„Die schlechteste Clubführung...“
Die Diskussionen um die verbalen Entgleisungen eines oder mehrerer HSV-Aktionäre hielt auch den Aufsichtsrat in Atem. Hier soll es neben unterstützenden Beiträgen auch scharfe…

Die Diskussionen um die verbalen Entgleisungen eines oder mehrerer HSV-Aktionäre hielt auch den Aufsichtsrat in Atem. Hier soll es neben unterstützenden Beiträgen auch scharfe Kritik an Marcell Jansen gegeben haben, der diese verbale Entgleisung in einem Interview mit der „BILD am Sonntag“ bestätigt hatte. Das ist allerdings auch nicht verwunderlich, da im Kontrollrat eben auch Abgesandte der Aktionäre sitzen, die diese Meinung vertreten. Aber auch hier waren diese Themen Grund für eine sehr lebhafte Debatte, die ich hier anhand des Posts von Jörg Brettschneider (und Scorpion) aufnehme und aus meiner Sicht erkläre. Here we go:
Zu Jansen und den Beleidigungen bzw. Diffamierungen: Jansen ist sicher hoch anzurechnen, dass er vorher nicht an die Öffentlichkeit gegangen ist und die unsachliche beleidigende Kritik ausgehalten hat. Es gibt keine zwei Meinungen zu solchen Ausfällen.
Hier bin ich ganz Deiner Meinung.
Leider ändert das nichts daran, dass Jansen die Eignung und Befähigung fehlt, in einem ambitionierten Profifußballclub maßgeblich Verantwortung zu tragen. Der HSV spielt im fünften, möglicherweise bald im sechsten(!) Jahr unterklassig. Das ist nicht zuletzt sein Werk. Natürlich nicht nur seines, aber eben nicht unmaßgeblich seines.
Jansen ist seit 2019 Vereinspräsident, seit 2018 im Aufsichtsrat, dem er bis zuletzt auch vorsaß. Hierin ist allein ob seines Mitwirkens eine Verantwortlichkeit festzumachen, eindeutig. Als Vereinspräsident vertritt Jansen den Hauptaktionär der AG. Und der e.V. hatte in den letzten Jahren die besten Zahlen seit Bestehen. Was Du meinst, ist Jansens Verantwortung am sportlichen Abschneiden, korrekt? Auch hier hat er zweifellos zusammen mit seinen Ratskollegen eine Mitwirkung, immerhin bestimmt der Aufsichtsrat den Vorstand. Aber: Eben nicht Jansen allein, sondern alle sieben Räte (oder die sechs zwischenzeitlich verbliebenen). Wer also der Meinung ist, Jonas Boldt ist das Übel des sportlichen Misserfolges, der kann den Rat samt Jansen dafür verantwortlich machen. Beides sehe ich anders.
Jansen hat versagt, als es darum ging, Thomas Wüstefeld abzuberufen, bevor dieser zu viel (Image)Schaden anrichtet. Dass ein großer Teil der Vorwürfe meiner ehemaligen Kollegen vom Abendblatt gegen Wüstefeld bislang unbewiesen geblieben sind, spricht zwar für Jansen – aber die Situation hatte es nicht mehr hergegeben, an Wüstefeld festzuhalten. Und dafür ist Jansen als Aufsichtsratsvorsitzender maßgeblich verantwortlich.
Nicht verantwortlich
Die Aktionäre sehen das natürlich auch und greifen sicher auch deshalb zu diesen „Mitteln“, die unentschuldbar, indiskutabel und respektlos sind.
Wie bitte? Entschuldigst Du hier das Verhalten einzelner Aktionäre als einerseits „notwendig“ (weil diese Jansens Unfähigkeit sehen?) und als unentschuldbar zugleich? Das funktioniert nicht. Und: Nur, um das ganz klar zu sagen: NEIN, so ein Verhalten darf sich weder ein Mitglied noch ein Fan und schon gar kein Verantwortlicher oder Mitbesitzer (das sind die Aktionäre nun mal) erlauben. Hier haben Aktionäre Grenzen überschritten, die das gesamte HSV-Wohl gefährden. Hätte irgendein Rat oder Vorstand solche Wortwahl, er/sie wäre schon seines Amtes enthoben.
Das Übel liegt einfach in dieser ganz schwachen inkonsequenten Clubführung, die es tatsächlich geschafft hat, unter diesen Bedingungen fünf Jahre unterklassigen Fußball anzubieten. Diese nicht hinnehmbaren Beleidigungen sind lediglich die Stilblüten dieser „HSV-Führung“. So viel Wahrheit gehört dann auch dazu.
Ist mit Clubführung die AG oder der e.V. – oder sogar beide Führungen zusammen gemeint? Wenn es um den e.V. geht, siehe oben. Geht es um die AG mit dem Präsidenten als Vertreter des Hauptanteilseigners, muss man unterscheiden. Bruchhagen, Wettstein, Hoffmann und Boldt teilen sich diese bald fünf Jahre Zweitklassigkeit – und auch im Aufsichtsrat hat das Personal vielfach gewechselt. Geblieben ist neben der Unbeständigkeit in der Zusammenarbeit leider auch die Zweitligazugehörigkeit. In diesem Jargon jedoch weiterzuarbeiten, darf man nicht als „Stilblüten“ verharmlosen, sondern muss sie als neue Gefahr für den Wiederaufstieg sehen. Sportloch verantwortlich sind einerseits die Räte, die den Vorstand bestimmen – logisch. Operativ aber ist es vor allem der Sportvorstand und nicht der Aufsichtsratsboss. Sollte das mit dem Wiederaufstieg erneut nicht funktionieren, wird es auf dieser Position eine Veränderung geben. Da bin ich mir sicher.
Zu Scholles Lieblingsregel: Man sollte die 50+1-Regel aufheben und den Vereinen die Entscheidung überlassen. Diese können dann – unter Beteiligung ALLER Vereinsmitglieder – abstimmen. Diese Verbotspolitik führt zu nichts. Man sieht es gerade wieder an anderer Stelle. Die Leute wollen mitgenommen werden. Und zwar ALLE!
Bei dieser sehr schwierigen Antwort beziehe ich auch die Frage von Scorpion mit ein, der das fragte: @Scholle, bist Du dafür, dass alle Mitglieder in einer, wie auch immer technisch vollzogenen MV abstimmen können, oder nur die Anwesenden? Meine Antwort: Nein. Zumindest unter den aktuellen Umständen halte ich eine solche Veranstaltung für nicht durchführbar. Und dabei schleiße ich die technischen Voraussetzungen noch aus – die MUSS jeder hinbekommen mit etwas Vorlauf. Mir bereitet viel mehr Sorge, dass es auf diese Weise zu leicht ist, sich Mitglieder zu kaufen und diese abstimmen zu lassen.
Zur Erinnerung: Dass so etwas passiert, hat man beim HSV schon vor mehr als 23 Jahren erfahren müssen, als der Vermarkter UFA-Sports (damals unter der Führung von Geert Bittner und Bernd Hoffmann) mit Hilfe der PR-Agentur Salaction beim HSV auf einer Mitgliederversammlung mit gekauften Claqueuren Stimmung gegen eine Satzungsänderung machen sollte, die es ermöglichte, den damaligen Vorsitzenden Werner Hackmann zum bezahlten Vorsitzenden zu machen. Der Spiegel deckte das damals auf. Und damals flog es auf, weil die Leute sich vor Ort sahen und einige die Claqueure wiedererkannten. Digital – und nur so wären alle Mitglieder in der Lage, mit abzustimmen – ist das nicht so einfach bis unmöglich.
Sollte aber irgendwer die Hürden wider den Betrug so gestalten, dass letztlich nahezu auszuschließen wäre, dass gekaute Abstimmungen stattfinden - ich wäre sofort dabei.
Im Übrigen könnte der HSV keine schlechtere Clubführung haben als derzeit und in den letzten Jahren. Das kann nach einem Wegfall der 50+1-Regel zwangsweise nur besser werden.
Das habe ich in den letzten Jahren immer wieder gehört. Ich würde ehrlich gesagt sogar darauf wetten, dass Du das bei Beiersdorfer, Jarchow, Bruchhagen und den anderen Führungen in den letzten Jahren auch gesagt hast. Oder? Zumindest sehe ich die aktuelle Führung nicht so handlungsschwach wie viele Vorgänger. Dr. Eric Huwer eilt ein enorm guter Ruf voraus. Und dieser wird zumindest von denen, die ihn im Arbeitsumfeld kennenlernen, bestätigt. Im Team mit Jonas Boldt kann ich mir vorstellen, dass diese Konstellation funktioniert. Aber: Jonas Boldt hat zuletzt die Variante Konstanz gewählt – und er wird sich am Saisonende daran messen lassen müssen. Und der Aufsichtsrat ist in seiner Zusammensetzung und Führung ebenfalls wieder verändert.
Das mit dem „Mögen“ (Scholle) ist eine andere Sache. Aber dieses „Mögen“ bestimmt eben auch seit jeher Scholles Blogs zu den Themen „Kühne“, „Investoren“ und „50+1“.
Das ist Nonsens, ehrlich! Ich habe Klaus Michael Kühne hier ebenso verteidigt wie kritisiert – eben immer individuell auf das Geschehen bezogen. Auch habe ich Investoren nie verteufelt, sondern sie als Chance bezeichnet. Aber: Welche Investoren gab/gibt es denn? Dinsel wollte zuletzt investieren – und geriet mit Kühne in einen Konflikt, der ihn davon Abstand nehmen ließ. Zudem lehnten ihn gefühlt alle ab – inklusive der mitgliederstärksten Abteilung der Supporters. Von daher sind Investoren aktuell einfach nur nicht realistisch. Und ja, 50+1 halte ich für sinnvoll, solange es andere Gesellschaftsformen gibt, die die Mitbestimmung von außen verhindern. Diese Mitbestimmung ist beim HSV schon groß genug, wie die aktuelle Aktionärsstruktur samt Mitspracherecht über ihre AR-Abgesandten immer wieder zeigt.
Ich mag vor allem einen erfolgreichen HSV sehen, der in der Weltstadt Hamburg internationalen Fußball und spektakuläre Fußballer anbietet. Unter den aktuellen Gegebenheiten ist das nahezu unmöglich.
Und da sind wir wohl beim Kern Deiner Motivation, diesen Post bzw. diese Posts zu schreiben. Ich bezweifle aber, dass der HSV auf diese Art (und mit derart launischen Aktionären samt deren Abgesandten im Aufsichtsrat) in den nächsten Jahren konstanten Erfolg herstellen kann. Und nur zur Erinnerung: Wenn die Aktien verkauft sind, sind sie weg. Wenn der HSV nicht aus diesem Geld neues Geld verdient, dann ist es weg. Und: Nach dem Anteilsverkauf über die 50 Prozent hinaus gehört der Verein dann eben nicht mehr den Mitgliedern. Dabei sind diese am unverdächtigsten, andere Interessen als die des HSV zu vertreten. Und das Geld, was man letztlich dafür bekommt, ist auch schneller ausgegeben, als man denkt. Siehe die (ersten) Jahre nach der Ausgliederung 2014, in der der HSV noch erstklassig war und sich per Anteilsverkauf viel Geld sicherte – um kurze Zeit später abzusteigen. Ich sehe den Zusammenhang zwischen dem HSV-Abstieg und der Diskussion um die Ausgliederung sowie deren Umsetzung 2013/2014 jedenfalls nicht als zufällig. Ich sehe das vielmehr als Warnschuss, aus dem man lernen sollte. Und das hat dieser HSV (noch) nicht.
Morgen wird es hier endlich wieder sportlich. Training und die Pressekonferenz mit Tim Walter stehen an. Bis dahin Euch allen einen schönen Abend!
Scholle
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