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Der Rücktritt des HSV-Präsidiums - und was Horst Hrubesch damit zu tun hat

Es wird nicht das Statement von Horst Hrubesch gewesen sein, das für den freiwilligen Rücktritt des HSV-Präsidiums verantwortlich war. Aber die mahnenden Worte des…

Der Rücktritt des HSV-Präsidiums -  und was Horst Hrubesch damit zu tun hat

Es wird nicht das Statement von Horst Hrubesch gewesen sein, das für den freiwilligen Rücktritt des HSV-Präsidiums verantwortlich war. Aber die mahnenden Worte des Nachwuchsdirektors werden alles andere als geschadet haben. „Ich kann nur hoffen, dass wir die aktuelle Ruhe im Verein beibehalten und dass wir uns weiter kontinuierlich entwickeln können. Es wird hier miteinander, nicht mehr gegeneinander gearbeitet“, hatte der „Lange“ uns im Videointerview gesagt und damit auch auf das Theater auf e.V.-Ebene angesprochen, das seit gestern zumindest pausiert. Thomas Schulz kam als Vizepräsident so seinem Abwahlantrag zuvor und alle zusammen vermieden so die Notwendigkeit einer außerordentlichen Mitgliederversammlung. Allein die hätte den Frieden beim HSV weiterhin arg belastet. Zudem wird auf diese Weise die längst politisierte Neubesetzung des Aufsichtsrates bis auf Weiteres verschoben.

Ich habe in den letzten Wochen mit den Protagonisten rund um dieses Theater gesprochen und versucht, meine Haltung hier im Blog so unpolitisch zu halten, wie es dieses Thema erfordert. „Bist Du für Jansen oder Schulz?“ wurde ich immer wieder gefragt – und meine Antwort war immer dieselbe: Ich bin für den HSV. Ich war und bin dafür, dass intern konstruktiv debattiert, meinetwegen sogar gestritten wird. Ich halte unterschiedliche Standpunkte in einem gewissen Maße nicht nur für förderlich, sondern für notwendig. Und ich glaube, dass auch in diesem Streit von beiden Seiten Aspekte eingebracht wurden, die gut waren. Allein, dass man hier aus Prinzip und nicht mehr im Sinne der Sache entschied, disqualifizierte dieses Präsidium letztlich.

So wird der Präsidiumsrücktritt zum Win-Win

Von daher ist der Rücktritt auch wie gestern schon geschrieben „eine Entscheidung der Vernunft“. Diese allerdings muss nicht zwingend alle geöffneten Diskussionen beschließen. Im Gegenteil: Vieles sollte weiterdiskutiert werden, nur auf einer deutlich konstruktiveren Ebene. Zum Beispiel auch nicht die von Moritz Schaefer ins Feld geführte Forderung nach einer Erneuerung im Gesamten. Denn dieser HSV darf nicht träge (bleiben) werden. Der Puls der Zeit muss in Zukunft auch für den HSV ein ständiger Taktgeber werden – und ich bezweifle ebenso wie Schaefer, dass man dafür richtig aufgestellt ist.

Dabei spreche ich auch heute nicht in Namen. Mir geht es nicht um Namen. Nicht um Wettstein, Goedhardt, Hoffmann Jansen, Schulz oder sonstwen – sondern allein um Inhalte. Mir ist es scheißegal, wer hinter wem steht, solange diese Person am Ende den HSV voranbringen kann. Was ich meine? Ganz einfach: Als der Name Katja Kraus das erste Mal aufkam, war der Aufschrei groß. Nicht, weil man Kraus an sich für ungeeignet hält. Das geht ehrlich gesagt auch gar nicht. Vielmehr ging es hier nur darum, Bernd Hoffmann zu vermeiden. Denn der wurde direkt hinter ihr (quasi im Gepäck) vermutet. Kraus‘ unzweifelhaften Fähigkeiten wurden dem hintenangestellt.

Und diese Haltung ist fatal. Genau darum ging es mir auch in dem Blog "So wird der HSV mal wieder scheitern" , in dem ich kritisiere, dass hier dauerhaft in Parteien gesprochen und gehandelt wird. Dass ein einzelner Mensch beim HSV eine solche Paranoia entstehen lassen konnte, ist das eigentlich Traurige. Soll heißen, der HSV befindet sich in einem diabolischen Kreislauf:  So lange er sich nicht endlich lossagt von der Angst der feindlichen Übernahme, wird er sich auch auf vielen guten Wegen selbst blockieren. So lange werden sich auch gute Ideen nicht durchsetzen können. Siehe aktuell im ehemaligen Präsidium.

Wenn man es positiv formuliert, könnte man meinen, der Rücktritt der drei Präsidiumsmitglieder sei  eine Win-Win-Situation. Wobei man bedenken muss, dass hier ein Machtkampf vorerst nur ausgesetzt wurde. Ob dieser im Vorfeld der Neuwahlen für das Präsidium wieder aufgenommen wird ist offen. Aber aus der Erfahrung gesprochen behaupte ich, dass es leider auch sehr wahrscheinlich ist. Bis dahin gilt es, das Beste aus der unerwarteten Ruhe zu machen und die Worte der Protagonisten zu nehmen, wie sie formuliert wurden. Angefangen mit Marcell Jansen, der weiterhin als Aufsichtsratsvorsitzender fungieren wird und mitteilen ließ: 

„Als HSV-Mitglied und Aufsichtsratsvorsitzender ist für mich klar: Nichts ist wichtiger als der HSV! Es geht um die Raute, ums Wir, nicht um Einzelpersonen. Darum halte ich den geschlossenen Rücktritt des e.V.-Präsidiums für sinnvoll und zielführend. Es ist längst überfällig, dass wieder Ruhe einkehrt. Und es ist jetzt auch nicht die Zeit, den Wahlkampf zu eröffnen. Der HSV als Gesamtorganisation steht weiter vor großen Aufgaben, die Auswirkungen der Pandemie zu minimieren und die gute Arbeit und sportliche Entwicklung in der Fußball AG fortzuführen. Und das gemeinsam.“

Marcell Jansens Statement zum Rücktritt als e.V.-Präsident

Und während Moritz Schaefer in den vergangenen Wochen bereits via Facebook Statements abgegeben hatte, äußerte sich jetzt auch der ehemalige Vizepräsident Thomas Schulz via Facebook: 

„Liebe HSVerinnen, liebe HSVer,

turbulente Wochen und Monate liegen hinter uns. 

Die Zeit war für Euch und auch für mich nicht immer einfach. Trotzdem gilt es nicht mit Zorn oder Verärgerung zurück zu blicken, sondern den Blick nach vorne zu richten.

Seit Februar 2018 war ich euer Vizepräsident im HSV e.V. So viele Begegnungen mit Euch Fans und den aktiven Sportlern haben stattgefunden. Seien es unsere jungen Sportler beim „Fest der 1000 Zwerge“, auf dem Parkplatz des Volkparkstadions, bei Gesprächen mit Euch neben dem „Rasen“ oder bei Veranstaltung unseres Vereines. 

Ich habe immer eine besonders starke Identifikation mit Eurem und meinem HSV gespürt. Ich konnte viele neue Menschen kennen lernen und neue Freundschaften schließen. Dafür danke ich Euch. 

Auch die vielen Briefe und Anrufe in der turbulenten Zeit haben mir Kraft gegeben mich für Euch und eure Herzensangelegenheiten einzusetzen.

Kommt so zahlreich wie möglich zur Mitgliederversammlung. Dort habt Ihr die Möglichkeit zu gestalten und mitzuwirken. Nutzt diese Möglichkeit zum Wohle unseres Vereines.

Ich möchte noch einmal betonen, dass jetzt die Zeit ist an die Zukunft zu denken und sich nicht im Streit über Vergangenes zu verlieren. Bitte unterstützt unseren Verein, denn nur, wenn wir alle unser Bestes geben und auch vergeben können kann auch Neues entstehen und Großes erreicht werden.

Danken möchte ich auch meiner Frau und meinen beiden Söhnen, die mich in der Zeit meines Ehrenamtes so sehr unterstützt haben. Kein Weg war Ihnen zu weit, nie gab es Kritik für die vielen Stunden des Einsatzes.

Ich wünsche uns allen und dem HSV nur das Beste!

In Hamburg sagt man Tschüss

Euer

Thomas Schulz“

Versöhnliche Worte und ein Ende, das dem HSV helfen wird, die sportlich herausfordernden nächsten Wochen und Monate anzugehen. Eben so, wie es sich Horst Hrubesch in seinem Statement gewünscht hatte. Was mich wiederum auf einen Gedanken bringt:

Weshalb besetzt man den vakanten Posten des Vorstandsvorsitzenden nicht mit Hrubesch?

Denn Hrubesch bringt sehr vieles dafür mit. Er ist erfahren genug, um Menschen zu führen. Er hat ein Netzwerk in der Bundesliga wie die allerwenigsten – und vor allem bringt er das mit, was diesem HSV abhanden gekommen ist: Er strahlt Freundlichkeit und Verbindlichkeit aus. Er wirkt skandalsicher und wertestark. Und zu guter Letzt würde er dem HSV gerade bei den über Jahre verloren gegangenen Verbindungen zur (vor allem: Hamburger) Wirtschaft verschlossene Türen wieder öffnen. Den Rest können, nein: müssen dann ja die Jüngeren übernehmen.

Hier könnte dann tatsächlich eine Win-Win-Situation entstehen. Denn wie ich es schon geschrieben habe: Hrubesch allein verkörpert mehr Werte als alle Leitbilder des HSV zusammen. Er würde dem HSV nach außen wie nach innen diese Werte vermitteln können, die von den ganzen hippen Marketingexperten in finanzielle Einnahmen umgesetzt werden könnten. Wenn dann auch noch die sportliche Leitung funktioniert – kaum auszudenken! Aber okay: Ist ja nur ein Gedankenspiel. Ich würde mir an Hrubeschs Stelle so einen Stress wahrscheinlich nicht mehr antun…

So viel zum Präsidiumsbeben und seinen Folgen. Heute stand auch wieder Fußball auf dem Plan – und zwar in zwei Trainingseinheiten. Während der ersten stand auch Jeremy Dudziak wieder auf dem Platz, was trotz seines vorzeitigen Trainingsendes (er ging nach einer Stunde wieder in die Kabine) hoffen lässt. Denn er soll langsam wieder herangeführt werden. Auf dem Weg zu seinem Comeback im Spiel am Sonntag in Würzburg soll kein Risiko mehr eingegangen werden. Ebenfalls wieder dabei: Auch Josha Vagnoman trainierte nach seinem Bänderriss erstmals wieder mit dem Team. Allerdings ließ Trainer Daniel Thioune auch nur technische Übungen ohne Zweikämpfe trainieren – Spielzüge, Techniktraining und Ballstafetten standen auf dem Programm. 

Und an der Stelle, an der ich eigentlich den Blog mit dem Hinweis auf den neuen Communitytalk (ist ab 19.30 Uhr hier und via youtube online) abschließen wollte, erreicht mich die Meldung vom HSV, dass ein ganz Großer aus besseren HSV-Zeiten verstorben ist: Özcan Arkoc. Der ehemalige Torhüter des HSV, bis zuletzt ein außergewöhnlich herzensguter Mensch, verstarb mit 81 Jahren und ich sage: Tschüß, Ötschi! Ruhe in Frieden!

Scholle

Anbei die Pressemitteilung des HSV im Wortlaut:

DER HSV TRAUERT UM ÖZCAN ARKOC

AM 17. FEBRUAR 2021 IST MIT ÖZCAN ARKOC EIN IKONE DES HAMBURGER SV VERSTORBEN. DER HSV GEDENKT SEINES EHEMALIGEN BUNDESLIGA-SPIELERS UND -TRAINERS, DER SEINEM CLUB BIS ZULETZT NAH STAND.

Özcan Arkoc war einer der herausragenden Torhüter seiner Zeit. Legenden-Status erlangte er jedoch kurioserweise durch eine Auswechslung: Nach Einführung der Spielerwechsel zur Saison 1967/68 war Özcan Arkoc der erste Bundesliga-Akteur, der jemals ausgewechselt wurde. Gleich am 1. Spieltag – bei seinem Pflichtspiel-Debüt für den HSV – verletzte er sich im Zuge einer Rettungstat. „Mein Finger war seitlich weggeknickt, ich hatte wahnsinnige Schmerzen“, erinnerte sich Arkoc später. Das Spiel war für ihn beendet und Hamburgs Torhüter sicherte sich so als Nummer 1 in der historischen Liste der ausgewechselten Spieler einen Eintrag in den Geschichtsbüchern der Bundesliga.

Die Nummer 1 war Özcan Arkoc auch beim HSV. Und das sowohl als Spieler mit 207 Pflichtspielen von 1967 bis 1975 als auch als Trainer. Denn nach dem Ende seiner beeindruckenden aktiven Laufbahn agierte Arkoc erst erfolgreich als Trainer der zweiten Mannschaft sowie als Co-Trainer an der Seite von Kuno Klötzer – und in der Saison 1977/78 als Nachfolger von Rudi Gutendorf auch für 22 Bundesliga-Spiele als HSV-Cheftrainer. Özcan Arkoc war damit der erste Bundesliga-Spieler der Rothosen, der später auch Trainer des HSV wurde, und sicherte sich so einen Eintrag in den Geschichtsbüchern des HSV. Und wieder einmal auch in den Annalen der obersten deutschen Spielklasse, denn gleichzeitig avancierte er zum ersten türkischstämmigen Bundesliga-Trainer aller Zeiten.

Nach seiner Zeit beim HSV blieb Arkoc dem Trainerberuf zunächst treu. Doch auch während seiner Engagements in der 2. Bundesliga bei Wormatia Worms und Holstein Kiel sowie anschließend in der Türkei bei Kocaelispor behielt er stets seine Hamburger Wohnung und wurde im hohen Norden auch anschließend wieder heimisch. Bis zuletzt. Anfangs mit seinem Restaurant „Bei Özcan“, in dem er seinen Gästen als einer der ersten Gastronomen in Hamburg überhaupt Döner servierte, später mit einem eigenen Kurierservice, und auf jeden Fall immer im Volksparkstadion. Dort schaute Özcan Arkoc seinen Nachfolgern gern und stets wohlwollend auf die Finger.

Bis zuletzt war „Ötschi“ ein gerngesehener Gast im Volkspark. Ein herzlicher Mensch, für den der HSV und Hamburg nach seinem Karrierestart in der Türkei bei Fenerbahce und Besiktas Istanbul sowie dem zwischenzeitlichen Gastspiel bei Austria Wien zur Heimat wurden. Als „Deutscher mit türkischen Wurzeln“ bezeichnete sich Arkoc selbst einmal, nachdem er 1980 den deutschen Pass ausgestellt bekommen hatte. Dieser zählte zu den wenigen Stellen, in denen sein Name korrekt aufgeführt war. „In den meisten Presseartikeln, Statistiken oder Chroniken steht immer nur Özcan“, erinnerte er sich einst, „dabei ist das eigentlich nur mein Vorname. Aber beim HSV war ich gleich und eigentlich immer nur der Ötschi.“ Und eine der Legenden, die sich auf dem Walk of Fame des Hamburger SV verewigen durften.

Özcan Arkoc ist am 17. Februar im Alter von 81 Jahren in Hamburg verstorben. Der HSV trauert um eine Vereinsikone, eine große Persönlichkeit und einen wunderbaren Menschen.

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