Analyse

„Deshalb sehe ich das anders, lieber Jörg...!“

Der HSV macht aktuell abseits der Personalien Faride Alidou und Bakery Jatta endlich sportlich wieder positive Schlagzeilen. Am Sonnabend geht es zum Jahresabschluss gegen den…

„Deshalb sehe ich das anders, lieber Jörg...!“

Der HSV macht aktuell abseits der Personalien Faride Alidou und Bakery Jatta endlich sportlich wieder positive Schlagzeilen. Am Sonnabend geht es zum Jahresabschluss gegen den FC Schalke noch einmal in ein echtes Highlight-Spiel, auf das der komplette Fokus gerichtet wird. Ich freue mich darüber, weil ich einfach richtig Bock auf das Spiel gegen den FC Schalke habe. Denn ich glaube, dass dort zwei der aktuell formstärksten Mannschaften aufeinandertreffen. Dennoch werde ich heute im Blog noch einmal auf das Thema Alidou eingehen, da ich im gestrigen Blogforum sehr viele, sehr interessante Ansätze gelesen hatte.

Und das übrigens auch von Jörg Meyer, auf dessen Post ich ja in den Kommentaren eingegangen war. Ich finde eh, dass solche Interaktionen gern auch über die Blog-Ebene gehen können. Seine Theorien lest ihr im fett gedruckten, meine Repliken im kursiv verfassten Text:

Ich sehe aktuell eine etwa 50% Chance das wir am Ende der Saison aufsteigen. Du hast da scheinbar weniger Hoffnung.

Nein, ich sehe die Chancen sogar oberhalb der 50 Prozent, da der HSV mit dem aktuellen Kader in 16 von 17 Spielen mindestens ebenbürtig war, in den allermeisten Fällen sogar das überlegene Team. Es fehlte leider der Sieg in zu vielen Spielen, aber das kann mit der aktuell erfolgten Nachjustierung im Walter-System in der Rückrunde auch deutlich besser laufen. Und da man aktuell Dritter ist, gehe ich davon aus, dass eine bessere Rück- als Hinrunde dem HSV tatsächlich Platz zwei bringen würde. Übrigens: Der HSV war auch in den ersten elf Spielen ohne Alidou bis auf das Pauli-Derby und die Werder-Schlussphase das bessere Team.

Ich sehe Alidous sportliche Entwicklung vor allem bei möglichst vielen Spielen, am besten mit einem Stammplatz. Den hätte er sehr wahrscheinlich bei uns. Sollte er zu einem Erstligisten wie z.B. Frankfurt oder Leverkusen wechseln sehe ich ihn eher als Ersatz und damit viel weniger Wettkampfpraxis. Alidou ist was den Profibereich angeht am absoluten Anfang seiner Karriere und da denke ich ist es das Wichtigste das er so viel wie möglich Spielpraxis sammelt. Bei welchem Erstligisten würdest du ihm das garantieren?

Bei keinem. Das würde ich ihm nicht einmal bei einem Zweitligisten garantieren. Denn wenn der Kopf wieder mal Probleme machen sollte, würde es Alidou nirgendwo schaffen. Aber aktuell funktioniert er und der Spieler selbst merkt, was alles möglich ist. Und da Alidou sowohl überdurchschnittlich schnell und antrittsstark, technisch auf Topniveau und zudem schon außergewöhnlich robust und zweikampfstark ist, hat er alle Zutaten, es bei (fast) jedem Erstligisten sofort zu schaffen. Es ist immer schwer, zu so einer Phase große Vergleiche zu ziehen, weil diese oft vermessen klingen. Aber sieh Dir den Weg von Jadon Sancho an, der als Jugendlicher ohne jede Profiminute für fünf Millionen (!) Euro von ManCity zum BVB kam und – nur!! - eine ganze Saison brauchte, um sich erst in den letzten vier Spielen der Saison zum Stammspieler entwickelte, ehe er vor dieser Saison für 100 Millionen Euro verkauft wurde. Meine Frage: Kann man die beiden vergleichen? Ich behaupte: ja! Denn bei Alidou sehe ich tatsächlich nach oben kaum Grenzen. Der Junge hat extremes Potenzial. Schon heute. Immer dazugesagt: Alidou selbst muss alles gut verarbeiten können. Für ihn ist weniger die Ligahöhe für sein persönliches Schaffen oder Scheitern verantwortlich, als er selbst (samt Umfeld). Und es wäre vermessen, zu glauben, dass nur der HSV ihm dieses gute, gesunde Umfeld bieten kann. Im Gegenteil: Da haben sich in den letzten 20 Jahren ganz andere Klubs deutlich besser angestellt. Leverkusen und Dortmund sind hier nur zwei von mehreren bekannten Beispielen.

https://soundcloud.com/user-36211795/do161221-walter-wird-privat-meffert-will-treffen-onana-bringt-geld-meisner-will-weg?si=3dba77dbf78d42e8a44ec928fb632d76&utm_source=clipboard&utm_medium=text&utm_campaign=social_sharing

Ich sehe Alidou auch als einen potenziellen zukünftigen Erstligaspieler, aber im Moment fehlt ihm wie Kondition und Abwehrverhalten noch eine Menge. Mal ganz abgesehen wie Erfahrungen im Profifußball. Diese Dinge bekommt er nur durch so viel Spielpraxis wie möglich. Das kann er sich durch Geld nicht kaufen. Und in der ersten Liga zählt noch mehr die Leistung und der Druck der Spieler und Vereine ist um ein Vielfaches höher als in der zweiten Liga. In Frankfurt oder Leverkusen wird man keine Zeit haben, da steht absolut die Leistung und der Erfolg im Vordergrund. Hier in Hamburg hat man “ trotz seiner Diziplinlosigkeiten “ an ihm letztendlich festgehalten. Meinst du das würden auch Erstligisten so tun, ohne das sie ihn von klein auf bei sich hatten?

Zur letzten Frage: Wenn sie das Potenzial sehen – definitiv! Gerade Leverkusen gilt in der Branche als Beispiel für so ein Verhalten und dafür, dass es sich letztlich auch (massiv) auszahlen kann. Und zur Spielpraxis: Warum sollte er die nicht auf Erstligaebene bekommen. Gerade dann, wenn er bei seinem intensiven Spielstil noch keine Luft für 90 Minuten hat, ist er der prädestinierte Einwechselspieler – auch für Erstligisten. Denn noch mal: Ich bin mir sicher, dass ein gesunder, vernünftiger Alidou jede Liga spielen kann, weil er die Grundzutaten dafür hat und sich den Begebenheiten bislang schnell anpasst. Oder hat er in der Zweiten Liga aus Deiner Sicht einen langen Anlauf benötigt? Ich behaupte: Absolut nicht! Für ihn ist nur wichtig, dass er einen Trainer hat, der sein Potenzial sieht und das fördert. Deshalb war/ist Walter auch die letzte Hoffnung des HSV in diesem Fall. Aber das kann sicher nicht nur Walter.

Ich glaube wir haben unterschiedliche Sichtweisen bei Alidou, was völlig ok ist. Aber wäre ich sein Berater würde ich ihm raten Spielpraxis ist unbezahlbar. Vergleich es mit zwei Brüdern, der eine geht von der Schule ab und direkt zb auf dem Bau malochen und verdient gleich gutes Geld. Der andere macht zuerst eine Ausbildung. Wer glaubst du ist auf lange Sicht der Erfolgreichere?

Ich nehme Deinen Vergleich gern auf: Was wäre, wenn man dem zweiten Bruder eine duale Ausbildung anbietet, in der er schon sehr viel mehr Geld verdient, dafür aber auch Arbeiten (außerhalb des Profisports ist das ja meist eher inhaltlich als körperlich) schaffen muss, die andere in der Praxis erst leisten müssen. Sollte der zweite Bruder ablehnen und „nur“ eine normale Ausbildung machen? Das wäre sicher gesund, aber geht es nicht auch einen Schritt schneller und effektiver? Diese Frage muss beantwortet werden. Und bei Alidou sehe ich sportlich das Potenzial, es sofort auch auf Erstligaebene schaffen zu können. Zudem ist ein Wechsel vom HSV zu Frankfurt, Bayer, BVB und Co. sicher nicht mit der eher unterdurchschnittlich bezahlten Arbeit auf dem Bau vergleichbar.

Meine Frage an Dich: Wie würdest Du bei Deinen Kindern verfahren, wenn Dein erster Sohn (in deinem Vergleich der erste Bruder) noch ungelernt nur diesen einen Arbeitsvertrag unterschreiben müsste, um für immer ausgesorgt zu haben, während man Deinem zweiten Sohn in Aussicht stellt, irgendwann vielleicht dort zu arbeiten, wo der erste Bruder dann schon ist, sofern dieser seine bis dahin ungleich schlechter bezahlte, alles andere als leichte Ausbildung schafft? Der eine Weg birgt das berufliche Scheitern – aber genügend Geld, um in Ruhe das Leben leben zu können. Der zweite Weg bietet die Chance, irgendwann mehr zu haben, als man braucht, weil man mehr erreicht hat, als der andere.

https://open.spotify.com/episode/0TkkkNJ5fzuoCePeaAbgon?si=ed2eee866adb45ab

Aber für mich haben beide Wege ihre klaren Vorteile, ohne dass ich einem der beiden Wege seine Berechtigung absprechen will/kann. Zumal man eben auch nicht vergessen darf, dass im Fußball immer noch das ungleich größere Risiko der schnellen Arbeitsunfähigkeit durch eine schwere Verletzung dazukommt. Das ist in einer normalen Ausbildung eher selten der Fall. Von daher: So gern ich Alidou noch einige Jahre beim HSV sehen würde, aktuell ist der HSV als Vertragspartner für seine grundsätzliche Zukunft (für die Zeit nach dem Fußball) nicht die bessere Option. Da müssen wir auch nicht einer Meinung sein. Aber dabei bleibe ich.

Fazit: Alidou hätte nichts zu durchleiden, wenn er längerfristig an den HSV gebunden wäre, das sehe ich genau so. Aber allein der HSV wäre in dem Fall besser situiert, weil man bei Interesse anderer Klubs eine Ablösesumme kassieren würde. Die Vereinsliebe darf aber nicht dazu führen, dass Talenten der völlig nachvollziehbare Sprung nach oben – sportlich wie finanziell – zum Nachteil ausgelegt wird. Wer in diesem Fall Arp als Beispiel nennt, der vergisst, dass der Junge mit 21 Jahren rund 20 Millionen Euro verdient hat und über Kiel immer noch die Karriere starten kann, die man ihm damals über Hamburg eher zugetraut hätte.

Nein, im Fall Alidou hätte der HSV sehr günstig klare Verhältnisse schaffen müssen, bevor man den Spieler ins große Schaufenster stellt. Das wurde versäumt und man ist nicht mehr der Herr des Handelns in diesem Fall. Und dafür darf man die Schuld nicht beim Spieler suchen, denn die liegt allein beim HSV bzw. dessen Verantwortlichen, die wider alle branchenüblichen Vorgänge versäumt haben, sich Alidou als Wert per Vertragsverlängerung zu sichern. Sportlich kann man zwar noch eine Rückrunde auf Alidous Dienste bestehen. Aber danach wird man mitansehen müssen, wie sich andere Klubs die jahrelang teure Ausbildung des HSV zu eigenmachen und im besten Fall irgendwann richtig teuer bezahlen lassen.

Hört hierzu gern mal bei Schalkes Nachwuchschef Matthias Schober im Abendblatt-Podcast rein. Da merkt man, wie erstaunt er über das HSV-Vorgehen ist und dennoch versucht, möglichst loyal dieses Versäumnis zu umschreiben, damit er seine HSV-Kollegen nicht anschießt (wer will, kann hier auch das „e“ und das „i“ tauschen). 

Das zu dem Beitrag von Jörg, für den ich mich noch einmal herzlich bedanken möchte. Denn mir macht es riesig Spaß, so sachlich und dabei trotzdem kontrovers zu diskutieren.

Tagesaktuell kann ich berichten, dass Daniel Heuer Fernandes heute wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen ist, während Bakery Jatta mit einer Erkältung fehlte. Und Anssi Suhonen mit Muskelproblemen auszufallen droht. Ansonsten sprechen alle über das, was wir hier im Blog schon am vergangenen Freitag geschrieben hatten: Dass davon auszugehen ist, dass Alidou den HSV bereits im Winter verlässt. Unterschriftsreife Verträge liegen ihm von zwei Erstligisten vor, dazu eine Option aus dem Ausland. Und weitere Bundesligisten haben bereits angeklopft.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann mit der Pressekonferenz von Trainer Tim Walter. 

Scholle  

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