Der HSV verklärt Konstanz - und scheitert an Sturheit
Eines muss man Trainer Tim Walter lassen: Die Spieler des Fußball-Zweitligisten Hamburger SV haben die Einstellung, die Ein- und Ansichten des 47-Jährigen verinnerlicht. Als…

Eines muss man Trainer Tim Walter lassen: Die Spieler des Fußball-Zweitligisten Hamburger SV haben die Einstellung, die Ein- und Ansichten des 47-Jährigen verinnerlicht. Als Moritz Heyer am Sonntag im NDR-Sportclub saß, klang der Abwehrspieler beinahe wie sein Chef. „Wir haben auch noch die Chance, direkt aufzusteigen“, sagte der 28-Jährige. „Ich bin zuversichtlich, dass wir unsere Spiele gewinnen. Das ist, glaube ich, erst einmal das Wichtigste, dass wir auf uns gucken. Ich glaube, dass wir besser mit Rückschlägen umgehen“, sagte Heyer mit Blick auf die vergangenen zwei Jahre. „Das ist, glaube ich, das, was uns stark macht: dass wir immer zurückkommen, dass wir daran glauben. Und das ist, glaube ich, immer das Wichtigste.”
Ja, das mag stimmen. Es ist aber auch ein Teil des Problems. Denn allein der Umstand, dass man immer wieder „zurückkommen muss“ und nicht einfach mal marschiert, ist schon der erste Schwachpunkt. Denn er ist selbst verschuldet. In der Hinrunde fiel das schon auf. Genauso wie letzte Saison. Denn der Walter-Fußball produzierte spektakuläre Tore und ebenso spektakuläre Spiele – aber eben auch spektakulär unnötige Gegentore. Schaut man sich allen die letzten zehn Spiele an, wird das überdeutlich.
Die Defensive ist seit Vuskovics Sperre nicht mehr aufstiegsreif...
Denn während man in der Hinrunde mit dem überragenden Mario Vuskovic neben dem starken Sebastian Schonlau den vielleicht stärksten Innenverteidiger der Liga hatte, hat man den nicht mehr. Und man hat auch keinen Ersatz gefunden. Weder Neuzugang Javi Montero noch Jonas David können den Kroaten ersetzen. Und der Kroate war im Verlauf der Hinrunde ein Faktor, weshalb der JSV defensiv am wenigsten Gegentore zugelassen hatte. Wohlgemerkt weil er mit seiner Qualität das ausglich, was der HJSV an taktischen Mängeln hatte.
Inzwischen werden diese taktischen Mängel, die wir seit letzter Saison anmerken und kritisieren, aber immer deutlicher. Die Gegnertrainer können das HSV-Spiel immer besser lesen und haben selbst mit Mannschaften, die über einen Bruchteil der individuellen Qualitäten verfügen, gegen den HSV zu oft zu leichtes Spiel. Siehe Kaiserslautern, siehe jetzt auch Magdeburg. Da reicht ein taktischer Kniff, um den HSV auszuhebeln. Denn der HSV bleibt bei sich. Immer wieder. Anstatt sich auch auf den Gegner einzustellen, versucht Trainer Tim Walter mit seiner Mannschaft immer dasselbe. Immer wieder. Selbst jetzt noch, wo man aus zehn Spielen erschreckenden 13 Punkte geholte hat und in der Tabelle auf den dritten Rang mit vier Punkten Rückstand auf den zweiten Platz gefallen ist. Ergo: Der HSV ist immer weniger erfolgreich – aber er ändert nichts.
Wobei man hier ja nicht über den ganzen Klub spricht, sondern über den Fußball auf dem Platz. Und den gibt der Trainer vor. Walter ist es, der mit stoischer Gelassenheit die immer gleichen Phrasen in seinen Interviews drischt und dabei Schlagwörter wie „Konstanz“ ad absurdum führt. Das einzig konstante beim HSV ist eine hohe Unbeständigkeit. Denn Walters so oft zitierter, spektakulärer Ballbesitzfußball, dieser „Walter-Fußball“, ist schon längst zum Selbstzweck für den HSV-Trainer verkommen. Auswärts gab es in den letzten sechs Partien nur drei Punkte - und 15 (!!!) Gegentore. Und das kann auf lange Sicht einfach nicht erfolgreich sein. Das sage ich, seitdem Walter in Hamburg seinen bedingungslosen Walter-Fußball spielen lässt. Damals zugegebenermaßen auch noch mit der zarten Hoffnung versehen, dass Walter sich taktisch entwickelt. Aber heute erschüttert mich die taktische Eindimensionalität zusehends. Selbst dann, wenn der HSV gewinnt.
...und die Talktik noch weniger
Und ja, ich weiß, dass selbst jetzt noch alles möglich ist. Selbst jetzt, nach der sechsten Auswärts-Niederlage. Allerdings ist die Situation ungleich schwieriger geworden. Darmstadt 98 (64 Punkte) marschiert nach dem 3:0 bei Holstein Kiel unbeeindruckt an der Tabellenspitze und kann am viertletzten Spieltag gegen den FC St. Pauli den Aufstieg schon perfekt machen. Selbst der 1. FC Heidenheim (60 Punkte) zeigt sich derzeit ebenso souverän wie die Hessen. Und beide spielen einen langweiligen, sehr bodenständigen Fußball. Zudem hat der HSV mit dem nächsten Gegner SC Paderborn, dem FC St. Pauli und Fortuna Düsseldorf drei Verfolger mit jeweils sechs Punkten weniger. Allein deshalb ist das Spiel des HSV gegen den SC Paderborn am Freitag schon richtungweisend.
Der Auftritt in Magdeburg offenbarte allerdings einige Probleme, die der Club zuletzt zeigte - unter anderem die hohe Zahl der Gegentreffer und fehlende Offensivwucht. Trainer Walter beklagte die fehlende „letzte Konsequenz“ und die ausbleibende Überzeugung im Abschluss. „Das ist das, was uns momentan fehlt”, sagte er. Und er sagt damit nur die halbe Wahrheit. Denn auch er MUSS sehen, dass seine Defensive einfach nicht stabil steht. Fehlt ein Meffert, geht im Mittelfeld gar nichts. Weshalb in solchen Spielen die beiden Innenverteidiger schon in den ersten 30 Minuten im gegnerischen Sechszehner auftauchen – völlig unverständlich. Nein, dieser HSV ist eine Einladung für jede gegnerische Offensive – und das wissen die Spieler. Allen fehlt diese Sicherheit. Und sowas zieht sich letztlich durch die gesamte Mannschaft. Allein das sorgt für eine Verunsicherung im Team, die die Mannschaft zweifeln lässt. Da helfen auch Walters beschwörenden Worte nichts mehr.
Eine Trainer-Diskussion ist vereinsintern nicht zu erwarten. Diese würde nämlich nicht allein Walter in Frage stellen, sondern auch Sportvorstand Jonas Boldt selbst. Auch deshalb kann Walter auf die Unterstützung durch Boldt zählen. Aktionen wie vor zwei Jahren mit dem Tausch von Daniel Thioune zu Horst Hrubesch drei Spieltage vor dem Saisonende wird es sicher nicht geben. Mit seiner Mannschaft bildet Walter eine Einheit. „Wir haben oft genug gezeigt, dass wir zu null spielen können, dass wir hinten sehr, sehr sicher stehen. Auch in dem System”, meinte Heyer. „Ich glaube, dass da die Systemfrage unangebracht ist.“ Diese wird sich aber spätestens dann stellen, wenn der HSV zum fünften Mal scheitern sollte.
Es muss etwas verändert werden. Selbst im Erfolgsfall.
Und ich behaupte, sie muss auch dann gestellt werden, wenn der HSV es doch noch irgendwie schafft, was wir hier alle weiterhin hoffen. Auch ich. Allerdings darf Erfolg nicht weiter für grobe Verklärung sorgen. Denn es ist abzusehen, dass im Erfolgsfall alle darauf schwören werden, dass die Konstanz, also das Festhalten am eigenen Stil, den HSV zum Erfolg geführt hätte. Deshalb lege ich mich jetzt schon fest, dass der HSV selbst dann nicht wegen des Walter-Fußballs und dem stoischen Festhalten daran aufsteigen würde, sondern trotzdem. Dass Walter es als Eingeständnis eigener Schwäche zu verstehen scheint, einen Spielstil anzupassen sehe ich als Entwicklung in die falsche Richtung. Es wird Zeit, dass auch Walter das erkennt.
In diesem Sinne, bis morgen. Da meldet sich Cornelius wieder vom Training mit einem neuen VLOG.
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