Analyse

Die Zeit der Veränderungen hat begonnen - oder nicht?

Der HSV macht Pause – und ich muss gestehen, ich genieße die ruhigen Tage ebenso. Und wie so oft, entdeckt man in den ruhigeren Momenten, was einen am meisten erfreut hat – und…

Die Zeit der Veränderungen hat begonnen - oder nicht?

Der HSV macht Pause – und ich muss gestehen, ich genieße die ruhigen Tage ebenso. Und wie so oft, entdeckt man in den ruhigeren Momenten, was einen am meisten erfreut hat – und was am meisten ärgert. Und das soll heute auch der erste Teil der Hinrundenanalyse sein. denn bei aller zuletzt geäußerter Kritik begann die Saison gut. Sogar besser, als ich es erwartet hatte. „Hoffen ist Trumpf“ hatte ich vor dem ersten Spieltag geschrieben und dabei noch einmal betont, dass man defensiv noch nicht ausreichend aufgestellt (damals fielen Schonlau, Muheim und Mikelbrencis aus) und vor allem nicht eingespielt war. Man müsse über Mentalität punkten, schrieb ich – und der HSV schaffte genau das gegen Schalke beim gefeierte 5:3-Auftaktsieg. Damals wusste noch niemand, dass Schalke sportlich in der Hinrunde unten statt ganz oben stehen würde.

Was aber auch damals wieder deutlich wurde: Defensiv hat der HSV auch im dritten Jahr unter Tim Walter und mit drei neuen Innenverteidigern keine ausreichende Sicherheit demonstrieren können. Bis heute nicht. Der Begriff „Konstanz“ wurde vom Vorstand zum Totschlagargument weiterentwickelt, allerdings schlichtweg für den Personalerhalt auf den verantwortlichen Positionen angewendet. Und das geht auch in diesem Winter so weiter, wie wir gerade gehört haben.

Fakt ist, dass der HSV zwar in der Transferpolitik auf das Defensiv-Dilemma der Vorsaison reagierte, taktisch aber bis auf wenige (erzwungene?) Spiele den altbekannten Fußball spielen ließ. Walter erlaubte es seinen Spielern zwar, auch mal lange Bälle zu spielen, aber in der Defensivbewegung blieb man weiterhin zu anfällig. Vor allem dann, wenn Sebastian Schonlau wieder mitspielte, war der Abwehrchef zu oft vor dem Rest der Viererkette zu sehen. Ergebnis: Konter wie gegen Nürnberg und zuvor zuhause gegen Paderborn, wo ein langer Ball reichte, um den gegnerischen Angreifer von der Mittellinie an allein aufs Tor zulaufen zu lassen. Diese und alle Eindrücke der Hinrunde veranlassten mich zu dem Schluss, dass der HSV die größten Baustellen nicht lösen konnte: die anfällige Defensive. Trotz anderslautender Ansage im vergangenen Sommer.

Aber: Das soll sich jetzt ändern, versprechen die Verantwortlichen zum wiederholten Male. Auch diesmal kam man nach einer „detailversessenen Analyse“ zu dem Schluss, dass Konstanz auf der Trainerposition der richtige Weg ist. Man habe endlich die Schwachstellen im sportlichen Bereich ausfindig gemacht und ein plausibles Konzept vom Trainer vorgelegt bekommen, wie man diesen dauerhaft wegbegleitenden Problemen entgegenwirken kann. In der Rückrunde soll damit begonnen werden. Wobei, nein, so stimmt das gar nicht – es soll vorher schon reagiert werden! Denn schon in der Winterpause soll personell noch mal nachgebessert werden, nachdem Schonlau erneut länger auszufallen droht und Ambrosius (der konstanteste IV bislang) evtl. durch seine Nominierung für den Afrika-Cup vier Spiele lang fehlen würde.

Aber man stelle sich jetzt nur einmal vor - und ich klopfe dreimal auf Holz, dass es nicht so kommt -,  der HSV verkackt den Saisonstart und nach fünf, sechs Spieltagen liegt man nur auf Rang 8 oder noch weiter hinten. Dann geht die große Diskussion auch bei den Kollegen der Tageszeitungen los – und der Aufsichtsrat ist komplett ohne Krisenmanagement einer Situation ausgesetzt, die er nicht meistern kann, weil der Trainer mit dem Sportvorstand und dieser wiederum mit einigen anderen Entscheidungsträgern verbunden ist. Und das alles nur, weil man vor der Saison komplett auf einen Plan B verzichtet hat. Unfassbar… Aber ich bin mir sicher, dass man diese selbst verursachte Alternativlosigkeit, diese Gedanken-Faulheit dann einfach als „Konstanz“ schönreden und nach außen den tollen Zusammenhalt feiern wird.

Diesen hier letzten Absatz hatte ich vor der Saison genau so verfasst – und er ist auch heute noch/wieder gültig. Die Kernaussage lässt den Status der Weiterentwicklung auf Minimalmaß schrumpfen. Und dem ist leider so. Parallel dazu wurde auch in den letzten Wochen immer wieder betont, wie toll der Zusammenhalt innerhalb des Teams und von den Fans dem Team gegenüber sei. Wie schon im Jahr vorher und dem Jahr davor, wo man den Aufstieg in letzter Sekunde entrissen bekam und dann an starken Stuttgartern scheiterte bzw. einmal Vierter wurde. Aber das nur als Erklärung für meine Skepsis der Erklärung gegenüber, dass Walter und Co. jetzt wirklich etwas ändern wollten. Für mich klingt das ein bisschen so wie früher, wo ich als kleines Kind mit allen Mitteln etwas von meinen Eltern erlaubt bekommen wollte, was ich mir eigentlich absolut nicht verdient hatte. Da habe ich auch alles Mögliche versprochen…

Aber die Zeit der Änderungen hat ja schon begonnen. Soll heißen: In den nächsten Tagen werden die Verantwortlichen um Trainer Walter, Sportchef Costa und allen voran Sportvorstand Jonas Boldt mit Transfers zeigen, wie viel die Bekundungen im Anschluss an die „intensive Analyse“ wert sind. Ebenso werden wir im Laufe der Vorbereitung erkennen können, was Walter verändern will bzw. ob er wirklich etwas anpasst. Ich bin sehr gespannt und bleibe bei meinem Fazit der letzten Wochen und Monate: Die Entscheidung für Walter hat die Aufstiegswahrscheinlichkeit nicht erhöht. Aber dieser HSV kann und muss auch so aufsteigen. Auch mit Walter.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend. Der nächste Teil der Hinrundenanalyse wird Torhüter und Abwehr unter die Lupe nehmen. Bis dahin!

Scholle

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