Die Zeit für Experimente ist vorbei
Den Ostersonntag 2021 in Hannover wird Aaron Hunt sicher nicht so schnell vergessen. Nach drei Toren im Nordduell mit 96 wurde der 34-Jährige von seinen HSV-Mitspielern schon…

Den Ostersonntag 2021 in Hannover wird Aaron Hunt sicher nicht so schnell vergessen. Nach drei Toren im Nordduell mit 96 wurde der 34-Jährige von seinen HSV-Mitspielern schon euphorisch gefeiert, doch am Ende überwog die Enttäuschung. „Wir hätten Aaron heute zum Matchwinner machen können“, sagte Trainer Daniel Thioune und ärgerte sich: „Wenn man 3:0 führt und 3:3 spielt, dann hat man eine Menge falsch gemacht. Das war völlig überflüssig.“
Nicht zum ersten Mal in dieser Saison gaben Thioune, Hunt und Co. einen klaren Vorsprung aus der Hand. Fehlt für die ersehnte Erstliga-Rückkehr schon wieder die Cleverness? „Wir müssen es viel souveräner runterspielen“, sagte Hunt und sprach damit ein Problem an, von dem der HSV hoffte, es überwunden zu haben. Anfang Februar in Aue führten die Hanseaten mit 2:0 und 3:1 - am Ende stand ein 3:3 auf der Anzeigetafel. Zwar hat Hunt angesichts einiger Chancen nicht Unrecht, wenn er sagt: „Wir hätten das 4:0 oder auch das 5:0 machen müssen.“ Doch eigentlich sollten für einen Aufstiegsanwärter drei Auswärtstore für einen Sieg reichen.
HSV schwächelt auswärts - Analyse läuft
Und wenn wir schon bei der Statistik sind: Vor allem auswärts schwächeln die Männer von Trainer Daniel Thioune zuletzt. In den vergangenen sechs Partien auf fremden Plätzen gab es nur einen Sieg, in der Auswärtstabelle ist der HSV der schwächste aus dem Kreis der vier Aufstiegskandidaten mit dem VfL Bochum, SpVgg Greuther Fürth und Holstein Kiel. Noch reicht es in der Tabelle knapp zu Rang zwei vor der punktgleichen Fürthern. Aber: Holstein Kiel liegt vier Punkte dahinter, hat jedoch noch zwei Nachholspiele und könnte so am HSV vorbeiziehen.
Eine wirkliche Erklärung für den Einbruch in Hannover haben die Hamburger nicht. Logischerweise nicht. Es gibt eben auch nicht die eine – sondern mehrere. „Wir werden es analysieren und es definitiv in fünf Tagen besser machen“, verspricht Thioune mit Blick auf das Heimspiel gegen Darmstadt 98. Das Restprogramm ist für den HSV in den ausstehenden sieben Spielen machbar, birgt aber auch Tücken. Denn dass der HSV sich gegen destruktive Teams schwerer tut, ist bekannt. Zwar sind die Partien gegen die Topteams der Liga schon absolviert, von den kommenden Gegnern kämpfen jedoch einige noch gegen den Abstieg und haben daher viel zu verlieren. Hoffe ich! Denn dann werden auch die letzten Gegner etwas für das eigenen Spiel machen müssen.
Aber bevor es hier schon um das nächste Spiel geht, erlauben wir uns noch einen kleinen Rückblick auf das, was gestern neben Hunt gut war – und vor allem auf das, was am Ende nicht gut genug war. Und dazu zählt neben der Defensivarbeit auch die Chancenverwertung. Denn anstatt dem überraschenden Anschlusstreffer der Hannoveraner quasi im Gegenzug alle Wirkung zu nehmen und auf 4:1 zu erhöhen, scheiterte Bobby Wood. Mehrfach. Und so sehr es die Verantwortliche ehrt, den glücklosen US-Amerikaner in Schutz zu nehmen, in diesem Maße ist das sogar falsch!
Ergebnisse zählen mehr als die Güte der Vorhaben
Denn bei allem Respekt vor dem Menschen Bobby Wood – das Vertrauen und die Unterstützung seitens des Trainers kann er nicht mit Leistung zurückzahlen. Seine Mannschaft trägt ihn, was für die Gemeinschaft beim HSV spricht. Das zu fordern und zu fördern ist richtig und dieser neue Teamgeist kann am Ende immer auch Spieler vertragen, die Fehler machen. Aber eben nicht dauerhaft. Soll heißen: Wood nah dran zu behalten ist in meinen Augen völlig okay und kann sogar förderlich für den Teamgeist sein. Immerhin hatten sich zuletzt Leistungsträger sogar für Wood ausgesprochen. Aber Hannover hat gezeigt, dass der HSV im Kampf um die Spitze in den zwei, drei entscheidenden Szenen mit Wood den falschen Mann am richtigen Fleck hatte.
„Den ersten kann er tatsächlich machen“, versuchte heute auch Sportdirektor Michael Mutzel das Dilemma kleinzureden, das durch die ausgelassenen Chancen gegen Hannover am Ende sogar noch den sicheren Sieg kostete. Beim zweiten sei das dann schon etwas schwieriger gewesen. Und wie oben schon erwähnt, es ehrt die Verantwortlichen, dass sie ihre Spieler in Schutz nehmen. Aber diese Loyalität darf nicht zum Selbstzweck werden. Denn DAS kann sich auch ein funktionierendes Mannschaftsgefüge nicht auf Dauer kompensieren.
Wood war ein Beispiel für Teamgeist - jetzt geht's um Punkte
Fakt ist, dass Wood alles reinhaut, was er hat. Fakt ist auch, dass die Mannschaft das honoriert und wie gestern in den ersten 50 Minuten gut mittragen konnte. Hätte Wood direkt nach dem Anschlusstreffer das 4:1 gemacht – und den musste er einfach reinmachen!! – dann hätte der Text heute hier zweifellos einen anderen Turn. Dann würde ich darüber berichten, wie richtig Thioune lag und wie erfolgreich das Unternehmen „Bobby Wood 2.0“ doch ausgeht. So aber sollten alle realistisch sein und anerkennen, dass dieser Versuch nicht so ausgeht, wie es sich alle erhofft hatten.
Und das ist auch nicht schlimm. Denn den Versuch war es wert. Betrachtet man das Thema einmal komplett unaufgeregt, dann hat Thioune mit Wood sogar einen komplett abgeschriebenen Spieler reaktiviert, den man inzwischen sogar bringen kann – allerdings nur als Backup. So ehrlich muss man auch bleiben. Und auch da erst nach Wintzheimer wohlgemerkt. Zu 100 Prozent aber steht Wood Lichtjahre hinter Simon Terodde, der gestern gerade einmal eine Minute nach seiner Einwechslung sogar traf. Ein regulärer Treffer, wie gestern zu vermuten war - und wie es die kalibrierte Linie inzwischen wohl auch bewiesen hat.
Aber okay, Fehler passieren. Nicht nur dem Schiedsrichter oder dem VAR, sondern auch dem HSV-Trainer, der ansonsten in dieser Saison extrem viel richtig macht. Gestern war es ein Fehler, so lange an Wood festzuhalten. Das haben hier viele vorweg gesagt. Und im Nachhinein muss man leider sagen, dass sie recht hatten. Wie knapp es war, war bei den zwei Szenen in der 57. (Wood grätscht nach Leibold-Hunt-Doppelpass den Ball Richtung 96-Keeper Esser anstatt ins Tor) und in der 62. Minute (Flanke knapp verpasst) zu sehen. Trifft er ist alles gut. So aber war es nicht gut. Und deshalb heißt es heute auch, der Trainer hätte sich vercoacht.
Thioune muss Entscheidungen treffen - auch unbequeme
Und wisst Ihr was, auch das ist völlig okay. Denn solange wir daraus nicht wieder pauschale Forderungen übertrieben, ist das Schwarz-Weiß-Denken okay. Ergebnisse zählen mehr als die Güte der Vorhaben. Immer. Bei allen. Auch gestern bei Wood. Oder bei Hunt, dessen Auftritte zum Saisonende hin so gut sind, wie man es sich am Anfang erhofft hatte. Das zu loben ist gut, Hunt zu stärken absolut alternativlos richtig. Jetzt daraus aber die Diskussion abzuleiten, Hunt müsse noch ein Jahr in Hamburg gehalten werden, ist aktionistisch und impulsiv.
Zum Glück scheint der HSV das auch so zu sehen. Zumindest werden alle Fragen in Richtung Vertragsverlängerung abgeblockt. Auch heute von Mutzel: „Wir sind im Austausch mit Aaron. In der aktuellen Verfassung hilft er uns auf jeden Fall.“ Und das sollte der HSV nutzen. Ganz egoistisch und zu 100 Prozent fokussiert auf das Gesamtziel Wiederaufstieg. Scheiß auf das, was nach der Saison passiert, jetzt zählt nur der Aufstieg – bedingungslos. Die Phase des Kennenlernens ist lange vorbei, Thioune muss sich den Spielern gegenüber nicht mehr rechtfertigen. Er hat ihnen gezeigt, dass sie alle eine faire Chance haben bzw. hatten. Das reicht. Und jetzt geht es darum, dass er die Verantwortung in die Hand nimmt – für den HSV. Das und nicht weniger muss man jetzt von Thioune verlangen können – zumal er mehrfach bewiesen hat, dass er das auch kann. Und dazu gehören eben auch vermeintlich unpopuläre Entscheidungen.
Wie zum Beispiel Wood in Hannover draußen zu lassen. Oder auch zu erkennen, dass Amadou Onana kaputt war und Hilfe brauchte. Aber dazu morgen mehr. Denn dieses 3:3 auf die beiden Fehlpässe von Onana runterzubrechen, so viel schicke ich vorweg, wäre fatal. Bei dem jungen Belgier ist und bleibt es so, dass er die Zukunft ist und auf den Platz gehört. Auch wenn er selbst darauf wegen seiner fünften Gelben aus dem Hannover-Spiel am Freitag gegen Darmstadt verzichten muss.
In diesem Sinne, bis morgen. Und dann noch viel Spaß mit einem neuen Spieltagssong von Elvis, der wie alle anderen Champions-League-Format hat. Aber hört selbst!
Bis morgen dann! Euch allen noch einen schönen Montag!
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