Analyse

Die Statistik macht es deutlich: Der HSV ist Zweitligaspitze , wenn...

Der FC St. Pauli hat mal eben mit 3:1 souverän und deutlich beim KSC gewonnen und gezeigt, wie man defensiv sicher steht. Jahn Regensburg hat es gestern gegen Au ebenfalls…

Die Statistik macht es deutlich: Der HSV ist Zweitligaspitze , wenn...

Der FC St. Pauli hat mal eben mit 3:1 souverän und deutlich beim KSC gewonnen und gezeigt, wie man defensiv sicher steht. Jahn Regensburg hat es gestern gegen Aue ebenfalls erfolgreich gestalten können, hat dabei aber einige Lücken defensiv zugelassen. Und sollte der HSV morgen wenigsten ein Tor mehr schießen, würde man mit einem Punkt hinter dem FC St. Pauli auf Rang drei landen können. Dafür steht mit dem 1. FC Nürnberg allerdings ein ganz schwerer Gegner bevor. Wie der HSV das Spiel gegen die seit 17 Spielen ungeschlagenen Nürnberger angehen wolle? HSV-Trainer Tim Walter ließ die Frage unbeantwortet. Ihm sei nur wichtig, dass sein Team gewinnt. Dafür aber muss man sich spielerisch steigern. Das macht die Statistik recht deutlich.

Wenn die Leute über den HSV von heute sprechen, fallen immer wieder dieselben Begriffe. Dominanz, Ballbesitz und auch Harakiri sind die vielleicht am meisten genannten Begriffe im Zusammenhang mit dem Spielsystem, dass der neue Trainer Tim Walter diesem HSV eingeimpft hat – und weiter einimpft. Denn Fakt ist, dass der HSV seine Balance auf dem Platz noch sucht. Es ist in den letzten drei Spielen etwas besser geworden – aber längst noch nicht gut. Und mit dem 1. FC Nürnberg kommt ein Gegner in den Volkspark, der jede Schwäche auszunutzen weiß.

Auch deshalb hatte ich unsere Freunde von Createfootball.com kontaktiert. Denn neben meinen Beobachtungen sind Zahlen immer wieder gute Stützwerte. Und davon hat der NDR gerade einige interessante veröffentlicht, die ich hier einbinden und einordnen werde. Dabei wurde mit dem Global Soccer Network (GSN) zusammengearbeitet. 

Dass der HSV auf dominanten Fußball mit viel Ballbesitz setzt, ist allen klar. Und in diesem Bereich ist der HSV sogar Ligaspitze. Mit 65,1 Prozent Ballbesitz (der Ligaschnitt liegt bei 50 Prozent) ist man Liga-Primus. Gleiches gilt für das Passspiel, wo man im Durchschnitt pro Partie 610 Pässe spielt. Zum Vergleich: Der Ligaschnitt liegt bei 453. Und der HSV hat die hohe Ballbesitzquote auch deshalb, weil er rund 87 Prozent seiner Pässe an den eigenen Mann bringt. Der ligaweite Durchschnitt  beträgt nur 81,5 Prozent.

Ballbesitz, Pässe und "Tiki-Taka" allein reichen nicht

Der Vergleich mit dem spanischen Tiki-Taka verbietet sich für einen Zweitligisten, aber die HSV-Spielweise nähert sich dem Grundprinzip dieser Spielweise zumindest auf einem deutlich niedrigeren Level an. Nur 36,81 Pässe pro Partie werden über mehr als 20 Meter gespielt, lange Bälle spielt in der Zweiten Liga kein Team weniger als der HSV. hat die Walter-Elf den niedrigsten Anteil an langen Bällen. Und daraus resultiert eine Dominanz, die sich leider noch nicht tabellarisch ausgezahlt hat. Dennoch, mit effektiv ist der HSV 33:51 Minuten pro Spiel in Ballbesitz (ebenfalls Zweitligaspitze) und damit acht Minuten länger als alle anderen Konkurrenten.

Zahlen, die tatsächlich beeindrucken und nicht unwesentlich sind. Absolut nicht! Aber ohne übermäßig viele eigene Tore steht man im Gegen zig defensiv zu offen. Viel zu offen sogar. „Mir ist völlig egal, wie wir gewinnen“, sagt Tim Walter immer wieder – und sollte sich das sehr gut überlegen. 8,71 Chancen erspielt sich der HSV im Schnitt pro Spiel - die meisten aller Zweitligisten (Ligaschnitt 6,00). Und trotzdem hat man mit 12 Treffern nur den fünfbesten Wert der Liga (zusammen mit dem Karlsruher SC). Und das Walter’sche System funktionier eben nur dann, wenn man viele Tore macht – mehr als alle anderen. Aber das zeichnet sich weder bei Robert Glatzel noch bei Mikkel Kaufmann, Manuel Wintzheimer oder sonst einem Angreifer ab.

Bleibt noch die zweite Reihe, also die Jattas, Kittels, Kinsombis und Heyers sowie Jonas Meffert. Von ihnen der torgefährlichste Spieler ist zweifellos Sonny Kittel. Dass letztlich der gelernte Innenverteidiger Heyer der effektivste Torschütze aus dem Mittelfeld wird – top! Denn sowohl Kinsombi und Kittel haben schon bewiesen, dass sie es können, auch wenn sie es aktuell nicht so abrufen können. Hier darf man berechtigt darauf hoffen, dass es noch effektiver wird, während Jatta endlich zusehen muss, seine Physis auch in Ergebnisse umzumünzen. Soll heißen: Entweder etliche Tore vorbereiten, etliche Tore selber schießen – oder am besten gleich beides. Jatta wäre für mich jedenfalls ebenso wie Josha Vagnoman ein Kandidat für Ricardo Moniz, dessen Spezialität darin liegt, Spielern auf dem Platz Ideen fürs Eins gegen Eins mitzugeben und sie handlungsschneller zu machen. Auch solchen, die technisch so limitiert sind wie Jatta.

Weitere Schwächen hat der HSV laut GSN in der Luft. Dass Kapitän Sebastian Schonlau und Co. nur 40,5 Prozent der Luftduelle gewinnen, ist einerseits der zweitschlechteste Wert der Zweiten Liga – und andererseits insbesondere defensiv ein großes Problem.  Zwar hat kein anderes Team den Ball so häufig in der gegnerischen Hälfte sowie im letzten Drittel. Und das ist wichtig, denn die Gegentore, die der HSV kassiert (acht Gegentore in sieben Spielen) hängen auch mit dem riskanten Kurzpassspiel in der eigenen Hälfte zusammen. 16,57 Bälle pro Spiel verliert der HSV in der gefährlichen Zone - der dritthöchste Wert der Liga. 5,71 individuelle Fehler in jeder Partie, die zu einem gegnerischen Torabschluss führen sind ebenfalls viel (fünfthöchster Wert der Liga). Nein, sogar viel zu viel für ein Team, dass ganz oben mitmischen will.

Brutale Dominanz offensiv - fahrlässig in der eigenen Hälfte

Immer wieder reden alle von dem sehr intensiven Laufspiel des HSV auf dem Platz, genannt „Offensivpressing“. Und auch hier hat GSN Daten bereitgestellt, die interessant sind: Durchschnittlich gestatten die HSV-Profis dem gegnerischen Team nur 4,3 Pässe im Schnitt, bevor sie das Aufbauspiel des Gegners stoppen. Nur Heidenheim ist im schnellen Umschalten (der FCH lässt im Schnitt nur 4,1 Pässe des Gegners zu). Der Ligaschnitt liegt bei 5,1. Und es scheint tatsächlich so zu sein, wie wir es hier im Blog schon sehr oft geschrieben und diskutiert haben: Der HSV verfährt nach dem Motto „was ich nach vorn arbeiten kann, bekomme ich nicht hinten“. Problem dabei: Bekommt man dann doch mal was nach hinten, wird es noch viel zu oft gefährlich. 

Es wird spannend zu beobachten sein, wie der HSV unter Trainer Tim Walter auf Strecke mit dem aufwendigen Spielsystem umgeht und ob Walter bei körperlichen oder mentalen Durststrecken flexibel genug ist, um seine Handschrift zumindest in Nuancen anzupassen. Bislang fehlte mir in jedem Spiel die spielerische Flexibilität. Individuelle Fehler werden bei diesem System forciert und werden sich nicht vollkommen abstellen lassen. Damit werden wir  beim HSV unter Tim Walter ein Stück weit leben müssen.

Aber Walter selbst wird zusehen müssen, seine erwartbare Effizienz vorn mit der notwendigen Sicherheit in der Defensive abzustimmen. Schon am Sonntag, wenn es gegen die bislang beste Abwehr der Liga geht. Und während Ex-HSV-Coach und FCN-Sportvorstand Dieter Hecking für Sonntag ein Spektakel erwartet, würde es mich nicht stören, wenn das Zurückziehen von Heyer in die Innenverteidigung für den gesperrten Schonlau den HSV hinten sicher stehen lässt. Wenn de HSV dazu noch im Mittelfeld nicht nur offensiv denkt, sondern gegnerische Angriff zu unterbinden versteht – ich käme sehr gut klar damit, wenn das Spiel gegen die starken Nürnberger mal kein „Spektakel“ würde.

Mir reicht ein Sieg auch ohne „Spektakel“

Aber: Ich muss eines zugeben. Denn so oft ich auch über die fehlende defensive Absicherung spreche und schreibe, einen großen Vorteil hat die Spielweise des HSV unter Walter auch für mich schon jetzt: Die Momente, in denen ich die Niederlage schon während des Spiels als gegeben genommen habe, gibt es nicht mehr. Walter hat dieser Mannschaft neben einem konstant großen Willen und physischer Fitness eine Unberechenbarkeit anerzogen, die mich von der ersten bis zur letzten Minute darauf hoffen lässt, dass man das jeweilige Spiel (noch) gewinnt. Das war in den letzten Jahren nur sehr, sehr selten der Fall.

Apropos Überraschung. Für die ist Walter auch in Sachen Aufstellung immer gut. Daher kann man auch nach dem heutigen Abschlusstraining nur spekulieren, wie gespielt wird. Mein Tipp: Heuer Fernandes – Gyamerah, David, Heyer, Leibold – Jatta, Kinsombi, Meffert, Suhonen, Kittel – Glatzel. Ich persönlich hätte es bevorzugt, wenn der HSV-Trainer mutig auf Mario Vuskovic in der Innenverteidigung gesetzt hätte – auch, um Heyer au seiner Achterposition weiter spielen zu lassen. Nicht, weil ich es Suhonen nicht zutrauen würde, sondern lediglich, um den Kroaten „zu aktivieren“ und möglichst wenig umzubauen gegenüber dem Nordderbysieg. Aber das hatten wir gestern schon…

In diesem Sinne, bis morgen! Da melde ich mich erst aus dem Stadion und im Anschluss daran natürlich noch hier im Blog sowie mit dem Blitzfazit. Euch allen noch ein schönes Wochenende!

Scholle

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