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Die Diskussion um Alidous Abgang darf nicht eindimensional werden

Warum ist das bloß für einige so schwer? Warum sind alle Spieler, die den HSV für ein wirtschaftlich (und in diesem wie in vielen vorigen Fällen auch sportlich) besseres…

Die Diskussion um Alidous Abgang darf nicht eindimensional werden

Warum ist das bloß für einige so schwer? Warum sind alle Spieler, die den HSV für ein wirtschaftlich (und in diesem wie in vielen vorigen Fällen auch sportlich) besseres Angebot verlassen immer gleich Söldner? Glaubt das bei Faride Alidou wirklich irgendjemand? Was genau spricht dagegen, sich einfach mal mit dem Fakt auseinanderzusetzen, dass nicht der Spieler die Hauptverantwortung für eine Wechsel trägt, sondern – nennen wir das einfach mal so als Beispiel – die Klubverantwortlichen? Was genau spricht dagegen, dass ein junger Mann seinen Verein zwar liebt, dort auch mit Kusshand verlängert hätte – wenn nicht wirtschaftliche Möglichkeiten unverhältnismäßig besser sind bei anderen? 

Antwort: Nichts – außer Betriebsblindheit.

Belassen wir es einfach mal bei den Fakten, die auch HSV-intern nicht umstritten sind: Faride Alidou war ein schwieriger Spieler in der Jugend, der des Öfteren vor dem Rausschmiss bzw. der Aussortierung stand. Immer wieder haben dessen Berater und teilweise auch der Spieler selbst darum gebeten, doch bleiben zu dürfen. „Undiszipliniert“ nannten viele das Verhalten Alidous und untertrieben damit tatsächlich noch. Aber eines muss man auch klar sagen: Der HSV hat schon damals erkannt, dass dieser junge Offensivspieler ein überbordendes Potenzial hat. Nur deshalb wich man bei ihm immer wieder von den eigenen Richtlinien ab.

Und ein solches Verhalten ist alles andere als selten. Auch in anderen Klubs sowie in deren Nachwuchsleistungszentren gab es hochtalentierte Spieler, die Regeln missachteten. Als Jugendliche.  Mal so, wie wir es sicher alle einmal gemacht haben. Mal auch deutlich drüber. Und dennoch durften diese Toptalente bleiben, während weniger talentierte Spieler für deutlich weniger gehen mussten. So, wie es übrigens auch vor Alidou schon beim HSV passiert ist.

Nun könnte man sagen, die Klubs berauben sich damit ihrer Glaubwürdigkeit gegenüber den Jugendlichen, und ihrer Autorität, den Talenten gegenüber. Dem würde ich mich auch zu 100 Prozent anschließen. Aber Fußball ist letztlich eben doch Business und der jeweilige Klub gibt nur sehr ungern Spieler ab, die offensichtliches Potenzial zum Profi mitbringen. Aber: Diese Klubs verpassen es in aller Regel nicht, das jeweilige Talent dann auch wirklich in den Profikader einzubauen. Also anders als es der HSV in den letzten beiden Jahren machte.

Denn da war man in Hamburg noch der Meinung, Alidou habe es nicht verdient, „oben“ mitzumischen. Dabei hatte Alidou (damals zusammen mit Travian Sousa) schon verfrüht den Sprung aus der U19 in die U21 geschafft. Allein die Profitrainer trauten Alidou den Sprung nach ganz oben ins Profiteam nicht zu. Obgleich Michael Mutzel dem Vernehmen nach nicht müde geworden sein soll, nach Hannes Wolf auch Dieter Hecking und zuletzt Daniel Thioune den pfeilschnellen „Problemfall“ anzudienen. Ebenfalls erfolglos.

Selbst der Versuch seitens des Spielers und seiner Agentur, den Vertrag im Sommer um ein Jahr zu verlängern, scheiterte daran, dass für den Verein ein Leihklub Bedingung dafür war.  Ergo: In Hamburg hatte man für Alidou keine Verwendung mehr. Zumindest gab es zu diesem Zeitpunkt keine Aussicht für den Youngster, dass er es beim HSV doch noch schafft. Zumal Nachwuchschef Horst Hrubesch Alidou nicht als Anwärter für die Zweitligamannschaft erachtete.

Und wisst Ihr was? Auch das ist noch nichts Verwerfliches. Es ist im Nachhinein eine klare Fehleinschätzung aller Verantwortlichen, das ist klar. Auch die können passieren. Mir erschließt sich nur nicht, warum Alidous Vertrag nicht spätestens in dem Moment verlängert wurde, als der Trainer plante, ihn auf der großen Bühne zu präsentieren. Warum hält man den Jungen gegen alle Widerstände und interne Regeln beim HSV, um ausgerechnet da eine Grenze zu ziehen, wo sich die vorher aufgebrachte Großzügigkeit/Geduld auszahlen kann? Nein, hier hätte sich der HSV entweder früher von Alidou trennen müssen, oder eben zusehen müssen, dass er sich schnellstmöglich – und mit einem über die Saison hinaus laufenden Vertrag – auf der größtmöglichen Bühne im Profiteam bewähren kann. Denn dann hätte man die aktuelle Situation, einen Spieler fast zwangsläufig zu verlieren, vermieden. Stattdessen hätte man einen Spieler im Kader, der dem Klub sportlich sehr viel Spaß UND am Ende viel Geld einbringen könnte.

https://open.spotify.com/episode/7d9rFJGgaqyUraKEPzYb26?si=556ad1faf5244a29

Aber, wer sich jetzt hier hinstellt und behauptet, dass Alidou jetzt aus Dankbarkeit auf das Zehnfache seines aktuellen Gehaltes verzichten soll – der hat die Vorgeschichte falsch gedeutet. Alidou hat gemacht, was er immer machen wollte: Er hat im Profiteam überzeugt und damit nicht nur seinen Job bestmöglich gemacht, sondern auch diese unmoralischen, verführenden Angebote provoziert, die der HSV hätte vermeiden können. Dass Alidou bei der Aussicht auf sichere Erste Liga und einer Verzehnfachung seines aktuellen Gehalts geht, kann ich jedenfalls nachvollziehen. Zumal ich Alidou die Erste Liga absolut zutraue. Und das übrigens schon seitdem er 18 Jahre jung war, wie ihr im Rautenperleblog zu seiner Vertragsverlängerung damals nachlesen könnt.

Entschieden ist zwar noch nichts, wie zu hören ist. Aber alle Zeichen stehen auf Trennung. Es geht wohl nur noch um das Wie und das Wann. Verkauf im Winter mit sofortiger Rück-Leihe zum HSV? Das wäre sicher der Optimalfall, während Alidous ablösefreier Abgang im Sommer der GAU wäre. Und für alle diejenigen, die glauben, dass ein möglicher Aufstieg dieses HSV vom Verbleib Alidous abhängt: Das sehe ich anders. Ich behaupte, dass es mit Alidou zwar etwas leichter seinn könnte. Aber ich bin mir bei Tim Walter sicher, dass er auch für den Fall eines Alidou-Abganges eine Lösung finden würde, diese Position ähnlich gut zu besetzen. Walter hat den Mut, jungen Spielern die Chance zu geben, den seine Vorgänger zumeist nur proklamiert haben. Ich hoffe nur, dass man bei der nächsten „Walter-Entdeckung“ dann die Zukunft dieses Spielers vorher geklärt hat…

In diesem Sinne, es muss nicht immer der Spieler „Schuld“ haben, wenn er in seiner vermeintlich besten Phase den HZSV verlässt. Manchmal ist auch der Verein. Und ganz manchmal ist es sogar einfach nicht zu verhindern, weil andere Klubs Möglichketen haben, mit denen der HSV einfach nicht mehr konkurrieren kann. Nicht einmal bei den Spielern, die wie Alidou Hamburg und den HSV nach bald zehn Jahren Klubzugehörigkeit als ihre Heimat betrachten.

Ich persönlich hege definitiv keinen Groll bei Alidou, auch nicht wegen der Rauten-Küss-Aktion vor der Nordtribüne. Die wäre dumm und ein Fehler, sollte Alidou gehen. Klar! Ich mag dieses Emblem-Küssen eh nicht! Aber sie war eine emotionale Reaktion eines gerade einmal 20-Jährigen, der das erste Mal in seinem Leben von einem vollen Stadion gefeiert wurde. Wer von uns hätte sich in einer solchen Situation denn wirklich zu 100 Prozent im Griff? Nein, ich kann einem jungen, unerfahrenen Mann sowas jedenfalls verzeihen. Gerade weil er noch jung und unerfahren ist.

In diesem Sinne, morgen gibt es hier den neuen Communitytalk, für den Ihr mir gern wieder Fragen schicken könnt. Wie gewohnt per Email an [email protected] oder per Instagram. Der Beitrag ist bereits freigeschaltet!

Bis morgen!

Scholle

P.S.: Ich würde Alidou nicht gleich zum Spieler der Hinrunde erklären, wie es die MOPO heute macht. Dafür waren es einfach zu wenige und vor allem immer nur maxímal 70 Minuten dauernde Einsätze. Er ist sicher ein toller Newcomer. Aber man würde so der insgesamt mehr als guten Durchschnittsleistung von Sonny Kittel, der die Mannschaft spielerisch aktuell führt, nicht gerecht. Wenn man unbedingt eine Rangkiste erstellen will, dann geht meiner Meinung nach in dieser Hinrunde nichts an Sonny Kittel vorbei.

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