Die große Hinrundenanalyse, Teil 1
So, es geht wieder los. Oder besser gesagt: Es geht weiter. Der HSV hat noch bis Donnerstag frei, erst dann geht es wieder auf den Trainingsplatz. Ich werde bis dahin die Neuen…

So, es geht wieder los. Oder besser gesagt: Es geht weiter. Der HSV hat noch bis Donnerstag frei, erst dann geht es wieder auf den Trainingsplatz. Ich werde bis dahin die Neuen von Tor bis Mittelfeld bewerten - und zwar heute. Morgen geht es dann um die Angreifer und das neue Trainerteam, ehe ich am Mittwoch einen sehr spannenden Artikel von Dr. Olaf Ringelband hier reinstellen werde, der verdeutlicht, was einen guten von einem sehr guten Fußballer unterscheidet. Zudem werden wir am Donnerstag von unseren Analysten von Createfootball.com die große Hinrunden-Analyse in Zahlen und Fakten hier reinstellen, bevor es dann wieder um das Tagesgeschäft Profifußball beim HSV geht.
Ich hoffe, dass Ihr alle ein paar schöne Weihnachtstage hattet und erholt in diesen kurzen Zwischensprint starten könnt. In diesem Sinne sage ich schon an dieser Stelle "Bis morgen" und wünsche uns/Euch allen einen schönen Rest-Montag!
Scholle
BEWERTUNG DER ZUGÄNGE, Teil 1:
Marko Johansson
(22 Jahre / kam von Malmö FF / Ablösesumme: 600.000 Euro / Vertrag bis 2025)
Der junge Schwede hatte Startprobleme und wirkte im Training zu Beginn ebenso wie in den Testspielen eher unglücklich. Für einen 22-Jährigen, auf Profiebene noch recht unerfahrenen jungen Mann sicher nichts Ungewöhnliches. Zumal der Keeper kam und schnell erkennen musste, dass er hier nicht als Nummer eins eingeplant war. Dass zudem sein Konkurrent Daniel Heuer Fernandes einen Leistungsschub bekam und einer der Gefeierten unter Neu-Trainer Tim Walter war, dürfte ihn menschlich vielleicht für seinen Kumpel gefreut haben – sportlich hat es ihm aber zunächst signalisiert, dass es für ihn auch in Hamburg schwer wird, an der amtierenden Nummer eins vorbeizukommen.
Mit der Verletzung von Heuer Fernandes kam die Chance für Johansson. Im Testspiel gegen Wolfsburg wirkte Johansson so schwach, dass - summiert mit seinen Leistungen bis dahin – alle skeptisch waren. Auch ich. Aber der Schwede enttäuschte nicht. Auf der Linie und in der Luft stark spielte er sogar Fußball mit, wie es Walter forderte. Lange nicht so sauber wie Heuer Fernandes mit dem Fuß, aber erfolgreich. Fünf Gegentore in sieben Spielen (0,7 Gegentore pro Spiel), davon dreimal zu Null – Johanssons Quote ist sogar leicht besser als die von Heuer Fernandes (13 Gegentore in elf Spielen). Allerdings würde ich Letzteres weniger auf den Keeper als auf die nachjustierte Taktik von Trainier Tim Walter zurückführen.
Dennoch: Johansson hat bewiesen, dass er nicht nur talentiert sondern auch zuverlässig ist, wenn er gebraucht wird. Er wird seinen Platz für Heuer Fernandes wieder räumen müssen, hat sich für den HSV aber neben dem Sportlichen auch finanziell schon ausgezahlt. Was ich meine: Bis zu Heuer Fernandes‘ Verletzung lief alles optimal für die Nummer eins, sein Preis stieg parallel zu seiner Bedeutung für die Mannschaft. In Johansson hat der HSV jetzt eine Alternative, die bewiesenermaßen ebenso funktioniert. Das schwächt Heuer Fernandes‘ Verhandlungsposition ein wenig ab und dürfte ihn ein paar Euro günstiger machen, wenn er denn beim HSV verlängern will.
Meine Gesamtnote für Marko Johansson: 2 – (mit der Tendenz zur guten zwei). Das Minus auch nur, weil er fußballerisch noch zu viele Fehler im Spiel hatte, die deutlich mehr Schaden hätten anrichten können.
Mario Vuskovic
(1,2 Mio Leihgebühr für 2 Jahre/ Kaufoption 3,5 Mio Euro / Marktwert 6,5 Mio Euro):
1,2 Millionen Euro Leihgebühr plus Gehalt für zwei Jahre – das ist eine Summe, die auf Zweitligaebene nicht viele Vereine stemmen können. Der HSV tat es dennoch. Aus Überzeugung. Der Kroate ist in der verpflichtenden Kaufoption mit 3,5 Millionen Euro (für den Fall des Aufstieges) definitiv auch nur für die Erste Liga eine Option für den HSV. Diese Summe kann und wird der HSV als Zweitligist nicht stemmen können, obgleich Vuskovic von Spiel zu Spiel deutlicher macht, dass er diese Summe schon sehr bald wert sein wird. Ich habe ihn nach seinem ersten Auftritt gelobt, weil seine Aggressivität und seine Zweikampfhärte eine extreme Zweikampfstärke bewirken. Seine außergewöhnliche Passsicherheit garniert dabei die insgesamt sehr gute Leistung und lässt sportlich wie finanziell auf eine weitere Wertsteigerung hoffen. Vuskovic beherbergt alle Attribute für einen sehr guten Innenverteidiger, ohne dass ich hier jetzt schon eine Grenze nach oben sehe. Auch weil er auf dem Platz einzelne gewonnene Zweikämpfe so wichtig nimmt wie andere ganze Meisterschaften ist er ein Gewinnertyp, der immer mehr will, der immer besser werden will und der als Typ voll in die Mannschaft integriert ist. Kurzum: Vuskovic ist ein absoluter Gewinn für diese Mannschaft. Gesamtnote zusammengesetzt aus Kosten/Nutzen, Perspektive und aktuell-sportliche Hilfe: 2. Damit lasse ich ihm noch das Entwicklungspotenzial nach oben offen, um auf Sicht erwartungsgemäß zu einer glatten Eins zu werden.
Sebastian Schonlau
(SC Paderborn /ablösefrei / Vertrag bis 2024):
Der schlaue Kopf der Mannschaft, der seine Mitspieler besser aussehen lässt und das Spiel des HSV besser macht. Aus Paderborn als dortiger Kapitän gekommen, wurden gleich hohe Maßstäbe an ihn gesetzt, indem er vom Trainer zum Mannschaftskapitän gemacht wurde. Schonlaus souveräner Spielaufbau und seine sensationelle Antizipation machen fehlendes Tempo wett und lassen ihn auf dem Platz immer wieder wie ein Leader wirken. So, wie er im Übrigen auch von seinen Kollegen wahrgenommen wird. Schonlau hat es binnen kürzester Zeit zu einer natürlichen Autorität im Team geschafft, die seine Kapitänsrolle untermauert. Und er hat die Saison bärenstark begonnen. Kurioserweise fallen gerade zuletzt in der Phase weniger Gegentore, in der er ein wenig abgebaut hat. Allerdings ist das auch darauf zurückzuführen, dass er diese Abwehr von Beginn an sortiert und inzwischen das System Walter besser adaptiert hat, wie er selbst in einem vereinsintern geführten Interview erklärte.
Schonlau ist aus meiner Sicht der wichtigste Zugang dieser Saison bislang. Trotz Vuskovic, trotz Meffert – weil er seine Mannschaft bzw. einzelne Spieler auch dann besser macht, wenn er mal nicht hundertprozentig funktioniert (siehe Jonas David und Mario Vuskovic). Aber wie sagte mein Opa immer so treffend: Der beste Chef ist nicht der, der am besten selbst arbeitet - sondern der, der am besten delegiert. Und das hat Schonlau neben seinen fußballerischen Qualitäten on top mit einbringen können.
Gesamtnote: 2+
Miro Muheim
(FC St. Gallen / Leihgebühr 200.000 Euro / Marktwert 2 Mio Euro)
Der Linksfuß war für mich bis zuletzt eine Unbekannte im kader. Das Training zeigte, dass der junge Schweizer Fußball spielen kann – aber auf dem Platz fand er in den Testspielen nur sehr bedingt statt. Und auch bei seinen Einwechslungen im Saisonverlauf lief Muheim mehr nebenher anstatt mittendrin im Geschehen zu sein. Allerdings verbesserte sich das von Spiel zu Spiel, nachdem er für den langzeitverletzten Tim Leibold die Linksverteidigerposition einnahm. Muheim blühte langsam aber erkennbar auf. Bis zu seiner Verletzung. Zuletzt gegen Schalke wurde er dann wieder eingewechselt und wirkte so deplatziert wie es nur irgendwie möglich war. Insgesamt war eine grundsätzliche Verunsicherung bislang erkennbar, die der Leihspieler bislang nur langsam ablegen konnte. Von daher hoffe ich, dass er nach der Winterpause wieder an seine Leistungen anknüpft, die er vor seiner Verletzung gezeigt hat. Sollte das gelingen, werden wir auf Sicht richtig Spaß an ihm haben, weil er mit jeder gelungen Aktion stabiler wurde/wird. Aber insgesamt ist der Eindruck, den Muheim auf mich macht, noch stark ausbaufähig.
Gesamtnote daher: 4+. Mit einer erkennbaren Tendenz zur Drei – aber eben noch nicht so, dass man jetzt schon zufrieden sein könnte. Ich zumindest bin es noch nicht.
Jonas Meffert
(Holstein Kiel / Ablösesumme 500.000 Euro / Marktwert 1,5 Mio Euro / Vertrag bis 2024):
Unauffällig, zweikampfstark, ein immer fleißiger Motivator und ein guter Motor – nach vorn wie nach hinten. Das ist die Beschreibung des perfekten Sechsers – und sie trifft relativ betrachtet auch auf Meffert zu. Der aus Kiel gekommene zentral-defensive Mittelfeldspieler hat seine Rolle von beginn an angenommen und ausgefüllt. Er war in dem spektakulären, waghalsigen Offensivfußball von Walter oft nicht auffällig für den gemeinen Zuschauer auf der Tribüne oder vor dem TV. Aber er war maßgeblich dafür, dass dieser waghalsige Offensivfußball keine größeren Schäden anrichtete. Oder anders formuliert: Wenn man sich als Sechser ein Spielsystem aussuchen darf, dann wählt man in 99 von 100 Fällen ganz sicher nicht die bedingungslose Offensive von Walter, weil diese riesigen Löcher im Mittelfeld reißt, die man als Sechser stopfen muss. Aber: Meffert hat diese schwere Aufgabe angenommen und ausgefüllt. Meffert war – abgesehen von der Partie gegen Schalke 04 – in ALLEN Saisonspielen für mich der konstanteste HSV-Spieler – auch das ist ein Attribut für einen richtig guten Sechser. Aber wie eben schon bei Schonlau geschrieben: Zusammen mit dem jeweiligen Keeper und eben Schonlau bildet Meffert die stabile Achse, auf der dieser neue HSV aufgebaut wird.
Gesamtnote: 2-
Ludovit Reis
(FC Barcelona B / ablösefrei / Marktwert 2 Mio Euro / Vertrag bis 2025):
Was habe ich mich über die Verpflichtung des Mittelfeldspielers aus Osnabrück gefreut. Dort hatte Reis schon angedeutet was er kann – und wenn ich ganz ehrlich bin, hat er das hier beim HSV auch: Anfänglich beschränkte sich sein Fokus aus meiner Sicht zu stark darauf, Bälle abzugrätschen und schnellstmöglich einem Mitspieler zuzupassen. Sein Offensivspiel fand kaum statt, dabei hat Reis technisch alle Fähigkeiten, um nach vorn richtig gefährlich zu sein. Ich tue das inzwischen unter „Anpassungsprozess“ ab, also einer Phase, in der sich der junge Mittelfeldspieler erst einmal an alles Neue gewöhnen musste. Zumal Reis inzwischen offensiv nicht nur als Torschütze auffälliger wird. Dass Reis nur zwei Spiele über 90 Minuten gemacht hat, liegt auch daran, dass er alles in seinem höchsten Tempo (er ist zweifelsfrei kein Sprinter, hat aber eine sehr gute Explosivität) und mit maximalem Kraftaufwand macht.
Gesamtnote: 3
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