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Der HSV weiß genau, was auf ihn zukommt

Drei Tage hat es gedauert, bis der großen Freude über die Zuteilung von 5 EM-Spielen die große Ernüchterung folgt. Eine Ernüchterung, mit der wir rechnen musste. Denn schon als…

Der HSV weiß genau, was auf ihn zukommt

Drei Tage hat es gedauert, bis der großen Freude über die Zuteilung von 5 EM-Spielen die große Ernüchterung folgt. Eine Ernüchterung, mit der wir rechnen musste. Denn schon als bekannt wurde, dass der HSV für den Verkauf seines Grundstückes an die Stadt 23,5 Millionen Euro erhalten hatte, war klar, dass der HSV damit erst einmal finanzielle Löcher stopfen musste – auch wenn der damalige Finanzvorstand Frank Wettstein anderes behauptete. Nach Informationen der „BILD“ fehlen dem schon mindestens zehn Millionen Euro für die Renovierung der Arena. Die Gesamtkosten für Instandhaltung und Modernisierung werden auf 18 Millionen Euro taxiert. In Hamburg sollen bei der EM vier Gruppenspiele und ein Viertelfinale ausgetragen werden.

Von den 23,5 Millionen Euro, die die Stadt Hamburg dem Verein 2020 für den Verkauf des Stadiongrundstücks überwiesen hatte, sollen laut Zeitung nur noch rund acht Millionen Euro vorhanden sein. „Die Mittel standen bei meiner Übernahme so explizit nicht mehr zur Verfügung“, sagte Finanzvorstand Thomas Wüstefeld, der im Januar dieses Jahres Frank Wettstein auf dem Vorstandsposten folgte. Oder anders formuliert: Wüstefeld schreibt die Verantwortung dafür, dass Gelder anderweitig verwendet wurden, seinem Vorgänger zu. Und davon muss auch ausgegangen werden.

Ich hatte seinerzeit bei der Verkündung von Wettstein, dass er seinen Vertrag beim HSV nicht verlängern wolle, geschrieben, dass das auf mich alarmierend wirkte. Denn bis dahin hatte Wettstein noch jedes Jahr irgendwie eine außergewöhnliche Millioneneinnahme generieren können. Fan-Anleihen, Vermarkterverträge vorzeitig verlängern, Corona-Hilfe, Grundstückverkauf – irgendwie konnte das Missmanagement zumindest immer wieder verdeckt werden. Zwar immer nur kurzfristig – aber für den Moment reichte es, um zu behaupten, man habe keinen Liquiditätsengpass. Aber: Auch diese Flickschusterei hat irgendwann ein Ende – und so schien einfach kein Weg mehr gangbar. Daher Wettsteins frühzeitige Bekanntgabe, den HSV zu verlassen. Dass parallel noch einige Aufsichtsräte gingen, untermauert diesen Verdacht. Aber zurück zu den Millionen für die Stadionrenovierung.

Die Stadt hatte mit Stadionbesitzer HSV vereinbart, über die Kaufsumme hinaus keinen weiteren Beitrag für die Stadionrenovierung zu leisten. Da dem HSV in der Corona-Pandemie die Zuschauereinnahmen wegbrachen, wurde das Geld für die Aufrechterhaltung des Spielbetriebs und andere wirtschaftliche Verpflichtungen genutzt. Seit elf Jahren beendete der HSV jedes Geschäftsjahr mit einem Defizit. Und die Fortsetzung dieser Serie wurde bereits vom neuen Vorstand Dr. Thomas Wüstefeld angekündigt.

Dass Wüstefeld dennoch im Wissen aller dieser Gegebenheiten den Gang zur Stadt antrat, fand ich einerseits sehr mutig. Denn die Antwort der Stadt dürfte ihm schon vorher klar gewesen sein. Dementsprechend erfolglos blieben diese Gespräche dann auch. Mehr noch: Auf Seiten der Stadt soll es große Verwunderung darüber gegeben haben, dass sich der HSV nach Corona-Prämie und Grundstückverkauf tatsächlich noch mal um Hilfe auf Kosten des Steuerzahlers bemüht habe. Aber andererseits bzw. anders formuliert: Der HSV scheint hier sein Glück absolut überstrapaziert zu haben.

Fakt ist, dass der neue Vorstand zusammen mit dem alten Vorstand Jonas Boldt ein neues/altes Problem angehen muss. Und wirklich viele Möglichkeiten hat der HSV dafür nicht mehr – abgesehen natürlich vom Aufstieg in die Erste Liga, der allein schon Mehreinnahmen im zweistelligen Millionenbereich mit sich brächte. Einnahmen, die man grundsätzlich aber wieder in die Mannschaft investieren müsste, um aus einem guten Zweitligakader einen konkurrenzfähigen Erstligakader zu machen. 

Aber okay, heute soll es hier nicht nur um das Thema Geld gehen, da am Sonntag das wichtigste Saisonspiel ansteht. Und dafür ist sehr viel mehr nötig als eine „gute“ Leistung. Ich bin mir sicher, dass am Sonntag die Rostocker schon so motoviert sein werden, dass der HSV eine „sehr gute“ Leistung aufs Parkett bringen muss. Unser Blogfreund und Psychologe Dr. Olaf Ringelband hat mir auch geschrieben:

Hallo Scholle,

aus psychologischer Sicht bin ich pessimistisch, was das Finale am Sonntag angeht. Zwar kann man hoffen, dass die Mannschaft aus den vergangenen Siegen genügend Selbstvertrauen getankt hat, um gegen Rostock selbstbewusst ins Spiel zu gehen und den nächsten Dreier einzusammeln. Ich bin aber skeptisch: ich glaube, dass die bisherige Siegesserie aus der Haltung heraus entstanden war, dass man eigentlich nichts mehr zu verlieren hatte, denn der Wiederaufstieg schien schon unerreichbar.

Ohne den Druck, aufsteigen zu müssen (denn das hatte sich eigentlich nach den peinlichen Niederlagen erledigt) spielte die Mannschaft befreit auf und siegte auf einmal. Jetzt ist aber der Druck wieder da, wo man aus eigener Kraft zumindest die Relegation erreichen kann - und ich bin mir nicht sicher, ob die Mannschaft psychisch stabil genug ist, um damit umzugehen. 

Im DFB-Pokal war es ähnlich: mit aggressivem Pressing, Kurzpassspiel aus der Abwehr heraus (und viel Glück) war man bis ins Halbfinale gekommen - um dann zu sehen, diese Taktik und das an Selbstüberschätzung neigende Vertrauen an deren Wirksamkeit gegen Freiburg zu scheitern. 

TW ist jetzt als Taktiker und als Psychologe gefragt, um die Mannschaft so einzustellen, dass sie gegen die nominal unterlegenen Rostocker selbstbewusst auftritt, aber sich nicht überschätzt und nicht in die tiefsitzenden Blockaden zurückfällt, die tief in der HSV-DNA verankert sind - der Zwiespalt zwischen dem Anspruch (“wir werden nach der Siegesserie der letzten Spiele auf jeden Fall aufsteigen) und der Befürchtung, dass man doch nicht gut genug ist. Auch die Angst vor der Relegation kann lähmend wirken, denn sollte man Platz drei behalten, “drohen” Spiele gegen Hertha oder Stuttgart, in denen man (wie gegen Freiburg) mit der jetzigen Spielweise wenig Chancen hat.

Ich drücke natürlich beide Daumen am Sonntag vor dem Fernseher, fürchte aber, dass die nächste Enttäuschung kommen wird.

Herzliche Grüße

Dein Olaf

Und ich habe ihm geantwortet. Ehrlich gesagt traue ich mich normalerweise nicht, Olaf in Sachen Psychologie zu widersprechen. Im Gegenteil: In den allermeisten Fällen erschließen sich seine Ausführungen mir. Aber diesmal musste ich es. Nicht, weil ich zweckoptimistisch sein wollte, sondern aus einer festen Überzeugung heraus übrigens! Meine Antwort: 

Moin, Olaf!

Ich  bin bei Dir, was die Einschätzung des Spiels am Sonntag betrifft. Zumindest in den allermeisten Teilen. Mir macht es allerdings große Hoffnung, dass die Mannschaft gegen Hannover schon einmal in dieser Situation (Darmstadt hatte verloren) war und dort genau so gespielt hat, wie Du es jetzt und wie ich es damals erwartet hatte.

Soll heißen: Die Mannschaft hat schon einmal mit diesem lähmenden Gefühl gespielt. Und trotzdem man deutlich schwächer als zuvor und zudem nicht besser als Hannover war, hat man das Spiel am Ende nicht verloren, sondern letztlich nicht mal unverdient gewonnen. Vielleicht kann das Wissen, DAS eben doch zu können, diesmal der entscheidende gedankliche Vorteil für Sonntag werden…

Ich kann mir zwar sehr gut vorstellen, dass weder HSV noch Darmstadt gewinnen (nur Werder siegt). Aber: Ich glaube, dass die Relegation erreicht wird.

Drücken wir mal die Daumen!!

LG

Scholle

Auf jeden Fall scheint vor dem Saisonfinale HSV-Trainer Tim Walter weiter ruhig zu bleiben. Jeder ist Sportler genug und will gewinnen, das erwarten wir auch von den Rostockern. Wir erwarten nicht, dass jemand uns irgendetwas schenkt. Wir wollen gewinnen, wissen aber, dass Hansa ein starker Gegner ist. Aber wir wollen dieses Brett bohren und unsere Hausaufgaben erledigen.“ Zumal auch die Rostocker wissen, worum es gehen wird. „Wir wollen unseren Fans eine Freude bereiten, das steht im Vordergrund. Es ist fast wie ein Pokalspiel“, sagte Hansa-Trainer Jens Härtel am Freitag. Härtel sieht seine Elf in der Außenseiterrolle. „Der HSV ist in einer richtig guten Form, hat den Rückstand aufgeholt und seinen eigenen Stil gefunden“, sagte der 52-Jährige. „Für die Hamburger ist viel möglich, mehr als in den letzten Jahren. Das ist ein großer Motivationsschub“, glaubt er.

Trotz einiger Ausfälle können die Mecklenburger die Partie praktisch in Bestbesetzung angehen. Ähnlich wie der HSV, der allerdings auf den mit Wadenbeinbruch im Krankenhaus liegenden Anssi Suhonen verzichten muss. Wer den jungen Finnen, den Trainer Tim Walter heute im Krankenhaus besuchen wollte, ersetzen wird, ließ Walter weiterhin offen. Mit dem vorgeschobenen Moritz Heyer, mit Maximilian Rohr, David Kinsombi oder auch einem zurückgezogenen Sonny Kittel bieten sich Walter viele verschiedene Optionen. Aber dazu morgen Abend, wenn auch der mögliche Relegationsgegner feststeht, mehr.

In diesem Sinne, bis morgen. Ich feiere jetzt mit dem letzten Saisonspiel unserer Ligamannschaft meinen privaten Saisonabschluss, ehe es wieder voll in den Fokus auf Rostock geht. Bis dahin wünsche ich Euch allen erst einmal einen schönen Freitagabend! Genießt ihn, wo auch immer Ihr seid und was auch immer Ihr macht!

Vor allem aber: Bleibt gesund! 

Scholle

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