Analyse

Der schmale Grat zwischen Überzeugung und Sturheit

Der HSV will wieder in die Spur kommen. Stadtderby, Kaiserslautern, DFB-Pokal und zuletzt die Heimpleite gegen Magdeburg haben Zweifel aufkommen lassen, dass der zuvor…

Der schmale Grat zwischen Überzeugung und Sturheit

Der HSV will wieder in die Spur kommen. Stadtderby, Kaiserslautern, DFB-Pokal und zuletzt die Heimpleite gegen Magdeburg haben Zweifel aufkommen lassen, dass der zuvor angedeutete Weg beim HSV auch der ist, den man erstmals seit dem Abstieg konsequent gehen würde. Zweifel, die man laut Trainer Tim Walter ausgerechnet beim starken Tabellenzweiten SC Paderborn wegwischen möchte.  Eine schwierige Aufgabe, behaupte sicher nicht nur ich. Aber Trainer Tim Walter gibt sich betont gelassen. Zweifel will er nicht aufkommen lassen. „Wir wollen einige Dinge besser machen. Wichtig ist, dass wir konsequenter werden“, sagte Walter heute bei der Pressekonferenz und schob nach, dass er Zweifel am System „gar nie“ gehabt habe. Und das glaube ich ihm auch. Das Vertrauen, trotz der jüngsten Ergebnisse auf dem richtigen Kurs zu sein, sei da bei Walter – sagt er selbst.

Und das muss er auch. Dennoch bewegt sich der HSV auf einem ganz schmalen Grat. Denn zwischen der notwendigen Überzeugung und falscher Sturheit ist oft nur sehr, sehr wenig Platz. Und Letztere sehe ich bei Walter weiterhin. Manchmal fällt es nur nicht so auf, wenn am Ende doch noch gewonnen wird. Aber Schwächen hat dieses System unverkennbar. „Es ist auch kein Hexenwerk“, hatte zuletzt Walter-Freund Marco Rose nach dem klaren Sieg seiner Leipziger über das System von Walter gesagt. Und spätestens hier sollte Walter erkennen, dass sein System noch mal neu konfiguriert werden muss. Zumindest in Teilen.

Walter: „Wir müssen besser verteidigen“

In etwa so, wie es Ex-HSV-Trainer Christian Titz vergangenes Wochenende gemacht hat. Denn der ansonsten ebenso sture Coach der Magdeburger kündigte einfach nur an, von seinem System nicht abzuweichen – und machte es dann doch. Mit Erfolg. Statt der ansonsten rund 65 Prozent Ballbesitz blieben seinem Team am End gerade einmal 30 Prozent – aber eben auch drei Punkte. Der HSV indes ging leer aus und berief sich auf die mangelhafte Chancenverwertung. Zurecht, weil man Chancen hatte in der Schlussphase, aus denen man mehr hätte machen müssen. Aber allein daran lag es eben nicht nur. Diese Analyse zu betreiben wäre Augenwischerei.

Denn der HSV hatte zuletzt weniger ein Problem, Tore zu schießen, als diese zu verhindern. Das eigentlich abwehrstärkste Team der Liga fing sich zehn Gegentreffer. Überraschend für einige – aber erklärbar. „Wir müssen besser verteidigen“, forderte der HSV-Coach, der recht hatte, als er sagte, dass seiner Mannschaft die Kompaktheit in der Defensive fehle. Diese muss der HSV unbedingt wiederfinden. Denn ansonsten fängt man sich weiter immer ein Tor mehr, als man schießt. Aber wie soll die wiederhergestellt werden?

der gesperrte Kapitän Sebastian Schonlau noch einmal fehlen. Die vielen Gegentore zuletzt seien aber nicht seinem Fehlen geschuldet. „Wir sind eine Mannschaft, da hängt es nie an einem einzelnen Spieler.“ Es ginge nur um Kompaktheit auf dem Platz. Das sagte Walter heute und ich behaupte, er weiß es besser. Er weiß, dass Schonlau der Schlüssel zu eben jener Kompaktheit ist, weil er der Einzige ist, der in der Viererkette Kommandos gibt. Schonlau ist nicht nur Kapitän, sondern auch Cheforganisator zusammen mit Jonas Meffert eine Position davor im zentral-defensiven Mittelfeld. Diese beiden Spieler sind entscheidend dafür, dass die Ordnung auf dem Platz stimmt. Der Rest drumherum mag mehr individuelle fußballerische Qualität haben als die beiden, weshalb sie mehr auffallen. Aber eben kein organisatorisches Talent.

Walter stellt den Teamgedanken voran

Deshalb ist der Ausfall von Schonlau auch für meine Begriffe deutlich schwerwiegender als Walter zugeben mag. Wobei Walter das auch aus taktischen Gründen schon gar nicht machen kann, weil er im Umkehrschluss Schonlaus Ersatz schwächen würde. Aber wie sehr Walter sein Kapitän auf dem Platz fehlt, werden wir sehen. Dafür muss man nur abwarten, was am kommenden Wochenende passiert, wenn Schonlau wieder spielen darf. Ich behaupte, dass Walter dann (gegen Jahn Regensburg) seinen Kapitän wieder beginnen lässt – auch wenn man gegen Paderborn überragend agiert...“

So schwer es auch werden wird, Rücksicht will Walter auf seinen Kumpel Lukas Kwasniok nicht nehmen. Der SCP-Coach war einst gemeinsam mit Walter Jugend-Coach beim Karlsruher SC. Beide teilten sich sogar ein Trainerzimmer. Logisch, dass es da wenig kritische Worte gibt. Kwasniok: „Tim hat seine Spielweise perfektioniert. Einerseits ist es klar, was auf dich zukommt. Andererseits sind die Abläufe so automatisiert, dass es trotzdem schwer ist, alles zu verteidigen“, sagte er im Podcast meiner Ex-Kollegen vom Hamburger Abendblatt. Kwasniok lobte Walter als „sehr angenehmen Menschen“ – außerhalb des Platzes: Auf dem Platz erwartet Kwasniok erwartet sogar hitzige Verbalduelle – für die Walter unter den Kollegen durchaus bekannt ist. Kwasniok: „Am Sonntag werfen wir uns 90 Minuten Dinge an den Kopf“, kündigte der Paderborn-Trainer an, „aber danach nehmen wir uns wieder in den Arm.“ Na dann… 

Apropos heil: Robert Glatzel wird am Sonntag sicher spielen können, während neben dem gesperrten Schonlau auch die verletzten Bakery Jatta, Moritz Heyer, sowie die Rekonvaleszenten Tim Leibold und Ogechika Heil. Auf die Verletztenliste gerückt ist leider auch wieder Ersatzkeeper Tom Mickel, der mit Innenbandriss im Sprunggelenk einige Monate ausfallen wird, wie Walter heute erklärte. Ebenfalls wieder länger raus ist Elija Krahn, der sich einen Innenband-Teilanriss im Knie zugezogen hat.  Gute Besserung allen diesen Jungs von dieser Stelle!

Und Euch allen hier noch einen schönen Restfreitag! 

Scholle

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