Spielbericht

Der HSV verliert ein denkwürdiges Spiel beim 1.FC Köln - und dazu zwei Spieler per Platzverweis

Es war ein Nachmittag voller Farben, Emotionen und Kontraste – Karnevalsstimmung auf der einen, Frust und Fassungslosigkeit auf der anderen Seite. Im neuen, eigens aufgelegten…

Der HSV verliert ein denkwürdiges Spiel beim 1.FC Köln - und dazu zwei Spieler per Platzverweis

Es war ein Nachmittag voller Farben, Emotionen und Kontraste – Karnevalsstimmung auf der einen, Frust und Fassungslosigkeit auf der anderen Seite. Im neuen, eigens aufgelegten Karnevalstrikot, das mit seinen rot-weißen Ringeln fast wie ein Pyjama wirkte, feierte der 1. FC Köln ein 4:1 (1:0) im Aufsteigerduell gegen den HSV – und damit neun Tage vor dem 11.11. schon einmal eine kleine Sessionseröffnung im RheinEnergieStadion. Während die 50.000 Zuschauer ausgelassen jubelten, erlebte der HSV einen gebrauchten Nachmittag, der am Ende auch noch in doppelter Unterzahl mit einem Kollateralschaden endete.

Schon früh zeichnete sich ab, dass dieses Spiel alles andere als gewöhnlich werden würde. Köln lief mit Trauerflor auf – zum Gedenken an den verstorbenen Hannes Linßen, den früheren Spieler, Trainer und Sportdirektor der Fortuna. Der HSV kam gut ins Spiel, spielte auf Augenhöhe, als der unglückliche Albert Sambi Lokonga ausrutschte und in der 25. Minute in zentraler Position leichtfertig den Ball an Florian Kainz verlor, dessen abgeblockter Schuss letztlich über Umwege bei Ragnar Ache landete. Derwiederum drückte den Ball aus kurzer Distanz über die Linie – 1:0 für die Kölner.

Danach plätscherte die Partie lange dahin, ehe sie nach der Pause richtig Fahrt aufnahm. Wieder war Lokonga im Mittelpunkt – diesmal als Unglücksrabe, da er nach einem einfachen Fehlpass vom wieder sehr unglücklichen Ransford Königsdörffer Linton Maina im Laufduell von den Beinen holte. Den fälligen Freistoß verwandelte Kainz selbst sehenswert direkt (48.) und sorgte damit für die vermeintliche Vorentscheidung. Doch der HSV antwortete: Erst traf Fabio Vieira, doch nach minutenlanger VAR-Überprüfung wurde der Treffer wieder zurückgenommen. Die Begründung ging im ohrenbetäubenden Jubel der FC-Fans unter – und beide Lager brüllten: „Ihr macht unseren Sport kaputt!“ Zurecht!

Erst kurz darauf durfte der HSV dann doch jubeln: Jean-Luc Dompé traf in seinem 100. Pflichtspiel für den HSV sehenswert ins lange Eck (61.). Es war der Moment, in dem die Gäste endlich aufzuwachen schienen – kurzzeitig wirkte es, als könnten sie das Spiel noch einmal drehen. Doch es sollte anders kommen. Binnen weniger Minuten brach das Kartenchaos über den HSV herein: Der gerade erst eingewechselte Immanuel Pherai sah innerhalb von zwei Minuten Gelb und Gelb-Rot – ein Bundesliga-Blitzrekord. Nur vier Minuten später erwischte es auch Fabio Vieira, der nach einem für mich noch nicht ganz u deutenden Wortgefecht mit dem Schiedsrichter ebenfalls mit Gelb-Rot vom Platz musste.

Zwei Platzverweise, zwei aberkannte Tore, viel Ärger – und am Ende keine Punkte. Während der HSV mit hängenden Köpfen vom Platz schlich, feierte Köln den höchsten Saisonsieg. In der Nachspielzeit trafen erst Jungstar Said El Mala (90.+4) und kurz darauf Jakub Kaminski (90.+9) zum 4:1-Endstand.

Ein kurioses, hitziges Spiel zwischen Karneval und Chaos – und eines, das zeigte, wie nah Euphorie und Enttäuschung im Fußball beieinanderliegen können. Während Köln schon im November tanzt, bleibt dem HSV nur der Blick nach vorn – und die Hoffnung, dass es bald wieder erfolgreicher läuft. Denn das muss es jetzt.

DIE EINZELBEWERTUNGEN:

Daniel Heuer Fernandes: Warum man nicht mal lang schlägt, wenn die anspielbaren Spieler nahezu zugestellt sind, erschloss sich mir nie, und es erschließt sich mir auch diesmal nicht. Für mich trägt er einen großen Anteil am 0:1. Denn wo bitte soll Lokonga hin? Note: 5

William Mikelbrencis (bis 76.): Er spielt. Und spielt. Und spielt. Und irgendwie kann mir niemand erklären, warum. Denn ich verstehe es nicht. Dass sein Schuss vom eigenen Mann (33., Königsdörffer) abgewehrt wird, war Pech. Aber defensiv ist er kein Bundesligaspieler. Er unterbindet nicht eine einzige Flanke, ist defensiv in Zweikämpfen immer überfordert. Völlig wirkungslos.  Note: 6

Giorgi Gocholoeishvili (ab 76.): Er hatte das 2:2 auf dem Fuß, legte den Kölnern dann das vierte Tor auf. Defensiv hat der HSV definitiv ein Problem auf der Rechtsverteidigerposition. Note: 5

Luka Vuskovic: Er gewinnt seine Duelle, stellt seine Nebenleute gut. Aber gegen solche Treffer wie den ersten Kölner heute, kann er nicht gegenanarbeiten.  In der zweiten Hälfte der zweiten Halbzeit hatte er vorne Pech bei seinem Abseitstreffer, dann Glück im Gegenstoß. Note: 4

Daniel Elfadli (bis 88.): Heute zu forsch. Er machte nicht viel falsch, afte aber auch keinen Impact auf das eigene Spiel. Note: 4

Miro Muheim: Seine zu leichten Ballverluste sind immer wieder gefährlich. In der 10. Minute führte einer davon zur frühen Gelben Karte von Remberg. Danach wurde er aber immer besser und war offensiv belebend. Note: 3

Albert-Sambi Lokonga (bis 90.): Sein Ausrutscher führte zum 0:1 (25.). Auch sonst wirkte er schwerfällig, langsam im Handeln, wobei das auch eher seine Spielart ist: Ruhig, cool, selten überhastet. In der zweiten Hälfte besser. Note: 4

Alexander Rössing-Lelesit (ab 90.): Konnte nichts mehr bewirken.

Fabio Vieira: Kam schwer ins Spiel. Dass er die eine, entscheidende Idee haben kann, deutet er immer wieder mit schlauen Pässen an. Sein Tor aberkannt zu bekommen, war bitter, seine Gelbrote selten dumm. Er nahm dem Spiel damit jegliche noch verbliebene Spannung. Und: Er wird wie Pherai am kommenden Wochenende fehlen. Sollte er wirklich nur Zeitspiel beim Schiedsrichter reklamiert haben vor der zweiten Gelben - Note: 3,5. Sollte er irgendwas anderes, Gelb- oder sogar Rotwürdiges gesagt haben: Note: 6

Nicolai Remberg: Er gehört nicht in die Viererkette, sondern ins zentral-defensive Mittelfeld, das wurde deutlich. Wenn er aber dennoch die bessere Option ist als einer der zwei gelernten Innenverteidiger auf der Bank, dann spricht das nicht für diese. Sah sehr früh (10.) die Gelbe Karte, was seinem sehr robusten Spiel nicht guttut. War trotzdem einer der Besten beim HSV heute Note: 3

Jean-Luc Dompé (bis 90.): Er ist und bleibt der Mann für die besonderen Aktionen beim HSV.  Sein Treffer war ebenso schön wie wichtig. Ihn. Runterzunehmen war falsch.  Note: 3

 Robert Glatzel (ab 90.): Kam, als das Spiel schon verloren war.

Ransford Königsdörffer (bis 59.): Er ackert, er läuft viel an, und er ist der Stürmer, den man auch mal lang schicken kann – aber er muss einfach auch wieder effektiver werden. Köln war dafür bei ihm zuletzt ein gutes Pflaster. Heute nicht. Im Gegenteil: Heute verhinderte er sogar HSV-Chancen (33., Mikelbrencis‘ Schuss). Okay, das war Pech, aber was er sonst abliefert, reicht auch einfach nicht mehr für eine Startelfnominierung. Das ist alles zu festgefahren, der Junge steht schon zu stark unter Druck, bevor er überhaupt den ersten Ball am Fuß hatte. Und dann passieren auch Spiele wie heute. Sein Fehlpass leitete das 0:2 ein. Er verhinderte danach auch noch den Anschlusstreffer von Vieira und schaffte es danach aus fünf Metern nicht, freistehend einzuköpfen. Viel desolater geht es nicht. Ihn rauszunehmen war ein Akt viel, sehr viel zu später Fürsorge vom Trainer. Note: 6

Youssouf Poulsen (ab 60.): Er war sehr belebend. Hoffentlich schafft er es mal, mehr als nur 30 Minuten auf dem Platz zu stehen. Das gefiel heute. Note: 3 

Rayan Philippe (bis 76.): Ich werde das Gefühl nicht los, dass da noch soooo viel mehr drin ist in ihm. Es wirkt auf mich so, als würde er gerade einmal 75% abrufen.  Note: 4,5

Immanuel Pherai (ab 76.): Er kam rein, sah Gelb, noch mal Gelb – und schon war er wieder unten. Bitter. Aber es passte zum HSV heute. Note: 6

Trainer Merlin Polzin: Auch er muss lernen, hatte ich letzte Woche geschrieben. Und so sehr ich davon überzeugt bin, dass er ein guter Trainer ist, so wenig versteh ich seine Sturheit, an Spielern wie Mikelbrencis (grundsätzlich) und an Königsdörffer (aktuell) als Mittelstürmer festzuhalten. Damit nimmt er dem HSV-Spiel von der ersten Minute an Qualität. Auch für ihn gilt: Er muss sich mit den wachsenden Ansprüchen entwickeln.

STIMMEN ZUM SPIEL:

Miro Muheim: Wir waren in der ersten Halbzeit nicht wach und auch nicht gut genug, das müssen wir festhalten, zumal wir uns das 0:1 selbst eingeschenkt haben. Dann kommen wir gut aus der Pause, kassieren trotzdem das 0:2, machen aber weiter und kommen immer besser ins Spiel. Dann folgen zwei zurückgenommene Tore und zwei Platzverweise. Ob man die so geben muss, weiß ich nicht. Ich möchte am liebsten auch gar nichts dazu sagen. Fakt ist aber, dass das alles sehr schwer zu akzeptieren ist und sich sehr schlecht anfühlt, da heute durchaus Punkte möglich gewesen wären.

Nicolai Remberg: Fabio Vieira sagt, er hat den Schiedsrichter nur auf das Zeitspiel des Torhüters hingewiesen, was ich zu wenig finde für eine Gelbe Karte. Dieser Platzverweis hat uns dann endgültig den Stecker gezogen, auch wenn wir auch danach nicht aufgesteckt haben. Das ist unsere Mentalität, nie aufzugeben, auch wenn sie dieses Mal nicht belohnt wurde, weil heute einfach alles zusammenkam und dieser Nachmittag für uns extrem bitter verlaufen ist. Insgesamt müssen wir aber auch aufgrund der ersten Hälfte so ehrlich zu uns selbst sein, dass wir dieses Spiel am Ende verdient verloren haben.

Stefan Kuntz: Wir verlieren nicht den Fokus, müssen aber schauen, dass wir die Kleinigkeiten, die wir noch nicht gut machen, allmählich abstellen. Am Ende helfen uns die grundsätzlich schönen Spiele nur bedingt weiter, denn wir benötigen Punkte. Und davon hatten wir zuletzt dreimal in Folge keine. Wie die heutige Niederlage zustande gekommen ist, ist natürlich maximal bitter, weil ich beispielsweise auch mit den beiden Gelb-Roten-Karten nicht einverstanden bin und auch nicht ganz verstehe, warum bei unserem ersten Treffer der VAR eingegriffen hat, denn meiner Meinung nach hätten wir das Tor zugesprochen bekommen müssen. So stehen wir am Ende mit leeren Händen da, und das ist die Realität, der wir uns stellen müssen.

Merlin Polzin: Wir haben definitiv nicht unsere beste erste Halbzeit gespielt und haben dies in der Halbzeit auch klar angesprochen. Wir sind dann gut aus der Pause gekommen, kassieren aber diesen sehr schönen Freistoßtreffer zum 0:2. Der hat die Aufgabe dann definitiv noch einmal deutlich schwieriger gemacht. Und trotzdem haben wir in der Folge eine HSV-Mannschaft gesehen, die immer weitergemacht hat und auch zum Anschluss gekommen ist, doch dann ist das Spiel aufgrund des einen oder anderen externen Faktors entschieden worden. Trotzdem bleibt für uns stehen: Wir haben heute Lehrgeld bezahlt, daraus müssen wir lernen und es nächste Woche in Gänze besser machen.

Lukas Kwasniok: Die Dramaturgie war heute komplett auf unserer Seite. In der ersten Halbzeit sind wir verdient in Führung gegangen und nach dem Seitenwechsel haben wir mit dem schönen Freistoßtor das Spiel eigentlich schon komplett auf unsere Seite gezogen. Doch dann kam der Kopf ins Spiel. In der Folge war es dann so, wie Merlin es gesagt hat: Die externen Faktoren waren heute auf unserer Seite. Zwei aberkannte Tore, zwei Platzverweise - was der HSV danach mit zwei Mann weniger hier trotzdem noch gezeigt und gespielt hat, das war schon beachtlich. Dadurch wurden aber natürlich die Räume für uns nochmal größer, die wir dann zum 3:1 und 4:1 nutzen konnten.

DIE STATISTIK ZUM SPIEL:

1. FC Köln: Schwäbe – Schmied (46. Sebulonsen), Martel, Özkacar – Kaminski, Johannesson (67. Heintz), Huseinbasic, Lund, Kainz (67. Krauß) – Ache (72. Bülter), Maina (67. El Mala) 

HSV: Heuer Fernandes – Remberg , Vuskovic, Elfadli – Mikelbrencis (77. Gocholeishvili), Lokonga (90. Rössing Lelesiit), Fabio Vieira, Muheim – Philippe (77. Pherai), Königsdörffer (59. Poulsen), Dompe (90. Glatzel)

Tore: 1:0 Ache (25.), 2:0 Kainz (48.), 2:1 Dompe (61.), 3:1 El Mala (90.+4), 4:1 Kaminski (90.+9)

Zuschauer: 50.000 (ausverkauft)      

Schiedsrichter: Daniel Schlager (Gernsbach)

Gelbe Karten: Bülter / Remberg, Poulsen

Gelb-Rote Karten: - / Vieira, Pherai 

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