Der HSV taumelt unkontrolliert in Richtung Bundesliga
Der HSV hat sich in diesem Transfersommer gleich doppelt bei RB Leipzig bedient – allerdings nicht planmäßig. Neben dem prominenten Neuzugang Yussuf Poulsen (31), der im…

Der HSV hat sich in diesem Transfersommer gleich doppelt bei RB Leipzig bedient – allerdings nicht planmäßig. Neben dem prominenten Neuzugang Yussuf Poulsen (31), der im Angriff für Erfahrung sorgen soll, wechselte auch Nachwuchstorwart Fernando Dickes (17) aus Leipzig nach Hamburg. Interessant dabei: Zwischen beiden Transfers gibt es einen direkten Zusammenhang. Wie die Sport Bild berichtet, entstand der Kontakt zu Poulsen erst im Zuge der Gespräche über Dickes – ursprünglich hatte man nur den jungen Keeper im Blick. Im weiteren Austausch erfuhr man vom anstehenden Umbruch in Leipzig, inklusive der Möglichkeit, erfahrene Spieler wie Poulsen abzugeben. Der Rest ist bekannt.
Dieses Beispiel steht sinnbildlich für das, was sich durch die gesamte Sommerphase beim HSV zieht: Transfers, die sich irgendwie ergeben, aber wenige Transfers, die richtig geplant wirken. Dabei sei dringend hinzugefügt, dass man sich (insbesondere als HSV mit überschaubarem Transferbudget) immer auch solchen Zufällen gegenüber offen präsentieren MUSS. Sie gehören ein Stück weit dazu. Da das aber eben „Zufälle“ sind und diese nicht eingeplant werden können/dürfen, bräuchte es jetzt nichts dringender als eine klar durchdachte Kaderarchitektur. Denn Stand heute ist klar: Der HSV hat noch immer kein funktionierendes Gerüst beisammen. Und ausgerechnet in dieser Phase steht mit Ransford Königsdörffer der womöglich gefährlichste Umschaltspieler des Teams vor dem Absprung. Sechs Millionen Euro Ablöse? Mag auf dem Papier verlockend wirken. Aber was nützt ein warmer Geldregen, wenn man dafür die eigene Spielidee vernachlässigt – oder schlimmer noch: gar keine erkennbare Idee überzeugend durchsetzen kann?
Keine Kontrolle – HSV fehlt sportliche Aufsicht
Königsdörffer steht für Tempo, Tiefe und Dynamik im letzten Drittel. Eigenschaften, die für einen Aufsteiger überlebenswichtig sein werden – gerade in einem Spielstil, der zwangsläufig auf Umschaltmomente angewiesen ist. Ihn abzugeben, ohne vorher adäquaten Ersatz zu verpflichten, wäre nicht nur fahrlässig, sondern strategisch fatal. Es wäre ein weiterer Beleg dafür, dass sich sportliche Entscheidungen derzeit nicht an einem übergeordneten Plan orientieren, sondern an Gelegenheiten – und vielleicht an Bauchgefühlen.
Noch besorgniserregender als die Kaderlage ist allerdings die strukturelle Realität im Klub. Der HSV ist momentan ein Verein ohne sportliche Kontrolle von außen. Die Aufsicht? Funktioniert nicht – jedenfalls nicht im Bereich, wo es wirklich zählt. Die Diskussion um sportliche Kompetenz im Aufsichtsrat wird sicherlich wieder aufkommen – aber wie immer erst dann, wenn es zu spät ist. Faktisch gibt es sie nicht. Kuntz und Co. sind sich selbst die einzigen Vorgesetzten, handeln ohne übergeordnete Instanz, die inhaltlich ernsthaft mitreden oder eingreifen könnte. Kontrolle? Fehlanzeige. Und so wenig man sich davon viel versprechen durfte – so erschütternd ist es, dass die sogenannten Kontrolleure das nicht einmal eingestehen. Stattdessen haben sie dem HSV blind in die Hände von Stefan Kuntz gelegt.
HSV riskiert Saisonstart weiterhin mit lückenhafter Defensive
Und bei allem Respekt vor seiner zweifellos großen Erfahrung und seiner nachgewiesenen Fachkenntnis: So lässt sich kein Klub in der Bundesliga führen. Schon gar nicht ein Aufsteiger, der eigentlich 70 bis 80 Prozent seines Kaders grundlegend verbessern müsste, um konkurrenzfähig zu sein - womöglich sogar noch mehr, wenn man jetzt auch Königsdörffer ziehen lässt und man dadurch einen weiteren Eckpfeiler verliert. Ich schreibe das, obwohl ich weiterhin fest den Standpunkt vertrete, dass man für die aktuelle Situation das richtige Trainerteam beisammenhat: Junge, ambitionierte und vorrangig auf Teamgeist ausgerichtete Trainer, die sich für nichts zu schade sind. Polzin und Co. wissen, dass sie ihre Ideen und Gedanken immer der Umsetzbarkeit anpassen müssen. Sie sind nicht so verbohrt, immer dasselbe spielen zu lassen, wie es der eine oder andere Vorgänger handhabte. Nein, sie passen ihr System den Möglichkeiten an und holen aus dem Kader das Maximale heraus, indem sie neben dem Spielerischen und Physischen auch den Zusammenhalt maximal in den Vordergrund stellen.
Aber sie bekommen ihre Optionen hierfür von ihren Vorgesetzten zusammengestellt. Und da wirkt es weiterhin, als marschiert der HSV – oder besser: taumelt der HSV momentan in die Bundesliga. Ohne defensive Stabilität, ohne strukturiertes Transferverhalten, ohne sportliche Kontrolle von oben. Kritik daran ist übrigens kein falscher Pessimismus, sondern schlicht Realitätssinn. Das, was einige hier vorschnell als „Meckern“ bezeichnen, ist nichts anderes als der Versuch, frühzeitig auf offensichtliche Missstände hinzuweisen – bevor sie zur Katastrophe werden. Nicht hinterher, sondern jetzt. Denn trotz der verspielten Zeit hat der HSV eben noch drei Wochen, um sich konkurrenzfähig aufzustellen. Denn was wir alle am wenigsten wollen, ist Misserfolg.
Kritik ist kein Meckern - sondern der Versuch, rechtzeitig zu warnen
Im Gegenteil: Wir wollen, dass es endlich wieder nach oben geht – eben nicht populistisch und erfolglos - sondern nachhaltig und strukturiert. Und dafür müsste man anfangen, den HSV professionell zu führen. Nicht nur auf dem Platz. Sondern vor allem daneben.
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