, ob dieser Kader überhaupt für ein 4-3-3 aufgebaut wurde. Meine Theorie ist, dass Walter eigentlich lieber im 4-4-2 mit enger Raute spielen wollte.
Dieses System spielte er schon in Kiel und Stuttgart und auch im ersten Saisonspiel setzte er auf eine Doppelspitze mit Jatta und Glatzel. Außerdem spricht der ursprüngliche Kader für dieses System. Mit vielen zentralen Mittelfeldspielern und vier Stürmern wäre jede Position so doppelt besetzt gewesen – ein Traum für jeden Fußballmanager. Des Weiteren wurden die Außenspieler Heil, Opoku und Amaechi verliehen und sich von Narey getrennt. Damit blieb nur noch Jatta über. Natürlich lässt sich argumentieren, dass auch Kittel auf Außen spielen kann. Allerdings haben wir bereits gesehen, dass er im Zentrum deutlich besser aufgehoben ist. Walter stellte nach dem ersten Saisonspiel direkt um und spielte erst mit Wintzheimer und dann mit Alidou auf Linksaußen. Nachvollziehbar, wenn man die Fähigkeiten von Jatta auf den Außenbahnen voll nutzen möchte. Nicht nachvollziehbar, wenn es darum geht auf einer Position nachzulegen, die nicht nur sehr sprintintensiv ist, sondern auf der zum Ende der Partie entscheidende Impulse gesetzt werden können (Konterspiel). Leidtragender war durch die Umstellung in aller erster Linie Robin Meißner, da plötzlich doch nur eine Stürmerposition zu vergeben war. Darüber hinaus funktioniert Wintzheimer aus meiner Sicht als Stürmer in einer Doppelspitze deutlich besser. Seine besten Spiele hatte er da zusammen mit Terodde in der letzten Saison. Eine Doppelspitze mit Glatzel und Wintzheimer mit Meißner und Kaufmann als Back-Up wäre interessant gewesen.
Im Winter wurde die Asymmetrie zwischen Kader und Formation leicht korrigiert. Meißner wurde verliehen. Die Leihe von Tommy Doyle abgebrochen, da auch im zentralen Mittelfeld nur drei und nicht vier Positionen zu vergeben waren. Nachgelegt wurde mit Chakvetadze, der zwar auch kein klassischer Flügelspieler ist, aber die Position immerhin als inverser Außenstürmer bekleiden kann. In Ansätzen hat er bereits gezeigt, was er kann und somit ist er sicherlich eine Verstärkung für die Breite auf der Position. Der ein oder andere hätte sich wohl auch schon einen Aaron Opoku zurückgewünscht. Dieser hätte bei den Formtiefs von Alidou und Jatta sicherlich auch seine Chance bekommen. Interessant ist zudem, dass es zurzeit auch im Jugendbereich keinen Spieler gibt, der sich als Ersatz für die Außenbahnen aufdrängt. Nach Robin Velasco wird immer mal wieder gefragt. Eigentlich wäre die jetzige Situation eine super Chance, aber er und auch andere scheinen sie nicht nutzen zu können. So werden weiterhin ein im Sommer wechselnder und im Formtief steckender Alidou und Mikkel Kaufmann auf Einsatzzeiten kommen, die gut und gerne auch an Spieler aus dem eigenen Nachwuchs gehen könnten. Kurzfristig sicherlich in Ordnung, über eine Saison aber doch eine verpasste Chance.
Man muss Tim Walter lassen, dass er eine Achse und Stammformation gefunden hat. Aber auch diese braucht Qualität zum Nachlegen, gerade in Wochen mit mehr als 90 Minuten, um den laufintensiven Fußball durchzuhalten. So bleiben drei Optionen. Ein weiter so mit Jatta, Alidou und Chakvetadze. Eine Systemumstellung auf 4-4-2, die aber mitten in der Saison direkte Eingespieltheit erfordert und zudem Jatta nicht ideal einsetzt. Oder die Hoffnung, dass doch noch ein Jugendspieler für die letzten Spiele für ein erfrischendes Momentum sorgt, wie einst Alidou in seinen ersten Spielen. Die letzte Option ist sicher die charmanteste, aber auch wenig wahrscheinlich wie die Systemumstellung. Insofern müssen wir hoffen, dass unser vorhandenes Material wieder in die Spur findet und im Sommer entsprechend nachgelegt wird. Denn nur mit Jatta als Außenspieler in die Euro League zu gehen ist dann doch etwas gewagt 😉
Edit: Auch das Düsseldorf-Spiel hat einmal mehr gezeigt, dass Alternativen fehlen. Heyer und Jatta wirken überspielt – sinnbildlich dafür auch Jattas völlig unnötige gelbe Karte. Außenverteidiger Vagnoman musste am Ende auf dem Flügel spielen und Wintzheimer wurde in einer Partie, wo nach vorne nichts ging, erst in der 86. Minute gebracht. Das wird, um vorne dran bleiben zu wollen, zu wenig sein.
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