Die Defensive entscheidet beim HSV gegen den FCK - und über den Aufstieg
Eigentlich sollte es heute ausschließlich um das schwierige Spiel am Freitagabend gegen Kaiserslautern gehen. Das Spiel an sich wird auch spannend genug und bietet im Vorfeld…

Eigentlich sollte es heute ausschließlich um das schwierige Spiel am Freitagabend gegen Kaiserslautern gehen. Das Spiel an sich wird auch spannend genug und bietet im Vorfeld einige sehr interessante Fragen. Aber erstens haben wir uns hier in den letzten Tagen bereits ausführlich darüber unterhalten. Und zweitens habe ich heute beim Stöbern durch den Kommentarbereich einen Beitrag gefunden, auf den ich noch einmal eingehen möchte.
„MeinVerein2021“ schrieb:
„Laut HA (Hamburger Abendblatt, d. Red.) ist beim HSV finanziell alles tutto bene. Die teuren neuen Hoffnungsträger schreibt man über fünf Jahre ab und hofft auf Transfererlöse. Wenn das alles so prima ist, verstehe ich noch weniger, warum man die offensichtliche Lücke im Kader nicht mit einer Soforthilfe geschlossen hat. Die Erhöhung der Erfolgschancen im Hier und Jetzt ist doch das Gebot der Stunde!“
Und ja, genau so ist es. DAS meinte ich, als ich davon schrieb, dass es eine Zeit gab, gibt und geben wird, um junge Talente zu kaufen, die als Investition betrachtet werden können. Und auch wenn ich so etwas eigentlich eher gut vorbereitet in einer Sommertransferphase erwartet hätte, wäre auch diese Winterpause für mich völlig in Ordnung gewesen! Allerdings unter der klaren Prämisse, dass man sich damit nicht die Möglichkeit genommen hätte, auf zweifellos vakanten Positionen entscheidend nachzubessern – mit potenziellen Soforthilfen. Aber stattdessen setzten die HSV-Verantwortlichen auf drei junge Talente, die allesamt über wenig Spielpraxis auf höchstem Niveau verfügen. Adedire Mebude, Aboubakar Soumahoro und Alexander Rössing-Lelesiit sind dem Vernehmen nach allesamt Spieler mit sehr viel noch zu entwickelndem Potenzial. Und zumindest der junge französische Innenverteidiger Soumahoro soll im gesunden Zustand durchaus sofort helfen können – aber alle drei sind ganz klar als Investition in die Zukunft zu sehen.
Sportdirektor Claus Costa verteidigt die Transferpolitik
Die Beweggründe für diese Transferphilosophie erläuterte Sportdirektor Claus Costa nun im „kicker“. So habe man im Sommer erst den Part „Erfahrung“ in den Fokus genommen. „Mit Elfadli, Selke, aber auch Hefti und Richter haben wir ganz bewusst Spieler geholt, von denen wir überzeugt waren und darin bestätigt wurden, dass sie den Kern stärken. Und obwohl unsere Hinserie nicht linear nach oben verlief, waren wir uns einig, dass unsere Achse stabil ist.“ Im Winter habe man dann abgewogen: „Brauchen wir Top-Qualität, die uns vermeintlich noch einmal ein, zwei Klassen besser macht, die im Winter aber sehr schwer zu bekommen ist, dazu die Hierarchie verändert und dennoch keine Garantie gibt? Oder glauben wir an unsere Achse und setzen auf Potenzial?“ Das Ergebnis kennen wir.
Der HSV setzt auf seine vorhandene Achse und hofft darauf, dass die drei jungen Neuzugänge im Verlauf dieser Rückrunde schon eine Rolle spielen, „weil wir bei den drei Jungs davon überzeugt sind, dass sie mit uns Schritte machen, uns aber auch bereits jetzt helfen können.“ Wobei das bei den Verpflichtungen zuletzt etwas optimistischer klang, oder? Stefan Kuntz nannte den jungen Franzosen zumindest eine „Soforthilfe“ – Costa ist da etwas vorsichtiger. Aber völlig ungeachtet dessen betone ich gern noch einmal: Ich kann die Beweggründe für die Transfers der drei Youngster absolut nachempfinden und finde diesen Weg auch absolut richtig. Er lässt zumindest die Fantasie zu, dass sich der HSV über Spielerverkäufe finanziell zu gesunden beginnt.
Dass selbst die am höchsten gehandelten Spieler nicht immer Soforthilfen sind, weiß niemand besser als der geneigte HSV-Fan. Aber: In meiner Abwägung ist der Aufstieg wichtiger – und dementsprechend hätte ich versucht, die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen. Zumal dann, wenn der HSV sechs Millionen Euro ausgeben kann. Doch ich befürchte, dass die HSV-Verantwortlichen die Situation in der Innenverteidigung anders bewerten als ich.
Was ich mit all dem sagen wollte: Ich gehe mit „MeinVerein2021“ komplett d’accord!
Spannend sind solche Youngsters aber immer. Ich persönlich – und so handhaben wir es auch hier bei uns beim Niendorfer TSV in der Oberliga – finde es super, wenn wir unfertige Spieler holen und sie so ausbilden, dass sie den nächsten Schritt sportlich machen und sich irgendwann im Profibereich etablieren. Ich finde die Entwicklung großartiger Talente spannend, weil man ihre Grenzen noch nicht kennt. Anders als bei Meffert, Hefti, Richter, Selke und Schonlau kann man sich bei ihnen noch das erhoffen, was Eintracht Frankfurt und davor auch Dortmund, Leipzig und Hoffenheim besonders gut gemacht haben: Sie haben teilweise bereits gut entwickelte Talente geholt, sie weiterentwickelt, bei den Profis etabliert und brillieren lassen, um sie dann zu Mondpreisen weiterzuverkaufen. Allein die Eintracht hat in den letzten fünf Jahren 150 Millionen (!!) Euro Gewinn bei Transfers erzielt. Nebenbei: Das würde den HSV komplett entschulden und zusätzlich noch Geld geben, um sowohl Toptalente als auch Soforthilfen zu verpflichten…
Polzin muss zusehen, hinten die beste Lösung zu finden - also mit Elfadli!
Aber alles hat seine Zeit. Und die Zeit beim HSV schreit nach dem essenziell wichtigen Aufstieg in die Erste Liga. Diesem sollte man alles unterordnen – deswegen halte auch ich mich jetzt daran und schwenke rüber zum Topspiel am morgigen Freitagabend. Dort könnten wir unter Umständen schon eines der jungen Talente sehen – womit ich ganz ausdrücklich auch die eigenen Spieler aus dem NLZ meine. Zumindest ist Fabio Baldé wieder gesund, und Otto Stange ist für mich aktuell der Spieler, der den größten Impact hatte, wenn er eingewechselt wurde. Am wichtigsten aber fände ich, dass der HSV morgen im ersten von fünf aufeinanderfolgenden Topspielen seine Defensive weiter stabilisiert. Denn auf sie wird es in den nächsten Wochen ankommen.
Wie das geschehen soll, ist weiterhin offen. Klar ist nur, dass Elfadli beginnen dürfte. Und bei allem Respekt vor Schonlau, den ich – im Gegensatz zu den Allermeisten hier – sehr wohl in der Lage sehe, gegen alle Zweitligisten die Null zu halten: Ich würde Elfadli in die Innenverteidigung neben Denis Hadzikadunic stellen. Weil er aggressiver, energischer verteidigt und allein durch seine Art seinen Mitspielern etwas mitgibt, was Schonlau eben vom Typ her nicht kann. Schonlau ist der Spielertyp, der mit seiner unaufgeregten Art Ruhe ins Spiel bringt. In letzter Zeit ufert das aber immer wieder aus und führt dazu, dass der HSV lethargisch wird. Und genau deshalb sehe ich die mitreißende, intensive Spielweise von Elfadli als unverzichtbar an. Ich bin auf jeden Fall extrem gespannt, was sich Polzin, Favé und Co. für morgen einfallen lassen.
In diesem Sinne: auf ein gutes Händchen des Trainerteams – und darauf, dass der HSV hinten die Null halten kann. Denn morgen wird es für den HSV darum gehen, die Topspiel-Wochen gut zu beginnen. Frei nach dem Motto meines ersten Ligatrainers Peter (der hier immer wieder mal mitliest und den ich an dieser Stelle ganz lieb grüße!!): „Wenn du hinten kein Ding kassierst, kannst du auch nicht verlieren…“ Wahre Fußball-Poesie – aber: Recht hat er, dieser weise Mann ;-)!
Und nur noch einmal zur Erklärung, warum ich die Bedeutung einer stabilen Defensive so enervierend oft betone und hier seit Jahren vehement einen notwendigen Vuskovic-Ersatz fordere: Offensiv ist es personell zwar ebenfalls spannend, wer für den gesperrten Emir Sahiti aufläuft – aber offensiv mache ich mir, egal in welcher Konstellation, schon lange keine Sorgen mehr, dass sich der HSV Chancen herausspielt. Auch gegen die in der Rückrunde noch ungeschlagenen Lauterer wird ihnen das gelingen…! Aber: Für den Aufstieg des HSV in dieser Saison ist entscheidend, dass man sich hinten endlich dauerhaft stabilisiert…
In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit Blitzfazit und Einzelkritiken!
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