Der letzte Trumpf - HSV geht mit Hrubesch „all-in“
„Es ist sehr, sehr schade. Es ist kein Geheimnis, dass ich nach wie vor sehr viel in ihm sehe. Aber wir haben festgestellt, dass die Dynamik in den letzten Tagen deutlich…

„Es ist sehr, sehr schade. Es ist kein Geheimnis, dass ich nach wie vor sehr viel in ihm sehe. Aber wir haben festgestellt, dass die Dynamik in den letzten Tagen deutlich schneller und dramatischer geworden ist. Wir laufen große Gefahr, von unserem Weg abzukommen. Das wollen wir nicht und das werden wir nicht. Deswegen haben wir es als zwingend angesehen, eine größere Justierung vorzunehmen. Es ist sehr bedauerlich, dass es so gekommen ist. Es gab aufgrund der letzten Ereignisse keine andere Möglichkeit. Ich möchte mich bedanken bei Daniel Thioune für die vertrauensvolle Zusammenarbeit in den letzten Monaten.“
HSV-Sportvorstand Jonas Boldt über den entlassenen Daniel Thioune
Das waren die Worte, die Sportvorstand Jonas Boldt heute neben vielen anderen Komplimenten in Richtung Daniel Thioune nutzte, um seine Wertschätzung für den gerade entlassenen Trainer zu dokumentieren. Und angesichts dessen, was ich schon gestern hier berichtet hatte, ist es auch glaubhaft. Denn intern hatte man sich seit Beginn der Zusammenarbeit sehr eng und intensiv ausgetauscht. Vor allem natürlich zuletzt, wo die Siege für den HSV ausblieben. Und so lange die Überzeugung beidseitig war, hielt man aneinander fest. „Ein Trainerwechsel hätte viele Alibis für die Spieler gegeben“, erklärt Boldt. Zudem seien von den Profis positive Signale gekommen. „Die Mannschaft hat sich berappelt und den Willen gezeigt, die Dinge selbst zu regeln. Gegen Regensburg hat man in der zweiten Hälfte gesehen, wie sie sich gewehrt haben.“ Bis zum Karlsruhe-Spiel.
Vor dieser Partie hatte Trainer Daniel Thioune von einem „All-in“ gesprochen. Zu bemerken war von dieser angekündigten „Alles-oder-Nichts“-Mentalität nur sehr wenig. „Die klare Führung von ihm ist auf der Strecke geblieben“, sagte Boldt und betonte: „Zuletzt war die Überzeugung nicht mehr da, dass das Konstrukt mit Mannschaft und Trainer noch funktioniert. Jeder hat gemerkt, dass er am Freitag angeschlagen war. Ich habe gesagt, er darf sich nicht emotional von dem Spiel leiten lassen. Aber es sind dann ein paar Stunden und Tage vergangen und die haben dazu geführt, dass ich gemerkt habe, dass die Überzeugung nicht mehr da ist und dass die Mannschaft einen Impuls benötigt, den Daniel nicht mehr geben kann. So schade wie es ist und so leid es uns allen tut: Es war alternativlos.“
Wechsel von Thioune zu Hrubesch war alternativlos
Jetzt also Horst Hrubesch. Der Ex-Torjäger und Kumpeltrainer soll retten, was beim HSV noch zu retten ist. Der 70-Jährige soll der verunsicherten Mannschaft Zuversicht geben und sie in die Spur zurückführen. Boldt hofft auf „Klarheit und Lockerheit“ und lobte dessen positive Art und Grundeinstellung, die besagt: „Nicht zu viel nachdenken, sondern machen.“ Zeit hat Hrubesch für die Umkehr eh nicht. Minimal sind es drei Spiele, einschließlich der möglichen Relegation maximal fünf. Wobei Hrubesch schon vor seinem ersten Spiel am kommenden Montag in Nürnberg genau wissen wird, ob es überhaupt noch um etwas geht. Denn bis dahin spielen Kiel (dreimal) und Düsseldorf (heute Abend) ihre Nachholspiele, Fürth und Düsseldorf legen zudem am Wochenende vor.
Ergo: Die Tabelle wird vor dem Anpfiff in Nürnberg bereinigt sein. Und ich hoffe, dass es dann noch realistisch um den Aufstieg geht, denn eine derartig positive Kurzzeitwirkung traue ich Hrubesch allemal zu. Bei seinem Einstand im heutigen Training am Nachmittag hielt Hrubesch eine kurze Ansprache, ruderte dabei mit den Armen. Das anschließende Übungsspiel unterbrach er mehrmals, gab lautstarke Anweisungen. Ob er personelle Umstellungen in der nächsten Partie gegen Nürnberg am 10. Mai vornimmt, ist unklar. Fest steht: Nach Stephan Ambrosius (Kreuzbandriss) wird ihm auch Aaron Hunt wegen eines Muskelfaserrisses für den Rest der Saison fehlen. Für den ehemaligen Kapitän könnte das KSC-Spiel somit sein letztes Spiel im HSV-Trikot gewesen sein, da sein Vertrag im Sommer ausläuft und noch nicht verlängert wurde.
Vor allem als Trainer im Nachwuchs hat Hrubesch Meriten vorzuweisen. Die U19-Auswahl führte er 2008 zum EM-Titel, ein Jahr später wiederholte er die Titelehren mit der U21, das deutsche Team holte unter seiner Führung 2016 Olympia-Silber. Seine Tätigkeit als Vereinscoach war meist auf wenige Monate beschränkt. Samsunspor, Austria Wien, Dynamo Dresden, Hansa Rostock, FC Tirol stehen in seiner Vita.
Hrubesch: Der Kumpeltyp mit klarer Kante
Vor allem aus seiner sehr erfolgreichen Zeit beim DFB-Nachwuchs haben ihm die Nachwuchsspieler immer wieder menschliche Qualitäten attestiert, die sie als Sopieler und Mannschaft vorangebracht hätten. Was Hrubesch beim HSV vorhat? „Zunächst einmal geht es darum, die Köpfe der Spieler freizubekommen. Zuletzt hat die Mannschaft leider oft unter Wert gespielt. Wir müssen alles daran setzen, den Mist, den wir verbockt haben, wieder geradezurücken.“ Klare, kurze und knackige Worte die alles aussagen. Die Mannschaft verfüge jedenfalls, so Hrubesch auf der Vereinshomepage, „über eine andere Qualität, die wir jetzt in den verbleibenden Spielen auf den Platz bringen müssen. Ich werde viele Gespräche führen, reinhören und versuchen, ein paar Akzente zu setzen“, sagte Hrubesch, dessen Devise ist: „Ich arbeite lieber, anstatt zu reden.“
Okay, das sagen viele. Eigentlich sogar alle. Das hat selbst der aus meiner Sicht unmotivierteste aller HSV-Trainer, Bert van Marwijk, seinerzeit gesagt. Aber: bei Hrubesch stimmt es. So war er schon als Spieler, wie uns Günther Netzer glaubhaft im Video versichert. Selbst zu seinem runden, 70. Geburtstag vor gut drei Wochen wollte er „kein Brimbamborium“ machen. Man merkte dem einstigen Kopfball-Ungeheuer an, dass es ihm gut in den Kram passt, dass seit Montag verschärfte Hygieneregeln im Profifußball gelten, durch die Kontakte weitgehend eingeschränkt sind. Denn so wurden auch wir als Fragesteller beim Training auf größeren Abstand gehalten. Zudem geht die Mannschaft ab kommenden Montag in ein 14-tägiges Quarantäne-Trainingslager, in dem die Mannschat eng auf eng hocken wird. Zeit genug für Kumpeltyp Hrubesch, sich mit „seinen Jungs“ intensiv zu beschäftigen und sie mental wieder in die Spur zu bekommen.
Egal wie, die nächsten Wochen gilt es, zuzusehen, dass alles nur auf das eine, kleine, aber noch nicht komplett verpasste Ziel ausgerichtet bleibt. Und das wiederum ist auch das gültige Argument, weshalb ein solcher Trainerwechsel jetzt noch einen Sinn ergibt. Andererseits bricht der HSV wieder einmal einen Weg ab, den man keine 12 Monate vorher noch als Neuanfang tituliert hatte. Das Adjektiv alternativlos teile ich in diesem Zusammenhang nur bedingt. Denn es wäre aus meiner Sicht vor dem KSC-Spiel besser zu argumentieren gewesen, als jetzt, wo man das Spiel noch mitgenommen hatte.
Der Trainerwechsel kommt spät - zu spät?
Denn die Vorzeichen bzw. die Tendenzen waren schon da deutlich und es wirkte, als wolle man unbedingt am Trainer festzuhalten und über alle Widerstände hinweg dessen Weg weiter gehen. Man war zumindest „grundsätzlich von ihm überzeugt“, wie es Boldt heute mehrfach betonte. Und eigentlich wollte der 39 Jahre alte Sportvorstand für Ruhe und Kontinuität sorgen und dem als Entwickler geholten Thioune die nötige Zeit zum Aufbau eines Teams mit Perspektive geben. „Wir brechen den Weg nicht ab“, versprach er heute. Das dann aber ab kommender Saison mit einem neuen Trainer, zu dem sich Boldt heute noch nicht äußerte.
Und ja, ich weiß, dass es viele hier anders sehen, aber die allermeisten von denen haben den Trainer am Wochenende bei den Spielen im TV und bei den Pressekonferenzen im Netz beobachten können. Ich habe berufsbedingt das glückliche Privileg, mit Thioune immer wieder auch persönlich sprechen zu dürfen. Und eines hatte der Trainer bei ALLEM, was er gemacht hat: Einen realistischen Blick auf das, was er und seine Mannschaft geleistet hat. Zudem war Thioune der erste Trainer seit sehr langer Zeit, dessen Analysen mich fast immer überzeugt haben.
Dass meine Ansprüche an Thioune andere waren als an den erfahrenen Bundesligatrainer Dieter Hecking sowie Hannes Wolf – logisch. Thioune war gekommen als junger, aufstrebender Profitrainer, der sich mit der Mannschaft entwickeln sollte. Diese „Entwicklung“ wiederum ist definitiv Auslegungssache und von Boldt negativ beschieden worden. Wie knapp das manchmal ist – zeigt sich in diesem Fall aber auch ganz deutlich. Oder was glaubt Ihr, was passiert wäre, wenn Wood in Hannover getroffen hätte oder der VAR nicht zweimal gegen sondern für den HSV entschieden hätte? Was wäre passiert, wenn Leistner oder Kittel in Regensburg tatsächlich in der Nachspielzeit zum Sieg getroffen hätten? Richtig: Thioune wäre noch Trainer, der HSV stünde tabellarisch besser dar und alle würden sich gegenseitig das allergrößte Vertrauen aussprechen.
Aber noch mal: Darum darf es hier und heute nicht gehen. Es sind noch genau drei Spiele, die ich zuletzt als Ausnahmezustand“ bezeichnet hatte. Der HSV hat vorgelegt und ist mit dem Trainerwechsel „all-in“ gegangen - und ich ziehe hier nach. Wir machen es hier wie der HSV und ordnen alles dem letzten, kleinen Funken Hoffnung unter. Auch deshalb heißt es heute:
Herzlich Willkommen, Horst Hrubesch! Und viel Erfolg!
In diesem Sinne, bis morgen!
Scholle
Zeig deine Farben
Unsere Freunde von HANDS OF GOD setzen ikonografischen Momenten und Legenden der Vereinsgeschichte ein künstlerisches Denkmal.
Shirt HAMBURG ALLSTARS
Eine Startelf aus Hamburger Legenden, großflächig auf dem Rücken.
39 €
Bei HANDS OF GOD ansehen ↗
Print HAMBURG ALLSTARS
Dieselbe Startelf als Fine-Art-Print — A3 oder 50 × 70.
40 €
Bei HANDS OF GOD ansehen ↗
Print COMEBACK DES DINOS
Mai 2025, das 6:1 — nach sieben Jahren zurück in der Bundesliga.
40 €
Bei HANDS OF GOD ansehen ↗
Print UNS UWE
Uwe Seeler nach dem verlorenen Wembley-Finale 1966.
40 €
Bei HANDS OF GOD ansehen ↗
Wir sind Partner von HANDS OF GOD und bekommen eine Provision, wenn du über diese Links kaufst — für dich ändert sich am Preis nichts. Gezeigt werden nur Motive, die wir selbst aufhängen würden.
Lies weiter
Meinung
HSV-Blamage- Die Taktik war das geringste Problem
Weiterlesen

Diskussion
0 KommentareDiskutier mit!
Registriere dich kostenlos — dann kannst du unter den Beiträgen mitdiskutieren, antworten und liken.
Jetzt kostenlos registrierenAnmelden