Die große Analyse: Was beim HSV schnell besser werden muss
die Länderspielpause ist bald beendet und nach neun Spieltagen ist es an der Zeit für einen Datencheck zur Performance des HSV unter der Leitung von Tim Walter. Die Spielweise…

Moin liebe HSVer,
die Länderspielpause ist bald beendet und nach neun Spieltagen ist es an der Zeit für einen Datencheck zur Performance des HSV unter der Leitung von Tim Walter. Die Spielweise des HSV hat sich in dieser Saison verändert, was man sehr deutlich an den Zahlen sieht, die über Tabellenplatz und Punkte hinausgehen. So ist die Elf von Tim Walter nach expected points vor Heidenheim, St. Pauli und Werder Bremen Tabellenerster. Die jüngste Mannschaft der Liga mit einem Durchschnittsalter von 25,1 macht somit einen hervorragenden Eindruck, was sich vor allem im Ballbesitzspiel widerspiegelt. Dort hat man u.a. die Quote der erfolgreichen Pässe mit denen Gegenspieler überspielt werden um 12% zur Vorsaison gesteigert. In der Analyse von CREATEFOOTBALL erfahrt ihr, wie das gelingen konnte.
1. Offensivspiel
Im Offensivspiel sieht man in den Daten eine Menge Potenzial – und das trotz bereits guter Leistungen. Die Rothosen kreieren die meisten Torchancen der Liga (vor dem FC St. Pauli und Fortuna Düsseldorf) und weisen zudem den höchsten xG-Wert der Liga auf. Mit 19.6 liegt dieser rund fünf Treffer über den erzielten Toren, eine mangelnde Chancenverwertung seitens Robert Glatzel (5/19 Chancen verwertet) und Bakary Jatta (1/9) sind die Ursache dafür. Dass der HSV einen derart hohen Wert an expected goals aufweist, liegt weniger in der Quantität der Abschlüsse als vielmehr in der Qualität der Abschlusspositionen. So schossen gleich vier Teams öfter auf das gegnerische Gehäuse doch kein Klub kommt auf eine annährend hohe Torwahrscheinlichkeit pro Schuss. Die Chance, dass der HSV ein Tor erzielt, liegt bei 15.6% pro Torschuss, etwas mehr als jeder sechste Versuch müsste daher statistisch gesehen ein Treffer sein. Bedeutet: Der HSV sucht unter Walter vor allem dann den Abschuss, wenn die Schussposition aussichtsreich ist. Auffällig ist dabei das Kopfballspiel, durch das die Hanseaten bereits 33-mal Angriffe abgeschlossen haben (Topwert der Liga), alleine auf Mittelstürmer Robert Glatzel entfallen elf davon. Dennoch sind Luftzweikämpfe nur für den vorletzten bzw. letzten Pass ein Stilmittel, das Aufbauspiel funktioniert vor allem über das Kurzpassspiel.
2. Stilmittel
Hier gibt es gleich eine Reihe an Statistiken, die die Benchmark der 2. Bundesliga abbilden. Allen voran der enorme Ballbesitzanteil von 67% ist unübertroffen, Werder und Kiel folgen mit rund 58% auf den weiteren Rängen. Dazu spielt der HSV unter Tim Walter die meisten Pässe mit der höchsten Genauigkeit (87%) und zeigt sich besonders stark im Spiel ins letzte Drittel, wo sie die beste Quote der Liga aufweisen. Spannend ist zudem das Flankenspiel des einstigen Bundesliga-Dinos, das als Schlüsselelement im Kreieren von Torchancen gilt. Nur die Fortuna aus Düsseldorf schlägt mehr Flanken, der HSV kombiniert Häufigkeit und Genauigkeit wie kein anderer Klub. Starke 42% der Flanken finden einen Mitspieler! Begründet wird dieses in erster Linie von Linksverteidiger Tim Leibold, welcher unglaubliche 59% auflegt, doch auch Sonny Kittel (49%) und Moritz Heyer (44%) flanken äußerst präzise. Im Schnitt flankt der HSV doppelt so oft, wie sein Gegner im Matchup (22) und das nur zu gern in den Fünfmeterraum hinein. Auch bei den progressiven Pässen funktioniert die Offensivabteilung rund um Sonny Kittel wie ein Schweizer Uhrwerk und bringt einen hohen Prozentsatz an Pässen, mit denen Gegenspieler überspielt werden, zum Mitspieler.
| PARAMETER PRO 90 MIN. | 20/21 - HSV | 21/22 - HSV |
| TORE | 2.1 | 1.7 |
| XG | 1.7 | 2.1 |
| SCHUSSGENAUIGKEIT | 41% | 36% |
| PÄSSE | 455 (84%) | 558 (87%) |
| POSITIONSANGRIFFE | 29.2 | 36.4 |
| FLANKEN | 17.5 (30%) | 22 (42%) |
| PPDA | 10 | 6.6 |
Das größte Manko des HSV liegt neben der Chancenverwertung derzeit im Anbringen von Steckpässen. Nur drei Zweitligisten unterbieten die 22%, welche die Jungs von der Elbe an den Mann bringen. Dies dürfte in den kommenden Wochen ein Schlüssel sein, um variabler in der Chancenerarbeitung zu werden und sich nicht nur das Flankenspiel zu verlassen. Dies war insbesondere beim jüngsten Spiel in Aue offensichtlich.
3. Defensives Umschaltspiel
Bereits beim Amtsantritt von Tim Walter geisterte die Frage durch den Volkspark, wie anfällig der HSV bei Ballverlust sein würde. Etwas, was dem Coach bei seinem Ex-Klub VfB Stuttgart letztlich zum Verhängnis wurde. Insbesondere bei der einzigen Saisonniederlage im Stadtderby zeigte sich dies deutlich, als der Kiezklub 7-mal kontern durfte und fünf davon mit einem Torabschluss krönten. So viele gab es zwar in keiner anderen Zweitligabegegnung in 21/22, jedoch sind gegnerische Konter generell häufig (4) und effizient (52.8% mit Abschluss), was allerdings auch an der Spielweise des HSVs liegt, welche dem Gegner durch die hohe Feldpositionierung Räume verschafft.
Dass bisher nur der Lokalrivale den HSV geknackt hat, liegt fairerweise aber auch in der überwiegend spielstarken Art und Weise des HSV, der die wenigsten Ballverluste aller Zweitligisten aufweist und die sofortige Ballrückeroberung forciert. Der PPDA-Wert ist hier ein guter Indikator, da dieser angibt, wie viele Pässe dem Gegner gestattet werden, ehe das eigene Team Druck durch Pressing ausübt. Der HSV gewährt seinem Gegner nur 6.6 Pässe, die wenigsten aller 56 Teams im deutschen Profifußball! Daraus resultieren pro Spiel rund drei Ballgewinne im gegnerischen Drittel mehr.
| PARAMETER PRO 90 MIN. | 20/21 - GEGNER | 21/22 - GEGNER |
| PÄSSE | 330 (79%) | 268 (77%) |
| PÄSSE INS LETZTE DRITTEL | 44.4 | 34.9 |
| KONTER | 2.8 | 4 |
| BALLVERLUSTE IM EIGENEN DRITTEL | 18.9 | 21.3 |
4. Defensive
Durch den dominanten Spielstil steht der HSV in den Defensivkategorien eher auf den hinteren Plätzen, führt z.B. die drittwenigsten Defensivzweikämpfe nach dem KSC und dem FC Nürnberg und fängt zudem die zweitwenigsten Pässe ab. Insgesamt befindet sich die Defensivleistung des HSV im oberen Mittelfeld der Liga, was Zweikampfquote und expected goals against anbelangen.
5. Auffällige Spielerstatistiken
Datentechnisch stechen besonders zwei Spieler positiv heraus, zum einen der bei den Flanken angesprochene Tim Leibold, welcher die meisten Pässe aller Zweitligaspieler spielt und zudem bereits vier (!) Second Assists – sprich also die Vorlage zur Torvorlage – geliefert hat. Zur Relation: In der gesamten vergangenen Saison waren es sechs, was immer noch ein herausragender Wert ist.
Des Weiteren war bei der Datenanalyse auffällig, dass Sonny Kittel zwar die drittmeisten Schnittstellenpässe aller Zweitligaspieler spielt, diese jedoch oft zu ungenau sind. Manuel Wintzheimer fehlt die Effizienz im Abschluss wie auch in der Vorarbeit (32% angekommene Flanken) und die Tatsache, dass Daniel Heuer Fernandes bislang eine solide Saison spielt, aber in der reinen Torverteidigung Ligakonkurrenten wie Marius Gersbeck (KSC) oder Jannik Huth (Paderborn) einen weitaus größeren Impact liefern.
Fazit:
Der HSV spielt in vielen Belangen eine formidable Saison und hätte eine bessere Ausbeute an Toren, Punkten und Tabellenplatzierung verdient. Nichtsdestotrotz besteht Verbesserungsbedarf in der Verwertung von Torchancen sowie in der variablen Chancenerarbeitung durch präzise Schnittstellenpässe. Auch auf das Verhindern von gegnerischen Kontersituationen muss weiterhin ein Augenmerk gelegt werden. Alles in allem ist der HSV auf einem sehr guten Weg und hat sich in vielen Punkten im Vergleich zur Vorsaison gesteigert.
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