Spielbericht

Die Offensive gewinnt Spiele - die Defensive Meisterschaften

Eigentlich ist das noch das bessere Ende des Spitzenspiels an diesem 22. Zweitligaspieltag. Die SpVgg Greuther Fürth hat mit dem 2:1 gegen Holstein Kiel den Vierkampf um die…

Die Offensive gewinnt Spiele - die Defensive Meisterschaften

Eigentlich ist das noch das bessere Ende des Spitzenspiels an diesem 22. Zweitligaspieltag. Die SpVgg Greuther Fürth hat mit dem 2:1 gegen Holstein Kiel den Vierkampf um die Spitze auf ein neues Level gehoben. Aktuell stehen gleich vier Mannschaften punktgleich mit 42 Zählern ganz oben. Nur die Tordifferenz trennt HSV von den Verfolgern Greuther Fürth, VfL Bochum und von Holstein Kiel. Letztgenannte verpassten es, mit einem einzigen Punkt schon aus dem Spitzenspiel in Fürth die Tabellenführung allein zu übernehmen „Es ist brutal eng oben, vier Mannschaften mit 42 Punkten“, befand Havard Nielsen, der seine Fürther zum Sieg geschossen hatte. Und er hat Recht!  Vom Aufstieg wollen die Fürther, die in der Rückrunde der einzige noch ungeschlagene Zweitligist sind, trotz des Comebacksieges zwar noch nicht reden. „Nein, warum sollen wir das Wort jetzt in den Mut nehmen? Es ist viel zu früh“, befand Trainer Stefan Leitl. Aber Sportchef Rachid Azzouzi wurde da schon etwas forscher: „Wir haben ein Zwischenziel, das wir unbedingt erreichen wollen, das ist die 50er Marke. Wir wollen uns keine Grenzen setzen, sondern so weit wie möglich nach oben und auch oben bleiben.“

Egal wie man es nimmt, die Spannung bleibt hoch. Und das wiederum kann man interpretieren, wie man lustig ist. Pessimistisch spricht man davon, eingeholt worden zu sein und wieder in altbekannte Muster zurückzufallen. Kurzum: Der Aufstieg wird jetzt schon mehr oder weniger abgehakt. Eine Denkweise, die HSV-Sportdirektor Michael Mutzel gestern schon kritisierte: „Ich kann es grundsätzlich nicht verstehen, weil wir immer gucken, was in der aktuellen Saison passiert. Vor allem wie die Mannschaft nach innen und außen auftritt. Ich habe das Gefühl, dass hier in Hamburg immer ein bisschen schneller Unruhe vorhanden ist. Das haben wir die vergangenen Jahre gesehen. Nach innen haben wir diese Unruhe aber nicht. Ich sehe nach einem verlorenen Spiel auch keinen Grund, warum wir unruhig werden sollten.“ Muss man auch noch nicht. Aber man darf nicht aus Prinzip ruhig bleiben.

Positiv betrachtet kann man aber auch davon sprechen, dass diese Maximalspannung alle unter Strom hält. Also auch die, die bislang weniger zu verlieren hatten als der HSV. Denn die können jetzt plötzlich doch noch etwas verlieren. Siehe Fürth, wo man ganz offensichtlich aufsteigen will. Vor der Saison wollte man noch schnellstmöglich die 40 Punkte für den Klassenerhalt und dann schauen. Das weiß ich noch vom Hinspiel des HSV in Fürth. Jetzt hat man Lunte gerochen – und ab diesem Moment hat man auch was zu verlieren. Und wenn es nur der Traum ist…

Aber zurück zum irdischen, zum HSV. Der muss sich defensiv etwas einfallen lassen. Das hat Würzburg gezeigt. Die Torhüterfrage, die außen längst geführt wird, gibt es intern noch nicht. Und ganz ehrlich: Wenn ich lese, dass Ulreich nur einmal in der Woche – und das dann angeblich auch noch vom Torwarttrainer unbeobachtet – Abstöße und Befreiungsschläge übt, ist mir klar, dass es hier nicht mehr um eine sachliche Diskussion geht. Denn die Torhüter üben das Mitspielen, die Befreiungsschläge und die Abstöße mit ganz wenigen Ausnahmen in jedem Training. Wer etwas anderes behauptet, liegt falsch. Auch deshalb werde ich nicht über Ulreich an sich diskutieren, sondern lediglich darüber, inwieweit er spielerisch mit eingebunden werden MUSS. Wenn ich als Trainer merke, dass ich einen extrem guten Keeper auf der Linie, in der Luft und im Eins-gegen-Eins habe, ihn Rückpässe aber in Bedrängnis bringen – dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: 

  1. Rückpässe auf ein Minimum beschränken
  2. Den Torwart austauschen gegen einen anderen, der mit Rückpässen besser klarkommt.

Vor allem auch mental. Denn man sieht bei Ulreich, dass ihn diese Diskussion über seine fußballerischen Fähigkeiten nicht sicherer macht. Im Gegenteil. Deswegen hatte ich in den letzten Wochen und gestern ja auch noch einmal geschrieben, dass ich glaube, man würde Ulreich sehr helfen, wenn man sich bei ihm im Spiel auf seine Kernkompetenz verlässt. Alles andere – zumal unter dem Druck erhöhenden Zusatz „Ex-Bayern-München-Profi“ – könnte ihn am Ende auf ganzer Linie verlieren lassen. Und das wäre komplett unnötig! Denn auch wenn sich Ulreich ob seiner Erfahrung selbst zu schützen weiß, sollte man ihm helfen.

Wirklich schützen muss man hingegen Spieler wie Amadou Onana. Auch vor sich selbst. Die Gelbrote Karte am Sonntag war das i-Tüpfelchen an einem komplett gebrauchten Sonntag. Für ihn und für die Mannschaft, die jetzt am Montag auf ihn verzichten muss. „Man braucht jetzt nicht den Stab über den Jungs brechen. Es war eine Scheißleistung – und zwar von allen. Dass in so einer Phase ein unerfahrener junger Spieler mit der Mannschaft untergeht, ist normal. Wir gehen mit den Jungs gut um und zeigen die Fehler auf. Das gehört zu einem Lernprozess dazu. So etwas ist nicht ungewöhnlich bei jungen Spielern“, sagt Mutzel und trifft es damit ganz genau auf den Punkt. Bei den Nachwuchsspielern muss gelten: Alles kann – nichts muss. Dann machen Onana und Co. auch die entscheidenden Schritte nach vorn. Dass das nicht davon abhält, Onana alle Szenen vom Sonntag noch mal vorzuführen – logisch! Aber eben alles in Verbindung mit Lösungsvorschlägen, es künftig besser zu machen. 

Apropos: Das muss der HSV jetzt auch punktetechnisch hinbekommen. Insgesamt neun Punkte weniger holte man gegenüber der Hinrunde zum selben Zeitpunkt. Das wirft Fragen auf. Ist der HSV einfach schwächer oder ausrechenbar geworden? Ich sage – das Würzburg-Spiel explizit ausgenommen, denn das war einfach sch…schwach! – nein! Ich behaupte stattdessen, dass der HSV in der Hinrunde effizienter war. Mutzel sieht es ähnlich: „Sorgenfalten hätte ich, wenn wir die vergangenen sechs Wochen rumgestümpert hätten, ohne uns Torchancen zu erspielen. Wir haben auch gestern wieder zwei Tore geschossen. Bis auf gestern war die Art und Weise von uns gut.“ Und bis hierhin war ich zu 100 Prozent bei Mutzel. Aber der führte dann noch aus: „Ich wüsste nicht, warum das jetzt kippen sollte und wir plötzlich nicht mehr performen. Wir fangen uns jetzt und dann geht's weiter.“ Das klingt zwar gut – ist mir dann aber auch wieder deutlich zu einfach…

Denn Fakt ist, dass der HSV defensiv zu schwach ist. Und n nicht umsonst heißt es: Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive gewinnt Meisterschaften. Und die Komplimente für beispielsweise Gideon Jung in der ersten Halbzeit in Aue beruhten in der genaueren Betrachtung nämlich nicht auf dessen Defensivleistung, denn die wurde nicht gefordert. Vielmehr konnte sich Jung in Aue sehr gut mit nach vorn einschalten und verteilte die Bälle klug. Das wiederum fehlte in Würzburg komplett. Hier war auffällig, wie passiv Jung verteidigte. Immer im Sicherheitsabstand, immer mit den Armen hintern dem Rücken verschränkt – das war nichts. Bei ihm ebenso wenig wie bei Jan Gyamerah und Moritz Heyer. Denn auch die beiden waren in Würzburg nicht auf der Höhe. Dass man für das Stadtderby heute schon darüber spricht, wie wichtig Youngster Stephan Ambrosius  ist, es spricht vielleicht für Ambrosius. Aber es spricht nicht für Jung, Gyamerah, Heyer und Co. Im Gegenteil!

Wer wird am Montag verteidigen, werde ich von vielen gefragt. Und darauf werde ich auch morgen im Communitytalk antworten. Für heute aber sei schon mal verraten: Auf das Defensivverhalten  - vor allem gegen das technisch extrem gute, schnelle Mittelfeld des FC St. Pauli – wird es am Montag ankommen! Und wie das aussehen könnte, darüber werde ich mich morgen an dieser Stelle ausführlich äußern. Bis dahin aber meine Frage(n) an Euch: Wie würdet Ihr aufstellen? Dreierkette oder Viererkette? Gyamerah und Vagnoman zusammen in der Startelf, oder muss einer von beiden auf die Bank? Darf Gideon Jung neben Ambrosius beginnen? Sollte ein Jonas David seine Chance bekommen? Und: Rückt Heyer wieder vor auf die Sechs für den gesperrten Amadou Onana? Viele Fragen – aber ich bin sehr gespannt auf Eure Antworten…!

In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit Communitytalk!

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