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Derby verloren, Kontrolle verloren: HSV rutscht zurück in den Abstiegskampf

Dieses Spiel sollte der Schritt sein. Der vielleicht entscheidende. Der Moment, in dem der HSV im Abstiegskampf ein Zeichen setzt, Haltung zeigt, sich rauszieht aus dieser…

Derby verloren, Kontrolle verloren: HSV rutscht zurück in den Abstiegskampf

Dieses Spiel sollte der Schritt sein. Der vielleicht entscheidende. Der Moment, in dem der HSV im Abstiegskampf ein Zeichen setzt, Haltung zeigt, sich rauszieht aus dieser gefährlichen Zone. Stattdessen steht nach 90 Minuten im Weserstadion wieder dieses Gefühl, das sich in den vergangenen Wochen viel zu oft breitgemacht hat: Es war zu wenig. Wieder einmal. Der HSV verliert das Nordderby bei Werder Bremen mit 1:3 – und es ist eine Niederlage, die ein Muster bestätigt. Weil sie offenlegt, was aktuell fehlt. Und weil sie zeigt, dass diese Mannschaft im entscheidenden Moment ohne entscheidende Spieler nicht stabil genug ist.

Dabei begann alles in einem Rahmen, der genau das versprach, was ein Derby ausmacht: ein volles Stadion, eine brachiale Atmosphäre, eine Bremer Choreo, die den HSV symbolisch in den Untergang zieht, Pyro, Emotionen, Druck von allen Seiten. Genau die Bühne also, auf der du dich behaupten musst, wenn du in dieser Liga bleiben willst. Und der HSV? Der wirkte zunächst nicht unterlegen, aber auch nicht entschlossen genug. Bremen war griffiger, aktiver, ohne dabei wirklich zwingend zu werden. Der HSV lauerte, hatte durch Königsdörffer die erste große Chance - und genau das ist einer dieser Momente, die Spiele kippen können. Er nutzt ihn nicht. Und dann passiert das, was aktuell einfach zu oft passiert.

Werder trifft.

Stage köpft das 1:0 (37.), ein Treffer, der sich fast schon angedeutet hatte. Und der wieder einmal ofenlegte, dass der HSV auf den Außen nicht ligatauglich verteidigt. Weder rechts mit dem erneut erschütternden Mikelbrencis, noch links mit Muheim, der am Ende sogar verletzt vom Platz musste. 

Aber okay, zunächst einmal antwortet der HSV. Schnell sogar. Glatzel mit einem überragenden Abschluss in den Winkel zum 1:1 (41.), ein Tor, das Qualität zeigt, das Hoffnung gibt, das eigentlich genau der Impuls sein müsste, dieses Spiel zu ziehen. Aber genau hier liegt das Problem: Der HSV schafft es nicht, diese Momente zu greifen.

Nach der Pause kommt Bremen wieder mit mehr Energie, mehr Klarheit - und wieder ist es Stage, der den Unterschied macht. Ein Traumtor aus 17 Metern in den Winkel, unhaltbar für Heuer-Fernandes – das 2:1 (57.). Und plötzlich kippt das Spiel komplett. Nicht, weil Bremen überragend wäre. Sondern weil der HSV nicht mehr die Mittel findet, zurückzukommen. Wenig Durchschlagskraft. Kaum klare Chancen. Ein harmloser Freistoß von Muheim als beste Möglichkeit – das ist zu wenig für ein Spiel, das über so viel entscheidet.

Und dann kommt das, was aktuell fast sinnbildlich für diese Mannschaft steht: der Kontrollverlust.

Otele, gerade erst eingewechselt, fliegt mit Rot vom Platz (79.). Eine Szene, die man diskutieren kann - aber die vor allem eines zeigt: fehlende Cleverness, fehlende Souveränität. Dafür zu viel Emotion, zu wenig Kontrolle. Und damit noch nicht genug. Auf der Bank eskaliert es später komplett. Rudelbildung, Provokationen, zwei weitere Rote Karten gegen HSV-Betreuer. Chaos statt Klarheit. Genau das ist das eigentliche Problem. Diese Unsouveränität zieht sich durch. Auf dem Platz. Neben dem Platz. In den entscheidenden Momenten. Und sie kostet den HSV Punkte.

Das 3:1 durch Puertas in der Nachspielzeit ist dann nur noch die Konsequenz (90.+1). Bremen nutzt einen Konter, macht den Deckel drauf. Und während Werder durchatmet und einen großen Schritt Richtung Klassenerhalt macht, steht der HSV wieder da und muss sich fragen, warum es nicht reicht.

Die Antwort darauf ist unangenehm, aber offensichtlich: Weil diese Mannschaft aktuell nicht stabil genug ist. Weil sie es nicht schafft, in entscheidenden Phasen die Ordnung zu halten. Weil sie Spiele nicht kontrolliert, sondern sich zu oft treiben lässt - von Emotionen, von Rückschlägen, von Situationen.

Denn dieses Spiel war nicht einfach nur eine Derby-Niederlage. Es war ein Warnsignal. Ein ziemlich deutliches sogar. Der HSV steckt wieder voll drin im Abstiegskampf. Und wenn er nicht ganz schnell gegensteuert, wird es noch deutlich enger.

Es geht jetzt nicht mehr um schöne Ansätze oder einzelne gute Phasen. Es geht um Struktur. Um Disziplin. Um Kontrolle. Um genau das, was in Bremen gefehlt hat. Sonst wird aus „es war zu wenig“ sehr schnell „es reicht nicht“. Und dann wird es richtig gefährlich.

DAS SPIEL IN ZAHLEN UND NAMEN:

Werder Bremen: Backhaus – Sugawara, Pieper, Coulibaly, Deman – Lynen – Stage (67. Bittencourt), Puertas – Njinmah (89. Stark), Milosevic (61. Grüll), Schmid

HSV: Heuer Fernandes – Capaldo (83. Downs), Torunarigha, Omari – Mikelbrencis, Grönbaek (66. Otele), Remberg, Muheim (75. Jatta) – Vieira – Königsdörffer (75. Stange), Glatzel

Tore: 1:0 Stage (37.), 1:1 Glatzel (41.), 2:1 Stage (57.), 3:1 Puertas (90.+1)

Zuschauer: 37.441 (ausverkauft)      

Schiedsrichter: Florian Exner (Münster)

Gelbe Karten: Deman, Sugawara, Bittencourt, Grüll / Königsdörffer, Muheim, Jatta

STIMMEN ZUM SPIEL:

Nicolai Remberg: Es war ein vogelwildes Spiel. Wir haben verdient verloren. Unser Plan ist aufgegangen, Bobby lang zu schicken. Er hat ein überragendes Spiel gemacht, hat die Bälle gut festgemacht und wir wollten dann die zweiten Bälle aufsaugen. Das ist uns gut gelungen. In der zweiten Hälfte sind wir nicht gut nach vorn gekommen. Und dann ist es einfach nicht clever, dass wir uns immer wieder mit Roten Karten selbst schwächen. Der Platzverweis ist unglücklich, er wollte es nicht, aber er trifft ihn leider auch fies. Anschließend waren wir wieder ein Spieler weniger, und mussten hinterherrennen. Es ist jetzt eine Challenge für uns, aus der aktuellen Lage wieder gemeinsam herauszukommen. Wir werden jetzt die nächste Woche viel abbekommen, aber müssen dort gemeinsam durch. Jetzt zusammenzuhalten, ist die große Kunst. 

Daniel Heuer Fernandes: In der ersten Hälfte ist viel von dem aufgegangen, was wir uns vorgenommen haben: das Pressing überspielen, viele lange Bälle auf Bobby und zweite Bälle gewinnen. Das hat in der zweiten Hälfte nicht mehr so gut geklappt, weil der Gegner auch etwas umgestellt hat. Das 1:2 war ein Traumtor und dann ein Nackenschlag. Die Rote Karte erschwert es, das Spiel wieder auf unsere Seite zu ziehen. Es ist ärgerlich, das Derby in Unterzahl zu beenden. Acht Platzverweise in der kompletten Saison sind sicherlich viel. Diese Niederlage sitzt schwer. Es ist ein harter Schlag, aber wir werden bei uns bleiben und weitermachen. Es geht darum, das Spiel schnell abzuhaken und sich auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren. Es bleiben jetzt noch vier Spiele und wir wollen die Partien ziehen. 

Robert Glatzel: Es ist ein verdienter Sieg für Werder. Es war trotz allem kein so schlechtes Spiel von uns. Wir haben alles reingehauen. Es war ordentlich, aber es fehlten bei uns etwas die klaren Torchancen. Es war ein hitziges Spiel und es ist sehr viel passiert. Bis zur Roten Karte war alles drin. Am Schiedsrichter lag es sicherlich nicht. Hätten wir vor dem Tor noch mehr Druck aufbauen können, wäre Werder vielleicht mehr ins Wanken geraten. So hat uns etwas der Punsh gefehlt. Für uns war es kein schönes Erlebnis heute, aber wir müssen es nüchtern betrachten. Wir haben noch alles selbst in der Hand. 

Merlin Polzin: Glückwunsch an Daniel Thioune und Werder Bremen zum Derbysieg. Es ist für uns ein sehr emotionaler Nachmittag mit einer Mischung aus Enttäuschung, Unzufriedenheit und Wut. Es wird ein paar Tage nachwirken. Wir wollten mit aller Macht alles investieren, um der Bedeutung dieses Spiel gerecht zu werden. Das hat man gespürt. Es war ein intensives Spiel mit einem leistungsgerechten Unentschieden zur Halbzeit. Danach haben wir es leider nicht geschafft, in den entscheidenden Momenten da zu sein: Uns haben die Galligkeit und die Verständnis fürs Verteidigen im richtigen Moment gefehlt. Wir fangen bei uns an: Wir nehmen es, wie es heute passiert ist. Es ist heute ein harter Moment, aber wir werden uns für die letzten vier Spiele wieder aufrichten. 

Daniel Thioune: Wir hatten inhaltlich viele Probleme in der ersten Hälfte, haben es gegen Robert Glatzel nicht gut gemacht. Dennoch muss ich ein Riesenkompliment ans Team aussprechen. Wir wussten über die Herausforderung des Spiels und die Kritik am "Nicht-Derby-Modus" aus dem Hinspiel. Wie wir das Spiel angenommen haben, war großartig. Das Derby hatte alles: viel Energie, unfassbare Tore, Rote Karten und ganz viel Emotionen. Sowohl beim 1:1 als auch beim 2:1 war der Körpereinsatz sehr hart bis grenzwertig, das gleicht sich aus. In der zweiten Hälfte waren wir dann viel besser im Spiel und haben das Stadion, das uns richtig getragen hat, für uns genutzt. Und mit Jens Stage hatten wir einen Spieler auf dem Platz, der mit nur einer Trainingseinheit ganz viel einbringen kann. Er ist ein absoluter "Glue Guy", der die Kabine zusammenhält. Wir sind ein glücklicher Derbysieger.

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